Frage von PatrickMcKee, 117

Hat der deutsche Bauernkrieg 1525, die heutigen Menschenrechte hervorgebracht?

Also waren die 12 Artikel von Memmingen, die Urform. 

Antwort
von Grautvornix16, 27

Hi,- bevor du in die Details der Bauernkriege einsteigst - und da findest du bei Wiki sicher Megabytes an Informationen - möchte ich dir eine Begleitkommentierung an die Hand geben da ich denke, dass deine Frage sich nicht nur aus den Abläufen der damaligen Zeit erklärt.-

Die Idee der Gerechtigkeit ebenso wie auch die Idee von Kernelementen, die diesem Begriff zugehören müssen, damit er das ist was er sein soll, war im Laufe der Geschichte des Öfteren Grundlage von Erhebungen und Widerstand.

Das Problem an der Geschichtswissenschaft ist, dass sie, der Natur der Sache entsprechend, immer rekursiv arbeiten muß und in der Rückschau lassen sich viele Dinge zu verschiedenen Interpretationssträngen verbinden. Das ist ein essentielles technisches Theorieproblem dieser Wissenschaftsbereiche und die Schwachstelle gegenüber ""schlechten aber gekonnt vorgetragenen Spekulationen". Historische Daten nachträglich zu einem Argumentations- und Sinnzusammenhang zu verbinden erleben wir auch bei der Formulierung von Theorien, die wir gemeinhin als "Verschwörungstheorien" bezeichen (Amis auf dem Mond? / Anschläge Nine-Eleven selbst gemacht? usw.) Selbst die "Creationisten" in den USA glauben überzeugende "Zusammenhänge" gefunden zu haben, die gegen die Evolutionstheorie sprechen! -

Warum führe ich das aus?  Weil ich aus meiner Sicht sagen würde: nein,- den Zusammenhang im Sinne deiner Frage kann man nicht herstellen. - Warum? Wegen Erfolglosigkeit durch Wiedervergessen. - Es fehlt eine kontinuierlich nachweisbare Entwicklungslinie bis zur Deklaration der Menschenrechte wie wir sie heute kennen. Mitschuld daran tragen u. a. auch Berühmtheiten wie Martin Luther oder Phillip Melanchthon (Protagonisten der Reformation), die sich letzlich auf die Seite der Fürsten schlugen und die - aus meiner Sicht - stattdessen die zynische Theorie von der "Freiheit des Christenmenschen" zur allgemeinen Verbreitung verhalfen. - Ein Thomas Münzer hingegen (ehem. Schüler Luthers und zeitweise mit ihm befreundet) blieb auf sich gestellt und wurde hingerichtet.

Ja, es gab die 12 Artikel von Memmingen und darin waren auch 2-3 Artikel enthalten, die auf die Infragestellung einer angeblichen "natürlichen" Ungleichheit der Menschen abzielten. Die meisten Artikel zielten jedoch naturgemäß auf die unmttelbare Beseitigung ganz alltagspraktischer Drangsalierungen und nicht auf die Durchsetzung einer universellen Idee.- Vielleicht ein erstes Aufflacker einer Idee. Danach kam dann aber lange lange nichts mehr. Und auch die Weberaufstände in Schlesien waren ein Aufflackern. Eine nachhaltige und bleibende Veränderung sowohl im Denken der Menschen als auch mit entsprechenden Folgeauswirkungen auf konstitutionelle Aspekte der Begründung von Macht entstand nicht weil es auch nicht Schwerpunkt der Auseinandersetzung war und von wichtigen Eliten (Luther etc.) nicht mitgetragen und weiterentwickelt wurde.


Die Einpflanzung der Menschenrechte als universelles Naturrecht und damit als Grundlage und Maßstab für den Rechtsalltag eines politischen Gemeinwesens im Bewußtsein der Menschen und damit auch mit Auswirkung auf die Entwicklung eines kritischen Bewußtseins gegenüber "gottgewollten" Herrschaftslegitimierungen ergab sich aus meiner Sicht erst mit der zunehmenden Entwicklung und Ausprägung eines Bürgertums und seinen zunehmenden Emanzipationsbestrebungen gegenüber  jeder Form eines unumschränkten, monarchistischen Alleinherrschaftsanspruches. Den "Point Of No Return" erreichte diese Bewußtseinsentwicklung mit der französischen Revolution und der anschließenden Umformung der Philosophie als Projekt der Aufklärung.

Philosophie wurde durch Decartes "Cogito ergo sum" zum Autonomieprojekt des Menschen und mit der " Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) zum Emanzipationsprojekt gegenüber allen Vertretern, die für sich die Deutungshoheit über Sinn und Recht menschlicher Lebensumstände auf einer glaubensdogmatischen Grundlage behaupteten. Mit Descartes wurde Philosophie als Rationalitätsprinzip Zum Mittel der Überwindung von Religion. Ein Luther hätte von da ab keine Chance mehr gehabt - ein Bauernaufstand mit seinen Memminger Thesen sehr wohl. - Dass das Projekt "Aufklärung" noch lange nicht als vollzogen erscheint und die heutigen Verhältnisse eher wieder einen Rückfall vermuten lassen ändert daran nichts.

Aber ein bischen kommt es mir heutzutage schon so vor als wenn wir wieder vor der Wahl stünden ob das "Projekt" Aufklärung am Ende wieder nur ein
"Bauernkrieg"  gewesen war oder mehr.

Nun sind aber die Menschenrechte als nicht relativier- und hintergehbares Faktum in der Welt und wir haben einen Maßstab an dem wir das Handeln gesellschaftlicher Machteliten und seine Auswirkungen auf den Alltag der einfachen Menschen messen können. Ob wir dieses Instrument unserer Emanzipation auch nutzen muß jeder für sich selbst entscheiden.

Da bin ich jedoch ein wenig optimistisch gestimmt. Und vielleicht können die Schüler in 200 Jahren diese Entwicklungslinie menschlicher Emanzipation etwas leichter identifizieren als die Schüler heute. ;-)

Gruß

Antwort
von Dxmklvw, 22

Forderungen nach diversen grundsätzlichen Rechten gab es zu allen Zeiten, und sie wurden stets in Zeiten besonderer Unruhen (Bürgerkriege usw.) sehr laut.

Tatsächlich sehe ich die Ursache für die Entstehung der Menschenrechte in den Zeiten, wo plötzlich die Reichen und Mächtigen geschliffen wurden, und eben diese waren dann ja auch ursächlich daran beteiligt, daß solche Rechte formuliert und vereinbart wurden.

Ich sehe diese Menschenrechte deshalb primär als eine Selbstschutzmaßnahme herrschender Kreise an, bei denen man nicht umhin kam, sie als Rechte für alle Menschen zu deklarieren, wenn auch deutlich erkennbar ohne allzu intensive Absicht, sie auch für alle Menschen konsequent zu verwirklichen.

Kommentar von atzef ,

Dann lernst du wohl Geschichte auf dem Kopf stehend...:-)))

Kommentar von Dxmklvw ,

Geschichte ist das, was Reiche und Mächtige in Büchern festgehalten haben und was dann von vielen blind geglaubt wird.

Ich lerne Geschichte aus dem, was einerseits an Aussagen vorhanden ist, jedoch stets unter dem strengen Gesichtspunkt, was als Folge in der Gegenwart wirklich passiert und wie Menschen wirklich ticken.

Geschichte ist damit für mich eine Ansicht, eine Meinung, und ich hüte mich davor, das offiziell Gesagte ungeprüft als Wahrheit anzunehmen.

Kommentar von AkifABl61 ,

Ja, das merkt man gleich... :)

Antwort
von atzef, 15

Na ja, eine lineare Entwicklung hin zur Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in der Französischen Revolution und weiter bis zur Menschenrechtserklärung der UNO gibt es sicher nicht.

Aber die 12 Artikel verdeutlichen schon, dass die Idee von individueller Freiheit, Emanzipation, von Rechtsgleichheit weit verbreitet war und einen langen Anlauf nehmen musste, um zur vorherrschenden Wirklichkeit in Europa zu werden...

Antwort
von peace1187, 45

Weniger! 

Als Historische Wegbereiter für die Heutigen Menschenrechte gelten beispielsweise die Magna Carta (1215), die Petition of Right (1628), die Verfassung der USA (1787), die Französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789) und die US Bill of Rights (die ersten zehn Zusatzartikel der Verfassung der USA) (1791).

Kommentar von Phoenix130501 ,

Gehörte dazu nicht noch auch die Verfassung vom 3. Mai 1791 von Polen-Litauen oder irre ich mich?

Kommentar von peace1187 ,

Zum Teil, was die Bürgerrechte angeht. In dieser Verfassung bekommen erstmalig (reiche) bürgerliche Leute neben dem Adel ein Mitspracherecht. Das galt aber wie gesagt nur für gutbetuchte Bürger. Bauern und arme Leute blieben in der Verfassung weiter außen vor. 

Aber trotzdem war es seiner Zeit ein kleiner Fortschritt Richtung Gleichberechtigung und Bürgerrechte.

Antwort
von Fuchssprung, 47

Den Ruf nach Freiheit und Menschenrechten hat es seit der Antike immer wieder gegeben. Da waren diese Forderungen nichts Neues.

Antwort
von Karl37, 46

Nein, die Menschenrechte haben historische Wurzeln, aber nicht in Deutschland.

1215 Magna Charte Libertatum in England

1776 Unabhängigkeitserklärung der USA, von Jefferson formuliert.

Die Verfassung vom 27.12.1848 der deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche zu Frankfurt scheiterte an den deutschen Fürsten

Kommentar von voayager ,

Die Verfassung scheiterte weniger an den Fürsten, die natürlich nicht tatenlos zuschauten, sondern an dem Unvermögen, der sogenannten Revolutionäre revolutionär zu sein. Stattdessen erstritten sie sich untereinander und palavert tapfer drauflos, so dass die Reaktion Zeit genug hatte, diesen Schwatzverein aufzumischen. Meine Güte was waren das nur für armselige Stümper.

Kommentar von PatrickMcKee ,

voayager, das ist keine geschichtliche Objektivität, sondern dein persönlicher Senf. 

Antwort
von hutten52, 41

Die Memminger Forderungen sind verblüffend fortschrittlich. Sie wirkten in Deutschland weiter und bereiteten den Boden vor für die Abschaffung der Leibeigenschaft und für die Religionsfreiheit. Auch der Gedanke eines vom Volk gewählten Parlaments ist schon enthalten. 

Parallel dazu gab es ähnliche Programme in England und Frankreich. Weil die englische und die französische Revolution erfolgreich waren, wirkten sie international stärker als die Bauernkriegsforderungen. 

Kommentar von PatrickMcKee ,

Weil die englische und die französische Revolution erfolgreich waren, wirkten sie international stärker als die Bauernkriegsforderungen. 

Das ist schlüssig. Danke

Kommentar von atzef ,

Hintergrund für die größere Wirkungsmächtigkeit der englischen und französischen Entwicklungen ist sicher auch der Umstand, dass die fortschrittlichen Impulse des Bauernkrieges buchstäblich während des verheerenden Dreißigjährigen Krieges komplett zunichte gemacht wurden und die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland sehr ins Hintertreffen geriet.

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