Frage von LoveCookies, 54

Hilfe bei Anaximenes - der Vermittler?

Hallo! Ich bräuchte dringend Hilfe bei einer Latein Aufgabe. Und zwar geht die Übersetzung wie folgt: Anaximenes glaubte, dass die Luft Gott sei und erzeugt werde und sowohl unermesslich als auch unbegrenzt und in ständiger Bewegung sei. Er nimmt an, dass die Luft früher als das Wasser war und insbesondere die Grundlage für einfache Körper sei.

Dazu gibt es nun die Frage: Welche Rolle kommt hierbei Gott im Modell der Welterklärung zu? Und welche Frage bleibt damit völlig offen?

Hat jemand dazu eine Idee, da ich mir unter darunter absolut nichts vorstellen kann und somit auch die Frage nicht zu beantworten weiß ;;;

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 17

Der Text ist anscheinend aus Aussagen bei Marcus Tullius Cicero, De natura deorum 1, 26 und Aristoteles, Metaphysik 1, 3, 984 a über die von Anaximenes vertretene Philosophie zusammengesetzt.

Rolle Gottes in diesem Modell der Welterklärung

In der Darstellung wird Anaximenes eine Gleichsetzung der Luft (griechisch: ἀήρ; lateinisch: aer) mit Gott zugeschrieben (die Luft ist Gott). Also besteht die Rolle Gottes in diesem Modell in der Rolle, die der Luft zukommt.

Die Luft ist das der Welt/dem Kosmos Zugrundeliegende (ein Begriff in der antiken griechischen Philosophie für das Zugrundeliegende ist Hypokeimenon [ὑποκείμενον], etwas, das im Wandel/Wechsel der Zustände als Substrat bleibt/beharrt). Die Luft ist der Urstoff, aus dem alles entsteht. Aristoteles deutet die Luft in der Philosophie des Anaximenes als Ursprung/Prinzip (ἀρχή [arche]; lateinisch heißt dies principium).

Das Prinzip ist dynamisch, denn die Luft ist in ständiger Bewegung. Mit dieser fortwährenden Bewegung kann der Wandel/die Veränderung des Prinzips in seiner sichtbaren/wahrnehmbaren Erscheinungsform erklärt werden. Es gibt Veränderungsprozesse. Der Wandel/die Veränderung mit Entstehen anderer, einfacher (elementarer) Körper geschieht nach Auffassung des Anaximenes, wie aus anderen berichtenden Aussagen hervorgeht, in einem quantitativen physikalischen Mechanismus, nämlich durch den Grad der Dichte der Luft: Die materiellen (stofflichen) Dinge entstehen durch Verdichtung und Verdünnung des Grundstoffes Luft. Anaximenes nimmt offenbar eine unbeschränkte Fähigkeit des Urstoffes zur Umwandlung an.

Der Urstoff Luft ist unermesslich und unbegrenzt, also in unendlicher räumlicher Ausdehnung und Menge vorhanden.

Anaximenes nimmt anscheinend (weitere Überlieferung über seine Philosophie) bei der Luft eine Ähnlichkeit mit den Verhältnissen bei der Seele an (wenn eine Seele angenommen und als als Lebensprinzip gedeutet wird, ist die Atemluft lebensspendend/lebenserhaltend) und versteht den Urstoff/das stoffliche Prinzip als die ganze Welt/den Kosmos umfassend und zusammenhaltend und auf irgendeine Weise lebendig/beseelt.

Gott ist in der Welterklärung des Anaximenes der Welt/dem Kosmos als Urstoff/stoffliches Prinzip innewohnend. Er ist keine Person aus einem Jenseits, von der die Welt erschaffen wird (schon gar nicht in einer Schöpfung aus dem Nichts).

völlig offenbleibende Frage

Offen bleibt die Frage, wer oder was Gott erzeugt (und dies vielleicht sogar fortwährend: in der Übersetzung steht „erzeugt werde“, nicht „erzeugt worden sei“). Welche Ursache steht ganz am Anfang, setzt alles in Gang, löst eine Weltenstehung aus? Woher kommt der erste Bewegungsimpuls für die ständige Bewegung, in der die Luft sich befindet, welche Kraft/Energie steckt dahinter?

Eine zweite offene Frage steckt in einem Einwand, den in der Cicero-Textstelle die Dialogfigur Gaius Velleius gegen die Lehre des Anaximenes richtet: Was entstehe (wer erzeugt wird, entsteht), könne auch vergehen, also wäre Gott bei Anaximenes nicht ewig und unsterblich, sondern vergänglich und sterblich.

Leichter nachvollziehbar ist der Gedanke bei Anaximenes, wenn die Luft etwas ewig Seiendes ist und als göttlich verstanden wird. Mit einer Aussage über ein Erzeugtwerden ist dies nicht gut vereinbar. Es entsteht ein Problem. Vielleicht ist von Cicero (oder seiner Quelle) mit dem „erzeugt werde“ die Lehre des Anaximenes nicht genau genug wiedergegeben worden.

Kommentar von berkersheim ,

Für die Atomisten ist das Sein ein ewig existierendes, sich wandelndes. Der eine nimmt als Sinnbild die schwirrende Luft, der andere das ewig bewegte Wasser oder das energievoll alles verwandelnde Feuer. Das sind Sinnbilder, die erst ab den Atomisten "naturwissenschaftlichere" Form annehmen, aus dem Kreis mythischer Bilder heraustreten. Die Frage nach dem Ur-Verursacher stellt sich diesen Leuten nicht, diese Frage stellt Aristoteles und Epikur, nach Aristoteles, verwirft sie und kehrt zu den Atomisten zurück.

Antwort
von Fantho, 11

Ich verstehe Deine Frage nicht ganz, denn wenn Du schon schreibst, dass die Luft Gott sei bzw. Anaximenes glaubte, dass die Luft, besser der Äther (ist was anderes als Luft) Gott sei, dann müsstest Du auch wissen, dass Anaxiemens die Vorstellung hatte, dass alles Existierende durch Verdichtung oder Verdünnung des Äthers entstanden sei...

Selbst Kälte deutete er als Verdichtung und Feuer als Verdünnung der Luft an, obwohl, wie man heute weiß, dies andersherum ist...

Gruß Fantho

Antwort
von berkersheim, 17

Für Anaximenes ist das Sein ein ewiges, kein geschaffenes. Eines das sich wandelt und aus Wandel besteht. Die Frage ist, was Anaximenes meint, was er sich vorstellt, wenn er die Luft als Urstoff annimmt, aus der sich alles durch unterschiedliche Zusammensetzung entwickelt? Wenn man sich im heißen Griechenland die in der Hitze schwirrende Luft vorstellt, könnte es durchaus sein, dass auf Anaximenes die erste Vorstellung zurückgeht, das das Sein sich aus kleinsten, schwirrenden Teilen zusammensetzt, auch die Götter. Das würde der Vorstellung der Atomisten vorausgehen, die genau diese Idee weiter ausgeführt haben.

Expertenantwort
von Miraculix84, Community-Experte für Latein & Uebersetzung, 18

Gott hat hier primär weniger die Rolle eines Schöpfers, sondern eher die des Materials, aus dem alles erschaffen ist. Denn alles Materielle entsteht nach Anaximenes aus Luft, die sich verdichtet und unbegrenzt vorhanden ist. Und die Luft ist Gott.

Die Frage, wie es sein kann, dass Masse aus dem Nichts entsteht, stellte sich eher nicht. Das konnte Anaximenes z.B. an den Pflanzen sehen, die auch nur mit Sonne und Luft wachsen konnten und eine Masse - z.B. Getreide/Holz - hervorbrachten. Hier hat Anaximenes also jenen "Verdichtungsprozess der Luft" erkannt, von dem wir heute wissen, dass er etwas anders abläuft. So unrecht hatte er damit auch gar nicht, denn der Kohlenstoff der Pflanzen kommt ja per Photosynthese aus dem CO2 der Luft. Die Übertragung dieses Modells auf alles Feste (Metalle/Steine/Salze) und Flüssige ist aber aus heutiger Sicht falsch. 

=> Offen bleibt, wer den Schöpfungsprozess auslöst. => Ist Gott auch Schöpfer? Oder wer hat Bäume/Blumen etc. "erfunden"?

LG
MCX

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