Frage von vasis24, 68

Hobbes und Verantwortung?

Hallo,

ich habe eine Frage zu Hobbes. Wer ist nach Hobbes für sein Handeln verantwortlich, wenn der Handelnde einen Befehl zu einer moralischen üblen Tat einer Autorität ausführt? Der Handelnde selbst oder die anordnende Autorität?

Durch den Gesellschaftsvertrag sind die Entscheidungen des Souveräns ja unanfechtbar und seine Macht absolut. Geht Hobbes aber auch soweit zu behaupten, es wäre besser einen Befehl zu einer moralisch üblen Tat auszuführen, nur um nicht ungehorsam zu sein?

Danke

Expertenantwort
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 30

Für sein Handeln ist der jeweils Handelnde verantwortlich. Sowohl das Geben des Befehls zu einer Tat als auch die Ausführung der Tat sind Handlungen und jeweils die Handelnden für ihre Handlung verantwortlich, ob anordnende Autorität oder der anordnenden Autorität Untergebener/Untertan.

Auch wenn nach der Staatsphilosophie von Thomas Hobbes der Untertan zu Gehorsam gegenüber dem Souverän verpflichtet ist, bleibt er dafür verantworlich, gehorsam zu sein. Beide sind für ihre Handlungen verantwortlich, auch wenn von Thomas Hobbes dem Untertan kein inhaltlicher Entscheidungsspielraum mit einer Zulässigkeit von Weigerung/Recht auf Widerstand eingeräumt wird mit Ausnahme eines unveräußerlichen Rechts auf Verteidigung des eigenen Lebens (Thomas Hobbes, Leviathan Kapitel 14).

Bei Thomas Hobbes ist durch den Gesellschaftsvertrag, der zugleich ein Unterwerfungsvertrag ist, die Macht des Souveräns verfassungsrechtlich uneingeschränkt. In seiner politischen Theorie geht er tatsächlich soweit, die Befolgung eines Befehls auch zu einer Tat, die einen moralisch bedenklichen Eindruck macht, den Vorzug gegenüber Ungehorsam zu geben. Die Alternative ist in seiner Sichtweise ein Rückfall in den Naturzustand mit ungebändigter Agressivität und dies hält Hobbes für schlimmer.

Bei den bürgerlichen Gesetzen liegt in der Staatsphilosophie von Thomas Hobbes die Gesetzgebung beim Souverän (Thomas Hobbes, Leviathan Kapitel 26) und Autorität, nicht Wahrheit, macht das Gesetz. Was die Umsetzung der Gesetze und die Gesetzgebung der bürgerlichen Gesetze betrifft, kann seiner Aufassung nach der Souverän nicht unrechtmäßig anordnen/befehlen, solange er seiner Aufgabe nachkommt.

Thomas Hobbes gibt natürliche Gesetze an, wobei diese bei ihm im Grunde immer nur Gebote der Klugheit sind. Ein erstes natürliches Gesetz ist, Frieden zu suchen, solange darauf gehofft werden kann. Darin ist als natürliches Recht enthalten: Jeder ist befugt, sich durch alle zu Verfügung stehende Mittel selbst zu verteidigen (Selbsterhaltung). Daraus ergibt sich als zweites natürliches Gesetz, daß jeder, sobald seine Frieden und Selbsterhaltung gesichert sind, auch von seinem Recht auf alles - vorausgesetzt, daß andere auch dazu bereit sind - abgehen und mit der Freiheit zufrieden sein muß, die er den übrigen eingeräumt wissen will.

Außer diesen beiden grundlegenden/primären natürlichen Gesetzen gibt Thomas Hobbes, Leviathan Kapitel 14 und 15 noch neunzehn weitere natürliche Gesetze an. Die natürlichen Gesetze, die im Naturzustand keine eigentlichen Gesetze seien, sondern Eigenschaften, die Menschen zu Frieden und Gehorsam hinleiten, würden im Staatszustand zu wirklichen Gesetzen, die dann staatliche Befehle und somit auch bürgerliche Gesetze seien (Thomas Hobbes, Leviathan Kapitel 26).

Der Gehorsam gegenüber den Souverän kann nach der von Thomas Hobbes vertretenen politischen Theorie beendet werden (allerdings ohne eine Erlaubnis/Zulässigkeitserklärung seitens des noch bestehenden Staates), wenn der Souverän seine Frieden und Ordnung schützende Aufgabe gar nicht mehr erfüllt (vgl. Thomas Hobbes, Leviathan Kapitel 30). Gegenüber einem solchen Souverän, der am Maßstab seiner Aufgabe einer Friedensfunktion im Inneren eines Staates/einer Gesellschaft gemessen versagt oder zur Erfüllung nicht bereit ist, kann es besser sein, Befehlen nicht zu gehorchen und stattdessen einen neuen Souverän zu nehmen, der seiner Aufgabe wirklich nachkommt.

Antwort
von berkersheim, 48

Nach Hobbes kann der Souverän nichts Unrechtsmäßiges befehlen, weil er die oberste Rechtsinstanz ist und festsetzt, was Recht und was Unrecht ist. Hobbes lebt in einer Zeit des Absolutismus, in der jedes Land und sein Souverän innerhalb der Landesgrenzen festsetzen, was Recht ist. Zu dieser Zeit hatte jedes Fürstentum seine eigenes Recht, seine eigenen Gewichte und Maße und seine eigenen Münzen. Da war auch ein je eigenes Recht nicht ungewöhnlich. Uns Heutigen fällt es schwer, sich soetwas vorzustellen.

Kommentar von vasis24 ,

Danke. Trotzdem auch hier meine Frage: wer trägt die Verantwortung? Der Handelnde, oder die Autorität?

Kommentar von berkersheim ,

Nach Hobbes der Gesetzgeber, die Autorität.

Kommentar von vasis24 ,

Wissen Sie zufällig auch wo Hobbes das genau im Leviathan ausführt? Und wie er es begründet? Warum ist die Autorität verantwortlich?

Kommentar von berkersheim ,

Das zieht sich durch das Werk – unten einige Ausschnitte – die allerdings auch zeigen, dass Hobbes gegen das per Vertrag gegebene Recht das „natürliche Recht“ auf Selbsterhaltung stellt. Das Recht als Souverän kann nur der beanspruchen, der auch de Facto den Schutz und die Sicherheit aller vertritt, was über dem Recht des einzelnen steht, wenn er sich vorher als Mitglied der Gemeinschaft bekannt hat. Man kann also nach Hobbes nicht aus der Gemeinschaft austreten, je nachdem, ob es einem passt oder nicht.

"Der alleinige Weg zur Errichtung einer solchen allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die Menschen vor dem Angriff Fremder und vor gegenseitigen Übergriffen zu schützen und ihnen dadurch eine solche Sicherheit zu verschaffen, daß sie sich durch eigenen Fleiß und von den Früchten der Erde ernähren und zufrieden leben können, liegt in der Übertragung ihrer gesamten Macht und Stärke auf einen Menschen oder eine Versammlung von Menschen, die ihre Einzelwillen durch Stimmenmehrheit auf einen Willen reduzieren können. ... Ist dies geschehen, so nennt man dies zu einer Person vereinigte Menge Staat, auf lateinisch civitas.
Dies ist die Erzeugung jenes großen Leviathan oder besser, um es ehrerbietiger auszudrücken, jenes sterblichen Gottes, dem wir unter dem unsterblichen Gott unseren Frieden und Schutz verdanken. Denn durch diese ihm von jedem einzelnen im Staat verliehene Autorität steht ihm so viel Macht und Stärke zur Verfügung, die auf  ihn übertragen worden sind, daß er durch den dadurch erzeugten Schrecken in die Lage versetzt wird, den Willen aller auf den innerstaatlichen Frieden und auf die gegenseitige Hilfe gegen auswärtige Feinde hinzulenken. ... Wer diese Person verkörpert, wird Souverän genannt und besitzt, wie man sagt, höchste Gewalt, und jeder andere daneben ist sein Untertan. (Leviathan, S. 134 f)

"Die Aufgabe des Souveräns, ob Monarch oder Versammlung, ergibt sich aus dem Zweck, zu dem er mit der souveränen Gewalt betraut wurde, nämlich  der Sorge für die Sicherheit des Volkes. Hierzu ist er kraft natürlichen Gesetzes verpflichtet, sowie zur Rechenschaft vor Gott, dem Schöpfer dieses Gesetzes, und nur vor ihm. Mit 'Sicherheit' ist hier aber nicht die bloße Erhaltung des Lebens gemeint, sondern auch alle anderen Annehmlichkeiten des Lebens, die sich jedermann durch rechtmäßige Arbeit ohne Gefahr oder Schaden für den Staat erwirbt." (Leviathan, S. 255)

"Gewährt ein Monarch oder eine souveräne Versammlung allen oder einem einzelnen Untertanen eine Freiheit und ist er wegen dieses Zugeständnisse nicht mehr in der Lage, für ihre Sicherheit zu sorgen, so ist es nichtig, es sei denn, er gibt die Souveränität ausdrücklich auf oder überträgt sie auf einen anderen.
... Die Verpflichtung der Untertanen gegen den Souverän dauert nur so lange, wie er sie aufgrund seiner Macht schützen kann, und nicht länger. Denn das natürliche Recht der Menschen, sich selber zu schützen, wenn niemand anderes dazu in der Lage ist, kann durch keinen Vertrag aufgegeben werden." (Leviathan, S. 171)

"Immer, wenn jemand sein Recht überträgt oder darauf verzichtet, so tut er dies entweder in der Erwägung, daß im Gegenzug ein Recht auf ihn übertragen werde, oder weil er dadurch ein anderes Gut zu erlangen hofft. Denn es handelt sich um willentliche Übertragung, und Gegenstand der willentlichen Übertragung jedes Menschen ist ein Gut für ihn selbst. Und deshalb gibt es einige Rechte, die niemand durch Worte oder andere Zeichen aufgegeben oder übertragen haben kann, da sich diese Auslegung verbietet. Erstens kann niemand das Recht aufgeben, denen Widerstand zu leisten, die ihn mit Gewalt angreifen, um ihm das Leben zu nehmen, da nicht angenommen werden kann, er strebe dadurch nach einem Gut für sich selbst. Dasselbe gilt für Verletzungen, Ketten und Gefängnis, einmal deshalb, weil eine solche Duldung keinen Vorteil nach sich ziehen würde, wie etwa die Duldung, daß ein anderer verletzt oder eingesperrt wird, zum anderen auch, weil niemand sagen kann, wenn er Leute mit Gewalt gegen sich vorgehen sieht, ob sie seinen Tod beabsichtigen oder nicht. Und letztlich sind Motiv und Zweck, um derentwillen Rechtsverzicht und Rechtsübertragung eingeführt worden sind, nichts anderes als die Sicherheit der Person hinsichtlich ihres Lebens und der Mittel, das Leben so erhalten zu können, daß man seiner nicht überdrüssig wird. Und wenn deshalb jemand durch Worte oder andere Zeichen den Zweck scheinbar preisgibt, zu dem solche Zeichen vorgesehen sind, so ist das nicht so aufzufassen, als habe er dies gemeint oder dies sei sein Wille, sondern daß er nicht wußte, wie solche Worte und Handlungen auszulegen sind." (Leviathan, S. 101 f)

Kommentar von berkersheim ,

Fortsetzung:


"Niemand ist auf Grund der Worte selbst verpflichtet, sich selbst oder einen anderen Menschen zu töten, und folglich hängt die
Verpflichtung, die man zuweilen aufgrund eines souveränen Befehls haben kann, irgendeine gefährliche oder entehrende Aufgabe durch zuführen, nicht von den Worten unserer Unterwerfungserklärung ab, sondern von der damit ausgesprochenen Absicht, die sich aus diesem Zweck ergibt. Vereitelt deshalb unsere Gehorsamsverweigerung den Zweck, zu dem der Souverän eingesetzt worden war, dann ist keine Freiheit zur Verweigerung gegeben, andernfalls durchaus." (Leviathan, S. 169)


"Die Verpflichtung der Untertanen gegen den Souverän dauert nur so lange, wie er sie auf Grund seiner Macht schützen kann, und nicht länger. Denn das natürliche Recht der Menschen, sich selbst zu schützen, wenn niemand anderes dazu in der Lage ist, kann durch keinen Vertrag aufgegeben werden." (Leviathan, S. 171)



Antwort
von Pyramesse27, 3

Für Handlungen sind immer objektive Einflüsse wie Absichten, Mittel, Gewissen,Umstände u.s.w. verantwortlich. Auch die Macht eines Souveräns basiert darauf und ist daher nie absolut, denn auch ein Herrscher hat sich z.B. der Macht des Geldes zu beugen und muss sich auf Pfeiler stützen, wie staatliche Organe,Adel,Kirche und Armee. Letzteres ist eine Notsituation,die meist dem Machterhalt des Herrschers dient. Diesen Befehl auszuführen oder nicht ist als Frage von Moral nicht beantwortbar. Gruß

Antwort
von 1988Ritter, 48

Rechtschaffen ist der der die Gesetze erfüllt.

Kommentar von vasis24 ,

Und wer ist verantwortlich?

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