Frage von rotesand, 138

Hatten es geistig Behinderte früher leichter?

Hallo!

Gesetzt den Fall -------> "Willi" ist etwas über 60 Jahre alt, hat einen starken Sprachfehler, kann nur schlecht lesen und schreiben, Rechnen ist auch nicht sein Ding. Man kann von einer geistigen Behinderung oder minderer Intelligenz sprechen. Er hat in den 60ern aber die Volksschule abgeschlossen und sich durch diese immer grad so durchgemogelt, danach eine Handwerkslehre absolviert, arbeitet seitdem ununterbrochen in derselben Firma & geht demnächst in Rente. "Willi" fährt täglich Auto, nimmt am gesellschaftlichen Leben teil & wird zwar von manchen belächelt oder ausgenutzt, lebt aber selbstständig.. er ist seit 35 Jahren verheiratet, hat keine Kinder aber ein Auto, ein eigenes Haus und ist im Vereinsleben seiner Stadt gut verankert. Er denkt nur sehr sehr langsam, kann sich schlecht ausdrücken & ihm fehlt oft das Feingefühl/der Anstand/die "Gesprächskultur" --------> "Willi" ist aber ein lieber und zuverlässiger Mensch und immer motiviert anderen zu helfen. Er gilt als primitiver, aber herzlicher Typ. Er packt zu wo er kann, ist nicht arbeitsscheu & auch nicht falsch.

Ich bin mir sicher -------> heute hätte er das alles nicht: Wäre "Willi" jetzt vllt. 25-30 Jahre, hätte er wohl nie eine Regelschule besucht, würde nicht Auto fahren dürfen, würde auch keinen eigenen Haushalt haben, sondern würde nach Abschluss einer Sonderschule in eine Behindertenwerkstätte, vllt. sogar ein Wohnheim für Behinderte kommen und dort mehr oder weniger abgeschottet von der Gesellschaft sein Leben führen.. soziale Kontakte hätte er wahrscheinlich nicht wirklich, man würde ihn mehr oder weniger unter Verschluss halten. Er würde wohl etliche "Therapien" absolvieren müssen, stünde unter Medikamentösem Einfluss und müsste in einer Werkstätte einfache Arbeiten verrichten.

"Willi" heißt eigentlich nicht "Willi" ist aber echt & einer meiner näheren Bekannten.. kenne ihn schon rund 10 Jahre.. und je intensiver unsere Verbindung wurde umso mehr dachte & denke ich dran, ob es Behinderte in der heutigen Zeit/Gesellschaft wirklich so viel besser haben als damals oder ob sie früher, als sie nicht weiter "therapiert" sondern "in Ruhe gelassen" wurden, nicht das bessere Leben hatten.

Was meint ihr?

Wünsche euch einen schönen Tag!

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von HotXL, 34

Hallo rotesand,

ja, ich glaube: Früher hatten es geistig Behinderte tatsächlich einfacher als heute.

  • Du beschreibst zutreffend den Fall "Willi".
  • Und ich ergänze den Fall meines Großonkels "Hannes". Sein Fall liest sich so:

Großonkel "Hannes" war ähnlich wie dein Fall "Willi". Auch "Hannes" hatte Lernprobleme. Er schaffte die Hauptschule nicht. Seine Mutter, die auf dem Land lebte, sagte: "Hannes muss Bauer werden. Arbeiten kann er. Körperlich. Aber nicht mit dem Kopf."

Doch Hannes wurde nicht Bauer. Er lernte Maurer und machte seinen Gesellenbrief. Er schaffte das. Obwohl er eine Lernschwäche hatte und nicht richtig rechnen konnte. Er hatte die Hilfe von Arbeitskollegen. Die haben ihm echt geholfen. Und gezeigt, wie es geht.

Später hat Hannes das "Technikum" besucht. Das war damals (in den 1950er Jahren) eine Fachschule für Architekten. Und das Wunder geschah: Hannes schaffte trotz aller Lernschwächen auch im "Technikum" den Abschluss.

Nun durfte er sich offiziell "Architekt" nennen. Hannes arbeitete daraufhin freiberuflich als Architekt so erfolgreich, dass er (als Alleinverdiener) eine 4-köpfige Familie ernähren und zu bescheidenem Wohlstand verhelfen konnte.

Bis zu seinem Tod vor zwei Jahren hat Großonkel Hannes, dem eigentlich wegen einer "geistigen Zurückgebliebenheit" nicht einmal das Erlernen des Maurerberufs zugetraut wurde, als Architekt gearbeitet. Er starb im Alter von 71 Jahren an seinem Zeichenbrett beim Entwurf eines Einfamilienhauses.

Ich glaube nicht, dass solch eine Karriere eines vermeintlich "Behinderten" oder "geistig Zurückgebliebenen" heute noch möglich wäre.

Heute wollen einfach zu viele vermeintliche "Spezialisten" ein Wörtchen mitreden, ohne dabei jedoch zu erahnen, dass ihr vermeintliches "Spezialwissen" zuweilen an der menschlichen Wirklichkeit vorbeigeht und Menschen unterschätzt, die nicht unterschätzt werden sollten.

Und ganz klar: Deshalb beantworte ich deine Frage eindeutig mit "JA".

LG, HotXL

Kommentar von rotesand ,

Danke für diese erstklassige Antwort! Kompliment ist unterwegs!

Schönes Wochenende!

Kommentar von HotXL ,

Vielen Dank :)

Das Kompliment für deine wirklich gute Frage gebe ich gern zurück. Es gibt hier bei GF nur ganz selten Fragen, auf die ich so gern wie auf deine geantwortet habe. Deshalb auch so ausführlich.

Was ich gerne mit meiner Antwort vermitteln möchte, ist einfach nur:

Man sollte vermeintlich "Behinderte" nicht unterschätzen. Die haben viel mehr Potenzial, als die "Normalos" es ihnen zutrauen.

Und ich bin mir ziemlich sicher:

In dieser Anschauung stimmen wir, du und ich, total überein.

Dir auch ein schönes Wochenende :)

Antwort
von MorsGER, 46

Hallo, rotesand.

Willi hatte scheinbar einen guten Zeitpunkt erwischt, sodass er sein Leben ganz gut in die Hand genommen und etwas daraus gemacht hat.

Aber lass mich mal einen anderen Punkt anleuchten.
Entfernen wir uns einfach mal von der Sicht, dass wir normal und Willi behindert ist. Jeder ist einfach ein Mensch. Der eine kann besser lesen, der andere vielleicht nicht so schnell laufen. Wie du schon erwähnst hat auch Willi seine starken Seiten und ist wahrscheinlich auch ein angenehmerer Mensch als so manch andere, die nicht als behindert gelten.

Aufgrund unserer Familie, unserer Umgebung, und letztendlich auch durch Druck des Staates, werden wir schon früh in eine bestimmte Schicht eingeteilt. Kinder von Familien die seit Generationen den Hauptschulabschluss als Ziel ansahen, werden zum Großteil diesem Pfad folgen und ebenso den Hauptschulabschluss machen. Hingegen sieht man in den Familien, in denen nur "Dipl.", "Dr." und sonstige Titel getragen werden, dass auch die Kinder - natürlich mit ein paar Ausnahmen - einen solchen Weg gehen werden.

Wenn wir dann in eine dieser Stufen eingeteilt wurden ist ganz klar was wir zutun haben: Schule > Ausbildung/Studium > Arbeiten > Rente.
Das Leben ist sozusagen von Anfang bis Ende durchgeplant.

Sobald man eine Zeit arbeitslos ist - und sei es auch nur aufgrund einer Neuorientierung - ist man etwas aus der Gesellschaft ausgeschlossen und ständigem Druck ausgesetzt am System teilzuhaben.

Ich stimme dir auf jeden Fall zu, bei dem Gedanken, dass man es als Mensch früher einfacher hatte. Auch wenn man betrachtet wie viele Menschen früher selbständig waren, wie Betriebe von Familien geleitet wurden und nicht alles riesigen Monopol-Konzernen gehörte.

Meine Antwort hört sich nun vielleicht ein bisschen am Thema verfehlt an, aber ich denke man kann deinen Gedanken in einer viel allgemeineren Sichtweise betrachten.

Ich finde jeder Mensch sollte "in Ruhe gelassen" werden, selbst seinen Weg gehen dürfen und nicht schematisch in eine Schublade gequetscht werden, welche nicht den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht.

Kommentar von rotesand ,

DANKE für deinen tollen Kommentar ----> Kompliment folgt demnächst :)

Lass' mich zwei ausgewählte Abschnitte zitieren!

Wie du schon erwähnst hat auch Willi seine starken Seiten und ist wahrscheinlich auch ein angenehmerer Mensch als so manch andere, die nicht als behindert gelten.

Aber unbedingt: "Willi" ist der vllt. großzügigste und herzlichste Mensch, den ich kenne. Er würde NIE jemanden verleumden oder Intrigen spinnen. Im Gegenteil. So primitiv und ungehobelt er oftmals auch rüberkommt: Er ist für seine Leute da, hält sein Wort & hält jeden Termin zeitlich punktgenau ein ------> soll er um 8 Uhr am Vereinsheim zum Herbstputz erscheinen, ist er auch um 7.50 Uhr da. Nur ein Beispiel. Auf "Willi" und seine Hilfe kann man IMMER zählen.. es ist für ihn auch absolut selbstverständlich zu helfen, er will noch nicht mal was dafür.

Ich finde jeder Mensch sollte "in Ruhe gelassen" werden, selbst seinen Weg gehen dürfen und nicht schematisch in eine Schublade gequetscht werden, welche nicht den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht.

Ich finde, dass damit alles gesagt ist. Ein ganz großartiges Statement, das sich echt jeder zu Herzen nehmen & an seinem Schreibtisch an die Pinnwand heften sollte :) DANKE!

Schönes Wochenende!

Antwort
von Kickflip99, 64

Das hört sich nicht nach geistiger Behinderung an, sondern nur nach einem etwas schlichtem Menschen. Solche Leute hatten es in vergangenen Jahrzehnten sicher einfacher, weil die Welt noch nicht so komplex war.
Für wirklich geistige behinderte Menschen ist es heute jedoch deutlich besser. Früher gab es nur die Möglichkeit zu Hause zu sitzen, heute gibt es viele gemeinnützige Organisationen die diesem Menschen Arbeit bieten.

Kommentar von verwirrtesmausi ,

wer den Führerschein hat, kann nicht geistig behindert sein, höchstens in gewissen Bereichen eingeschränkt... früher war die Welt einfacher, ich schließe mich der Antwort an. Geistig Behinderte wurden früher leider oft zuhause eingesperrt :-(

Antwort
von NurZurSache, 42

Ich frage nich, wie sehen das Behinderte, die sich nicht artikulieren und oder wehren können?!

Ich sehe das schlimmste ist und wäre, entmündigt zu werden. Zu erkennen müssen die Geschellschaft entzieht einem die "freie" Entscheidungsmöglichkeit!
Was für eine wirkliche Wahl hat man im Behinderten Heim? So gut die Sache auch sicher gemeint ist, doch wo bleibt die Möglichkeit für die freie Persönlichkeit? Es würde Organisatorisch gar nicht möglich sein, jeden zu fragen!?
Ich hatte selber einen sehr schweren Autounfall, nicht verschuldet und lag 2 Monate i Koma und danach 1 Jahr im Krankenhaus. Da kam für den Anfang auch ein Behinderten Wohnheim zur Sprache. Weil mein linkes Bein derart kompliziert gebrochen war, und ich es Anfangs nur mit 10 Kilo belasten durfte. Da ich unverschuldet in die Lage gekommen war, konnte ich mit Hilfe eines Rechtsanwaltes mich dagegen wehren. Wenn man keinen persönlichen Pfleger aufzeigen kann, wird es im Alltag nicht einfach. Doch persönlich hatte ich Glück und konnte schnell viel neiner Verletzungen gut kompensieren. Einiges ist mir an Verletzungs Defiziten geblieben. Doch einige der Besserungen konnte mir bis Heute kein Arzt erklären.
Jedenfalls bin ich überzeugt, daß JEDER Fall für sich selbst seiner eigenen speziellen From von Entscheidungen benötigt.
Ich konnte selbst lernen Dinge zu kompensieren, daß ich so in der Lage war, mein Leben bestmöglichst zu Organisieren. Was MIR in einem Wohnheim Garantiert so nicht möglich gewesen wäre. Ich bin nun mal durch den Unfall zum Frührentner deklaiert worden. Doch da ich meine Kräfte so nützte wie Sie kommen und gehen, kann ich leben wie ICH es für richtig halte. Das ist auch nur so möglich, da mir die Versicherung des Unfall Verursachers, meinen mir dadurch entstandenen Schaden weitgehenst wieder gut zu machen hat.
Das ist und war mein Glück im Unglück.
Ohne der Versicherung bzw. meinem Rechtsanwalt, würden & müssten Ärtze, Krankenhäuser und Rehas, nach DEUTSCHEM Recht, die Berufliche bzw. erwerblichliche Zurückführung einer evtl. vorzeitigen Beendigung der Rehabilitation, vorziehen MÜSSEN! Zuerst die Erwerbstätig(fähig)keit, dann die komplette Rehabilitation.
Ich musste mich permanent wehren. In Rehas musste ich bei vielen anderen erkennen, die dazu aus Unterschliedlichen Gründen gar nicht in der Lage waren, sich dagen zu wehren.
Ich hörte von der Bay Rück Versicherung, die Versicherung wo sich Versicherungen versichern: Wenn sie so weiter machen (sich wehren) stehen irgendwann ganz alleine da.
Stellt man sich vor, ein Patient der täglich 8 stunden schwere Kopfschmerzen hat, den will Versicherung und ein Rehabilitation Krankenhaus ins Berufsleben stecken. Ohne zu wissen woher die Kopfschmerzen kommen und mit O Chancen, das die Kopfschmerzen jemals wieder verschwinden werden.
Einem 50 Jährigen, mit doppeltem Bandscheiben Vorfall, dem sein Hausarzt sagte: Wenn Du viel Glück hast, kannst Du einiger Maßen mit Schmerzmittel ein Frührentner dasein erleben. Den steckte man in eine Berufsreha die je TAG &PATIENT, je nach Anzahl und Art von Therapeuten usw. 10-50 tausend Euro am Tag kostet.
Ein Korruption Sumpf, der den Sachsensumpf als a Drecklach (Pfütze) deklariert. Keine Krähe hakt der anderen ein Auge aus?! Und die wenigen ehrlichen, die haben Angst um ihren Job. Das Wort eines Professor oder hohen Amtsträger, wird selten in Frage gestellt. Da halten fast alle wie Pech&Schwefel zusammen. Alleine mit meinen Erfahrungen könnte ich ganze Büchbände damit füllen.
Abgeschriebene Gutachten, wo meine falsche Körpergröße und falsche Verletzung nicht korrigiert wurden, und sogar sich weitere Fehler einschliechen. KEINER dem das Auffallen wollte und oder störte.
Was nusste ICH Drohnungen aussprechen, um das ich nicht in des korrupten und zum Teil unfähigen/ unwilligen Staates "Rehas" Mühlen zu geraten.

Ein Kampf der sicher erst mit meinem Tod enden wird!
Doch ich kämpfe bis zum bitteren Ende!
Eine "Geschichte" die man nur schwer glauben mag, selbst wenn man sie durch lebt.

Antwort
von CamelWolf, 27

Menschen in in Deinem Beispiel hatten es früher wirklich besser - es gab aber auch viel mehr einfachere Arbeiten und weniger Diagnostik.  Die Menschen, die weniger konnten als Dein Willi, hatten damals nichts zu lachen. Die wurden halt weggesperrt und mit (nach heutiger Sicht) fragwürdigen Methoden "therapiert".

Ergo: Die Grenzgänger wie Dein Willi hätten es heute deutlich schwerer, die vielen Menschen aber mit einer geistigen Behinderung, die haben es heute besser. 

Ich meine, der schwierigste Aspekt in der heutigen Eingliederungshilfe ist die individuelle Anpassung der Hilfsangebote auf den jeweiligen Menschen.

(Jetzt im Augenblick ist Inklusion angesagt: Das bedeutet im übertragenen Sinne, dass auch die Oma über die Straße begleitet wird, die gar nicht zur anderen Seite rüber will)

Kommentar von rotesand ,

Danke für deine kompetente, sehr gute Antwort -----> ich stimme voll und ganz zu. Schönes Wochenende!

Antwort
von Skibomor, 38

Ich kenne auch solche Menschen wie Willi. Aber die sind in einer anderen Zeit aufgewachsen, als es noch massenhaft Arbeitsplätze gab und gewisse Defizite nicht wichtig waren bzw. einfach nicht als Defizite angesehen wurden.

Heute wird "gefordert und gefördert" - was für ein Ausdruck!, um diese Menschen in die Gesellschaft zu "integrieren", was manchen eher schadet als nützt. Einfach "in Ruhe lassen" halte ich aber auch für einen falschen Ansatz, denn viele brauchen eben diese "Hilfen".

Wie du siehst: viele Anführungszeichen in meinem Text, und letztlich keine befriedigende Antwort für dich oder mich.

Kommentar von rotesand ,

Danke!

Aber Sinn macht das trotzdem.. ich sehe das auch wie du ------> diese ganzen Maßnahmen machen unterm Strich mehr Ärger, als dass sie fördern & integrieren. Viele werden davon schlicht überfordert & ich kenne die Taktiken etwa von der Arbeitsagentur, die mental schwache Leute zu Maßnahmen "überzeugt" und Ähnliches durchaus.. dann faselt ein "Therapeut" was von "Ganzheitlichkeit" und es ist die Wunderpille schlechthin, die jedem in Nullkommanix hilft ein "normaler Mensch" zu werden ... du siehst: Genauso viele Anführungszeichen^^.

Der PFerdefuß dabei ist, dass solche "Hilfen" gesellschaftlich stigmatisieren & es immernoch Leute zuhauf gibt, die jemanden, der solchen Maßnahmen angehört, für geisteskrank, minderwertig und verachtenswert ansehen. Damit hat "Willi" trotz manchen Leuten, die ihn belächeln, nicht zu kämpfen -----> er gehört im Stadtteil bei uns einfach dazu und fällt meistens nicht mal groß auf. Wir wissen ja eh alle, wie er drauf ist.

Ein Kompromiss wären Hilfen, die auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhen. 

Antwort
von amy2107, 31

Was dein fallbeispiel angeht, gebe ich dir vollkommen recht. aber verallgemeinern kann man das, denke ich, nicht so einfach. "willi" hört sich ja so an, als ob er zwar ein paar schwierigkeiten hat, aber im grossen und ganzen, doch in der lage ist, sich um sich selbst zu kümmern und selbstständig zu leben. Für ihn ist es wohl wirklich besser so, wie es jetzt ist aber das trifft sicher nicht auf alle menschen mit behinderungen zu. gibt ja viele, die viel hilfsbedürftiger sind als in diesem fall. die niemals auto fahren könnten, sich nicht selbst waschen, anziehen, alleine essen können und absolut nicht in der lage wären auch nur kurze zeit alleine zu leben. Also wirklich unbedingt auf hilfe angewiesen sind. wenn solche menschen dann keine angehörigen haben, die in der lage bzw gewillt sind, sie zu versorgen, was sollte dann mit ihnen passieren, wenn es keine einrichtungen gäbe, wo man sich um sie kümmert?

Antwort
von Honeysuckle08, 38

Ich sehe das anders als du...

Seit 30 Jahren arbeite ich in einer Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger und Mehrfach"behinderung" (mag den Ausdruck im Grunde nicht, weil er ihnen nicht gerecht wird)...

Früher wurden diese Menschen häufig aus Scham versteckt und/oder als billige Arbeitskräfte eingesetzt - um nicht zu sagen ausgebeutet - z. B. in der Landwirtschaft...

Frühförderung und Inklusion waren Fremdwörter - die Möglichkeit, ein selbständiges Leben führen zu können und Freunde und Partner zu finden, war selten gegeben und von den Angehörigen meist auch nicht gewünscht.

Erst als sich Organsationen und Vereinigungen wie die "Lebenshilfe" gründeten, entwickelte sich etwas zum Positiven für die Menschen...

Heute werden viele in Wohngruppen drauf vorbereitet, im betreuten Wohnen in der eigenen Wohnung ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen zu können, viele heiraten auch...

Nicht wenige schaffen es, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen - aufgrund  von Eigenschaften wie Fleiß, Ehrgeiz und Ausdauer leisten sie oftmals mehr als sog. "Nichtbehinderte".

Heute sind Frühförderung und Inklusion in aller Munde und das ist gut so !

Die "Gesellschaft" verliert zunehmend die Berührungsängste, eben weil sich keiner mehr verstecken muss, der nicht dem gängigen Ideal entspricht, sondern aktiv am Leben teilhaben kann = Teilhabe...:)


Antwort
von MonikaDodo, 15

Ich denke früher war es für Menschen wie Willi einfacher! Allein schon einen Job zu finden war wesentlich einfacher! Das kann ich aus meiner Berufserfahrung auf alle Fälle so behaupten!

Antwort
von Ursusmaritimus, 38

...und du glaubst wirklich das es Willi früher so ergangen wäre?

Willi hätte bestwahrscheinlich irgendwo eine Arbeit gefunden wofür er kümmerlich bezahlt worden wäre. Die Kollegen hätten ihn rumgeschubst und das Geld nur für den Bus und eine kleine Wohnung gereicht.

Frauen würde er nur im Milieu gegen Bezahlung erobern und das Bier würde reichlich fließen. Regelmäßig bekam er Anzeigen wegen irgendwelcher Anschuldigungen gegen die er sich wegen seiner Langsamkeit nicht erwehren konnte.

Ende der 80er wurde dann seine Arbeit wegrationalisiert und seitdem lebt er von Sozialhilfe und Hartz4.....

Antwort
von Nikita1839, 51

Ich habe eine Bekannten, der zu 100% geistig behindert ist. Er fährt Auto, wohnt alleine, arbeitet, hat seit langem eine Freundin und hat ein sehr geregeltes Leben. Er ist zwar erst ca. 26, aber da sieht man mal dass man trotzdem gut Leben kann.

Ebenfalls habe ich einen Stiefbruder, der geistig ebenfalls behindert ist.
Auch er wohnt alleine. Aber alles andere läuft bei ihm nicht gut. Das liegt aber daran, dass er schon sehr viel Mist auf Arbeit gebaut hat usw.

Dann wäre da noch eine Bekannte, 30 Jahre alt ungefähr, sie ist Erzieherin, wohnt ebenfalls alleine und fährt ebenfalls Auto.

Man kann immer noch selbst entscheiden, was man aus seinem Leben macht. Einige Bauen sich ein komplett normales Leben auf, andere schmeißen Ihre Chancen aus dem Fenster und winken noch freudig hinterher

Antwort
von AnReRa, 52

Ich fürchte das kann - und darf - man nicht pauschalisieren.
Aus heutiger Sicht - weil es Willi alleine geschafft hat - hätte ihm zu viel 'Einmischung' von Seiten des Staates möglicherweise geschadet. 
Aber das kannst Du nicht wissen.
'Willi' wurde (vom Staat - nicht von seinen Bekannten) alleine gelassen und musste sich alleine durch kämpfen.

Ich glaube auch, das heute so eine Werdegang in dieser Form nicht mehr funktionieren kann. Nicht, weil der Staat ihn umsorgen oder meinetwegen auch in eine bestimmte Schublade legen will, sondern weil heute die Einstiegshürden überall viel höher liegen bzw. es in allen Lebenslagen mehr Konkurrenz gibt.
Auch fürchte ich, dass die Toleranz der Umgebung geben  'geistig minderbemittelte' Personen nachgelassen hat.

Das geht schon in der Schule los, geht bei der Ausbildung weiter und über den Rest braucht man dann gar nicht mehr nachzudenken.

 

Kommentar von Skibomor ,

Wenn ich mir heute manche Jugendliche ansehe, die keine Lehrstelle mehr finden, weil sie nur rudimentäre Deutschkenntnisse aufweisen (ich meine jetzt nicht Migranten!) und nicht mal die Grundrechenarten beherrschen, dann ist Willi mit seinen Einschränkungen ein Klacks dagegen. Allerdings lebte der auch in wesentlich toleranteren Zeiten.

Kommentar von rotesand ,

Und genau diese Toleranz fehlt heute im Zuge der "Normenmacherei", wie ich finde.. alles was von der Norm abweicht, hat keinen Platz oder muss "normal gemacht werden". Genau das ist es, weswegen ich mir oft wegen "Willi" Gedanken mache, wie es ihm heute ergangen wäre.. in meinem Umfeld gibt's 2-3 Beispiele von Menschen, die etwas eigenwillig sind & "normal gemacht" werden sollten was ihnen viele Schmerzen zufügte & ich frage mich oft, ob es ihnen früher auch so ergangen wäre. Wahrscheinlich eher nicht!

Kommentar von Ursusmaritimus ,

Glaube mir, früher war "Normal" noch in ein viel engeres Korsett der Gesellschaft geschnürt. Heute ist die Welt komplexer, schneller, gieriger....aber auch offener.

Kommentar von rotesand ,

Das wird mMn nur gepredigt & bei jeder Gelegenheit betont ... ich finde eher, dass die Welt viel verbohrter, intoleranter und kleinkarierter ist als sie es zugibt -------> man schmückt sich nur gern mit allen denkbaren Begrifflichkeiten und Verweisen.

Kommentar von AnReRa ,

Und genau diese Toleranz fehlt heute im Zuge der "Normenmacherei",

Ich fürchte zwar, dass Du da etwas hart urteilst, aber es wird immer Menschen geben für die irgendein 'Wohlwollen' des Staates negative Folgen haben kann - und sei es nur, weil sie sich auf dem Polster 'ausruhen'.

"Willi" musste gezwungenermaßen sein Leben alleine in den Griff bekommen. Aber hast Du Dich mal mit Leuten - aus dieser Zeit - unterhalten, die genau das - aus diversen Gründen - nicht geschafft haben ?

Aber auch heute hat ein geistig behinderter Mensch die Möglichkeit seinen eigenen Weg zu gehen - diesmal aber mit 'Fallschirm' - wenn er  sich erfolgreich gegen die Schranken der Gesellschaft zur Wehr setzen kann und vor allem will.
Er wird sich aber - und das mag der Unterschied zu früher sein - in seinen Arbeitsleistungen mit dem 'Normalmenschen' messen lassen müssen. Ein AG kann sich heute genügen 'billige' Teilzeitkräfte aussuchen und ist - um konkurrenzfähig zu bleiben - sogar ein Stück weit  dazu gezwungen.

Antwort
von nowka20, 5

nein, die hatten es damals sehr sehr schwer, da ihre behinderungen aus unkenntnis oft falsch eingeordnet wurden

Antwort
von Heidrun1962a, 9

Er wäre heute in der Schule gefördert worden und hätte einen Schulabschluss. Damit wäre er auch nicht in einer Behindertenwerkstatt. Die die dort arbeiten sind richtig behindert. Da fehlt sehr viel mehr. 

Er hätte jetzt auch einen einfachen Job und eine Partnerin kann er damit auch finden. 

Sonderschulen wie es sie früher gab, gibt es heute nicht mehr. Behinderte sind viel mehr eingebunden. 

Antwort
von Smudo1284, 38

ich glaube nicht, dass dein bekannter eine behinderung hat, 

er kann nicht richtig lesen, nicht richtig schreiben und mathe ist auch nicht sein ding, er ist nicht der schlaueste, 

aber ich denke nicht, dass er nur aufgrunddessen heute in einer behindertenwerkstatt vergammeln müsste, wie du das so darstellst.

in eine behindertenwerkstatt kommt man meist, 

wenn man schonmal eine psychiatrie von innen gesehen hat ( wenn jetzt keine körperlichen behinderungen vorliegen )

Kommentar von rotesand ,

Danke!

Richtig nachdenklich würde ich vor einigen Wochen, als "Willi" sich mit einem anderen über die Eröffnung einer Behindertenwerkstätte vor Ort unterhielt & er dann von einem missliebigen Menschen gesagt bekam, dass er "wenn es das früher schon gegeben hätte, da auch gelandet wäre".

Stimmt schon.. in diesen Werkstätten landen meist Leute, die bereits auch psychische Probleme hatten & auf dem realen Arbeitsmarkt keine Chance (mehr) hätten --------> aber mir sind auch welche bekannt, die aufgrund "Intelligenzdefiziten" und leichten geistigen Behinderungen dort "wirken müssen".

Kommentar von Smudo1284 ,

ich habe sogar schon schlaue leute von der realschule kennengelernt, die so recht fit waren, die da gearbeitet haben, mehrere. die haben aber alle nach kurzer zeit dort wieder aufgehört, zum glück, da kriegt man ja einen am kopf, was die da für primitive arbeit verrichten müssen und das den ganzen tag irgendwelche selben monotonen arbeiten, wie schrauben abzählen und abpacken oder lampen zusammenbauen, was jedes 8 jährige kind hinkriegt, zudem gibt es da total wenig geld für, in den ersten 2 jahren verdienen sie gar nichts, dann 120 euro, für jeden tag da antanzen und rumsitzen.

ne, das gönne ich keinem, da würde ich lieber zuhause vor dem pc vergammeln statt mich ausnutzen zu lassen.

und recht gesunde leute kriegen so eine arbeit in der werkstatt auch angeboten, nur eben mit psychiatrie-erfahrung.

kann jedem raten, sich da nicht drauf einzulassen, da kommt man auch schwer wieder raus, die wollen einen nicht mehr gehen lassen, wenn man da erstmal ist.

Kommentar von rotesand ,

Kenne die Misere über einen anderen Bekannten -------> Abiturient, IT Spezialist, wurde mit 50 depressiv & landete dann letzten Endes in einer solchen Einrichtung. Er hat Kugelschreiber zusammengefrickelt und Ähnliches, ging dabei beinahe kaputt. Er hörte nach einem Jahr wieder auf und bezieht inzwischen Frührente.

Deinem letzten Satz stimme ich vollkommen zu.

Kommentar von Skibomor ,

Ich habe eine Bekannte, die ist inzwischen 50 und arbeitet ebenfalls in so einer Werkstatt für einen Hungerlohn. Meiner Meinung nach ist sie zwar schon geistig beeinträchtigt, aber alles im grünen Bereich. Häufig macht sie schlecht oder nicht bezahlte Praktika in irgendwelchen Einrichtungen (sie reißt sich regelrecht darum, weil sie das als "richtige" Arbeit empfindet, und soweit ich das beurteilen kann, macht sie diese Hilfsarbeiten richtig gut und engagiert.), z.B. in Krankenhäusern.

Und jedes Mal werden ihr Hoffnungen auf eine feste Stelle gemacht, die dann immer wieder zerschlagen werden. Dabei wäre sie z.B. schon mit einem Minijob als "Bettenmacherin" überglücklich.

Hier stimmt etwas mit unserem System ganz und gar nicht!

Antwort
von Dahika, 13

Ist der 60 j je getestet worden? Ein Sprachfehler sagt erst mal nichts über die Intelligenz aus. Schlechtes Lesen und Schreiben kann auf LRS hindeuten, hat auch nichts mit geistiger Behinderung zu tun. Schlecht in Mathe.. .na gut, ich hatte auf der Schule jahrelang eine Beton-Fünf.

Ich denke mir, dass Willi  sicher nicht geistig behindert ist. Der 60 j. ist bestenfalls lernbehindert. Damit kann er aber immer noch ein selbständiges Leben führen.

Und ja, ich denke, dass Geistig Behinderte es heute besser haben, da sie viel intensiver gefördert werden.

Du hast eine eigenartige Vorstellung von Förderschulen und Behinderteneinrichtungen. Und diese Vorstellung ist definitiv falsch.

Antwort
von rednblack, 17

Behinderte waren und sind immer auf die Hilfe von mehr oder weniger verantwortungsvollen Leuten angewiesen. Das war früher sicher nicht einfacher als heute.

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