Frage von zoffie, 97

Hat jede Gesellschaft den Journalismus den sie verdient!?

Wir haben gerade das Thema Journalismus im Studium und ich frage mich, ob die verschiedenen Gesellschaften, die ja in den untersch. Ländern existieren alle den gleichen Journalismus verdienen oder ob jedes Land einen anderen verdient? Hätten wir eine Diktatur mit Zensur, würden wir doch trotzdem den aufklärenden und objektiven J. verdienen. Ist nur die Frage, wie man diesen durchsetzen kann oder? Jeder hat doch den gleichen J. verdient oder gibt es da andere Meinungen?

Expertenantwort
von PeVau, Community-Experte für Politik, 70

Was heißt denn hier verdienen? Hohe journalistische Qualität und Unabhängigkeit ist ein Ideal und keine Folge des Verdienstes einer Gesellschaft, sondern Folge der Eigentumsverhältnisse in einer Gesellschaft und der daraus resultierenden Machtverhältnisse.

Schon 1842 schrieb Marx, „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.“ Nun ist sie aber immer mehr zum Gewerbe verkommen und hat auch immer mehr ihre Freiheit verloren, was man sehr gut an unserer heutigen Presse- und Medienlandschaft sehen kann. Ehemalige Flaggschiffe eines halbwegs unabhängigen Journalismus sind zu politisch-ideologischen Kampfblättern transatlantischer und neoliberaler Scharfmacher mutiert.

Bereits 1956 schrieb Paul Sethe, einer der Gründungsherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, im Hinblick auf die beständigen Konzentrationsprozesse auf dem Medienmarkt: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.“

Lies dich doch einfach mal in das Propagandamodell von Herman und Chomsky ein:

Sie [Herman und Chomsky] gehen davon aus, das die Medien den Interessen der einflussreichen gesellschaftlichen Gruppen dienen, von denen sie kontrolliert und finanziert werden und aus deren Sichtweise und in deren Interesse berichten. Normalerweise wird dies ihrer Ansicht nach nicht durch rohe Interventionen erreicht, sondern durch die Auswahl des richtig denkenden Personals durch die Herausgeber und der Verinnerlichung von Prioritäten und Definitionen von Nachrichtentauglichkeit die der institutionellen Politik der Medien entsprechen

http://www.theopenunderground.de/@pdf/udog/chomskymedienanalyse.pdf

Wie man aufklärenden und objektiven Journalismus durchsetzen kann? Man muss ihn aus seiner grundlegendsten Abhängigkeit, nämlich seiner ökonomischen Abhängigkeit befreien.

Kommentar von PeVau ,

Hier ist ein kleiner Aufsatz zu diesem Thema. Aber Vorsicht - links! ;-)

http://www.sopos.org/aufsaetze/50f68d4384cbd/1.phtml

Antwort
von zehnvorzwei, 82

Ach, zoffie, das ist so ein Schlagwort, hinter dem nichts steckt. Diktatoren wussten schon seit eh und je, warum sie stets zunächst die öffentliche Meinung und deren Verbreitungsmöglichkeiten unterdrücken - weil sie kaum etwas mehr fürchten als diese "vierte Gewalt". Die allerdings kann man (mund)tot machen. Freier Journalismus = Meinungs- und Informationsfreiheit betrachten wir als ein Grundrecht und Wesensmerkmal der freiheitlichen Demokratie - einschließlich all seiner Facetten, von Klatsch-, Tratsch-, Sexpresse bis hin zu unsäglicher politischer Agitation. Und so. Grüße!

Antwort
von voayager, 69

Wir haben eine Diktatur, du Schlaumeier, wenn auch eine versteckte.

Ansonsten gilt. der manipulierte tapfere Bundesbürger hat schon seine BNLÖD-Zeitung verdient.

Das sich schlaudünkende Bildungsphilistetum hat sich sien Focus, Spiegel, Stern und Zeit gleichfalls verdient.

Kommentar von earnest ,

Ach weißt Du, als sich schlaudünkender Bildungsphilister würde ich zum Beispiel zwischen Focus und Zeit doch gewisse Unterschiede machen wollen.

Du nicht?

Kommentar von voayager ,

Ja doch, bei einer Feinanalyse ist das gewiß so, da pflichte ich dir natürlich bei. Du weisst doch aber auch, dass die Zeit die Helmut Schmidt Zeitung quasi  ist.

Und ja, ich bin dort als Leserbriefschreiber rausgeflogen, während ich beim Tagesspiegel nicht dieses Problem habe. Auch das ist bei meiner Aussage stets präsent.

Antwort
von nikfreit, 97

Du gehst von der Prämisse aus, es gäbe einen unabhängigen und objektiven Journalismus, diese Prämisse ist leider falsch. Die Regierungsform spielt eine eher untergeordnete Rolle. Es ist völlig gleich, wer die Berichterstattung beschneidet, es geschieht einfach. Denn es gibt nachweislich ungute Verflechtungen zwischen Politik, Wirtschaft und Medien, auch wenn das bis zum heutigen Tag vehement bestritten wird. 

John Swinton sagte das schon 1880 in seiner brillanten Rede die nichts an Aktualität verloren hat und der mußte es ja wissen. John Swinton war in den 1860er Jahren Chefredakteur der New York Times. 1880 war er Ehrengast bei einem Bankett, das für ihn ausgerichtet wurde und als jemand eine Lobrede über die unabhängige Presse hielt, antwortete er folgendes:

"So etwas gibt es bis zum heutigen Tage nicht in der Weltgeschichte, auch nicht in Amerika: eine unabhängige Presse. Sie wissen das, und ich weiß das. Es gibt hier nicht einen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben. Und wenn er es täte, wüsste er vorher bereits, dass sie niemals im Druck erschiene. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, dass ich meine ehrliche Meinung aus dem Blatt, mit dem ich verbunden bin, heraushalte. Andere von Ihnen erhalten ähnliche Bezahlung für ähnliche Dinge, und wenn Sie so verrückt wären, Ihre ehrliche Meinung zu schreiben, würden Sie umgehend auf der Straße landen, um sich einen neuen Job zu suchen. Wenn ich mir erlaubte, meine ehrliche Meinung in einer der Papierausgaben erscheinen zu lassen, dann würde ich binnen 24 Stunden meine Beschäftigung verlieren. Das Geschäft der Journalisten ist, die Wahrheit zu zerstören, schlankweg zu lügen, die Wahrheit zu pervertieren, sie zu morden, zu Füßen des Mammons zu legen und sein Land und die menschliche Rasse zu verkaufen zum Zweck des täglichen Broterwerbs. Sie wissen das, und ich weiß das, also was soll das verrückte Lobreden auf eine freie Presse? Wir sind Werkzeuge und Vasallen von reichen Männern hinter der Szene. Wir sind Marionetten. Sie ziehen die Strippen, und wir tanzen an den Strippen. Unsere Talente, unsere Möglichkeiten und unsere Leben stehen allesamt im Eigentum anderer Männer. Wir sind intellektuelle Prostituierte."

Kommentar von earnest ,

Eine völlig einseitige Sicht der Dinge. 

Immerhin gibt es Journalisten, die NICHT gekauft sind und die NICHT "intellektuelle Prostituierte" sind.

Aber die schrecklichen Vereinfacher haben offenbar auch bei GF Hochkonjunktur.

Kommentar von nikfreit ,

Ich muß nicht bei jeder Kritik die letzten zwei, drei Guten erwähnen und explizit ausschließen, wobei die Guten inzwischen fast alle abgewandert sind und alternative Projekte betreiben.

earnest, für Dich die geniale "die Anstalt" Folge/April 2014: Das Netzwerk der korrupten deutschen Journalisten - sehr lohnende knapp 7 Minuten. Sehenswert und sehr witzig.

https://m.youtube.com/watch?v=5\_c2-Yg5spU

Antwort
von Hegemon, 70

Ich kann mit der Frage nach dem "verdienen" nicht viel anfangen. Und daß Du glaubst, wir hätten hier "aufklärenden und objektiven Journalismus", find ich irgendwie niedlich.

Wo ist denn der Unterschied zwischen offizieller Zensur und der Selbstzensur durch die Schere im Kopf, weil man um die Karriere bangt? Das Ergebnis ist doch das gleiche.

Und welcher Leser ist denn im Vorteil? Derjenige der weiß, daß in der Zeitung Lügen stehen, weil sie so plump sind - oder derjenige, der es nicht merkt, weil die Lügen geschickter formuliert sind?

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