Frage von Rosenblad, 155

Hat der Auftrag aus Matth. 28:19,20 für Christen irgendeine praktische Relevanz?

Ein späte Nachbemerkung: Wolfgang Reinbold führt zu diesen Text folgendes aus: "Bei den Mt 28,19–20 vergleichbaren Texten im Markus-, Lukas- und Johannesevangelium handelt es sich nicht um Missionsbefehle" (Wolfgang Reinbold "Propaganda und Mission im ältesten Christentum : eine Untersuchung zu den Modalitäten der Ausbreitung der frühen Kirche"(Göttingen,  Vandenhoeck & Ruprecht, 2000, 386 S.  - Zitaquelle auf S.297)

Womit deutlich wird, das meine Fragestellung sich als obsolet aufzeigen lässt.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von eleteroj, 63

hallo Rosenblad, katholische und evangelische Kirchen leiten ihren Auftrag davon ab, und er ist insofern relevant für alle Christen, als sie die Mission mittragen sollen: entweder aktiv als Missionare oder durch Gebet und Spenden der 'Laien'.

Da bereits die Urgemeinde streng hierarchisch strukturiert war, erscheint eine aktive Mission durch Laien mindestens problematisch - der 2. Missionsauftrag richtete sich nämlich ausschliesslich an die Apostel.

Mit Mission ist hier die aktiv werbende Bekehrung zum Glauben zu verstehen, nicht die werbende Überzeugungskraft der eigenen Lebensführung, wie etwa bei Buddhisten oder Yoga-Anhängern.

Wobei mich persönlich erstaunt, wie wenig die Grosskirchen Westeuropas auf dem Rückzug dem Islam auf dem Vormarsch missionarisch entgegensetzen - es werden lediglich spirituelle Blutsbrüderschaften ('abrahamitische' Religionen) herbeiphantasiert: offenbar genügt es nicht einen "Missionsbefehl" zu haben, sondern man müsste schon auch von der eigenen Mission völlig überzeugt sein.

Textkritisch interessant ist es allerdings, dass der 1.Missionsauftrag des auf Erden wandelnden Jesus aber genau diese Mission der Gojim (Nicht-Juden) strikt ausschloss, und es wurde auch kein Taufbefehl an die 12 Apostel erteilt, sondern die Verkündigung einer Theokratie:

"Geht nicht zu den Nicht-Juden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet: Das Königreich Gottes ist nahe. Heilt Kranke, belebt Tote, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!" (Mt 10. 5-15)

Die Mehrzahl der Textkritiker sehen in der Taufformel "und taufet sie im Namen..." um eine Textinjektion nicht vor dem 3.Jahrhundert, da die trinitarische Formel erst auf dem Konzil von Nikäa aufgestellt wurde, unter freundlicher Formulierunghilfe des ungetauften Kaisers Konstantin.



Kommentar von Rosenblad ,

Man merkt schon meinen Abstand (und Unwissen) zu dieser Religion - die Fragen haben ja auch einen anderen Hintergrund. Im Grunde versuch ich diese, sagen wir einmal Bikonditionalität und Ambivalenz zu verstehen, die aber - und das durfte ich von Dir bisher lernen - augenscheinlich in der römisch-kaiserlichen Transformation des einstigen sozialgemeinschaftlichen "Ur-Christentum" zu einem institutionellen "Staatschristentum" , das fortan alle politischen, sozialen, ökonomischen (z.T. auch rechtlichen) Figuren der römischen Folgepolitikums (wie dem fränkischen Reich) gern und willig rezipierte - bei allen Erneuerungsversuchen (z.B. der Katharer oder Waldenser). Die postchristlichen Strömungen, Bewegungen und Konfessionen des sog. Industriezeitalters einzuordnen will mir allerdings noch immer nicht gelingen - psychisch und sozial ja, aber im religiösen Format eher nein. (die kleine Schrift macht mir massiv zu schaffen - die Schreibfehler merkt man immer erst später, irgendwann brauche ich wohl doch eine Brille).

Kommentar von eleteroj ,

Lutheraner, Calvinisten (Puritaner) definieren ihr Verhältnis zur herrschenden Klasse, auch in der Neuzeit, nach dem Römerbrief:

"Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen."

Dadurch ordnen sie sich als staatstragende Kraft relativ leicht jeder beliebigen Gesellschaftordnung ein und unter, reklamieren für sich aber ein „Wächteramt“, das Mahnrufe an Herrschende und Untertanen richtet, wenn es denn soll sein.

Die kath.Kirche hat mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, deren Werte (Menschenrechte, bürgerliche Freiheiten) erst spät ihren Frieden gemacht, und zwar vermittels den italienischen Faschisten, die den Vatikanstaat juristisch und finanziell etablierten. Die bürgerliche, laizistische Werteordnung hat die kath.Kirche allerdings theologisch nie nachvollziehen können. Die entsprechenden Versuche, wie in der Befreiungstheologie südamerikanischer „linker“ Kirchenleute, wurden zum Scheitern gebracht.

Die Theologie von Thomas Müntzer, des Theologen des deutschen Bauernkrieges, fand keine christliche Fortsetzung in der Neuzeit. Die „Erben“ dieser Theologie waren Karl Marx und Friedrich Engels.
Müntzer stützte sich auf die sozialrevolutionäre Linie im Evangelium und vor allem im Jakobus-Brief:

Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommen wird!
Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind mottenfräßig geworden. Euer Gold und Silber ist verrostet, und sein Rost wird euch zum Zeugnis sein und wird euer Fleisch fressen wie ein Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in den letzten Tagen.
Siehe, der Arbeiter Lohn, die euer Land eingeerntet haben, der von euch abgebrochen ist, der schreit, und das Rufen der Ernter ist gekommen vor die Ohren des HERRN Zebaoth. Ihr habt wohlgelebt auf Erden und eure Wollust gehabt und eure Herzen geweidet am Schlachttag. Ihr habt verurteilt den Gerechten und getötet, und er hat euch nicht widerstanden.

Kommentar von Rosenblad ,

Wie wäre denn in diese aufschlussreichen Aussagen Jan Hus einzuordnen?

Kommentar von eleteroj ,

die Predigt von Jan Hus war heterogen. Nach seiner Hinrichtung bildeten sich zwei Gruppen; die Taboriten waren sozialrevolutionäre Christen, die Kalixtiner vertraten eine Position, die später von Luther ähnlich bezogen wurde, ihre Machtbasis waren die böhmischen Adligen gegen das katholische Kaiserreich.

Kommentar von eleteroj ,

@Rosenblad, danke sehr für die Auszeichnung  :)

Antwort
von danhof, 80

"Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" (Matth. 28:19-20)

Ja, selbstverständlich hat der Auftrag Relevanz. Es ist jedoch mit Fingerspitzengefühl vorzugehen, weil viele Menschen sich sonst belästigt fühlen. Sie wollen sich oft nicht missionieren lassen.

Dafür muss man als Christ natürlich Verständnis haben. Ich würde nie jemanden dazu zwingen, sich meine Ausführungen über Jesus anzuhören. Ich meine aber, das merkt man im Gespräch auch sehr schnell.

Es ist vielen natürlich auch ein Bedürfnis über Gott und die Bibel zu reden, besonders wenn sie sich vor kurzem erst bekehrt haben, weil ihr Herz überläuft vor Freude.

Antwort
von quopiam, 46

Selbstverständlich hat er praktische Relevanz. Doch Du mußt bei der Auslegung und vor allem bei der Praxis der Erfüllung dieses Auftrags den Fehler vermeiden, diesen Vers isoliert zu betrachten. "Macht alle Welt zu Jüngern" bedeutet nicht, daß man Zwang oder Nötigung anwenden soll. ;-) Christen sind aufgefordert, ein Zeugnis ihres Glaubens abzulegen und zwar durch ihre Werke und die Liebe, die sie ihren Mitmenschen entgegenbringen. Wenn Du einen Satz der Evangelien, der Briefe oder des Alten Testamentes aus seinem Zusammenhang brichst, läufst Du Gefahr, ihn mißzuverstehen. Das ist nicht anders als bei einem Bild: Nicht ein paar einzelne Pinselstriche sind das Interessanteste, sondern das gesamte Bild! Gruß, q.

Kommentar von Rosenblad ,

Dieser Satz, resp. Auftrag ist eindeutig und kann nach meinen Dafürhalten nicht aus dem Kontext heraus isoliert werden - von Zwang oder Nötigung ist auch nie die Rede gewesen. Die Frage ist vielmehr welcher Mensch der sich als Christ deklariert handelt dementsprechend (das trifft auch auf andere Themen wie dem Streben nach Wohlstand oder Pazifismus zu). Unsere Gesellschaft ist ein Abbild der Werte und die werden - v.a. in Abgrenzung zum Islam auch immer wieder stark konnotiert - sicherlich in den Dogmen zu recht.

Das Idiom dieser Gesellschaft ist aber eine auf unendliches Gewinnwachstum ausgerichtete Disponierung - wo bleiben dann die christlichen Werte? Allein in der Stigmatisierung von z.B.  Abtreibung, Homosexualität und "Unglauben"?

Kommentar von quopiam ,

Mit einem Stigma behaftet sollte eigentlich die Gewinnmaximierung sein. Die ist in der Lehre der Christen nicht vorgesehen, auch wenn Calvin sie darin gefunden haben mag. - Wenn man denn schon von Stigmatisierung reden möchte.

"Das Christentum" gibt es ohnehin nicht. Die verschiedenen Richtungen legen die Grundlagen ihres Glaubens verschieden aus. "Christliche Werte" können so kein allgemein gültiges Programm sein, sondern nur eine vage Andeutung der Richtung, in die eine Gesellschaft gehen soll. Eine radikale - oder sagen wir: politische - Auslegung der Jesus-Lehre liefe den Forderungen der gegenwärtigen Gesellschaft in vielem entgegen. Der Umgang Jesu mit Frauen, die abgetrieben haben, mit Homosexuellen und Andersgläubigen wäre jedenfalls ein anderer als der, den viele pflegen, die sich Christen nennen. "Toleranz" bedeutet "Duldsamkeit" und das ist zweifellos eine christliche Tugend, oder? Gruß, q.

Antwort
von Bswss, 68

Ja, es geht um die christliche Missionierung der Welt , die aber durch "Missionierung" von anderer Seite (Stichwort: Umma)  zurzeit längst überholt ist.

Kommentar von danhof ,

In einem Land mit Religionsfreiheit steht es natürlich auch Muslimen frei, Werbung für ihren Glauben zu machen.

Deshalb ist die christliche Mission noch lange nicht gescheitert, überholt oder am Ende.

Kommentar von Rosenblad ,

Gibt es außer dem vom daʿā abgeleiteten "Rechtsinstitut" des daʿwa überhaupt so etwas wie einen Missionierungsauftrag im Islam?

Kommentar von Bswss ,

Dann nenne mir mal EIN Gebiet der Erde , wo zurzeit erfolgreiche christliche Mission (im Sinne von katholisch bzw. lutherisch) stattfindet.

Antwort
von Whitekliffs, 17

Ja natürlich. 

Es ist unser Auftrag, anderen Menschen von Jesus weiter zu erzählen. Was sie damit machen, ist dann ihre freie, persönliche Entscheidung. 

Die Menschen, die Jesus als Herrn und Retter angenommen haben, sollen dann unterwiesen werden in allem, was Jesus gelehrt hat und es auch tun.

Es ist unser Auftrag als Christen und wenn wir den nicht (in Weisheit und unter Leitung des Heiligen Geistes) nicht erfüllen, dann stimmt was nicht.

Antwort
von Philipp59, 22

Hallo,

dieser Text beinhaltet den christlichen Predigtauftrag Jesu an seine Jünger. Wie ernst nahmen die ersten Christen diesen Auftrag? Nur wenige Jahrzehnte später schrieb der Apostel Paulus in seinem Brief an die Kolosser, dass die gute Botschaft "in der ganzen Schöpfung, die unter dem Himmel ist, gepredigt worden ist" (Kolosser 1:23). Die damaligen Christen predigten mit solch einem Eifer, dass Gottes Wort praktisch in der gesamten damaligen Welt gepredigt worden war. Ein herausragendes Beispiel war der Apostel Paulus. Es unternahm insgesamt drei große Missionsreisen, bei denen er die gute Botschaft unermüdlich predigte und sogar neue Versammlungen gründete. Aber auch alle übrigen Christen zeigten großen Einsatz. Als z. B. die neugegründete Versammlung in Jerusalem durch Saulus häufig erfolgt wurde und aus der Stadt fliehen musste, sagt der Bericht: "Diejenigen indes, die zerstreut worden waren, gingen durch das Land und verkündigten die gute Botschaft des Wortes." (Apostelgeschichte 8:4)

Nach dem Tod der Apostel setzte dann in der Christenversammlung der vorhergesagte Abfall ein - siehe 2. Thessalonicher 2:3. Die reine christliche Lehre schwand mehr und mehr und auch der Eifer beim Predigen ließ nach. Es entstand im Laufe der Zeit eine Geistlichenklasse, der man das Predigen überließ. Diese predigten jedoch nicht mehr an der Front (d. h. von Haus zu Haus), sondern benutzten Kanzeln, um eine verfälschte Form des christlichen Glaubens zu verkündigen. Ein Erkennungsmerkmal echten christlichen Glaubens ist nach wie vor der Dienst der Verkündigung, denn Jesus sagte ja in dem von Dir angeführten Text, dass er während der Durchführung seines Auftrags bei Ihnen sein würde, ja sogar bis zum "Ende der Welt". Das zeigt also, dass wahre Nachfolger Jesu Christi so lange predigen sollten, wie diese Welt besteht.

LG Philipp

Kommentar von Rosenblad ,

Danke für die Antwort - aber wer war in der "Urgemeinde" eigentlich der Verkünder? Nur die Apostel oder Jedermann?

Kommentar von Philipp59 ,

Jeder in der Urgemeinde war ein Verkündiger der guten Botschaft. In seinem Predigtauftrag an seine Jünger aus Matthäus 28:19,20 geht ja hervor, dass sie diejenigen, die sie zu Jüngern machen würden, "alles lehren" sollten, was Jesus ihnen geboten hatte. Das schloss natürlich auch das Predigen mit ein.

Kommentar von Rosenblad ,

Nach akribischen Untersuchungen  Wolfgang Reinbolds (in: Ders. "Propaganda und Mission im ältesten Christentum : eine Untersuchung zu den Modalitäten der Ausbreitung der frühen Kirche"(Göttingen,  Vandenhoeck & Ruprecht, 2000, 386 S.  - hier bes. S.297,298)  müsste unsere Sicht auf Matth. 28, 19,20 verändert werden.

Antwort
von 1988Ritter, 41

Der Missionsbefehl

16Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.

17

Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.

18

Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen:

Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

19

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes

20

und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Das ist es was Du tatsächlich erfragen willst.

Dieser Missionsbefehl ist tatsächlich noch gegeben und wird auch praktiziert.

Allerdings muss man bei den Christen dahingehend unterscheiden, wer da was macht. Ein ganz normales Christenmenschlein klemmt sich nicht die Bibel unter den Arm und geht auf Missionierungstour. Diese normalo Christen machen eher durch ihre Werte und ihre Lebensart auf sich und das Christentum aufmerksam.

Klassische Missionierungsarbeit wird dann von den Profis durchgeführt. Das sind dann Menschen die ein kirchliches Amt innehaben, und auch genau wissen was sie tun müssen.

Kommentar von Rosenblad ,

Also eine Frage des exegetischen Pragmatismus - bei anderen Bibelaussagen sind manche konservative Christen weniger exegetisch (wie Röm. 1:27) oder bei Abtreibung (solch eine "Veranstaltung" durfte ich einmal miterleben). Ist schon aufschlußreich wie mancher Christ sich die Bibel schwärzt und an anderer Stelle rot anstreicht. Wie sagte einmal der Kabarettist Volker Pispers sinngemäß: Man muss bequem unter der Latte der Normen hindurchgehen können.

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