Frage von Eirene2007, 34

Gibt es eine Möglichkeit DIS oder MPS zu behandeln, sodass die Betroffenen nur noch "sie selbst" sind?

Ich habe mich aus Interesse ein wenig mit der Dissoziativen Identitätsstörung und der Multiplen Persönlichkeitsstörung befasst. Bei den meisten Betroffenen erscheint diese Krankheit, um sich selbst zu schützen im Falle eines schweren traumatischen Ereignisses.

Ist es möglich diese Menschen auf eine Person zurückzuführen, sodass sie ein geregeltes Leben führen können (ohne Gedächtnislücken etc.)? Wenn ich das richtig verstanden habe, versuchen Therapeuten, dass sich die Betroffenen mit ihren weiteren Persönlichkeiten anfreunden, sie erkennen und akzeptieren.

Ich frage nur aus Interesse und will niemanden mit meiner Frage verletzen!!!

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Antwort
von expermondo, 5

Hallo Eirene2007,

Schau mal bitte hier:
Krankheit Psychologie

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von elmsfeuer, 9

Hallo Eirene2007, ein einzelnes Trauma reicht i.d.R. nicht, um eine dissoziative Identitätsstörung (DIS) zu entwickeln. Der aktuelle Stand der Forschung geht davon aus, dass eine fortgesetzte Traumatisierung seit des frühesten Kindesalters vorliegt, um eine DIS hervorzurufen. Von daher ist es schwierig zu beantworten, wenn Du fragst, "dass die Person sich daran erinnerte, wer sie vor dem Trauma war und sozusagen eigentlich ist." Bei vielen multiplen Menschen ist es so, dass die eigentliche Ausweisperson, die Person, die einmal geboren wurde, gar nicht wahrgenommen wird. So erlebe ich das auch. Vom Gefühl her sind alle möglichen Persönlichkeitsanteile da, aber eben nicht diejenige, die den Geburtsnamen trägt. Manche Persönlichkeitsanteile tragen relativ kontinuierliche Erinnerungen über einen längeren Zeitraum in sich und haben sich weit entwickelt. So besitzen sie auspeprägte Fähigkeiten, Interessen, Hobbys, manche sind auch mehr oder weniger regelmäßig im Außenleben anzutreffen. Andere wiederum tragen nur vereinzelte Splitter an gewalterfahrungen in sich. Oft sind sie in der Zeit, in der sie dieses Erfahrung machen mussten, "steckengeblieben", das bedeutet, sie haben sich kaum weiterentwickelt, viele wissen nicht, dass seitdem Jahre vergangen sind. Wieder andere Persönlichkeiten agieren zwar auch kindlich, haben aber offensichtlich trotzdem eine Entwicklung durchgemacht. Sie tun dann Dinge, die Kinder eben tun. Sie spielen, malen, lachen, weinen, bocken, quengeln, manche leben aber auch sehr im Trauma. Meine Traumatherapeutin vertritt die Auffassung, dass auch solche Anteile durchaus "nachreifen" können, wenn sie heute heilsame und gute Erfahrungen machen können. Mit einer vollständigen Integration ist das so eine Sache. Wie djbee schon schrieb, wären dann theoretisch alle Erinnerungen dieser Anteile einer einzigen Person zugänglich. Ich persönlich glaube, dass das bei vielen multiplen Systemen schlicht unmöglich ist und zu einem Totalzusammenbruch führen könnte. In früheren Jahren hörte man oft, dass das therapeutische Ziel eine vollständige Integration sei. heute liegt der Fokus eher darauf, zunächst einmal die subjektive Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Eben etwas mehr Annährung mancher Anteile aneinander und vor allem auch mehr Bewusstsein für die Alltagsperson/en, also diejenigen, die hauptsächlich das reale Leben heute regeln. Bei uns ist es ein "Alltagsteam", das leben wird von mehreren mehr oder weniger gut gemanagt. Durch Therapie, die z.B. mir hilft, andere Anteile besser wahrzunehmen, die Kommunikation mit Ihnen fördert, entstehen weitaus weniger Zeitlücken. Ich kann oft "wie von weit weg", oder "wie durch einen Nebel" zusehen, was andere vom Außenteam gerade tun, wenn ich nicht selber handele. das war früher gar nicht möglich. Da war dann einfach ein schwarzes Loch, dass ich meist als bedrohlich wahrnahm. Gefühlt in etwas so: "Eben stand ich noch im Badezimmer und zog mich an, um vielleicht dann einkaufen zu gehen oder einen Spaziergang zu machen. Im nächsten Moment sitze ich plötzlich bei jemanden in der Küche und trinke Kaffee." Ich fühlte mich dann wie vom Himmel gefallen, gefühlt war für mich zwischen beiden Situationen keine Zeit vergangen. Dann folgte vorsichtiges sondieren der Situation. Oberstes Ziel bei den meisten DIS- Menschen ist es, nicht aufzufallen. (Man muss dabei bedenken, die Dissoziative Identitätsstörung ist eine Daseins- Form, die unter schwerster, oftmals lebensbedrohlicher Gewalteinwirkung und einem Umfeld entsteht, dem ein kleines Kind völlig hilflos und abhängig ausgesetzt ist. Da ist nicht auffallen oft oberste Priorität.) Solche Situationen, selbst wenn sie ganz harmlos waren, waren für mich einerseits zwar "normal", weil ich es eben nicht anders kannte, andererseits aber eben auch immer bedrohlich. kein Mensch mag es, ständig in fremden Situationen wie vom Himmel gefallen dazustehen, glaube ich. Das hat sich heute durch mehr Annährung aneinander deutlich verbessert. Es gibt immer noch Zeitlücken, aber sie sind nicht mehr so häufig. Meist heute dann, wenn durch einen Trigger, einen Auslösereiz, Innenpersonen mit Traumaanteilen hervorkommen. Da bin ich dann immer noch komplett "weggeschaltet". Trotzdem hat sich auch hier die Wahrnehming zwischen "Alltagsteam" und hochtraumatisierten Anteilen verbessert. Ich empfinde das aber oft als schwierig, denn so bekomme ich eben heute oft auch teilweise die Erinnerungen der anderen mit. Das kann in Form von kurzen Bild- oder Filmsequenzen vor dem inneren Auge sein, manchmal sind es auchg starke körperliche Reaktionen wie Angstzustände, auch körperliche Schmerzen oder sogar Krämpfe/Lähmungen treten auf. All das ist ein sehr komplexews Thema, und bei jedem Menschen mit dissoziativer Identität ist es natürlich individuell, so individuell wie jeder Mensch eben ist. Ich hoffe, Dir einen kleinen Einblick gegeben zu haben.

Kommentar von Eirene2007 ,

Vielen Dank, dass du mir so ein ehrliches Selbstbild deiner dargestellt hast. Ich finde es auf der einen Seite faszinierend zu was das menschliche Gehirn in (anhaltenden) Gefahrensituation im Stande ist. Dennoch auch sehr erschreckend, was dir widerfahren sein muss, dass du nun dein Leben so lebst. ich hoffe, dass du mit Hilfe von guten Freunden (den du hoffentlich sehr gut vertrauen kannst, solche Menschen sind unbezahlbar!!) und deiner Therapeutin gut mit deinen Persönlichkeiten auskommen wirst und ein schönes Leben hast. :) Die Menschen sind schrecklich, aber ab und zu entdeckt man doch einen Sonnenstrahl, den man ganz fest bei sich halten sollte. Danke, danke für deine Worte. Ich hatte wirklich nicht mit so einer ausführlichen Antwort gerechnet. Ich wünsche dir alles Gute und nur das Beste und noch einen netten gemütlichen Abend. 😳 Und ich hoffe, ich verletze dich mit meinen Worten nicht, das will ich auf gar keinen Fall!!!!

Antwort
von djbee, 18

"Sie selber" ist schwierig zu definieren.

Meistens gibt es eine Host Persönlichkeit deine den Großteil des Alltags bestreitet - die muss aber nicht unbedingt die "eigentliche" Person sein. Der Host kann beispielsweise ein anderes Geschlecht oder alter haben. 

Eine Integration der Persönlichkeiten ist meistens das Ziel - aber eben oft nicht möglich und manchmal auch vom Patienten nicht gewünscht.

Die Persönlichkeiten sind ja oft in höchst  traumatischen Situationen entstanden. Mit diesen Erinnerungen müsste eine Person ja auch erstmal zurechtkommen.

Kommentar von Eirene2007 ,

Genau das meine ich.
Also ich meinte, dass die Person sich daran erinnerte, wer sie vor dem Trauma war und sozusagen eigentlich ist.
Denn eine Frau, die beispielsweise gleichzeitig ein kleiner 7 Jähriger Junge oder ein alter Mann ist, weiß ja in bestimmten Abschnitten, dass sie eine junge Frau ist.

das meinte ich mit "sie selbst"

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