Frage von MeikRatsuchus, 38

Hatte wenig Kontakt zu meinem Vater Einfluss auf mich bzw. meine Sexualität?

Ich bin jetzt 17, männlich. Als ich 8 Jahre alt war, trennten oder schieden sich meine Eltern. Seither hatte ich geringen Kontakt zu meinem Vater. Durch Überredung und Lügen hat mein Vater es geschafft, meinen Bruder zu sich ziehen zu lassen. Er erhoffte sich damit finanzielle Vorteile für sich. Meine Mutter trichterte mir zudem immer wieder ein, wie böse mein Vater sei und wie wenig er sich um seine Kinder schere. In gewisser Weise kann ich dies auch bestätigen. Aber damals als ich klein war konnte ich mir eben nicht - nicht so wie jetzt - ein eigenes Bild von der Lage machen.

So kam es, dass der Kontakt zu meinem leiblichen Vater mir schwer gemacht wurde. Wenn ich bei ihm gewesen bin, durfte ich mir bei meiner Mutter immer böse Sprüche anhören, dass ich bald genauso wäre wie er etc. Das, von dem ich erzähle, ist allerdings nicht gestern, sondern vor 4-5 Jahren oder länger geschehen. Seither bzw. Bis jetzt sucht meine Mutter einen Freund. Sie hatte 4 Freunde seitdem. und mir keinem von dem ist sie heute noch zusammen. Diese Männer waren ständig bei uns Zuhause. Ich habe in den Freunden meiner Mutter immer einen Ersatzvater gesucht, weil mein echter Vater nicht wirklich den Kontakt zu mir gesucht hat. Es tat mir jedesmal insgeheim weh, wenn ihre Beziehungen gingen. Das war, als trennten sich meine Eltern 4 Mal hintereinander.

Nun habe ich gehört, dass sich Jungs in der Pubertät stark zu ihrem Vater gezogen fühlen, um sich selbst als Mann zu identifizieren. Dies ist bei mir großteilig nur über quasi "fremde" Männer passiert, zu denen ich heute keinen Kontakt mehr habe. Zwischenzeitlich habe ich auch nur mit meiner Mutter alleine gewohnt und auch monatelang den Haushalt komplett allein geschmissen, weil sie wochenends bei ihrem Freund war und ich allerdings zu ihm nicht wollte, weil mir mein Bauchgefühl jedesmal ein schlechtes Gefühl gab.

Jetzt bin ich in einer Phase, in der ich nicht wirklich weiß ob ich Hetero- oder Bisexuell bin. Ich habe den Traum, sexuelle Erfahrungen mit einem Mann zu machen. Aber ich kann nicht sagen, dass ich auf Männer "stehe". Ich finde sie nicht hübsch oder der gleichen. Bei Damen denke ich "wow, hat die schöne Augen" o.Ä. Solche Gedanken hatte ich noch nie bei einem Mann und ich achte dabei auch gar nicht auf soetwas bei Männern. Aber dieses mit den sexuellen Erfahrungen, stellt dies eben für mich total auf den Kopf. Mit jungen Damen habe ich schon sexuelle Erfahrungen gemacht. Allerdings ist der Reiz für das gleiche mit dem eigenen Geschlecht für mich z.Zt. viel höher. Warum ist das so ?

Nun mache ich mir Gedanken darüber, ob es einen Zusammenhang mit meinen Identifikationsschwierigkeiten und meiner Kindheit gibt - bzw. genauer gesagt mit dem Fehlen des leiblichen Vaters und den häufigen Wechsels des "Ersatzvaters", die im Prinzip sich nie väterlich zu mir verhalten haben. Gibt es dabei Zusammenhänge ? Muss ich jetzt homosexuell werden ? Wie kann ich mich selbst identifizieren ? Wo kann ich Hilfe finden ?

Antwort
von Schokolinda, 25

sicher sind einzelne erfahrungen wichtig, um zu verstehen, wie sich jemand entwickelt hat. aber ich finde es verkehrt, einem bestimmtem umstand oder ereignis die schuld zu geben. ein mensch macht immer sehr viele erfahrungen; er hat anlagen, die seine interaktion mit der umwelt prägen.

homosexualität ist nicht durch das fehlen des vaters während der kindheit eines jungens zu erklären. auch jungs, die mit vati und mutti in einer harmonischen familie aufwachsen, können schwul oder bi werden.

daher musst du keinesfalls homosexuell werden. eigentlich ist es ganz normal, dass man als jugendlicher/junger erwachsener eine phase hat, in der man noch nicht weiß, was gefällt, auch auf sexuellem gebiet. um das beurteilen zu können, braucht man erfahrung.

vielleicht kannst du dir überlegen, ob es dich stören/verunsichern würde, nicht hetero zu sein- ich denke, dieses gedankengewirr entsteht eher aus dem unbehagen, möglicherweise nicht so zu sein, wie die meisten anderen sind.

Antwort
von lohne, 38

Du hast leider eine wenig behütete Kindheit gehabt und dadurch schwere seelische Belastungen ertragen müssen. aber deshalb wirst du nicht schwul oder bi. Das wären Veranlagungen die in dir stecken und nicht durch Erlebnisse hervorgerufen werden. Aber schon, dass du erkannt hast was dir fehlte, nämlich dein Vater oder eine andere männliche Bezugsperson bist du auf dem richtigen Wege dich damit auseinander zu setzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine psychologische Beratung, nur wenige Sitzungen, dir wirklich helfen würden. Versuche es mal und warte nicht zu lange mit diesem Schritt. Eine große Last würde von deinen Schultern genommen. 

Antwort
von LustgurkeV2, 38

''Muss ich jetzt homosexuell werden ?'' Bis zu dem Satz dachte ich noch, langer Text aber gut formuliert und auf den Punkt gebracht. :D

Von müssen kann ja keine Rede sein. Sicherlich beeinflusst dein Leben deine Entwicklung aber deswegen wird man nicht zwangsläufig schwul. Das steckt dir entweder im System oder du machst da gerade ne Phase durch. Tiefgründigere Diagnosen kann da nur ein Fachmann stellen.

Antwort
von flunra39, 12

du siehst schon sehr klar in deine Problematik und hast deshab gute Chancen, mal ein "menschlicher" Mann zu werden, d. h. sensibel und sozial verantwortlich für sich selber aber  auch für andere (Partner/Partnerinnen usw.).

Wie alle(!) Menschen, hast auch du durch Erz. und Sozialisdation einiges mitbekommen, dass weniger gesundes Wachstum für Leib, Seele und Geist verspricht, wenn man selbst dann nicht etwas dagegen tut. Da bist di ja bereits auf dem Wg, es zu tun !

Zu deiner sexuellen Orientierung ist zu sagen, dass sie sei wie sie will, also in keinem Fall ein Problem für Dich werden muss bzw. ist. Du hast keine Aufforderrung , von niemandem, dich in eine Schublade stecken zu lassen bzw. ein label auf dir kleben zu haben: Leb das was Dir gut tut, auch bi, auch hetero, auch schwul ist möglich.

Dass ein gutes Psychologen gespräch gggf. für deine grundsätzliche Beziehungsfähigkeit im Leben günstig sein kann, wurde hier schon mal gesagt. Das ist zu überlegen.

Aber du tickst - sozusagen  völlig richtig.

Antwort
von mychrissie, 10

Dein Vater hat schwere Fehler gemacht, aber Deine Mutter auch, indem sie dich als Blitzableiter für den Ärger gemacht hat, den sie mit ihrem Ex-Mann hatte.

Ob und in welchem Maß diese Gemengelage Dein Verhalten und Dein Leben negativ beeinflusst hat, kann niemals in Form einer Ferndiagnose in einem Internet-Frageportal geklärt werden. Da musst Du schon zu einem Psychotherapie-Profi gehen.

Antwort
von webschamane, 25

Ja, klar gibt es den. Wie hoch ist den mittlerweile der Anteil an männlichen Lehrern in der Schule ? Natürlich fehlt dir ein männliches Rollenbild.

Das geht allerdings den meisten so, entweder kein Vater oder ein schwacher Vater. Du brauchst dir nur die Tatsache vor Augen führen, das mittlerweile auch Klein- und Mittelstädte durchaus prunkvolle Familiengerichte beherbergen.

Und nach dem jeder einen kennt, der schon durch den Fleischwolf gedreht wurde, ist man eben verdammt vorsichtig.

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