Frage von gossip2025, 48

Hallo zusammen Inwiefern ist die Glückstheorie von Epikur plausibel und was kann man an der Theorie kritisieren?

Antwort
von berkersheim, 28

Wie bei allen Philosophien hängt das stark davon ab, wer diese Theorie interpretiert und wie sie interpretiert wird. Dazu muss man wissen: Von etwa 400 n.Chr. bis ins 20. Jahrhundert war Epikur zu lesen oder zu lehren geächtet, bis ins 17. JH sogar mit Strafverfolgung durch die Inquisition - d.h. Folter, Kerker, Verbrennung. Danach riskierte man seine akademische Karriere, wenn man sich zu Ideen von Epikur bekannte. Das galt für die Französischen Aufklärer, die Englischen Aufklärer und auch deutsche Philosophen wie Nietzsche, Feuerbach und Marx (Epikureer und Materialisten werden heute größtenteils noch gleichgesetzt). Von Platon, dem Urvater der Idealisten und christlichen Theologie sind alle Werke erhalten. Von Epikur gerade mal 3 Briefe und wenige Zitate, obwohl er über 400 Bücher geschrieben haben soll.

Es gibt keine Glückstheorie von Epikur! Das ist Schmonzes. Epikur hat eine eigene Lebenskunst-Philosophie entwickelt wie alle anderen antiken Philosophen auch! Alle antiken Philosophen haben eine Lebenskunst-Philosophie entwickelt. Damals war die Frage (der meist Wohlhabenden), wie richte ich mein Leben ein, um am Ende auf ein erfülltes Leben zurückschauen zu können. Das ist vom Christentum gestrichen worden. Dem Christentum ging es nicht mehr um das Hier und Jetzt des aktuellen Lebens, sondern um die Frage: Wie komme ich in den Himmel. Das Christentum hat die Aufmerksamkeit der Menschen ins Jenseits verlegt. Im Hier und Jetzt gab es Gebote und Verbote und den rechten Weg und die Wahrheit kannte nur einer: Die Kirche - und sie hatte mit den Sakramenten und dem Ablassverkauf auch die Macht dazu. Für das praktische Leben konnte man die Lebenskunst-Theorie der Idealisten Platon, Aristoteles oder der Stoa (auch teilweise verboten) als Befolgung göttlicher Tugenden auslegen.

Epikur aber war ein Diesseitiger, einer der es abgelehnt hat, Werte, Gesetze, Tugenden als Gebote der Götter oder eines höheren Geistes anzuerkennen. Epikur war bereits Vor-Darwinist, der Werte, Gesetze, Tugenden als Entwicklung menschlicher Gesellschaften interpretiert hat. Schlimmer noch, er bestritt sogar, dass es ein Leben nach dem Tod gäbe, also der Kern, das Jenseits, auf das die Kirche ihre Macht gestützt hat. Was Wunder, dass seine Lehre vernichtet, verfolgt, verleumdet und verzerrt wurde. Die spezielle Frage bei Epikur ist: Wenn das Leben sich ausspannt zwischen Geburt und Tod und mit dem Tod alles zu Ende ist, wie sollte ich dann mein Leben einrichten, dass ich insgesamt mehr glückliche, gelingende und freudvolle Momente erfahre als Leid, Kummer und Sorge? An dieser Frage sollen heute sogar manche Christen interessiert sein. Hier ein paar Grundantworten von Epikur.

1) Leben ist etwas Aktives, Dynamisches und dazu gibt es keine allgemeingültige Regel. Aber es gibt Botschaften der Natur, des Lebens selbst. Wenn ich mich so verhalte, dass mein Überleben gefördert wird, belohnt das die Natur mit Freude, Wohlfühlen, Spaß, kurz: Ich fühle mich gut. Wenn ich dabei bin, mein Überleben zu gefährden, warnt die Natur mit Schmerzen, mit Unwohlsein, mit Unmut und Schrecken. Das gilt nicht nur für uns Menschen. Auch Tiere und Pflanzen folgen diesen "Richtlinien" der Natur. Menschen allerdings haben einen Verstand, um diesen Signalen der Natur nicht blind zu folgen sondern sie können sie bewerten. So können sie Schmerz aushalten, wenn am Ende ein sportlicher Sieg winkt. So können sie selbst der Steigerung von Lust Grenzen setzen, wenn sie die Gefahr sehen, dass das in Sucht und Gier ausartet.

2) Unsere Empfindungen sind individuell und niemand findet zu einem erfüllenden Leben, wenn er sich von anderen vorschreiben lassen muss, was für ihn wertvoll ist und was verwerflich. Epikur legt großen Wert auf die individuelle Freiheit. Er warnt vor allem, was diese Freiheit einengt wie Unwissen (Aufklärer: Durch Wissen zur Freiheit), falsche Meinungen, die Ängste schüren und einen zu Marionetten der Angstschürer machen.

3) Der Mensch ist aber auch ein gesellschaftliches Wesen. So steht das Individuum mit seiner Sehnsucht nach Freiheit  in der Spannung zu seinem gesellschaftlichen Umfeld, ohne das er allein nicht leben könnte (damals mehr als heute). Der Ausweg sind gesellschaftliche Vereinbarungen (Gesetze, Sitten, Werte), die möglichst viel individuelle Freiheit schützen aber auch eine gedeihliches Zusammenleben. Eine Kerntugend dazu ist die Gerechtigkeit im Sinne von Fairness. Es geht dabei nicht um die abstrakte Tugend sondern um das Tun, das sich fair verhalten.

Du merkst, es geht bei Epikur nicht um das kurzfristige Glück, wie wir es heute in Lotterien, Preisausschreiben oder vielfältigen Glücksveranstaltungen kennen. Es geht bei Epikur um das praktische Leben. Dabei unterscheidet er sich z.B. von Aristoteles nicht generell. Auch dem ging es um ein gelingendes Leben. Epikurs Ansatz zu Lösungen ist diesseitig, kommt ohne Götter oder Höhergeistiges aus. Für Epikur sind Tugenden Werte der Menschen. Für Aristoteles Vorgaben der Götter. Doch die Wertschätzung der Tugenden und einer ausgeglichenen Einstellung (der Weg der Mitte) ist beiden gemeinsam.

Kommentar von berkersheim ,

Fortsetzung:

Es wird ja oft zitiert: Für Epikur sei die Lust das höchste Gut. Das ist natürlich Quatsch (siehe Punkt 1). Jetzt fragen sich dann viele, wie denn Schmerzfreiheit für Epikur das Erstrebenswerteste sein kann. Diese rein polare Betrachtung Lust-Schmerz gibt es bei Epikur nicht. Als Schüler von Parmenides kennt er dessen Aussage: Menschen erleichtern sich die Bewertung der Welt, indem sie komplexe Verhältnisse polar betrachten: Licht-Dunkel, Lust-Schmerz, Gerechtigkeit-Ungerechtigkeit. Diese Schwarz-Weiß-Beurteilungen haben zwar eine große Trennschärfe, sind aber auch eine starke Vergröberung. Lust-Schmerz sind nicht mal gut definierte Endpunkte einer Empfindungsskala, die von überbordender Lust bis zu großem Schmerz reicht. Für das alltägliche Leben ist der mittige Bereich dieser Skala, den man als „grünen Bereich“ bezeichnen könnte, die beste Position. Wenn man im „grünen Bereich“ ist, fühlt man sich gut in den Wellen des Lebens. Von hier aus kann man sich sowohl angenehme Dinge gönnen, wenn sie nicht in die Abhängigkeit (Sucht, Gier) führen. Man kann auch z.B. als Sportler oder als Lernender Anstrengung erlauben, wenn am Ende eine bessere Lebensposition steht. Im „grünen Bereich“ hat man hohe Variabilität nach beiden Seiten, Gelegenheiten zu ergreifen oder Gefährdungen der individuellen Freiheit zu meiden. Im Emotionalen ist der „grüne Bereich“ die Gelassenheit mit Offenheit zu spontaner Freude wie auch zu ehrlicher Trauer.

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