Frage von hourriyah29, 99

Hochsensibel versus schlecht erzogen?

Meine Tochter und ich sind hochsensibel. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das verstanden habe, obwohl ich selbst im medizinisch-therapeutischen Bereich arbeite. Aber gerade in diesem Bereich wird Hochsensibilität mistrauisch betrachtet oder entwertet.

Seidem ich es verstanden habe und gelernt habe damit umzugehen ist unser Leben viel leichter geworden und nutze ich meine Fähigkeiten viel bewuster und entwerte mich nicht mehr selbst.

Dass die Hochsensibilität so schlecht angesehen wird liegt meines Erachtens daran, dass so viele Menschen sich selbst oder insbesondere ihre Kinder mit dem Titel hochsensibel ausstatten, um Schwierigkeiten zu erklären bzw. zu beschönigen.

Ich selbst lege weder Wert darauf besondere Aufmerksamkeit zu bekommen, noch fällt meine Tochter durch schlechtes Verhalten o.ä. im Kiga auf.

Jetzt haben wir das Problem, dass in der Gruppe ein Mädchen ist, die häufig auffällt durch schlechtes Verhalten und die gerade in den letzten Wochen auch oft meine Tochter beschimpft oder ihr weh tut. Beide Kinder sind 5 Jahre.

Die Mutter hat sich kürzlich bei mir beschwert, dass die Erzieherinnen ihre Tochter so viel bestrafen würden (Ich wusse garnicht, was es so für Strafen gibt im Kindergarten!), dass alle Versuche Erziehungstipps der Erzieherinnen umzusetzen nicht erfolgreich gewesen wären, dass sie über Kinderarzt und Ergotherapie bis zu SPZ alles hinter sich hätten, ohne eine Lösung zu finden und sie zunehmend Schwierigkeiten hätten.

Jetzt habe endlich ein Therapeut die Idee gehabt, dass ihre Tochter hochbegabt und hochsensibel sein könnte, weil sie so einen hohen IQ bei einem Test gehabt habe und weil sie schon so viele Buchstaben kenne. Die Mutter ist jetzt voll auf der Welle und will ihr Kind weiter testen lassen und durchsetzen, dass die Erzieherinnen Rücksicht nehmen auf die Hochsensibilität der Tochter.

Ich denke eher systemisch. Wenn ein (hochsensibles) Kind "Ärger" macht, dann liegt das nicht am Kind, sondern am familären System und würde ich mich an einen Familientherapeuten wenden. Ich fühle auch dank meiner Hochsensibilität, dass es in der Familie "dunkle Wolken" gibt und fühle Punkte, bei denen die Eltern hinsehen müssten.

Unser Kindergarten bietet gute Strukturen für hochsensible Kinder! (Fürsorgliche, freundliche, ruhige Erzieherinnen, viel draußen spielen, Waldtage, viel Sport und Bewegung, gesundes Essen, kreative Angebote).

Meine Fragen: 1. Wie kann ich meine Tochter schützen? Sie kommt 1-3x pro Woche nach Hause und erzählt mir was das andere Mädchen ihr getan hat (Schlagen, Kneifen, Schubsen) 2. Was könnte man für das Mädchen tun? Sie ist schon voll in der Außenseiterrolle, geht nicht mehr gerne in den Kiga, wird wohl dort tatsächlich oft bestraft und geschimpft 3. Ich habe die Mutter eingeladen um in Ruhe zu sprechen und damit die Kinder mal zu zweit spielen. Ich mag Mutter und Kind gerne. Gibt es Tips für den Umgang mit der Mutter?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Pescatori, 4

Hallo  hourriyah29,

Deine Frage hast du – gemessen an dem raschen Umsatz bei GF –
vor langer Zeit Ende November gestellt.

Nun ist die Weihnachtspause fast vorbei und das neue Jahr bietet doch auch so etwas wie ein neues Beginnen.

Deshalb möchte ich zu den interessanten  Stellungnahmen noch eine ergänzend hinzufügen:

Der Hinweis, dass das aggressive Kind einer sonderpädagogischen Betreuung zugewiesen werden sollte, passt nun so gar nicht zu den Ideen eines inklusiven Miteinanders. Dass aber auf die Belastungen, denen Deine Tochter ausgesetzt ist, reagiert werden muss, ist auch richtig.

Ich habe mir in solchen Situationen immer die Frage gestellt, wie man auf unkonventionelle, überraschende Weise die eingefahrenen Muster durchbrechen kann.

Alles, was so standardmäßig in  Einrichtungen gemacht werden kann, ist ja wohl versucht worden: Das Kind ist bestraft worden, "Erziehungsfachleute" wurden hinzugezogen. Doch die eingefahrenen Verhaltensmuster bestanden fort.

Nun, nach allem was ich gelesen habe,  hast Du aufgrund Deiner einfühlsamen Art die allerbesten Voraussetzungen um gemeinsam mit der Mutter des „Störkindes“ und den Kindern die eingefahrenen Muster zu durchbrechen.

Eure Kinder würden sehr viel lernen, wenn sie außerhalb der Kinder- gartensituation erfahren würden: „Wir können ja Spaß miteinander haben!“

Ich weiß natürlich nicht, welche Aktivitäten Du Dir zumuten kannst. Aber mit dem systemischen Ansatz vertraut sollte es für Dich doch möglich sein, ein positiv gestimmtes Miteinander zwischen den Kindern auf den Weg zu bringen.

Hochsensible Kinder können es sehr schwer miteinander haben,
aber sie können - auch mit Deiner Hilfe - sich auch sensibel in das jeweils andere Kind einfühlen und Antipathie in Sympathie verwandeln.

Das ist innerhalb des Kindergartens mit dem verwirrenden Netz an Interaktionen kaum möglich.

Es ginge also darum, außerhalb des Kiga vorübergehend ein sanft gelenktes Miteinander anzubahnen.

Wenn Dein Kind sich mit dem „bedrohlichen“ Kind plötzlich vertragen würde, hätte das möglicherweise eine generalisierende Wirkung auf das Verhalten in der Gruppe.

Ich weiß natürlich nicht, ob Du Dir eine solche „Krisenintervention“ zumuten kannst. Sicher hast Du diese Möglichkeit auch schon erwogen.

Ich habe als Sonderschullehrer mit solchen Aktionen außerhalb des eingefahrenen Rahmens gute Erfahrungen gemacht und wünsche Dir, der Mutter des „Problemkindes“ und vor allem den beiden Kindern ein freudvolles Miteinander.

Antwort
von kiwikiwitt, 35

Das ist echt eine schwierige Situation. Ich habe mit meiner Tochter seit dem Kindergarten ähnliches Hickhack durchgemacht (sie wurde nicht geschubbst oder geprügelt, aber ähnliches schlimmes). Und leider muss ich zugeben, dass auch sie nicht immer pflegeleicht war (und auch heute noch nicht ist - auch nützt sie schon gerne ihre Intelligenz aus, andere nach ihrem Gusto zu "bearbeiten" - drum ist das für mich auch schwer rauszufinden, was ist nun wirklich geschehen).

Zu Beginn hat sie im Kindergarten manchmal 1 Stunde lang sich in die Mitte des Raumes gestellt und geschrieen und geschrieen (dann musste ich sie abholen und die Erzieherinnen haben dann an meiner Erziehungskompetenz gezweifelt). In der Grundschule ging es unter Mitschülern dann bis zu Diffamierungen (ein Mitschüler hat sein eigenes Heft beschmiert, behauptet meine Tochter wäre es gewesen, doch an der Schrift konnte man erkennen, dass es nicht ihre war), ein anderer Mitschüler hat ihr gesagt, sie "verdiene es nicht zu leben" und ähnliches.

Zu Beginn (ich bin auch selbst hochsensibel und hochsensitiv) hab ich auch versucht, die Eltern der anderen Kinder zu uns einzuladen, doch es hat nicht wirklich funktioniert, bis auf ganz wenige Ausnahmen (von denen ich denke, dass die einfach ähnlich gestrickt waren).

Die meisten glaubten, ihre "armen Kinder" unverstanden und wollten sie "schützen" vor dem Urteil, dass sie auch mal zum "Täter" werden könnten. Dabei ging es mir auch nie darum, jemanden zu strafen, eher darum, eine Lösung zu finden.

Auch die Lehrer haben leider oft mitgemacht bei dem ganzen, bis hin zu Sätzen wie "ihr Kind muss lernen, dass nicht immer alles Friede-Freude-Eierkuchen" ist). Zum Schluss der vierten Klasse war es so extrem, dass mein Kind an der Tafel im Kinderzimmer solche Sätze hinterlassen wie "Ich brauche HILFE!!!!!!!!!!" mit sovielen Ausrufezeichen, dass schier der Platz zu klein war. Es war echt eine Situation zum Mäusemelken.

Sie Situation hat sich jetzt, wie durch ein Geschenk des Himmels, dadurch entspannt, dass wir umgezogen sind und sie nun auf eine weiterführende Schule geht, die teilweise (noch nicht komplett) nach Montessori unterrichtet.

Sie hat da viel mehr Freiheiten und kann "sie selbst" sein als früher. Auch hat sie ein paar Freundinnen nun, die ähnlich "verrückt" sind wie sie (sie kommt mir oft so ein bißchen vor, wie Luna Lovegood aus Harry Potter, aber die wurde ja auch geärgert, falls du die Figur kennst).

Ihre jetzige Klassenlehrerin hat die komplette Montessori-Befähigung und ist so begeistert von meiner Tochter und ihrer Art (nicht immer von ihren Noten, aber von ihrem offenen Verhalten ihren Mitschülern gegenüber - selbst wenn sie noch ab und zu geärgert wird - aber nun behütet durch eine fähige Lehrerin), dass ich oft glaube, nun das Urteil zu einem anderen Kind zu bekommen (also von Lehrerseite her ;) )

Ich weiß nicht, ob ich dir weiterhelfen konnte mit meiner Geschichte. Wie gesagt, bei uns hat der Weg (nicht bewußt gegangen, er wurde uns geschenkt) hin zu Montessori geholfen.

Antwort
von djNightgroove, 8

Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. In diesem Fall die Einsicht der Mutter, dass ihr Kind sich asozial verhält. Ich denke jedenfalls nicht, dass das Kind von ihr hochbegabt oder hypersensibel ist. Denn in der Regel besitzen hochsensible Menschen auch sehr viel Empathie. Und die fehlt der Kleinen ja völlig.

Wahrscheinlich liegt das Problem bei der elterlichen Erziehung. Darum fruchten auch die Maßnahmen im Kiga nicht, weil die Eltern ihr Kind als armes unschuldiges Opfer sehen und ihm das auch vermitteln. So einen Fall habe ich auch einmal erlebt, da ist ein Junge im Kiga auf einen anderen losgegangen und sein Papa hat ihm zum Trost, weil er ja so mißverstanden wird, erstmal ein Päckchen Sammelkarten gekauft. Und was lernt das Kind daraus? Wenn ich anderen weh tue, kriege ich was geschenkt.

Manche Eltern über mit ihren Kindern schon frühzeitig Buchstaben und andere Sachen, das gibt bei einem IQ-Test dann natürlich bessere Ergebnisse. Was das Kind braucht, ist eine ordentliche Erziehung, die kann eine Ergotherapie oder sonstiges nicht ersetzen.

An deiner Stelle würde ich nochmal mit den Kindergärtnerinnen reden, es kann ja nicht sein, dass deine Tochter 3mal in der Woche geschlagen wird. Besser ist, wenn die mit der Mutter sprechen als du, weil es in dem Fall Autoritätspersonen sind. Ist sie beratungsresistent, solltest du die Erzieherinnen darum bitten, ein besonders Auge auf deine Tochter und das andere Mädchen zu haben.

Für das andere Kind kannst du persönlich nichts tun. Das Mädchen merkt ja gerade selbst, dass sie sich mit ihrem Verhalten keine Freunde macht. Vielleicht braucht sie das erstmal, um sich dann wieder sozial einzufügen. Die Erzieherinnen sollten mit ihr reden und ihr verdeutlichen, dass sich für sie die Situation ändert, wenn sie ihr Verhalten ändert.

3. halte ich für keine besonders gute Idee. Die Mutter scheint sehr uneinsichtig zu sein, auf Hochbegabung zu plädieren, weil das Kind sich danebenbenimmt, ist schon sehr realitätsfern. Und deine Tochter ist wahrscheinlich froh, wenn sie ihre Peinigerin nicht sehen muss. Auch halte ich den Umgang für bedenklich, denke auch dran, dass deine Tochter sich mit solch einem Einfluss negativ entwickeln kann.

Antwort
von miriLW, 30

Ich kann dein ersten Teil deiner Frage leider nicht beantworten, jedoch solltest du einiges beim Gespräch beachten!

Auf gar keinen Fall solltest du die Mutter damit konfrontieren, was ihre Tochter alles Schlechtes tut. Versuch eher neutral zu bleiben und ihre Tochter eventuell sogar für Kleinigkeiten loben, das macht es für die Mutter leichter auch negative Bemerkungen selbst festzustellen. Bleib auch neutral zwischen den Kindern! Auch das andere Kind wird seine Gründe oder Vorstellungen haben, wieso es so handelt. Diese gehen oft von der Erziehung oder falsch angelernten Verhaltensweisen aus (auch wenn das dann wahrscheinlich von den Eltern kommt, auf gar keinen Fall die Mutter beschuldigen!). 

Du könntest der Mutter auch erklären (sofern du das denn willst), dass du eben eine sehr sensible Tochter hast und ein aus dem Weg räumen der Probleme und Ursachen mit Sicherheit das beste für BEIDE Kinder wäre.

Um das Gespräch möglichst angenehm für euch beide zu gestalten, ist es bestimmt auch gut, nicht darauf zu beharren nur über dieses eine Thema zu sprechen. Wenn das Thema in eine andere Richtung verläuft, lass es einfach laufen, du kannst später eh wieder auf das Thema zurück kommen.

Wichtig ist auch nicht nur deine Meinung zu vertreten, sondern auch darauf einzugehen, was die andere Mutter zu sagen hat. Es ist bestimmt nicht falsch das Problem aus beiden Seiten zu sehen!

Trotz der ganzen Vorsicht, mit der du im Gespräch vorgehen solltest, musst du die Sachen, die dich Stören oder was du ändern möchtest sehr genau ansprechen. So kann die Mutter später auch mit ihrer Tochter darüber reden! Es ist auch nicht gut um das Thema herum zu reden, weil solche Gespräche meist zu nichts führen und am Ende alles um sonst war, weil sich keiner mehr auskennt!

Also: Alle Probleme klar ansprechen aber dabei trotzdem neutral und höflich bleiben!

Ich weiß es ist etwas lange und unübersichtlich geworden, aber ich hoffe es hilft dir ein wenig! :)

Antwort
von Goodnight, 20

Nun deine Tochter ist im Kindergarten nicht als Sozialarbeiter und auch nicht als Prellball angestellt.

Wenn ein Kind andere Kinder auf die Glocke haut ist es nicht hochsensibel. Es reflektiert lediglich die Zustände in denen es aufwächst.

Schütze dein Kind, egal wie du die Mutter und ihr Kind zu mögen scheinst, dein Kind zum Opfer anbieten geht gar nicht!

Wenn das "hochsensible" Kind im Kindergarten mit normalen Kindern nicht zurecht kommt, gibt es dafür Sonderschulen. Für Mütter solcher Kinder gibt es Psychiater und Erziehungsberatungsstellen.

Kindergärtnerinnen die so etwas zulassen haben Vorgesetzte die einzugreifen haben.

Der Kindergarten ist ein geschützter Raum, in dem kein Kind wehrlos der Schlagfertigkeit eines anderen ausgesetzt werden darf.

Mach mal den Vorschlag, dass du mit deiner Tochter einige Tage oder Wochen im Kindergarten verbringst und regelmässig die Kindergärtnerinnen haust und schubst oder anderweitig drangsalierst.

Mal sehen wie lange die das ertragen können... 

Antwort
von HattoriHanzo12, 25

Du wirst dir wohl schon überlegt gehabt haben was du zur Mutter sagst. Sonst hättest du sie nicht zum Gespräch eingeladen. Wie weit hast du das schon geplant? Ich an deiner stelle würde versuchen das die kleine nicht so sensibl aufwächst. Aber bevor man darüber redet sollte man erstmal klären wie sich das sensible äußert...?

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