Frage von DudelFlanders, 108

Glaubt hier wirklich jemand, dass die Lektüre und die Interpretationsversuche uralter Lyrik im Deutschunterricht einen Gewinn bringt?

Wieso steht sowas überhaupt auf dem Lehrplan? Man liest ein Reclam-Buch mit irgendeinem Kauderwelsch, weil der Autor das damals im Rausch geschrieben hat und die Schüler müssen Textpassage bzw. das ganze Buch interpretieren und diskutieren. Welcher Mensch braucht das? Man könnte den Deutschunterricht doch mit wirklich sinnvollen Inhalten auffüllen.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Rubezahl2000, Community-Experte für Buch, 30

Das habe ich mich in meiner Schulzeit auch immer gefragt - und nicht nur bei der stinklangweiligen Deutsch-Lektüre, auch bei manchen anderen Fächern ...
Am schlimmsten fand ich Gedicht-Interpretationen :-( Das war mir so was von egal, was sich ein Dichter dabei gedacht haben könnnte, dass sich ein paar Worte reimen ;-)

Erklären kann man es wohl so:
Ziel des Gymnasiums ist ist das Abitur und das bedeutet "Allgemeine Hochschulreife". Ein Abiturient soll in der Lage sein, JEDES Fach studieren zu können.
Und deshalb müssen sich alle Schüler mit ALLEN Fächern beschäftigen und viel unnützes Zeug lernen, das sie im ganzen Leben NIE wieder brauchen.

Irgendwas braucht man jedoch auf jeden Fal im weiteren Leben und die wenigsten wissen bereits in der Schulzeit, was genau sie später im Leben mal brauchen werden und was nicht.

Antwort
von feirefiz, 27

Ich muss mich an meine Antwort von unten noch einmal selbst anschließen:

Hier noch ein schönes Beispiel für echt altes Zeug:

mein sehr verehrter Landesherr - : zuvor

ergebenen Gruß. Ich bin zwar kein berühmter Mohr,

kein Kardinal und kein Minister oder so.

Ich heiße kurz: VILLON. Mein Weib geht auf den Strich

und ich: ich schreibe manchmal ein Gedicht; (d.h. für mich

privatim nur.) Ansonsten bin ich froh,

wenn mir kein Paster, dems nach meiner Seele juckt,

auf die polierten Stiebel spuckt.

Nun
ist nach einer netten kleinen Sauferei,

am Hafen unten, jemand, dem ich ein Geweih

auf die gesalbten Locken setzte, obendrein

noch frech geworden mit Pistol und Schwert.

Da habe ich mich eben notgewehrt,

und stach es einfach ab, das Schwein.

Nun soll ich hier in diesem Affenstall

den Lohn empfangen für den Sündenfall.

Mir
ist es wirklich scheißegal, wo ich

verrecken tu. Nur das ist widerlich,

dass man kein Geld im Beutel hat.

Ich hänge sozusagen in der Luft.

[...]

Zwar in der expressionistischen Übersetzung, im Kern aber über 500 Jahre alt - man muss nur das Richtige lesen!

Antwort
von Sinnsucher, 15

Du meine Güte! Jetzt mal Hand aufs Herz: Der Aufwand um mit einer literarischen Erörterung gute Noten abzustauben ist doch wesentlich geringer als bei Lernfächern? Seht das dich einfach mal pragmatisch.

So ganz nebenbei beschäftigt man sich dabei mit der eigenen Sprache und erweitert den eigenen Horizont. Ist das etwa verkehrt? Die meisten Lektüren sind weder sinnfrei, noch im Rausch geschrieben. Okay, eine Ausnahme ist vielleicht Kafka. ;)

Im Kern vieler Erzählungen, Romane und anderer Literatur steckt eine Menge Weisheit. Aber die muss man auch finden wollen.  

Kommentar von DudelFlanders ,

Nicht wirklich... da deine Note von der subjektiven Beurteilung des Deutschlehrers abhängt. Bei Lehrer A war ich früher mal ein 1er Schüler in Deutsch, dann kam Lehrerin B und ich war ein 4er Schüler (ohne mich mit ihr zerstritten zu haben!!), dann kam Lehrer C und ich war wieder bei 1-2.

Das Schreiben jeglicher Deutschaufsätze, ob Erörterung oder etwas anderes, steht für mich in einer Reihe wie die Fächer Kunst und Sport. Absolut überflüssig.

Kommentar von Sinnsucher ,

Die Subjektivität bei der Beurteilung durch Lehrer ist aber noch einmal ein ganz anderes Thema. Natürlich haben die Lehrkräfte in Deutsch wesentlich mehr Spielraum bei der Beurteilung, was in der Tat zu Ungerechtigkeiten und zum Nachteil der Schüler führen kann. Aber überflüssig wird Literatur, deren Besprechung und Erörterung sowie das Schulfach "Deutsch" an sich dadurch noch lange nicht.

Expertenantwort
von Schuhu, Community-Experte für Schule, 56

Schwierige Texte lesen, entschlüsseln, den Sinn erfassen und diskutieren soll kein Lernziel für den Deutschunterricht mehr sein? Sich mit den (oft nicht ganz einfachen) Gedanken früherer Epochen auseinanderzusetzen wird nicht gebraucht? Die Geschichte seiner eigenen Kultur zumindest in groben Zügen erfahren, ist unsinnig? Na ja, das erklärt so einiges!

Kommentar von DudelFlanders ,

Sich mit den (oft nicht ganz einfachen) Gedanken früherer Epochen auseinanderzusetzen wird nicht gebraucht? 

Dafür muss man kein Buch eines x-beliebigen Autors von damals lesen. Dazu könnte man auch Sachbücher aus der heutigen Zeit heranziehen, die sich intensiv mit dem alten Gedankengut beschäftigen.

Die Geschichte seiner eigenen Kultur zumindest in groben Zügen erfahren, ist unsinnig? 

Dafür muss man kein Buch eines x-beliebigen Autors von damals lesen. Dazu könnte man auch Sachbücher aus der heutigen Zeit heranziehen, die sich intensiv mit der alten Kultur beschäftigen.



Kommentar von Schuhu ,

Und wie würdest du den Wahrheitsgehalt der Sachbücher überprüfen wollen? Und wer sollte sie nach zei, drei Generationen mit Deutschunterricht nach deinen Vorstellung noch schreiben können?

Kommentar von DudelFlanders ,

Überprüfen kann man es ja wenn man will - wenn nicht eben nicht.

Im Biologieunterricht lernt man schließlich auch nur aus Sachbüchern und nimmt nicht die wissenschaftlichen Papers von vor 30-80 Jahren und liest sie mit seinen Schülern durch.

Kommentar von DudelFlanders ,

Noch ein Kommentar zum Biologie/Chemieunterricht. Vieles steht in den Büchern aus Gründen der Vereinfachung ja sogar absichtlich völlig falsch drinnen...  aber da stört es auch keinen.

Kommentar von Schuhu ,

Wenn dir die Kenntnisse deiner Sprache ausreichen, wenn du nur Deutsch lesen (einfache Sachtexte) und schreiben (in annähernd korrekter Form) kannst, dann ist ja gut. Hoffentlich bist du nicht in jedem Fach so desinteressiert.

Kommentar von DudelFlanders ,

Den Rest gekonnt ignoriert.

Kommentar von BraKe94 ,

Naja will dir nicht unbedingt widersprechen, aber ich im Deutsch LK hab wirklich nix anderes gemacht. war dann zwar immer ein anderer langweiliger Text, aber es kam einfach nix anderes dran und das ist dann wieder Zeitverschwendung. Denn es gibt noch viele andere Dinge zu besprechen als bloß Gedanken früherer Epochen oder die abgelaufenen Geschichten seiner Kultur..

Antwort
von Hyperius, 50

Du kannst nichts dran ändern, also brav weiterlesen.

Antwort
von BraKe94, 48

Klar könnte man das. Aber wozu sollte man bitte etwas sinnvolles in der Schule lernen. Gäbe ja überhaupt keinen Sinn.. :D
Hab mich damals dasselbe gefragt.. Ich mein, die deutsche Sprache ist ja nichts was wir jeden Tagen brauchen könnten xD

Antwort
von loema, 25

Du bist also auf einem Gymnasium und verstehst nicht, warum du dich mit deutscher Kultur beschäftigen musst??????
Willst du lieber Filme von Rosamunde Pilcher im Unterricht sehen?
Ist topmodern!

Kommentar von DudelFlanders ,

Wie ich bereits erwähnt habe, war mein Gegenvorschlag etwas Sinnvolles zu tun.

Kommentar von feirefiz ,

Der Deutschunterricht soll in allen Lehrplänen Zugänge zu den verschiedenen Genres der Literatur/Sprachproduktion bieten als da wären: Lyrik, Prosa, Drama, Sachtexte. Die meisten Lehrpläne sind so aufgebaut, dass entweder alles in einem Schuljahr oder über zwei Schuljahre verteilt drankommt. Das soll die Jugendlichen an diese Formen heranführen.

Es muss einem nicht alles liegen - das ist auch gar nicht nötig. Viele Jungs finden heraus, dass sie gut mit Sachtexten und Erörterungen umgehen können - das ist legitim. Aber man muss alles gesehen und gehört haben. Es sind nämlich eine ganze Menge Leute dabei, denen Lyrik etwas gibt. Die dann auch privat Lyrik weiterlesen. Oder dann, wenn sie Probleme haben. Oder auch schreiben.

Warum sollte man diesen Personen den Zugang verwehren?

Bitte lies doch mal Erich Fried und Bert Brecht und natürlich Kästner. Diese lyrik ist teilweise auch schon fast 100 Jahre alt - für uns ist sie immer noch modern:

Ein Beispiel (eins der schönsten wie ich finde) - und ehrlich - das lässt dich total kalt? Wie alt bist du denn?

Ein Mann gibt Auskunft

(Erich Kästner)

Das Jahr war schön und wird nicht wiederkehren.

Du wußtest, was ich wollte, stets und gehst.

Ich wünschte zwar, ich könnte dir's erklären,

und wünsche doch, daß du mich nicht verstehst.

Ich riet dir manchmal, dich von mir zu trennen,

und danke dir, daß du bis heute bliebst.

Du kanntest mich und lerntest mich nicht kennen.

Ich hatte Angst vor dir, weil du mich liebst.

Du denkst vielleicht, ich hätte dich betrogen.

Du denkst bestimmt, ich wäre nicht wie einst.

Und dabei habe ich dich nie belogen!

Wenn du auch weinst.

Du zürntest manchmal über meine Kühle.

Ich muß dir sagen: Damals warst du klug.

Ich hatte stets die nämlichen Gefühle.

Sie waren aber niemals stark genug.

Du denkst, das klingt, als wollte ich mich loben

und stünde stolz auf einer Art Podest.

Ich stand nur fern von dir. Ich stand nicht oben.

Du bist mir böse, weil du mich verläßt.

Es gibt auch and're, die wie ich empfinden.

Wir sind um soviel ärmer, als ihr seid.

Wir suchen nicht, wir lassen uns bloß finden.

Wenn wir Euch leiden sehn, packt uns der Neid.

Ihr habt es gut, denn Ihr dürft alles fühlen.

Und wenn Ihr trauert, drückt uns nur der Schuh.

Ach, uns're Seelen sitzen wie auf Stühlen

und sehn der Liebe zu.

Ich hatte Furcht vor dir. Du stelltest Fragen.

Ich brauchte dich und tat dir doch nur weh.

Du wolltest Antwort. Sollte ich denn sagen:

»Geh!«

Es ist bequem mit Worten zu erklären.

Ich tu es nur, weil du es so verlangst.

Das Jahr war schön und wird nicht wiederkehren.

Und wer kommt nun? Leb wohl! Ich habe Angst.

Antwort
von FooBar1, 44

Jepp. Und sowas wie Faust ist kein Kauderwelsch

Kommentar von DudelFlanders ,

Könntest du es bitte ausführen? Inwiefern hat dich das weitergebildet?

Kommentar von Scorch1262 ,

Es geht in erster Linie nicht um das Werk "Faust" an sich, sondern das, was es präsentiert. Nämlich die klassische deutsche Literatur. Und das sind nun einmal Werke von Goethe, Schiller, usw.

Hinzu kommt, dass du, wenn du einen Goethe-Text analysieren kannst, wesentlich leichter auch einfachere Texte, die du noch in deinem Leben vor die Nase kriegst umso schneller analysieren kannst, ohne dass du dies überhaupt bewusst angestrebt hast. Einfach weil du schon wirklich schwerere Texte behandeln musstest.

Solche Werke vermitteln einem halt einen Überblick über die sprachhistorische Geschichte Deutschlands, und diese in der Schule zu lernen ist sicherlich von Vorteil.

Klar sind die meisten Schreibstile echt mies zu verstehen und zu lesen, aber so ist das nun mal. Mich kotzt es auch ziemlich an, aber es ist in meinen Augen definitiv notwendig. 

Kommentar von FooBar1 ,

Es ist einfach Allgemeinwissen und Viele geflügelte Wörter im Sprachgebrauch lassen sich daraus erklären. Pudels Kern oder die Gretchenfrage. Mal davon abgesehen, dass das gesamte Buch ein Meisterwerk der Dichtkunst ist. Mir macht es Freude sowas zu lesen und ohne den Deutschunterricht hätte ich es vielleicht erst viel später gelesen

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