Frage von Legilimens123, 86

Gilt das reformierte Sexualstrafrecht auch rückwirkend?

Gut, das wird ein bisschen lang:

Ich (24w) hatte vor ein paar Monaten ein sehr unschönes Erlebnis: Eine lose Barbekanntschaft hat mich, trotz meines mehrfach sowohl verbal, als auch körperlich geäußerten Widerwillens versucht zu küssen, an Brüsten und Genitalien begrabscht und schließlich sogar gewürgt. Und zwar so stark, dass ich leichte Würgemale am Hals hatte und mir kurz dachte "on nein, ich glaube, ich sterbe jetzt." Er ist ungefähr einen Kopf größer als ich und wiegt sicher fast doppelt so viel wie ich, sonst hätte ich mich besser wehren können.

Obwohl das sehr traumatisierend war, war ich entschlossen, ihn nicht anzuzeigen. Unter anderem, weil eine Freundin, die für eine Organisation gearbeitet hat, die Missbrauchsopfer betreut, mir davon abgeraten hat. Sie sagt, dass eine Anzeige bei einem Sexualdelikt in der Regel nicht erfolgreich ist. Ich hatte und habe außerdem ganz schön Angst, dass er einfach sagen würde, es handle sich um eine Falschaussage meinerseits. Zeugen gibt es nämlich nicht. Jetzt möchte ich ihn aber doch anzeigen - erstens, weil ich denke, dass mir das bei der Verarbeitung hilft und zweitens, weil ER derjenige ist, der sich schuldig und miserabel fühlen sollte, nicht ich.

Das Ganze hat sich Mitte Juni diesen Jahres ereignet. Im September 2016 wurde das Sexualstrafrecht reformiert. Nach dem neuen Sexualstrafrecht ist das, was er gemacht hat, aufgrund meines mehrfachen "nein, hör auf, lass das, ich will nicht" und weil ich versucht habe, ihn körperlich abzuwehren, mindestens sexuelle Belästigung, wenn nicht gar sexuelle Nötigung. Ich möchte wissen, ob dieses reformierte Strafrecht auch für meinen Fall gilt, der ja drei Monate vor der Reform stattgefunden hat oder ob bei zurückliegenden Fälle die DAMALS geltende Rechtslage ausschlaggebend ist.

Kann mir das jemand beantworten? Am besten jemand mit juristischem Hintergrund? Ich möchte bitte bitte keine Antworten von Leuten, die mir nicht glauben oder mir eine Teilschuld unterstellen. Ich habe lange genug gebraucht um mir klar zu machen, dass ich nur Opfer bin und nicht Mittäterin.

Antwort
von daCypher, 19

Nein, es gilt immer das Recht zum Tatzeitpunkt. Allerdings kannst du ihn nach dem alten Recht auch anzeigen. Das würgen ist gefährliche Körperverletzung (§224 Abs. 1, Satz 5 StGB). Der alte §177 StGB müsste in deinem Fall auch anwendbar sein ("Wer eine andere Person (1.) mit Gewalt [...] nötigt, sexuelle Handlungen des Täters [...] an sich zu dulden [...] wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.")

Er hat ja Gewalt angewendet und spätestens das begrabschen der Genitalien ist auch eine sexuelle Handlung.

Antwort
von Fredde324, 23

Wenn du schreibst, du hast Würgemale davongetragen wäre das sicherlich ein Beweis gewesen. Wenn du ihm vor Gericht den sexuellen Übergriff nicht hättest nachweisen können, so doch zumindest eine gefährliche Körperverletzung. Zeige so etwas immer an. Stell dir mal vor er macht es noch mit einer anderen. Und da steht dann auch Aussage gegen Aussage. Wenn bei ihm dann vorher schonmal ein ähnlicher Fall angezeigt wurde, glauben die Richter dem Opfer natürlich eher.

Kommentar von Legilimens123 ,

Er hat tatsächlich erzählt, dass er mal wegen Körperverletzung angezeigt wurde. Zwar keine Sexualstraftat aber immerhin... Und ja, ich überlege mir das tatsächlich auch, weil ich mir Sorgen mache, dass er das nochmal bei anderen Frauen macht... 

Kommentar von Fredde324 ,

Na siehst du. :) Bist du denn damals beim Arzt gewesen? Also wurden deine Würgemale von einem Arzt festgestellt? Dann kann evtl auch heute noch eine Anzeige etwas bringen.

Kommentar von Legilimens123 ,

Nope, ich hab mich einfach unfassbar geschämt, war darüber schockiert, dass meine Menschenkenntnis anscheinend so dermaßen schlecht ist (er wirkt nämlich sehr charmant und sympathisch) und habe mir überlegt, was ich dazu beigetragen habe, dass es überhaupt zu dieser Situation kam. Zum Beispiel ob ich zu sehr mit ihm geflirtet habe etc. Ich habe sicher erst zwei Wochen danach richtig realisiert, was überhaupt passiert ist.

Kommentar von Fredde324 ,

Dann wirst du heute schlechte Chancen haben. Falls dir so etwas in der Art noch einmal passiert ( was natürlich niemand hofft) weißt du es ja jetzt besser. Zeige die Person sofort an.

Antwort
von GoodFella2306, 19

Selbst nach altem Strafrecht war seine Handlung eine sexuelle Nötigung. Insofern stellt sich die Frage, wieso du ihn damals nicht schon angezeigt hast.

Das Problem wird zum heutigen Zeitpunkt eher die Beweisbarkeit des Vorfalls sein. Eventuelle körperliche Blessuren, wenn sie denn nicht zufällig per Foto festgehalten wurden, werden in der Zwischenzeit verblasst sein.

Antwort
von LeroyJenkins87, 28

Hallo Legilimens

Ich finde deine Entscheidung richtig, doch noch Anzeige zu erstatten. Darüber hinaus find ich es sehr fragwürdig, wieso deine Freundin dir davon abgeraten hat. Denn solche Dinge sollten immer unterbunden werden und die Täter dürfen dabei nicht ungestraft davonkommen.

Bezüglich der rechtlichen Lage. Ich bin selbst kein Jurist. Ich denke aber, dass die Rechtslage während der Tat entscheidend ist, ausser beim Erlass eines neuen Gesetzes wird explizit darauf verwiesen, dass dies auch rückwirkend geltend ist.

 

Jedenfalls wünsch ich dir alles Gute und wünsche dir viel Erfolg

Kommentar von Legilimens123 ,

Dankeschön :)

Meine Freundin hat das wirklich einfach nur gut gemeint. Sie hat bei vielen Frauen, die sie betreut hat, festgestellt, dass die Anzeige und alles was darauf folgt - oder nicht folgt - ein zweites Trauma ist. Gerade weil die Frauen aufgrund der geringen Chance der Beweisbarkeit oft von den Tätern diskreditiert werden. Dieser Gesichtsverlust war für die Betroffenen immer schwer zu verkraften.

Kommentar von LeroyJenkins87 ,

Das kann ich schon verstehen. Aber wenn bei dir Würgemale sichtbar waren, wäre dies schon ein Beweis gewesen.

Antwort
von augsburgchris, 19

Das ist völlig unabhängig von der Gesetzesänderung. Es war, nach deiner Beschreibung, auch schon vorher sexuelle Nötigung. Du solltest dringend zur Polizei gehen.

Antwort
von exxonvaldez, 17

Es gilt immer das zum Tatzeitpunkt gültige Strafrecht.

Was du beschrieben hast war aber schon immer strafbar. Spätestens das Würgen war Körperverletzung.

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