Frage von annasunflower, 68

Gilt ein unabhängiges Naturrecht?

Hallöchen :)

Es ist so, dass wir den Grundsatz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" im Artikel 1 des Grundgesetzes verankert haben - damit wird etwas, das man normalerweise als Naturrecht bezeichnen würde, im positiven Recht verankert. Aber nur, weil ich die Menschenwürde bedingungslos anerkenne, heißt das ja nicht, dass es alle Menschen oder Staaten tun (genug Beispiele für das Gegenteil gibt es ja). Wie kann ich jetzt auf ein allgemein gültiges Naturrecht schließen und worauf gründet es sich oder muss ich von einem moralischen Relativismus ausgehen?

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

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von berkersheim, 32

Der Begriff "Naturrecht" ist nicht glücklich. Ein Recht bezeichnen wir als einen durchzusetzenden Anspruch in einer Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft setzt diesen Anspruch durch - die Natur nur indirekt - insoweit, als eine Gemeinschaft scheitert, wenn sie einen naturempfohlenen Anspruch nicht durchsetzt. Wenn in einer Gemeinschaft jeder jeden grundlos töten darf, ist diese Gemeinschaft schnell am Ende. Die Tatsache, dass wir uns in Kriegen zwischen Gemeinschaften durchaus persönlich-grundlos töten, zeigt, dass das nicht zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften gilt. D.h. ein Naturrecht geht nie über eine Gemeinschaft oder zusammengeschlossene Gemeinschaften hinaus. Eine freie Regelung, z.B. ob man auf der linken oder rechten Straßenseite fährt, ist keine naturempfohlene Regelung, weil es der Gemeinschaft keinen Schaden bringt, ob sie sich so oder so entscheidet.

Als "Naturrecht" kann man also alle Regelungen einer Gemeinschaft bezeichenen, deren Nichtregelung der Gemeinschaft schadet, sie auf lange Sicht evtl. an den Abgrund bringt. Allen Menschen eine gleiche Würde zuzusprechen ist ein Naturrecht in einer demokratisch verfassten Gemeinschaft. Man erinnere, dass auch im früherer Zeit Gemeinschaften gut funktioniert haben, in denen Adeligen und dem Klerus eine höhere Würde als z.B. Bauern zugesprochen wurde. In Indien wurde und wird das sogar mit einer Markierung auf der Stirn sichtbar gemacht. Dort und auch bei uns lange Zeit, haben Frauen nicht die gleiche Würde wie Männer. Man kann auch so fragen: Welche Rechtsansprüche ergeben sich notwendigerweise, wenn eine Gemeinschaft in einer bestimmten Verfassung konfliktlos funktionieren und vor Selbstzerstörung geschützt sein soll? Relativismus in diesen Grundfragen zersetzt jede Gemeinschaft auf lange Sicht.

Kommentar von annasunflower ,

Dann bezieht sich der Relativismus, auf den Sie eingehen,  aber nur auf eine Gesellschaft, richtig?  Sprich: Moralischer Relativismus innerhalb einer Gesellschaft wäre unmöglich, weil er zwangsläufig zu deren Zersplitterung führen müsste, vergleicht man allerdings verschiedene Staaten/Gesellschaften, so ist hier ein Relativismus der Werte gegeben? Kann man in diesem Fall, also wenn man einen allgemeinen Relativismus anerkennt, überhaupt Staaten aufgrund von Menschenrechtsverletzungen verurteilen bzw. Sanktionen verhängen? 

Kommentar von berkersheim ,

Vorsicht mit zuviel Trennschärfe. Moralischer Relativismus innerhalb einer Gesellschaft ist nicht unmöglich. Je nachdem, wie heftig ein Überlebensnerv einer Gesellschaft davon betroffen ist, kommt diese in Schwierigkeiten. Gleiche Überzeugungen gibt es auch zwischen Ländern, aber oft nur in Kernbereichen. Nehmen wir den Schutz des Lebens. Dass niemand das Recht haben sollte, jemand anderen willkürlich und grundlos zu töten, ist in nahezu allen Gesellschaften anerkannt. Die Unschärfe der Interpretation aber entsteht in unterschiedlichen Auffassungen, was "willkürlich" und "grundlos" ist. Selbst der IS wird nicht akzeptieren, dass sich seine Mitglieder gegenseitig grundlos töten. Doch zu Propagandazwecken einen "Ungläubigen" zu köpfen, glauben sie Grund genug zu haben, womit sie allerding ziemlich allein dastehen. In der Praxis ist oft nicht die Frage ob "Ja" oder "Nein", sondern, wie hoch oder tief die Hemmschwellen sind.

Menschenrechtsverletzungen gibt es erst, seit sich die meisten Staaten in der UNO zu einer Erklärung der Menschenrechte verpflichtet haben. Da steht das Recht auf Arbeit drin.

Artikel 23

Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.

Offensichtlich wird dieses Recht in den unterschiedlichen Mitgliedsländern sehr unterschiedlich aufgefasst und umgesetzt. Du kannst alle 30 Artikel durchgehen und etliche finden, gegen die von Mitgliedsstaaten sogar verstoßen wird. Was geschieht im Iran oder Saudi Arabien mit Menschen, die den Islam verlassen und Christ werden wollen? Freiheit der Eheschließung - gibt es die überall? Es gibt offensichtlich soetwas wie "Kernrechte", zu denen man sich einigermaßen einig ist und die Streuung unterschiedlicher Auffassungen nicht sehr groß ist und es gibt Rechte, gegen die Mitgliedsländer in der Praxis ständig verstoßen, ohne dass es geahndet wird. Die Welt ist nicht Schwarz-Weiß, sondern hat viele unterschiedlich schattierte Graubereiche.

Antwort
von DerSchopenhauer, 23

Die Menschenwürde ist aus nichts heraus ableitbar; zudem ist sie in der jetzigen Form ein relativ junges Konstrukt.

Im Laufe der Geschichte der Menschheit hatte der Begriff "Würde" eine andere Bedeutung; Würde musste man sich früher erarbeiten oder hatte sie auf Grund einer Position, eines Amtes, des Alters oder des Auftretens.

Mit der Erklärung der Menschenrechte im 18. Jhd. wurde dann auch der Begriff der Menschenwürde mehr in den Mittelpunkt gerückt und nach den Verbrechen der Nazis wurde er zu einem absoluten Wert erhoben.

Die Natur als Bezugspunkt ist konstruiert - die Natur kennt keine Rechte für irgendwelche Lebewesen.

Es ist eine Übereinkunft, die Würde des Menschen als überpositives Recht/Naturrecht anzusehen und schreibt daher dem Menschen gewisse Rechte zu (Menschrechte) - das ist ein Konstrukt und man kann auch sagen, daß es eine Illusion ist - man kann sich diesem Konstrukt als Staat  freiwillig unterwerfen und es so akzeptieren - das geschieht zumindest in der westlichen Welt.

Man bezeichnet die Würde zwar als universell aber das ist sie nur aus der Sicht derer, die es als Naturrecht ansehen - universell kann aber nicht bedeuten, daß jeder Staat dies anerkennen muß, weil ein Staat oder eine Gesellschaft auch eine andere Auffassung vom Menschsein haben kann.

Man sollte das besser als Vernunftrecht betrachten - es ist durchaus für alle Beteiligten vernünftig, allen Menschen gewisse unveräußerliche Rechte und auch eine Würde zuzugestehen.


Man kann versuchen, andere Staaten/Gesellschaften von diesem Modell zu überzeugen - mit Gewalt diese Ansicht durchzusetzen, ist nicht angebracht; allerdings werden die Begriffe Würde und Menschenrechte mißbraucht, um politische oder wirtschaftliche Interessen durchzusetzen.

Daher halte ich Deine Schlußfolgerung der Relativierung für zutreffend.

Antwort
von segler1968, 17

Es gibt durchaus eine natürliche Ethik, die auch in allen menschlichen Gesellschaften vorkommt. Das sind im wesentlichen solche Konzepte, die sich als evolutionärer Vorteil erwiesen haben: Beschützen der eigenen Familie/Gruppe, Schutz von Kindern, Teilen von Nahrung in der eigenen Gruppe usw.

Ganz interessant ist, sich in dem Zusammenhang mit der Spieltheorie zu beschäftigen. Theoretisch sind wir frei in den Entscheidungen, aber wir handeln nicht so, sondern häufig kulturunabhängig immer gleich.

Lies mal http://www.nzz.ch/wissen/wissenschaft/eine-spieltheoretische-begruendung-fuer-de...

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