Frage von Thelostboy342, 128

Hätte ich ihm Geld spenden sollen? War ich zu feige?

Vor einer Disco stand eben als ich ging ein alter mann, bestimmt so anfang 60 mit einer plastiktüte und einem traurigen Erscheinungsbild. Er sammelte glas und plastikflaschen ein, die jugendliche draussen hatten stehen lassen, für das Pfand geld ...

Das hat mich sofort getroffen, dass jmd in dem Alter darauf angewiesen ist, es hat mich wirklich traurig gemacht. Wie muss dieser Mensch sich fühlen?
Ich hatte schon den 10€ Schein in der Hand und wollte ihn ihm geben, aber iwie hab ichs nicht hingekriegt - etwas hat mir gesagt es sei falsch, so würd er sich evtl noch schlechter fühlen wenn er auf die Unterstützung eines offenbar dummen 17 jährigen angewiesen ist.

War das falsch? Ich fühle mich sehr schlecht weil ich es nicht getan habe, hätte ihm doch helfen müssen in seiner schlimmen Lage - oder ?

Antwort
von Digarl, 52

Kommt drauf an. Es hätte exakt das eintreten können, was du geschildert hast (das er sich gekränkt fühlt) oder er hätte sich darüber freuen können. 

Viel schlimmer als die Pfandflaschen finde ich, dass er wohl, da er um diese Urzeit noch nicht zuhause war keins hat. Ich weiß nicht wie kalt es grad genau ist aber das stelle ich mir am schlimmsten vor. 

Doch in Deutschland ist kein Mensch auf Pfandflaschen angewiesen, dieses Land hat eines der momentan besten Sozialsysteme, in denen es theoretisch eigentlich gar keine Obdachlosen geben kann. In Europa im Winter 2012 als es so kalt waren standen mehr Wohnungen frei als es Obdachlose gab .. ...

Kommentar von Thelostboy342 ,

Ja und das is auch gut so .. Also würde er mindestens für die Nacht eine Unterkunft bekommen?
Sehr traurig, aber er sollte sich helfen lassen

Kommentar von Digarl ,

Ja, Unterkunften gibt es genügend. Leider gehen viele aus Stolz nicht, viele wollen keine Belastung sein und schlagen sich allein durch. Doch dadurch können sie in kein geregeltes Leben mehr wieder einsteigen. Da bringen auch keine 600 Euro was, denn sie müssen sich auch auf Hilfe einlassen. 

Weshalb bekommt er kein Geld vom Staat? Oder bekommt er Geld und kann es nur nicht einteilen? Deutschland finanziert arbeitslosen sogar die Wohnung, deshalb muss keiner obdachlos sein. Leider gibt es viele die diese Angebote nicht annehmen, sei es stolz oder einfach das Gefühl eine Belastung zu sein. 

Ich habe in der Essener Innenstadt mal einen Obdachlosen um die 50 gesehen mit Schäferhund. Der Mann hat Figuren geschnitzt (die waren sogar sehr gut), es waren Kinderspielzeug wie man sie vor 100 Jahren hatte. (Handarbeit von dem Mann persönlich).

Eine Figur kostete unter 2 Euro, alleine dieser geringe Preis sagte schon genug darüber aus, wie dringend er Geld brauchte. Auf dem Boden Lag ein Schild mit der Aufschrift "Besser als Harz IV". 

Doch dieser Mann sah tatsächlich fröhlich aus, dass hat mich echt sehr verwundert und ich habe mir dann 2 von den Schnitzereien Gekauft (alleine schon weil ich stehen geblieben bin und ich angeschaut habe und das ist ja nicht sehr höflich). 

Also wie gesagt, viele haben sehr starken Stolz bestimmt weil vor allem die älteren damals gearbeitet haben aber aus privaten Gründen alles verloren haben. 

Kommentar von Digarl ,

Achja, und ich finde es gut das du mit 17 Jahren so denkst. Es gibt 17 Jährige die hätten ihm sicher noch das letzte Kleingeld weggenommen. 

Kommentar von Vanelle ,
Doch in Deutschland ist kein Mensch auf Pfandflaschen angewiesen, dieses Land hat eines der momentan besten Sozialsysteme, in denen es theoretisch eigentlich gar keine Obdachlosen geben kann

Hier irrst Du ganz gewaltig! Zwischen Theorie und Realität gibt es mächtige Lücken.

Wenn Du Dich auf einen Selbstversuch nicht einlassen willst, hilft es vielleicht auch, sich auf die Erfahrungen anderer (z. B. Journalisten) zu verlassen.

Selbst wenn man weiß, welche Hilfe einem zusteht, kann es sich als ungeheuer schwierig bis unmöglich erweisen, diese auch zu erhalten.

Die Ursachen sind vielfältig und nicht zuletzt darin zu suchen, dass die zuständigen Behörden "freiwillig" nichts herausrücken.

Kommentar von Digarl ,

Wie du bereits geschrieben hast, schrieb ich theoretisch. Darauf folgend schrieb ich übrigens auch, dass es in den Wintermonaten 2012/2013 mehr Obdachlose als Wohnungen gab (allerdings Europaweit gerechnet). 

Außerdem schrieb ich in meinen eigenen Kommentar, dass leider viele nicht hingehen und viele keine Belastung sein wollen. 

Seit wann bedeutet das Wort "viele" alle? Ich habe niemals gesagt das es bei allen funktioniert und auch nicht, dass bei denen wo es nicht funktioniert nur sie selbst schuld sind. 

Abgesehen davon gibt es feste regeln. Wenn du deinen eigen Beruf kündigst erhältst du z.B. die darauffolgenden 3 Monate keine Hilfe vom Staat. Und dennoch, willst du etwa Sozialhilfe in Russland beantragen? Doch auch in Frankreich, Polen und England. Ich denke mal die meisten hier, wollen Deutschland alleine schon wegen dem Verhältnismäßig hohen Wohlstand nicht verlassen (Verhältnis zur gesamten Welt, Skandinavien etc. geht es noch besser). 

Kommentar von Thelostboy342 ,

Danke für die ausführliche Antwort, Digarl!

Antwort
von SoDoge, 34

Auf Flaschenpfand angewiesen zu sein, ist bedeutend schlimmer.

Es gibt 15 und 25-Cent Pfandflaschen, wenn er nun Glück hat und nur 25-Cent-Flaschen findet, dann braucht er für 10€ schon 40 Flaschen, findet er eine alle 2 Minuten, sammelt er über eine Stunde, natürlich ohne die Zeit, die er braucht, um die Flaschen gegen Pfand zu tauschen.

Ich glaube nicht, dass er sich schlechter fühlen würde, das bringt ihn immerhin weiter. Vielleicht bringt es ihn aber auch nur zu Alkohol/Tabak oder anderen Drogen...

Wenn du jedem Flaschensammler/Obdachlosen 10€ gibst, bist du bald selbst arm und auf Flaschenpfand angewiesen. Allerdings gibt es hier auch ein vernünftiges Sozialsystem und ich würde schon sagen, dass man nicht auf der Straße beim Flaschen sammeln enden muss, wenn man nicht arbeiten kann, unterstützt einen der Staat und in der Hinsicht auch z.B. die Tafel so weit, dass man sich ernähren und im Vergleich zu sowas immerhin ein zumutbares und weitestgehend würdevolles Leben führen kann.

Kommentar von Digarl ,

Es ist zwar schlimmer, doch die Flaschen sammelt er selbst. Er belastet niemanden in dem er Flaschen sammelt, doch er könnte dieses Gefühl, dass Gefühl eine Belastung zu sein bekommen wenn ihm jemand 10 Euro gibt. Im gegenteil, er tut sogar gutes für die Umwelt. 

Kommentar von Thelostboy342 ,

Mein Gedanke!

Antwort
von Rango87, 42

Ja, das sehe ich auch regelmäßig und das ist tatsächlich traurig.

Wie die Person darauf reagiert ist nicht vorherzusagen. Die einen sind sehr dankbar, andere empfinden es als Beleidigung, weil sie selbsständig über die Runden kommen wollen, die nächsten nehmen es gerne um sich sonst was für legale/illegale Drogen zu besorgen.

Was dir klar sein muss, ist das es viele davon gibt und die beiweitem nicht jedem 10€ zustecken kannst.

Kommentar von Thelostboy342 ,

Ja da hast du recht ..
Mir ist so ein alter spruch von jmd eingefallen, dass eine derartige 'gute tat' evtl noch mehr Leid erzeugen kann.
Beispielsweise dass nicht jeder andere spenden erhalten kann und evtl Neid verspürt oder Wut ...

Kommentar von Rango87 ,

Man kann sich alles mögliche Gute oder Schlechte ausmahlen, das durch die "Geldspende" passieren könnte.

Tatsache ist, zu gegen 100% veränderst du nicht dessen Lebenssituation.

Antwort
von Sternchenklein2, 54

Ich helfe Leuten auch gerne, gebe aber Bettlern grundsätzlich kein Geld. Habe immer Angst, dass es in Alkohol und Zigaretten investiert wird.
Bei uns sitzt häufig ein Punk vor einem Supermark. Diesem kaufe ich öfter mal eine Brezel oder eine Bannane.
Dein schlechtes Gewissen kann ich dir nicht nehmen.
Wenn du allerdings jedem Bettler den du beispielsweise in der Kölner Innenstadt siehst 10 € geben willst bist du bald echt arm.

Kommentar von Thelostboy342 ,

Er war ja kein bettler, halt ein alter mann der scheinbar drauf angewiesen ist mit knapp 60 pfandflaschen zu sammeln. Nachts.
Vllt reicht auch die rente nicht ?

Also ein bettler war er nicht

Kommentar von Digarl ,

Im Normalfall bekommt man mit 60 noch gar keine Rente, sondern arbeitet noch. 

Antwort
von Alexneumann, 34

Naja, was ist "demütigender" in diesem Sinne ? 2-3 Stunden Pfandflaschen sammeln, oder einmal 10€ annehmen? Dazu muss man sagen, dass in Deutschland niemand auf der Straße leben muss, oder darauf angewiesen ist Flaschen zu sammeln.

Kommentar von Thelostboy342 ,

Hmm, ja stimmt schon...

Warum macht ers dann trotzdem?!

Kommentar von Alexneumann ,

Das kann ich dir natürlich nicht sagen, manche Menschen haben eben Beweggründe dafür.

Antwort
von cJ0815, 23

ich will niemandem zu nahe treten... aber ist jeder alte mann mit einem verkümmerten erscheinungsbild ein hilfsbedürftiger obdachloser?

man sollte auch nicht vernachlässigen, dass er sich wahrscheinlich nicht ganz ohne grund vor diese lokalität stellt und du nicht der einzige mensch bist, der an ihm vorbeigeht/gegangen ist

Kommentar von Thelostboy342 ,

Wie meinst du das ?
Ja er hat da ja die weggeworfenen flaschen von den jugendlichen aufgesammelt und in seine Tüte getan..

Kommentar von cJ0815 ,

also ein flaschensammler... der großzügige spenden mit nimmt... aber dort ist, weil er flaschen sammelt

davon gibts nicht wenige... aber muss man sich schuldig fühlen für jemandem der durch das sogenannte netz gerutscht ist?

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