Frage von NewKemroy, 19

Gibt es (in der Meditation) die Gleichzeitigkeit des Objekts?

Vor mehreren Jahren hatte ich das irgendwo (weiß ich wo?) aufgeschnappt, dass der Geist zu einem bestimmten Zeitpunkt immer nur ein Ding zum Objekt haben kann.

Nun ist mir aufgefallen, dass ich häufig das Gefühl habe beim Hauptobjekt (z.B. Atem) zu sein und trotzdem einem Gedanken, einem Geräusch oder einer Körperempfindung nachzuhängen. Und das gleichzeitig. Ist das möglich? Wie empfindet Ihr das, in Eurer Meditations-Praxis?

Dann habe ich mal etwas vom "Verankern" mit Hilfe des Hauptobjekts gelesen. Kann das Sinn machen, dass man zeitgleich "hier" einen Anker legt und "dort" mittels Achtsamkeit beobachtet?

Oder ist das vielleicht so, dass ich unbewusst so schnell, wie mit Hochfrequenz, hin und her switche, dass die Illusion einer Zeitgleiche entsteht?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus, 8

Zur Klärung vorab:

Ich selbst übe Zazen, also eine Form der Sitzmeditation, bei der es eigentlich überhaupt kein Meditationsobjekt gibt, weil man sich ganz der gegenwärtigen Erfahrung des Sitzens öffnet, ohne etwas zu fokussieren.

Jetzt zu deiner Frage:

Das Gefühl ganz im "Hier und Jetzt" zu sein - nur um dann plötzlich festzustellen, dass man geistig doch ganz wo anders weilt, kenne ich auch.

Das liegt meiner Meinung nach einfach daran, dass der Geist ständig Gedanken produziert und sie bei der Konzentration auf ein Objekt nicht verschwinden, sondern weiter dahinplätschern, wie ein Bach.

Ähnlich wie bei akustischem "weissen Rauschen" oder beim Überlagern von fremdsprachigen Radiosendern, bei denen man glaubt, plötzlich deutsche Worte zu hören, haftet auch der Geist immer wieder mal an diesem mentalen Rauschen.

Ich fand das eine Zeit lang irritierend - wie kann ich vordergründig ganz präsent sein und gleichzeitig plappert es im Hinterkopf weiter? Irgendwie schizophren...

Dann wurde mir aber klar, dass dies nur darauf zurückzuführen war, dass ich mich von diesem geistigen Rauschen distanzierte und eine künstliche Trennung zwischen "Sammlung" und "Hintergrundgeräusch" aufrecht erhielt.

Als ich erkannte, dass das mentale Rauschen genau so "okay" ist, wie die Sammlung und den Widerspruch von beidem aufhob, störte es mich nicht länger.

Für mich war das eine gute Lektion um zu merken, wie stark wir eben doch kategorisieren, selbst wenn wir meinen, diese Differenzen überwunden zu haben.

Vielleicht ist folgender Gedanke hilfreich:

Es gibt keine Trennung zwischen der bewussten Sammlung und der Wahrnehmung anderer Dinge - beide sind Teil der einen Erfahrung.

Kommentar von NewKemroy ,

"Es gibt keine Trennung zwischen der bewussten Sammlung und der Wahrnehmung anderer Dinge - beide sind Teil der einen Erfahrung."

Gute Überlegung. Auf jeden Fall ist dann das "hier" und "dort" -Kategorisieren obsolet.

Wie ist das wenn Du einen Text ließt? Ich kann locker dabei einem Gedanken nachhängen und weiterlesen. Zwar verstehe ich dann nicht mehr viel von dem was ich lese, aber prinzipiell geht das.















Kommentar von Enzylexikon ,

Schön, wenn meine Anregung vielleicht etwas hilfreich war. :-)

Wie ist das wenn Du einen Text ließt? Ich kann locker dabei einem Gedanken nachhängen und weiterlesen. Zwar verstehe ich dann nicht mehr viel von dem was ich lese, aber prinzipiell geht das.

Ja, die Erfahrung kenne ich auch, allerdings wird mir relativ schnell bewusst, dass dort etwas "hakt" und ich fühle mich dadurch unwohl, so dass ich wieder bewusst weiterlese.

Kommentar von NewKemroy ,

fühle mich dadurch unwohl

Ja. Da scheint etwas nicht zu stimmen. Vorallem wenn man beides, die Gedanken und das Lesen als Gegenwart erfährt.

Das mit der

der einen Erfahrung

gibt einem wirklich zu denken.

Kommentar von Enzylexikon ,

Ich denke, wenn man sich bewusst macht, dass dabei eben nicht, wie es zunächst scheint B auf C trifft, sondern beides Teil der einen Erfahrung A ist, kann man damit angemessen umgehen.

So geht es mir jedenfalls wenn ich bemerke, dass neben der scheinbaren Achtsamkeit noch etwas anderes läuft.

Ich glaube, es war Meister Deshimaru der sagte "embrace the contradictions" (umarme die Widersprüche)

Diese Haltung - eben beides mit einer positiven, umarmenden Haltung als gleichwertig im selben Moment zu akzeptieren und willkommen zu heißen, anstatt eines von beiden zurückzuweisen - bereichert die Erfahrung und ermöglicht zugleich das Loslassen.

Beides ist da....beides ist okay...who cares?

Kommentar von Enzylexikon ,

Vielen Dank für den Stern. :-)

Antwort
von purushajan, 6

das paradoxe zu akzeptieren, dass scheinbare gegensätze gleichzeitig existieren und sich gegenseitig ergänzen, ist eine der wichtigsten erkenntnisse durch meditation.

die meisten menschen können zwei oder sogar mehrere dinge gleichzeitig wahrnehmen. du kannst dir die fingernägel schneiden und dabei musik hören, du kannst telefonieren und dabei krakeleien kritzeln, du kannst essen und dich dabei unterhalten, das sind alltägliche beispiele, dass jeder mensch die aufmerksamkeit auf mehreren dingen gleichzeitig haben kann. und manchen fällt es leichter, dem lehrer in der schule zuzuhören, wenn sie dabei gleichzeitig zeichnen. andere widerum fühlen, dass ihr geist dadurch geteilt wird und die aufmerksamkeit abnimmt. also mach dir darüber keine gedanken.

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