Frage von interference, 57

Gibt es eine philosophische "Psycho"-Therapie?

In meinem Leben hatte ich schon sehr belastende Episoden. Früher habe ich auch die Dienste mehrerer Psychiater in Anspruch genommen. Aber irgendwie funktioniert das bei mir nicht. Es ist definitiv nicht das, was ich brauche. Ich nehme Psychiater/Psychologen mittlerweile auch als Gefahr wahr. Irgendwann ist mir die Idee gekommen, dass mir vielleicht eine "philosophische Therapie" helfen könnte, falls ich mal wirklich nicht weiterweiss. Es ist eine eher vage Idee, denn ich hatte leider nie Philosophie-Unterrricht und Philosophie ist für mich eine rätselhafte Wissenschaft. Unter den wenigen Einblicken, die ich in diese Disziplin hatte, waren jedoch überdurchschnittlich viele prägende oder zumindest bemerkenswerte dabei.

Kennt jemand von euch sowas wie eine auf Philosophie basierte Gesprächstherapie?

Antwort
von Ottavio, 12

Die Philosophie ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst, nämlich die, sich systematisch mit für den Menschen relevanten Fragen zu beschäftigen, auf die die Wissenschaften noch keine fertigen Antworten haben. Man darf von der Philosophie keine fertigen Antworten erwarten, denn Fragen, auf die es sie gibt, sind keine philosophischen Fragen mehr

In der Tat gibt es seit Jahrtausenden eine philosophische Psychologie. Die wissenschaftliche Psychologie hat wissenschaftliche Methoden entwickelt, aber bisher wenige psychologische Fragen beantwortet. Die Lehre der Psychoanalytiker wird von ihr nicht der Psychologie, sondern der Philosophie zugerechnet. Wenn man diese Sichtweise übernimmt, gibt es natürlich eine "philosophische" Psychotherapie.

Epikur lehrt, niemand sei zu jung und niemand zu alt zum Philosophieren. Er hat Recht. Die Frage ist, ob philosophieren eine therapeutische Wirkung haben kann. Ich denke, dass das der Fall ist.

Dazu muss man nicht Philosophie studieren. Ein philosophisches Werk zu lesen, bringt einiges. Ich habe neulich erst wieder "das andere Geschlecht" von Simone de Beauvoir gelesen, ca. 900 Seiten. Aber eigentlich lebt die Philosophie vom Diskurs, es braucht also eine Gesprächsrunde. Tres faciant colloqium, drei sollen das Gespräch führen. Ideal wäre es, eine solche Runde zu finden. Dies Forum ist die zweitbeste Lösung.

Kommentar von interference ,

Ah, das will ich auch schon lange mal lesen. Ist es nicht sehr feministisch?

Wieso drei? Das tönt für mich nach "Huis clos" von Simones copain. Das Problem ist, dass ich sehr intimes zur Sprache bringen müsste und ich lieber jemanden bezahle, der dafür verzichtet mich moralisch anzugreifen oder bloss zu stellen.

Meine philosophischen Erlebnisse beschränken sich auf Sophies Welt (nie zu Ende gelesen, behalten habe ich etwas von der Ideenwelt, war das Plato?), Peter Sloterdijk (hat mich einfach gefreut, wenn ich ihm ein paar Minuten folgen konnte), Slavoy Zizek (seitdem fühle ich mich irgendwie als Alien), Stanislaw Lem, Henry Frankfurts "Bullshit", "die Kunst des Liebens" von wiess nicht mehr wem.

Wieso ist Philosophie keine Wissenschaft? Schafft sie denn kein Wissen oder Erkenntnis? Übrigens ist das richtig, dass anglophone und frankophone keinen Begriff für "Erkenntnis" haben (im Unterschied zu "Wissen")? Ist das nicht unglaublich?

Kommentar von Ottavio ,

Nun ja, sehr feministisch, das hängt davon ab, woran man es misst. Simone hat sich 1972 den Feministinnen angeschlossen, das Buch stammt aber von 1949, und darin distanziert sie sich eindeutig vom Feminismus. Ich hatte es vor fünfzig Jahren schon einmal gelesen, gewissermaßen zwecks Aufklärung. 

Nun las ich bei Eva Herman, Alice Schwarzer habe behauptet, Simone de Beauvoir habe geschrieben, es gebe keine psychischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die nicht durch die gesellschaftliche Prägung hervorgerufen seien. Ich hatte das Gegenteil in Erinnerung, und ich hatte Recht. Im Schlusskapitel schreibt Simone genau das Gegenteil. 

Einige Feministinnen berufen sich allzu gerne auf sie. Aber sie haben das Buch wohl nicht zu Ende gelesen. Ich darf einen Trick verraten: Ich lese oft das Schlusskapitel zuerst. Simone de B. war Existentialistin und ist es geblieben.

Die Bücher, die Du gelesen hast, sind doch schon ganz gut - alle kenne ich aber nicht. Sophie Welt solltest Du unbedingt zu Ende lesen, auch die anderen von Jostein Gaarder. Die Kunst des Liebens ist von Erich Fromm, auch ein Psychoanalytiker, den man den Philosophen zurechnen kann.

Die Philosophie (ich habe das Fach mal studiert) hat viele Erkenntnisse hervorgebracht. Aber weil die nunmehr beantworteten Fragen damit keine philosophischen Fragen mehr waren, sondern wissenschaftliche, hat sie damit wieder einmal eine neue Wissenschaft aus sich hervorgebracht wie fast alle. 

Auch die Mathematik hat sie hervorgebracht, aber das ist auch eine Kunst, keine Wissenschaft. Ihre Aussagen sind nichts als Tautologien und sagen nichts aus über die Wirklichkeit. Drei Fächer habe ich studiert mit redlichem Bemüh'n, aber eine Wissenschaft war nicht dabei. Psychologie habe ich nicht studiert, aber meine Tochter hat.

Ob es im Englischen und Französischen keine Entsprechung für Erkenntnis gibt, weiß ich jetzt nicht. Wenn ich im Sachs-Vilatte nachschaue, steht da bestimmt was, aber vielleicht gibt es da einen Bedeutungsunterschied. Mach ich demnächst.

Warum drei ? Weil der philosophische Diskurs den dialektischen Dreischritt durchschreitet: These, Antithese, Synthese. Eine_r stellt eine These auf, ein_e andere_r  versucht sie zu widerlegen, und jemand Drittes formuliert eine neue These, die die jeweiligen Argumente beider berücksichtigt.

Ja, der Mann mit der Ideenwelt war zuerst Platon. Den musste ich in der Schule lesen, war aber nicht ganz mein Ding. Aber das "Gastmahl" lohnt sich schon zu lesen.

Kommentar von interference ,

Ahh... Dialektischer Dreischritt! Juhui, das leuchtet mir ein! Welche Freude, wieder etwas gelernt zu haben!

Ja, wie bei Philosophen habe ich auch bei Mathematikern bemerkt, dass sie eine ähnliche, mir als Naturwissenschaftlerin fremde, Denkweise haben. Ich stelle mir vor, dass der praktische Teil beider Disziplinen das "Hirnwerk" ist (in Analogie zu Handwerk). Und jetzt verstehe ich wieso du sie Kunst nennst. Weil diese "hirnwerklichen" Fertigkeiten euch schöpferische Fähigkeiten verleiht.. Vielleicht hat die Biologie irgendwann in ferner Zukunft die Möglichkeit sich zu einer Kunst zu erheben?

Aber weil die nunmehr beantworteten Fragen damit keine philosophischen
Fragen mehr waren, sondern wissenschaftliche, hat sie damit wieder
einmal eine neue Wissenschaft aus sich hervorgebracht wie fast alle. 

Welche Wissenschaft(en) hat sie hervorgebracht?

"Das andere Geschlecht" muss ich definitiv lesen.

Und wie hast du es mit der Religion?

Kommentar von Ottavio ,

Welche Wissenschaften hat die Philosophie hervorgebracht ? Zunächst einmal die sieben freien Künste Rhetorik, Grammatik, Dialektik (und damit die Sprachwissenschaften), Arithmetik, Geometrie (und damit die Mathematik), Astronomie (und dann die anderen Naturwissenschaften) und Musik (und dann die Kunstwissenschaften), ferner die historischen Wissenschaften, die Geographie, die Gesellschaftswissenschaften, die Pädagogik, die Psychologie - sie alle waren ursprünglich Teil der Philosophie.

Die Medizin, die Jurisprudenz und die Theologie will ich jetzt mal nicht dazu rechnen, die Ingenieurswissenschaften erst recht nicht, obwohl es auch da überall starke Einflüsse der Philosophie gab - aber auch umgekehrt. Die jeweiligen Memoiren der Theoretischen Physiker des Max-Planck-Instituts gehörten zu meiner Lieblingslektüre (meine Eltern waren beide Physiker).

Die Gretchenfrage. Heinrich, wie hältst du es mit der Religion ? Das ist nicht etwas, was man in dieser comunity öffentlich diskutieren sollte. Was immer jemand dazu schreibt, ruft einen Rattenschwanz von Leuten auf den Plan, die es besser wissen. Wenn wir darüber diskutieren wollen, sollten wir es unter uns katholischen Pastorentöchtern tun, also Freundschaft schließen.

Du hast mir noch nicht verraten, welche Fächer oder welches Fach Du studiert hast, und ich habe noch nicht verraten, welches das dritte Fach war, das ich (eigentlich gar nicht leider) auch durchaus studiert habe mit redlichem Bemüh'n und summa cum laude. Rate mal !

Herzlich

Hartwig

Kommentar von Ottavio ,

Na, wenn Du interference heißt, hast Du natürlich Physik studiert. so schwer ist das eigentlich nicht.

Antwort
von Sauperle, 17

Ja, zumindest wenn ich an gewisse Meetings denke. 

Aber das ist bestimmt nichts für dich, denn du möchtest fertige (von anderen Menschen aufbereitete) Lösungen haben, die natürlich für dich niemals stimmig sein können.

An der Arbeit (das ist deine zu erbringende Leistung mal Lebenszeit) kommst du nicht vorbei! 

Kommentar von interference ,

Woraus bitte schliesst du, dass ich "fertige" Lösungen haben will? Es geht darum, dass ich in gewissen Situationen einfach nicht weiterweiss und ich reagiere bevor es zu spät ist. Psychiater/Psychologen haben, fachbedingt glaub' ich, sehr begrenzte Horizonte. Es ist normal, verzweifelt zu sein, wenn einem das Leben übel mitspielt, Traurigkeit ist keine Krankheit und mit Medikamenten kann man kein Leben "heilen". Die wenigen Philosophen, die ich bisher getroffen habe, haben eine ganz andere Denkweise als ich, der ich aber oft auch folgen kann. Ich sehe es als Horizonterweiterung im Bereich des Denkens. Für mich ist es momentan einfacher, mit einem Experten zu reden als ein Philosophiestudium zu beginnen, ich muss ja nicht jedesmal das Rad neu erfinden. Aber danke für deinen Input.

Antwort
von LottaLou, 4

Schon mal an eine Therapie gedacht, die sich mit dem ganzen System befasst in dem wir leben? 

Kommentar von interference ,

Welches System meinst du? Das gesellschaftliche System in Westeuropa? Kapitalismus?

Antwort
von berkersheim, 23

Ich empfehle "Philosophische Praxis" zu googeln und dort den Beitrag in Wikipedia zu lesen. Da sind unten im Abspann auch Listen philosophischer Praxen usw. aufgeführt, sodass man schon nachschauen kann, wer denn in der Nähe sowas anbietet.

Kommentar von interference ,

Ich danke Ihnen sehr! Habe gerade einen Therapeuten angeschrieben.

Antwort
von RobertMcGee, 17

Ob es Therapien gibt, die sich speziell aufs Philosophieren festgelegt haben, weiß ich nicht.

Anders gesehen geht es aber bei jeder Therapie auch um Philosophie [die "Liebe zu Weisheit"] - genauer gesagt darum, "den richtigen Blickwinkel" auf die Welt und sich selbst zu erkennen, ggf. auch die eigene Wahrnehmung auf die richtigen Dinge zu lenken, um seine Ziele zu erreichen.

Philosophieren ist im Grunde ja nichts anderes, als das Hinterfragen teils "gewöhnlicher" Dinge und das Aufstellen einer Theorie, wie es besser wäre [oder warum es anders (nicht) sein kann].

Um die Philosophie therapeutisch zu nutzen, wäre es mEn sinnvoll, sich damit auseinanderzusetzen, WAS man glaubt [die eigene, subjektive Wahrheit erkennen], ob das Ganze Logisch ist [im Hinblick auf das Ziel] und WARUM man diesen Glauben hat [bzw. diese Dinge für wahr hält (auch und besonders dann, wenn es um die als "objektiv" bezeichnete Wahrheit geht)].

Falls es keine Gesprächstherapie dafür gibt, versuch's doch einfach mal mit einem (philosophischen) Diskussionsforum oder einem Debattierclub ;)

Kommentar von interference ,

Es geht mir gar nicht ums "Philosophieren". Dieser Begriff hat für mich eine Stammtisch-Konotation..

Ich dachte eher an eine Gesprächstherapie in der ich persönliche Dinge anspreche, die mir die Seele schwer werden lassen. Ein Therapeut der studierter Philosoph ist, und der mir in einer Mischung aus Philosophiekurs und Gesprächen alternative Denkmodelle, Verhaltensweisen, Wünsche usw. aufzeigt.

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