Frage von kurzerphilosoph, 107

Hat man das Recht als Teil einer demokratischen Gesellschaft über demokratische Ergebnisse zu lamentieren?

Gegner des Brexit unterlagen den Befürwortern knapp, und forderten eine zweite Wahl.

Sanders-Supporter klagen ebenfalls über Clintons eindeutigen Sieg.

Als Befürworter der Demokratie demokratisch entstandene Ergebnisse als unfair abzustempeln, darüber zu lamentieren und sogar Versuche, diese nichtig oder rückgängig zu machen, ist das nicht Heuchlerei bzw. ein Verstoß gegen demokratische Grundsätze?

Eure Meinungen bitte ;)

EDIT: Na gut, das Recht wird man wohl haben. Lass mich es anders formulieren: Wie sind derartige Klagen aus demokratischer Sicht zu bewerkstelligen?

Expertenantwort
von Unsinkable2, Community-Experte für Politik, 19

Hat man das Recht als Teil einer demokratischen Gesellschaft über demokratische Ergebnisse zu lamentieren?

Warum nicht? Eine demokratische Gesellschaft bedingt Meinungsfreiheit. Also auch das Recht auf eine "negative Meinung".

Sinnvoller, weil zielführender, wäre zwar "konstruktive Kritik", also das Aufzeigen eines besseren Weges und/oder Mittels, doch auch "Lamentieren" kann nicht ausgeschlossen werden; selbst, wenn es nervt...

Als Befürworter der Demokratie demokratisch entstandene Ergebnisse als unfair abzustempeln, darüber zu lamentieren und sogar Versuche, diese nichtig oder rückgängig zu machen, ist das nicht Heuchlerei bzw. ein Verstoß gegen demokratische Grundsätze?

Das hängt davon ab, wie weit diese "Versuche" gehen. 

Wenn sie sich - wie bei Clinton - auf zum Teil illegale Tricks stützen, um Sanders an einem "fairen Wahlkampf der Kandidaten" zu hindern, dann ist die Entrüstung wohl ziemlich angebracht.

Wenn sie sich - wie in Großbritannien - auf "Naja, aber viele 'Bremainer' haben ja gar nicht abgestimmt. Und die wollen jetzt doch. Also lasst uns das Referendum wiederholen!" stützen, ist das aus demokratischer Sicht äußerst zweifelhaft. 

(Im Gegensatz dazu: "Aber seht doch: Viele 'Brexiter' wurden durch Lügen in die Irre geführt. Zwei der Hauptverantwortlichen wurden gerade vom Gericht wegen ebendieser Lügen verurteilt. Das Referendum fand also auf einer falschen Basis statt und muss deshalb wiederholt werden." ... Nein, das ist nicht allzu abwegig. Derzeit sind tatsächlich schon die ersten Klagen gegen Farage und Johnson wegen ebendieser Lügen anhängig. Und dass sie gelogen haben, gaben sie bereits selbst zu.)

Wie sind derartige Klagen aus demokratischer Sicht zu bewerkstelligen?

Zunächst einmal wohl, indem man seine emotionale Klage in eine faktenbasierte Klage umwandelt. Das bedarf mehr oder weniger umfangreicher Denkarbeit.

Und dann durch die Umsetzung einer alten indianischen Weisheit: "Urteile nie über jemanden, dessen Mokassins du nicht mindestens 3 Tage getragen hast."; oder anders ausgedrückt: Durch die Umsetzung des Standpunkt-Wechsels: "Wie würde meine eigene Forderung auf mich wirken, wenn ich mit ihr konfrontiert, aber nicht zum Befürworter-Lager gehören würde?"

Und schließlich durch einen ergebnisoffenen Diskurs, wie er zwingend zu einer Demokratie gehört: "Bin ich imstande, auf überzeugende Weise Mehrheiten zu vereinen?" aber auch "Nutzt es wirklich der Gesellschaft mehrheitlich, oder handelt es sich nicht doch eher um Partikularinteressen?"

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Es gab einst in der Wissenschaft einen hehren Anspruch, den ich auch im demokratischen Umfeld sehr begrüßen würde:

  1. Man stellt eine (beliebige) Theorie auf.
  2. Dann bemüht man sich, diese Theorie zu widerlegen. (Nicht: "zu bestätigen", sondern zu widerlegen; man versucht also, sich selbst des Irrtums bzw. Fehlers zu überführen).
  3. Gelingt das weder mir selbst, noch anderen, hat diese Theorie Bestand, bis Punkt (2) greift.

(Ersetze für das demokratische Umfeld einfach "Theorie" durch "Forderung, Behauptung, etc.")

Diese Herangehensweise, die leider immer mehr vernachlässigt wird, hat gegenüber der "Beweis-Versuche" den entscheidenden Vorteil, dass man Belege nicht "zum Vorteil der Theorie auslegen" kann; dass also kein "Streit über gefälschte Statistiken", und damit über eigentlich nebensächliche Themen, entstehen kann. Denn "zum Nachteil der eigenen Theorie" wird niemand freiwillig "fälschen" wollen.

Zugegeben: Es ist ein sehr hoher Anspruch, denn es ist sehr viel leichter, sich in emotionalen Ausrastern zu ergehen und den Gegner obendrein persönlich zu diskreditieren, um seine eigene Theorie auf Biegen und Brechen zu verteidigen; als sich darauf einzulassen, sich selbst ad absurdum zu führen und anderen noch dabei zu helfen. Sowas widerstrebt dem Rückenmark. Dazu braucht man zwingend den Verstand.

Insofern wird es wohl auch weiterhin nur ein Traum bleiben...   

Kommentar von Grautvornix16 ,

Du sprichst vom "Kritischen Rationalismus" - "Falsifikationsprinzip" - a'la Karl Popper? - Das ist Aufklärung in Vollendung! :-) Danke für den Beitrag.

Antwort
von Grautvornix16, 38

Ja, natürlich. Auch Mehrheiten können völlig falsche Entscheidungen auf der Grundlage falscher oder fehlender Informationen treffen. Die Geschichte ist voll mit diesen Beispielen. Demokratie ist nicht gleichbedeutend mit Richtig oder Wahr. - Da die Mehrheitsentscheidung als Kern einer Demokratie ihren Ursprung in der Erkenntnis hat, daß es keinen Menschen in "bevorzugtem Erleuchtungszustand" gibt gilt somit für die Mehrheitsdenker wie die Kritiker in logischer Folge, dass a) demokratische Entscheidungen immer zu akzeptieren sind aber immer auch frei zu kritisieren sein müssen (das macht das Wesen von Weiterentwicklung und Irrtumsrevision aus) und b) die Informationen für qualifizierte Entscheidungen jederzeit frei zugänglich und frei austauschbar sein müssen sowie c) diese Informationen immer auch Zugang zur politischen Wirksamkeit haben müssen.

Das Problem von "Pseudo-Demokratien" ist Punkt "B" und "C" - egal wo auf dem Globus das ist und wie immer auch sich das "System" selbst nennt oder die Menschen die darin leben von seinem Anspruch überzeugt hat.

Gruß

Antwort
von voayager, 5

Ja, da kann man mal sehen, dass es nicht weit her ist mit einer demokratischen Gesinnung, wenn ganz konkrete Interessen berührt werden. Man kann leicht für oder gegen etwas sein, sol ange man davon nicht wirklich tangiert ist, also alles nur abstrakt bewertwet. Meist zählt dies wenig, was wirklich interessant ist, dass ist das Beobachten und Bewerten von Verhaltensweisen der Menschen, wenn es um ihre persönlichen Angelegenheiten geht.

Wenn z.B. per demokratischer entscheidungdie Steuern der Reichen drastisch heraufgesetzt werden, dann möchte ich mal die Gutverdienenden sehen, die auch nur einen Pfifferling auf die demokratische Entscheidung geben. Die meisten sagen sich doch dann: "was interessieren mich schon meine Mitmenschen und deren Entscheidungen, es geht um mein Geschäft, es geht um mein Geld." Und weil das so ist, würde es bei einer mehrheitlichen Wahlentscheidung z.b. für den Sozialismus, danach entweder zu einem Putsch kommen oder einem Bürgerkerieg. Demokratie, so wie wir sie kennen klappt nämlich nur, wenn nichts Grundsätzliches passiert, nichts Grundsätzliches angetastet wird, andernfalls platzt der Kessel.

Im Nachkriegs-Deutschland hatte und hat sich nie was wirklich Gravierendes im parlamentarischen Geschehen ereignet, was Besitzende groß störte, die Besitzlosen wurden zwar mit H-4 und Rentenklau geknüppelt, aber Weichgespülte sind offensichtlich zu keinem ernsthaften Widerstand fähig, während die Reichen und die Wohlhabenden dies sehr wohl sind.

Antwort
von Hamburger02, 32

Na gut, aber zur Demokratie gehört auch Meinungsfreiheit. Und solange nur genörgelt und nicht geputscht wird, muss man das wohl hinnehmen.

Antwort
von thetee99, 36

Es gab beim Brexit aber auch genügend Leute, vorallem junge Wahlberechtigte, die im Anschluss zum Ergebnis sagten, sie hätte nur aus "Spaß" für den Brexit gestimmt, da sie nicht dachten, es würde wirklich dazu kommen.

Genau wie viele aus dem eher bildungsschwachen Metiere, die es anschließend bereut haben, weil ihre Lieblingspolitiker seitdem zurückgetreten sind.

"Was ist die EU", war im UK die Top-Sucheingabe auf Google... NACH dem Brexit...

Bei so einem Volksentscheid werden alle diese Leute gebeten, so ein wirtschaftlich komplexes Thema mit "JA" oder "NEIN" zu beantworten...

Und selbst diese Abstimmungen sind in der heutigen Demokratie nicht absolut transparent, natürlich auch auf Grund der Größe der Nationen. Es ist nicht mehr wie bei den antiken Griechen mit den weißen und schwarzen Steinen, oder bei den Wikingern im Zelt des Jarls... dieses Prinzip einer Demokratie funktioniert meiner Meinung nach nicht mehr, da es zu anonym ist.

Man sieht ja was man davon hat.

Antwort
von zonkie, 35

Ja so ganz kann man das nicht nachvollziehen.

Nur weil ein das Ergebnis nicht gefällt so lange abstimmen lassen bis man das Ergebnis hat welches man sich wünscht kann nicht richtig sein. Denn das wäre eine Endlosschleife. Das man damit nicht zufrieden ist und dies äußern darf ist nur gut.

Das die Abstimmenden Menschen nicht immer überlegt ihre Stimme abgeben ist da wieder etwas anderes.

Gerne lässt man sich von temporären Ereignissen beeinflussen (Beispielsweise Atomunfall - Plötzlich rasen die Grünen in den Wahlergebnissen nach oben). Das solche Stimmen dann langfristig Einfluss auf die Gesamtsitaution haben ist eigentlich auch ein Unding aber zeigt das es sich weiter lohnt drüber zu diskutieren.

Antwort
von CamelWolf, 24

Die Wahrheit ist doch, dass auch demokratische Entscheidungsprozesse (oftmals durch undemokratische Mittel) beeinflusst werden können.

In England wurde z.B. der Brexit dadurch gewonnen, dass eigene politische Versäumnisse (z.B. Gesundheitswesen, Altersversorgung, Frühkapitalistische Strukturen bei den Banken, Verzicht auf Übergangszeit für EU-Einwanderer) der EU angelastet wurden und man nunmehr Essexgirl und Essexboy glauben gemacht hat, dass sich dies alles zu ihren Gunsten ändern würde, wenn man aus der EU austritt.

Antwort
von kevin1905, 25

Lustigerweise war es eins das Brexit-Lager, welches sinngemäß aussagte, man solle das Ergebnis des Referendums nicht werten, wenn eine Seite weniger als 60% der Stimmen bekommen hat und die Wahlbeteiligung unter 75% läge.

Beides war der Fall.

Ebenso ist es meiner Meinung nach undemokratisch, dass den Schotten eine Entscheidung aufgezwungen wird, die 62% der Bevölkerung ablehnen. Auch in Nordirland war die Mehrheit gegen einen Ausstieg.

Dass der Nominierungprozess der demokratischen Partei insbesondere im Bezug auf das Thema Superdelegierte alles andere als basisdemokratisch ist, versteht sich von selbst.

Die Proteste sind also mehr als verständlich. Ob sich da was durchsetzen lässt, juristisch oder politisch ist eine andere Thematik.

Antwort
von fragenfragen135, 8

Also rechtlich betrachtet nein, eine demokratische Wahl wurde abgehalten und die Ergebnisse sind dann auch so umzusetzen. Allerdings wenn man im nachhinein herausfindet das z.B. betrogen wurde, könnte es erneut eine Abstimmung geben.

Aber wenn eine Gruppe/Partei einfach schlecht ihre Überzeugungen dargestellt haben und dann verlieren, haben sie schlichtweg Pech gehabt.

Antwort
von Ahzmandius, 4

Demokratie ist nicht gleich Mehrheitsentscheide.

Mehrheitsentscheide ist nur eine Form der Entscheidungsfindung, weil es im Prinzip keine andere mehr oder weniger effektive Möglichkeit gibt.

Expertenantwort
von DerHans, Community-Experte für Recht, 25

Klar kannst du meckern - das interessiert dann nur niemanden. Das ist ja der Sinn einer Wahl. Herauszufinden, was die MEHRHEIT will.

Kommentar von kurzerphilosoph ,

Nehmen wir an, wir haben 100 Personen für eine Multikulti-Gesellschaft, und 100 Personen für eine Gesellschaft nach nationalsozialistischen Verhältnissen. Geht jetzt eine Person des ersteren zum zweiteren über, hätte zweiteres mit einem Verhältnis von 99 zu 101 gewonnen - und gilt deswegen als richtig?

Kommentar von Maxieu ,

Es geht überhaupt nicht um richtig oder falsch.

Wie kommst du darauf?
Auf dem Feld der Politik werden Interessen durchgesetzt.

Wenn du dir zutraust, das mit undemokratischen Mitteln zu tun, musst du damit rechnen, dass es für dich ungemütlich wird.

Antwort
von Aleqasina, 45

Natürlich darf man seine eigene Meinung weiterhin vertreten, auch wenn Abstimmungen andere Ergebnisse als die erwünschten bringen.

Aber was mir in der Gesellschaft zu sehr fehlt, ist eine Leidenschaft für die Demokratie, zu der auch das bereitwillige Ertragen der Andersdenkenden gehört.

Ständiges Gequake über "das (demokratische!) System" arbeitet dem Totalitarismus, gleich welcher Couleur, in die Hände.


Antwort
von AntiBan, 26

Der Grundsatz einer Demokratie ist ja das umzusetzen was die meisten menschen befuerworten. Und wenn bei einer 2. Abstimmung manche Leute sich noch einmal umentschieden haben dann ist das ihr recht. Dadurch wird es ja eigentlich nur gerechter weil es mehr der realitaet entspricht

Antwort
von Artus01, 26

Das mag zwar Heuchelei sein, verboten ist es aber nicht. Sowas ist, zumindest in der BRD, durch das Grundrecht der freien Meinungsäußerung abgedeckt.

Antwort
von Kitharea, 12

Das "Recht" kann dir keiner nehmen. Also mach wenn's dir damit besser geht. Wird halt auch ne Reaktion dazu geben. Wird Menschen geben die finden's ok und welche die meinen das geht gar nicht.

Antwort
von kubamax, 16

Ja, man hat das Recht zu lamentieren. Gerade die Lamentierrechte sind Kennzeichen einer Demokratie. Und man darf auch in einer Demokratie werten, wie zB der Heuchelei bezichtigen. Aber bitte nur mit Argumenten. Ohne Argumente geht nix in einer Demokratie. Ohne Argumente wirds populistisch und geht Richtung totalitär und unpluralistisch.

Antwort
von josef050153, 4

Jammern ist ein durch das Grundgesetz geschütztes Recht.

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