Frage von AlexinBerlin, 96

Hallo, kann mir bitte jemand bei der Erstellung einer Hypothese helfen?

Hallo zusammen.

Ich schreibe eine Arbeit über "Die kritische Betrachtung der Perspektive des Marktes für Sportwetten". Ich möchte am Ende eine Prognose gestützt durch Expertenbefragungen aufstellen. Tue mich aber extrem schwer mit der Hypothesenbildung. Vor allem weil die Arbeit keine direkte Fragestellung hat das Thema offen gehalten wird.

Weiß einer einen Rat oder hat einen Tipp?

Besten Dank im Voraus

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von susicute, 55


Hi,

Mir scheint dir ist dein eigenes Thema und dein Forschungsdesign nicht wirklich klar. Mach dich erst mal mit dem Stand der Forschung vertraut, dann fällt dir auch die Formulierung einer Fragestellung leichter.


Wenn du Experteninterviews durchführst, arbeitest du offensichtlich qualitativ. Die qualitative Sozialforschung bedarf aber keiner vorgefassten Hypothesen. Grund: Das oberste Prinzip der qualitativen Sozialforschung ist die Offenheit. Eine Vorformulierung von Hypothesen steht aber im Gegensatz zur Ergebnisoffenheit. Vielmehr stehen Hypothesen bei der qualitativen Sozialforschung am Ende des Forschungsprozesses. Sie werden auf Basis deiner Forschungsergebnisse formuliert. Die Hypothesen können daher (müssen aber nicht) dein Ausblick am Ende der Arbeit sein.

Nicht verzichten kannst du auf eine Fragestellung. Diese ermöglicht dir übrigens ergebnisoffen zu forschen, was du laut Frage ja tun willst.

Eine Fragestellung ist für wissenschaftliche Arbeiten konstitutiv. Von der Fragestellung hängt die ganze Qualität einer wissenschaftlichen Arbeit ab. Sie ist gewisser maßen die Achse einer wissenschaftlichen Arbeit, sie trägt alles und um sie dreht sich alles“ (Schlichte 1998: 37).

PS: Solltest du dein gesamtes Forschungsdesign überdenken, dann sieh dir bitte noch mal an, wie man Hypothesen formuliert. Aus einem Thema, welches dem Leser noch nicht einmal ermöglicht Variablen abzuleiten, lassen sich keine Hypothesen (Konditionalsätze: Wenn-dann oder Je-desto Aussagen) ableiten.

Viel Erfolg!

Susan


Kommentar von Plotz ,

"Forschungsdesign" ist ein Begriff, der wissenschaftliche Arbeit in die Nähe der Party- und iPhonekultur rückt und zur Klientel passt, die schneller sprechen als sie denken kann. Tendenz ist, dass Leute auch zunehmend schneller schreiben, als sie denken können. Ein Akademiker wird diese Feststellung richtig interpretieren.

Ein Startup zur "Hypothesenbildung" wäre in der Lage, aus Luft Geld zu machen.

Kommentar von susicute ,

Der Begriff Forschungsdesign wurde schon in den 1970er Jahren verwendet und ist ein Standardbegriff in der empirischen Sozialforschung. Aber ersetze ihn ruhig durch einen dir genehmeren. Es gibt ja einige zur Auswahl.

Kommentar von Plotz ,

Da nannte sich das noch Untersuchungsanordnung, auch wenn im Zuge der Denglischisierung das Panel schon Einzug gehalten hatte.

Kommentar von susicute ,

Viel Erfolg dabei wissenschaftliche Arbeiten ausschließlich mit Begriffen zu schreiben, die aus dem Mittelhochdeutschen stammen ;)

Kommentar von AlexinBerlin ,

Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung. Fast jede Literatur spricht von "Hypothesenbildung- und Prüfung". Ich nahm an, dass es "Pflicht" sei. Das es auch anders gehen kann, wie du es auch beschreibst, habe ich mittlerweile auch verstanden. 

Die Arbeit selbst soll sehr theorielastig sein. Die Expertenbefragung (Qualitative Sozialforschung) ist nur ein kleiner Zusatz. Eine repräsentative Befragung (Vorbereitung, Durchführung, Auswertung) ist in meinem vorgegebenem Zeitraum schwer bis gar nicht zu schaffen. 

Kommentar von susicute ,

Gern geschehen. :)

Wie du der Literatur bestimmt schon entnommen hast, ist Repräsentativität in der qualitativen Sozialforschung keine Notwendigkeit.

Noch ein Rat: Egal für welche Methodik man sich entscheidet, es ist immer wichtig zu begründen und offen zu legen warum man etwas tut und was man tut. Wenn die Arbeit einen empirischen Teil enthält, geschieht dies im Methodenteil.

Oft vergessen wird, dass es genauso wichtig sein kann zu dokumentieren was man nicht tut, oder was die eigene Forschung nicht leisten kann. Oft glauben Studenten, dass ein offener Umgang mit den Schwächen der eigenen Arbeit sich negativ auf die Note auswirkt und versuchen Dinge schön zuschreiben. Letztendlich führt genau das zu Punktabzug. Wenn du begründest warum etwas nicht möglich war und selbst auf mögliche Mängel aufmerksam machst, verhinderst du, dass dir dein Betreuer die Arbeit genau aus diesen Gründen um die Ohren haut.

Nun sollte man noch darauf hinweisen, dass es leider nach wie vor einen Methodenstreit zwischen qualitativ und quantitativ arbeitenden Forschern gibt. Viele machen heute beides und akzeptieren, dass jeder Ansatz seine Vor- und Nachteile hat. Aber eben nicht alle. Solltest du bei einem Prof schreiben, der rein quantitativ forscht, dann wirst du mit einer qualitativen Arbeit einen schweren Stand bei ihm haben. Wenn du dir unsicher bist, ob dein Ansatz auf Akzeptanz stößt, dann sprich dies unbedingt vorher mit deinem Betreuer ab.

Hier noch ein paar Standardwerke, die hilfreich sein werden:


Atteslander, P. (2003): Methoden der empirischen Sozialforschung. Berlin: De Gruyter.


Diekmann, A. (2006): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.


Flick, U. (1991). Handbuch qualitativer Sozialforschung: Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. München: Psychologie-Verlags-Union.


Flick, U. (2006): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek: Rowohlt


Lamnek, S. (2005): Qualitative Sozialforschung. Weinheim: Beltz.


Mayer, H. (2004): Interview und schriftliche Befragung. Entwicklung, Durchführung und Auswertung. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag.

Ebenfalls sehr hilfreich, ein Buch zum wissenschaftlichen Schreiben: https://www.amazon.de/Wissenschaftlich-schreiben-gemacht-Bachelor-Dissertation/d...

Viel Erfolg!
Lg Susan

Kommentar von AlexinBerlin ,

Hey. Ein sehr guter Tipp. Wäre wahrscheinlich jetzt auch nur beim Beschreiben vom Aufbau und Ziel geblieben. Aber halt alles weggelassen, was mir nicht möglich war bzw. warum ich anders vorgegangen bin. Danke :-)

Ansonsten habe ich mir auch schon das eine und andere Buch bestellt. Das vom Lamnek hat mir mein Betreuer sogar empfohlen. Leider ist es momentan bei uns seit Wochen vergriffen, so dass ich mich zunächst online einlesen musste. 

Zur Repräsentativität. Da hast du eigentlich Recht. Nur mein Problem ist, dass ich zum Thema 4 unterschiedliche Experten (Wettanbieter/ Anwalt / Spieler/ zuständiges Ministerium) befragen will und mein Betreuer meint, dass wenn eine Person an dem Tag schlecht drauf ist, ich das Ganze sozusagen in die Tonne schmeißen kann. Und für eine größere Anzahl fehlt einfach die Zeit. Den ich merke jetzt schon, dass es unglaublich schwer ist jemanden dafür zu überzeugen. Großteil meiner Anfragen wurden bislang ignoriert. Ich hab es nun so abgeklärt, dass ich es mit den Experten parallel versuchen soll, aber ansonsten bei der theoretischen Ausarbeitung bleiben soll.

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