Frage von sch0ggi, 45

Habe ich Synesthesie?

Hi zusammen
Gibt es Leute unter euch die solche Fähigkeiten besitzen und etwas darüber erzählen können? :)
Ich fragte mich au schon, ob ich eine solche Veranlagung habe. Wenn ich mich zum Beispiel erschrecke, habe ich einen extrem bitteren Geschmack im Mund, der auch eine Weile anhält. Bisher fand ich keine vernünftige Erklärung dafür, bis ich auf dieses Thema gestossen bin.

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Antwort
von Tasha, 8

Synästhesie hat man normalerweise völlig unbewusst. Ich habe mir 18 einen Artikel darüber gelesen und war drei Tage völlig aus dem Häuschen, das andere nicht das gleiche wahrnehmen wie ich. Ich habe das bekannte Tönesehen, sehe aber meistens auch geschriebene Worte, wenn jemand redet in farbigen Buchstaben und z.B. die Wochentage in bestimmten farbigen Strukturen. 

Es gibt oder gab ein interessantes Buch dazu von Richard Cytowic: Farben hören, Töne sehen (gibt es bei amazon noch gebraucht) und ein neues Buch: Wednesday is Indigo Blue:

Link geht nicht. Auf amazon unter Fremdsprachige Bücher und Bücher nach Richard Cytowic suchen.

In dem ersten Buch schrieb er meiner Erinnerung nach, dass das Schmecken von anderen Sinneswahrnehmungen (Schmecken von Tönen oder Bildern oder Empfindungen auf der Haut) eher selten vorkommt. Vielleicht ist das jetzt besser erforscht.

Typisch an Synästhesie scheint jedenfalls nach dem ersten Buch zu sein, dass man seine Art der Wahrnehmung als selbstverständlich hinnimmt und nicht als störend. Ich merkte nach dem Lesen des Artikels, dass ich nie über meine Wahrnehmung gesprochen hatte, weil ich natürlich automatisch annahm, dass andere auch braune Streifen durch die Luft fliegen sehen, wenn sie eine Geige hören, oder schwarze Wolken aus dem Mund von Leuten fliegen sehen, wenn diese eine tiefe Stimme haben. Man unterhält sich nun mal nie darüber, wie andere etwas riechen oder sehen. Eventuell unterhält man sich mal über unterschiedliche Geschmäcker, aber auch dann tauscht man selten die genaue Wahrnehmung aus. Cytowich erwähnte in dem ersten Buch, dass jeder Betroffene das gleiche Problem hatte: Er konnte seine Wahrnehmungen nie so akkurat beschreiben, wie er sie wahrnahm. Es ist wohl so, als wollte man einem gehörlos Geborenen Musik erklären. Zudem hat man die Wahrnehmung nur exakt solange, wie der Reiz besteht. Daher ist es sehr schwierig, z.B. zu beschreiben, wie ein Geigenton in einem Geigenstück klingt/ aussieht, das ja immer weitergeht, so dass sich der Ton verändert. Man hat das akkurate Bild ja immer nur sehr kurz vor Augen.


Ich würde Dir raten, Dich mal zu beobachten: Hast Du noch andere Wahrnehmungen, die sich überschneiden? Was empfindest Du genau? Ich habe z.B. damals mehrere Alben durchgehört und stellte fest, dass Musik bei mir nur ein sehr eingeschränktes Farbspektrum hat, und vor allem aus braun, weiß, schwarz und rot besteht. Das klingt natürlich für Außenstehende langweilig. Vermutlich so langweilig, als würde man dem gehörlos Geborenen sagen, dass man Musik einer bestimmten Art und von bestimmten Bands bevorzugt: Immer das gleiche.

Führe doch mal ein Wahrnehmungstagebuch. Auch interessant ist, wie lange Du die Wahrnehmungen schon hast. Ich erinnere mich z.B. dass ich mit 6 Jahren mal überlegte, dass der Donnerstag die gleiche Struktur hat wie die Pedalen meines Tretautos, das ich 2 Jahre früher hatte. Das heißt, ich hatte auf jeden Fall mit 6 Jahren schon diese Wahrnehmung. Für mich ist das eher positiv, weil ich mich einerseits sicherlich besser erinnern kann, wenn etwas gehört und gesehen wurde (Sprache + farbige Wörter dazu) und andererseits Termine gut "verorten" kann. Ein Termin um 13 Uhr am Mittwoch befindet sich dann tatsächlich in der Mitte einer braunen Struktur (Mittwoch), mit einer schwarzen 1 und einer roten 3.

Der Nachteil ist übrigens, dass ich mir absolut nicht vorstellen kann, wie ich das ohne diese Zuordnung wahrnehmen würde! Wie würde ich "Mittwoch, 13 Uhr" wahrnehmen, wenn es da nichts zu sehen gäbe? Das ist für mich sicherlich genauso unvorstellbar - im Wortsinne: ich bin nicht fähig, mir das vorzustellen - wie eine synästhetische Wahrnehmung für Nichtbetroffene.

Man muss aber immer bedenken, dass jeder in seiner Welt lebt, die für ihn in der Regel normal ist. Wahrnehmungen sind im Hintergrund. Man redet mit jemandem, sieht dabei die Umgebung, riecht die Düfte der Umgebung, hört vielleicht noch Hintergrundgeräusche und fühlt die Kleidung auf seiner Haut oder die Schwere der Tasche auf der Schulter etc. Das alles nimmt man ohne Probleme parallel wahr!

Beim Synästhetiker ist das genau so, nur dass er eben auch in anderen Situationen etwas parallel wahrnimmt, bspw. wenn nur jemand redet.

Cytowic hat in diesem ersten Buch immer das ultimative Buch über synästhetische Wahrnehmungen erwähnt, Lurias "Mind of a mnemonist". Darin wird jemand beschrieben, der gar nichts vergessen konnte und der ALLE Sinne miteinander verbunden hatte. Das Buch kann man inzwischen auch (wieder) auf amazon kaufen. Wer sich also für Synästhesie interessiert: Dort wird sie als Fallstudie aus dem frühen (?) 20. Jahrhundert hauptsächlich beschrieben, nicht erklärt, dafür aber sehr, sehr detailliert und umfassend beschrieben.

Cytowic hat auch noch ein Lehrbuch geschrieben: Synaesthisia - a union of the senses und eine Sammlung von Aufsätzen "Synasethesia: Essays in Honor of Cora Diamond". Das erste Buch stammt aus dem Jahre 1989, das zweite von 2002.

Beide Bücher sind recht teuer, so dass man vielleicht mal in einer Unibücherei danach fragen könnte.

Kommentar von sch0ggi ,

Wow! Vielen Dank für diese ausführliche und spannende Antwort! :-D

Kommentar von Tasha ,

Gern geschehen! :-)

Antwort
von Pramidenzelle, 16

Meinst du Synästhesie? Dabei geht es darum, dass sich Sinnesreize quasi kreuzen - also dass man Geschmäcker sehen oder Geräusche fühlen kann, nicht Emotionen (wie "erschrecken") - wenn es andererseits aber z.B. so ist, dass du den Geschmack bekommst, immer wenn du dich vom Geräusch einer Krankenwagensirene erschreckst, würde das schon eher passen.
Das würde ich kaum als "Fähigkeit" beschreiben, sondern eher als nerviges Anhängsel. Da es bei mir allerdings ein Anhängsel zu meinem Autismus ist, weiß ich nicht, inwieweit meine Erfahrung mit einer autismusunabhängigen Synästhesie überhaupt zu vergleichen ist.

Kommentar von sch0ggi ,

Jaa genau das habe ich gemeint. Sorry für die Rechtschreibung und danke für die Antwort :)

Antwort
von CyrilFiggis, 8

Hab keine first hand Erfahrung, aber wenn du Synästhetiker(in) wärst, wüsstest du es ziemlich sicher.

Angst oder Erschrecken können in Sekunden deine komplette Körperchemie umstürzen, ich würde den Geschmack eher darauf schieben.

Wärst du zur Synästhesie fähig (ohne LSD etc. zu nehmen) würdest du auch deine Frage vermutlich anders fomulieren, Angst und den bitteren Geschmack nicht trennen.

Auf der anderen Seite kann dein bitterer Geschmack natürlich auch von anderen interessanten Zusammenhängen her rühren. Um Synästhesie auszuschließen ist ein Fachmann besser als eine Website.

Ich weiß, Synästhesie klingt spannend und verlockend, die Einsicht sowas nie zu erleben kann schwierig sein. Aber durch geübte Autosuggestion kannst du vielleicht etwas ähnliches erleben, wenn auch ohne physiologische Grundlage. (BTW Bitte probier keine Drogen).

Aber in einer gewissen Weise ist ja jeder von uns dazu fähig: Lesen und Schreiben sind in gewisser Weise Synesthesie!

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