Globuli: kleine Zuckerpillen ohne richtige Wirkung?

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2 Antworten

Hallo Poupo,

unter einer "richtigen Wirkung" versteht man eine Wirkung, die

  • abhängig vom Mittel ist. Verschiedene Sorten Globuli müssten unterschiedlich wirken
  • über der von Placebos liegt. Denn auch Placebos (Scheinmedikamente) helfen über psychologische Effekte und natürlich schlicht über den Faktor Zeit. (Kontexteffekte)

Und nein, eine solche "richtige" Wirkung haben Globuli nicht. Globuli sind ab einer recht geringen "Potenz" vollkommen wirkstofffrei und auch ohne eine gezielte, mittelabhängige Wirkung für oder gegen etwas:

Globuli sind Placebos

Ich fasse die wichtigsten Argumente, die uns zeigen, dass die Globuli selbst Placebos sind, kurz zusammen:

a) Dass Stoffe in kompletter Abwesenheit wirken, ist mit unseren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr(!) vereinbar

Ja, auch wenn wir nicht alles wissen, so können wir doch zu Alltagsprozessen (Verdünnen und Schütteln) sehr zuverlässige Aussagen machen. Wir wissen dass und warum Wirkung verschwindet, wenn man Stoffe verdünnt und schließlich entfernt. Wir wenden das sogar als Nachweismethode im Labor an, dass Eigenschaften verschwinden, wenn man die vermutete Ursache entfernt.
Gezielte Wirksamkeit in Abwesenheit ist mit unserem Wissen aus Physik, Chemie, Biologie,… einfach nicht mehr verträglich.

b) Dies bestätigt die Studienlage. Die große Metaanalyse des NHMRC (http://www.theguardian.com/lifeandstyle/2015/mar/11/homeopathy-not-effective-for-treating-any-condition-australian-report-finds ) ergab:

“”These claims have been widely disproven by multiple studies, but the National Health and Medical Research Council (NHMRC) has for the first time thoroughly reviewed 225 research papers on homeopathy to come up with its position statement, released on Wednesday.
“Based on the assessment of the evidence of effectiveness of homeopathy, NHMRC concludes that there are no health conditions for which there is reliable evidence that homeopathy is effective,” the report concluded.”

c) Natur ist widerspruchsfrei. Die Homöopathie ist es nicht: Innerhalb
ihres Gedankengebäudes existieren zahlreiche innere Widersprüche. Es
gibt zahlreiche einander widersprechende Varianten in der Praxis.
Das ist ein weiterer klarer Hinweis auf den Placebocharakter: Nur bei einem
Placeboverfahren, ist die genaue Inszenierung gleichgültig, so lange nur
der jeweilige Therapeut sie überzeugend inszeniert. Bei einem echten Naturphänomen könnten sich nicht einander widersprechende Varianten in der Praxis “bewähren”.

Alle 3 Punkte zusammen ergeben ein stimmiges Gesamtbild. Es passt alles zusammen. Es ist also nicht einfach so, dass man eine "Wirkung noch nicht erklären kann" - man kann keine Wirkung nachweisen. Aufwändige Erklärungsversuche sind also komplett überflüssig.

Placebos sind nicht nutzlos, wenn man sie seriös einsetzt.

Der Erkenntnis, dass die Globuli Placebos sind, stehen viele positiven Erfahrungsberichte gegenüber. Bei genauer Betrachtung ist das jedoch ein Scheinwiderspruch:

a) Dass ein Placebo in der Praxis nicht entlarvt werden kann, das zeigt
die Medizingeschichte deutlich. Nicht einmal schädliche Verfahren, wie
der Aderlass konnten als schädlich erkannt werden.
Weil jeder, der eine noch so schlechte Behandlung übersteht, verbreitet “mir hat es geholfen!” – der Post hoc ergo propter hoc- Irrtum.
Placebo = es wird gefallen: Positive Erfahrungen werden versprochen!

Die Homöopathie punktet bei Bagatellen im Alltag und bei chronischen Kranken, die ihre Krankheit in Schüben erleben und die oft eine besonders intensive Zuwendung durch den Therapeuten benötigen; sie fühlen sich in ihrer chronischen Krankheitssituation in der das Zwischenmenschliche vernachlässigenden Medizin nicht verstanden und finden in der Homöopathie die vertrauensvolle Zuwendung, die ihnen hilft, neu zu fokussieren.

Über Gesprächseffekte, Kontexteffekte und Placeboeffekte sind die positiven Erfahrungen verstehbar.

b) Mehr: In Studien konnte gezielt nachgewiesen werden, dass es die Gespräche sind, die den Patienten helfen, die Globuli aber nicht über
Placeboeffekte bieten:

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2011/11/17/wirkt-homoopathie-und-wenn-ja-wie.html

""Resultat: (…)

Bei den sekundären Endpunkten Schmerzempfinden, Zahl der geschwollenen
Gelenke, Patientenselbsteinschätzung auf Wochenbasis und Stimmung
zeigten sich dagegen jeweils signifikante Vorteile für jene Patienten, die homöopathisch beraten wurden im Vergleich zu jenen, die nur medizinisch beraten wurden.

Das interessante Ergebnis ist nun, dass es innerhalb der Beratungsgruppen jeweils keinerlei Unterschiede gab. Es war also egal, ob die Patienten Placebo, Komplexhomöopathie oder individuell zubereitete homöopathische Medikamente bekamen, solange sie nur vorher homöopathisch beraten wurden. Anders gesagt: Reden ist wirksam, Globuli sind es nicht.
"

c) Das bestätigt zum Beispiel mit Claudia Witt auch eine Professorin für
Komplementärmedizin, die sicher keine Gegnerin der Homöopathie ist – war
sie doch als Stiftungsprofessur 5 Jahre lang für die Carstens Stiftung tätig.

Dennoch sagt sie erst letztes Jahr in einem Interview:

...die wichtige versorgungsrelevante Information ist: Es konnte nicht gezeigt werden, dass homöopathische Arzneimittel besser wirken als Placebo. (…) Wir haben in einer grossen Beobachtungsstudie die gesamte homöopathische Behandlung mit Arztgespräch und Diagnosestellung untersucht und bei chronisch kranken Patienten grosse Effekte gefunden. Bringe ich das zusammen mit der bereits geschilderten Evidenzlage, wird klar: Da muss was anderes wirken als die Arzneimittel. Die Homöopathie hat eine besondere Arzt-Patienten-Interaktion. Daraus könnte man interessante Anregungen für die Medizin insgesamt übernehmen.

Fazit:

Homöopathische Arzneien sind Placebos, also Scheinmedikamente. Von ihnen geht entgegen der Behauptungen der Homöopathen keine gezielte Wirksamkeit aus.

Für den Patienten bedeutungsvoll ist die mit den Globuli verbundene Überzeugung, das werde sanft und nebenwirkungsfrei helfen, bzw. unterstützen; was "wirkt" ist das Vertrauen in das Verfahren oder in die Person, die es uns empfohlen hat. Ausführliche Anamnesegespräche helfen besser mit chronischen Beschwerden umzugehen.

Jürgen Windeler, Arzt und Professor für Medizinische Biometrie und Klinische Epidemiologie, seit 2010 Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, hat einmal geschrieben:

"Die These, Außenseitermedizin sei nichts als Placebo-Therapie, ist eigentlich eher ein Lob als ein Vorwurf. Denn der Mensch heilt sich in einem hohem Maß selber, Hauptsache, er wird auf irgendeine Weise behandelt und glaubt daran. Also: Placebos einsetzen, sofern keine wissenschaftsmedizinisch bewährte Therapie bekannt ist: uneingeschränkt ja. Aber, damit verbunden, pseudowissenschaftlichen Unsinn verbreiten: nein."

Placebos einzusetzen ist in gewissen Situationen nicht verkehrt. Sie zu überschätzen oder zu verklären, für mehr halten zu wollen als sie sind - und vor allem sie einzusetzen bei Beschwerden, bei denen sinnvollere Behandlungen notwendig sind, das ist gefährlich.

Wo man um den Placebocharakter der Kügelchen weiß und entsprechend handelt, kann man die Placeboeffekte und Gesprächseffekte auch sinnvoll nutzen. Gefährlich wird für den Patienten nur das "nicht wahr haben wollen", dass reiner Zucker eben nicht mehr ist als ein Placebo.

Grüße

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Kommentar von Bennykater
27.03.2016, 12:52

Danke für diese ausführliche gute Antwort.

2

Korrekt.

Natürlich gibt es den Placebo-Effekt, aber ohne Wirksubstanz eben auch keine echte Wirkung.

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