Frage von jurso, 17

Gilt das Unmittelbarkeitsprinzip auch bei Angeklagten?

Während eines Prozesses gab ein Zeuge an, dass der Angeklagte gegenüber ihm seine Tat ungewollt gestanden habe. Kann das Gericht das verwerten? Eigentlich wiederspricht das dem Prinzip der Unmittelbarkeit, weil der Angeklagte die Aussage wiederholen müsste. Zudem wurde auch ein Vermerk behandelt, in dem der Zeuge das Geständnis niedergeschrieben hatte.

Antwort
von Omikron6, 10

Im Strafverfahren wird zwischen formeller und materieller Unmittelbarkeit unterschieden.

Die formelle Unmittelbarkeit besagt, dass die Richter ihre Entscheidungen ausschließlich auf solche Wahrnehmungen stützen dürfen, die sie während derHauptverhandlung gemacht haben. Hierzu ist es erforderlich, dass alle an der Entscheidung beteiligten Richter an der ganzen Hauptverhandlung teilgenommen haben. Ist absehbar, dass sich ein Strafprozess über einen längeren Zeitraum erstrecken wird, kann ein Ersatzrichter benannt werden. Dieser nimmt an der Hauptverhandlung teil und springt ein, falls einer der ordentlichen Richter vor Prozessende ausfällt.

Unter materieller Unmittelbarkeit versteht man, dass für den Beweis einer Tatsache stets das naheliegendste Beweismittel heranzuziehen ist. Eine Zeugenvernehmung ist beispielsweise gegenüber der Verlesung eines Vernehmungsprotokolls zu bevorzugen.

Der Unmittelbarkeitsgrundsatz schließt die Vernehmung eines Zeugen, der die Angaben anderer bekundet (Zeuge vom Hörensagen), nicht kategorisch aus, da auch er eigene Wahrnehmungen mitteilt.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community