Gibt es überhaupt einen säkularen Islam?

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6 Antworten

Gibt es überhaupt einen säkularen Islam?

In den Köpfen vieler Muslime gibt es den unlängst, ja. Auch gibt es säkulare Staaten, deren Bevölkerungsmehrheit muslimisch ist, wie beispielsweise Albanien, Bosnien und Herzegowina oder Tunesien. 

Trotz alldem existiert ein säkularer Islam nicht in der Form, wie es für viele Menschen wünschenswert wäre. Denn von den großen theologischen Fakultäten und ergo auch dem Großteil der Muslime wird ein säkularer Islam abgelehnt. Die gegenwärtige Auslegung und die einflussreichen Autoritäten ersticken derartige Gedanken im Keim. Kritische Debatten, die vor 800 Jahren in Bagdad geführt wurden, sind heute undenkbar, weil sie direkt als "unislamisch" deklariert werden. Das Problem liegt in den konservativen Strukturen, die untrennbar mit politischen Machthabern verknüpft sind. Eigentlich bräuchte es eine Reform der Rechtslehre des Islam, die theologischen Fakultäten der islamischen Welt müssen dringend erneuert werden. Sie müssten zukunftsorientiert lehren, nicht geschichtsorientiert, damit Muslime ohne Widersprüche zwischen moderner Gesellschaft und
religiöser Lehre leben können. Doch die konservativen Kräfte tun genau das Gegenteil, aus Angst vor einer Entmythologisierung und Säkularisierung des Islam. Denn sie fürchten, dass daraus ein Verlust ihrer politischen Macht folgen könnte.

Ich als säkularer Muslim bin aber optimistisch: Wie lange hat es gedauert, bis sich die römische Kirche mit dem säkularen Staat und der Moderne
arrangiert und die Rolle der verhinderten Regentin gegen die der
Mahnerin eingetauscht hat? Religiöse Institutionen inklusive ihrer Theologien wandeln sich im Kontext. Sie haben eben kein unwandelbares Wesen seit Gründungszeit. In Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Iran bildet sich längst Widerstand gegen die archaischen Autoritäten. Muslime in Europa hinken zwar einem konservativen Ideal hinterher (das von den großen Gelehrten der islamischen Welt aufrechterhalten wird) doch dieses ist kaum deckungsgleich mit ihren eigentlichen Einstellungen und ihrer Lebensart. Was fehlt ist die Einsicht, dass das Hinterfragen konservativer Strukturen kein Angriff auf die Religion ist, sondern ein Angriff auf die Kräfte, die die Religion in ihrer Entwicklung hemmen, der Botschaft Gottes ihre Zeitlosigkeit rauben und Grund für unaufhörliche innere Konflikte sind.

LG

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Kommentar von Woelfin1989
19.12.2015, 22:06

Eine schöne und objektive Antwort. Danke!

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Wikipedia unter Säkular:
weltlich, profan (auch nicht kirchlich, kirchenunabhängig); Gegensatz zu geistlich, siehe Säkularismus

der Islam ist auch weltlich, aber nicht nur, Allah subhana wa teala sagt im Koran
"Für sie ist die frohe Botschaft im diesseitigen Leben sowie im Jenseits (bestimmt) Unabänderlich sind Allahs Worte - das ist wahrlich der gewaltige Gewinn."

Weiter auf Wikipedia unter Säkularismus:
"Säkularismus bezeichnet eine Weltanschauung, die sich auf die Immanenz und Verweltlichung der Gesellschaft beschränkt und auf darüber hinausgehende, religiöse Fragen verzichtet."

Was für eine Religion soll das bitte sein, die auf religiöse Fragen verzichtet?

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Kommentar von Woelfin1989
19.12.2015, 00:02

Danke für Deine Antwort. 

Im Christentum gibt es das ja, dass man zumindest versucht, das Religiöse mit dem Weltlichen zu verbinden, dass man also z. B. gläubig und auch religiös ist und an die geistlichen Dinge glaubt, auch betet und zur Kirche geht usw., dass man aber im diesigen Leben dennoch die staatlichen Regeln über die religiösen stellt, da man davon ausgeht, dass viele der Regeln, die in der Bibel festgehalten wurden, einfach nicht mehr zeitgemäß sind.

Man liest derzeit ja überall von der Scharia und viel Gehetze, aber es gibt ja auch muslimische Länder (wie die Türkei z. B.), die nach "weltlichen", von Menschen gemachten Gesetzen handeln.

Widerspricht das dann dem Koran oder lässt sich das für einen wirklich gläubigen Muslim dennoch vereinen?

Ich bin einfach oft erstaunt darüber, wie vieles aus dem Koran von manchen für bare Münze genommen zu werden scheint. Aber ich denke, die wenigsten Muslime wollen ernsthaft nach der Scharia leben. Mich verwirrt das Ganze ziemlich.

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Ob der Islam von der Lehre her säkular sein darf? Nein.

Einer der es wissen muss: http://islamicweb.com/beliefs/cults/Secularism.htm

Einige Länder (islamische) haben säkulare Eigenschaften eingeführt und beibehalten.

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Kommentar von Woelfin1989
19.12.2015, 01:22

Danke, das habe ich gemeint. Darf denn irgendeine Religion von der Lehre her säkular sein? Die Christen bezeichnen sich als säkular, aber widerspricht das im Christentum nicht auch dem Grundgedanken?

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Für Gläubige, egal welcher Religion und Herkunft, KANN es das nicht geben.

Man kann nicht zwei ( konkurrierenden ) Vorschriften und Regeln folgen.

Eine Religion, die da Zugeständnisse macht, ist ja nicht mehr "Die Religion", sondern eine Abwandlung davon. 

Und sofern man glaubt, dass Gottes Wort nicht abgeändert werden darf... gibt es da keine Zugeständnisse, oder "Modernisierung"

Daher kann es keinen säkularen Islam geben

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Kommentar von Woelfin1989
19.12.2015, 10:30

Ok. Ich seh das eigentlich ähnlich, damit wäre aber die gesamte Idee des Säkularismus doch sowieso Quatsch? So gäbe es eigentlich nur zwei Seiten, entweder religiös oder eben nicht religiös und unsere westliche Lebensweise ließe sich damit mit KEINER Religion wirklich vereinbaren (also auch mit dem Christentum nicht).

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Kommentar von Jogi57L
19.12.2015, 12:47

unsere westliche Lebensweise ließe sich damit mit KEINER Religion wirklich vereinbaren 

So sehe ich das auch, muss es ja auch so sehen.

Gläubige aller Religionen ziehen da Grenzen, wie z.B.:

" Meinem Gott muss ich mehr gehorchen, als dem Staat, (wenn sich beides nicht vereinbaren lässt )..."

Nur als Beispiel:

Was gilt ?

  1. Dass Mann und Frau dieselben Rechte haben, und dasselbe tun dürfen ?
  2. Dass "Die Frau dem Manne untertan ist"... ( christlich)... oder "Der Mann der Frau in Verantwortung vorsteht ..( islam) .. 
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Natürlich gibt es den. Millionen Muslime in Deutschland und anderswo leben ihn, und Theologen wie z.B. Mouhanad Khorchide oder Tariq Ramadan haben ihn theologisch begründet. 

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Nein. Das lässt sich nicht mit dem islamischen Dogma vereinbaren.

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