Frage von kernash, 29

Gibt es ein "Ich"?

Wo hört das "Ich" auf? Intuitiv ziehe ich die Grenze des Ichs dort, wo das Erkennende auf das Erkannte stösst.

Aber mir fällt auf, dass man indirekt das Erkennende erkennen kann, in der Art und Weise wie sich beispielsweise ein unveränderliches Erkanntes (z.B. ein Stein) in seiner Erscheinung den Umständen entsprechend ändert. Diese Veränderung lässt darauf schliessen dass das Erkennende nicht konstant ist, wodurch das erkennende zu etwas erkanntem wird. Folglich gibt es kein erkennendes, nur erkanntes und damit auch kein ich. Wo ist der Fehler?

Antwort
von Rosenblad, 6

Das "Ich" ist eine Entwicklungs"figur" im Kontext zum eigenen Selbstkonzept - es ist in der Differenzierung, Reflexion und Identifikation als "Ich",  "Du" und "Wir" sowohl erkennende Proposition, als auch erkannte Kategorisierung des was "Ich " bin - ein Prozess und ein Zustand der sowohl bewusste als auch unbewusste Prozesse impliziert und einen zentralen Zugang zur personalen Identitätsausbildung darstellt.

Zur Veranschaulich der Entwicklung folgendes Zitat:

Ab etwa 9/10 Jahren entwickelt sich die „…Fähigkeit, Selbstbilder miteinander zu koordinieren (….). Das Kind ist in der Lage, spezifische Merkmale seines Selbst in hierarchische Strukturen zu integrieren. Widersprechende Merkmale vermag nun das Kind zu synthetisieren, was ihm erlaubt, sowohl positive als auch negative Selbst-Bewertungen vorzunehmen. Damit entfernt sich das Kind vom Alle-oder-Nichts-Prinzip und es wird eine balancierte Sicht der eigenen Person möglich. Gleichzeitig nutzt das Kind im mittleren [und späten] Kindesalter zunehmend den sozialen Vergleich mit anderen, um sein eigenes Selbst zu evaluieren. (…..) Schließlich ist das Kind in der Lage, Meinungen bedeutsamer Anderer zu internalisieren, was ihm wiederum ermöglicht, mittels des „Ich-Selbst“ das „Mich-Selbst“ direkt zu bewerten.“ [2513]

[2513] Fuhrer et al., Selbstbildentwicklung, S.49,50

Antwort
von Zoroastres, 6

Nein. Es gibt nicht ein ICH. Das ist eine Frage die schon viele beschäftigt hat und es ist sogar was interessantes dabei heraus gekommen, wobei der Beste Teil sicher noch bevorsteht.

Viele sind schon gescheitert, große Philosophen haben sich mit dieem kleinen Wort zu Fall gebracht. Dscartes zum Beispiel, der glaubte die Welt auf seinen einen ebenso brühmten wie unwahren oder zumindest unvollständigen Satz reduzieren zu können und damit eine Basis für die Erkenntnis der Welt geschaffen zu haben. Den wer ist das ich, das da zweifelt.

Neuere Einteilungen sprechen von acht Ich-Zuständen, die unser Selbst (was Psychologen bevorzugen) prägen. Aber hier sind wir wirklich erst am Anfang der Erkenntnis.

Diese gedanken stammen leider nicht von mir, sondern von Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja wie viele? (Leider ist nicht das ganze Buch diesem Thema gewidmet)

Antwort
von Enzylexikon, 6

Meiner Meinung nach ist das Gefühl des "Ich" lediglich ein Produkt unseres Bewusstseins, also der Gehirnaktivität. Beispielsweise hat jemand der bewusstlos ist, in dieser Zeit kein "Ich-Bewusstsein".

Wenn wir schlechte Laune haben, wirkt alles trist und grau. Sind wir dagegen gut gelaunt, wirken die gleichen Dinge viel freundlicher und einladender.

Unsere Wahrnehmung wird also durch unsere geistige bzw. emotionale Situation beeinflusst, da das "Ich" sie bewertet und in einen bestimmten Zusammenhang stellt.

Man könnte auch fragen; "Wie lang ist ein Stock?"

Brauchen wir einen kurzen Stock, ist er zu lang. Brauchen wir einen langen Stock ist er zu kurz. In Wirklichkeit ist ein Stock nur ein Stock und der Rest sind Bewertungen unseres "Ich" die wir daraufladen.

Kommentar von Satiharu ,

Die Bewertungen finden nach den Erwartungen statt. Aber Ich und Bewusstsein ist meiner Meinung nach Untrennbar.

Ich bin das Bewusstsein das wahrnimmt, und das Wahrgenommene ist die Scheinwelt, die Interpretation der vermutlichen grobstofflichen Aussenwelt, interpretiert durch meine Sichtweise, also streng genommen ist auch das Wahrgenommene Ich ;)

(Meine Meinung)

Antwort
von rolfmengert, 1

Dein Text hört sich ein wenig kryptisch an. Ich will mal versuchen mit einfacheren Worten etwas daran deutlich zu machen.

Der Erkennende in Deinem Text soll ja wohl der Mensch sein. Dass dieser zu unterschiedlichen Zeiten und unter veränderten Einsichten und Stimmungen eine voneinander abweichende Erkenntnis über das Phänomen/Objekt gewinnt, dem er sich gerade zuwendet, ist naheliegend. Somit verändert sich der "Erkennende" - allerdings ohne dabei seinen Status als Erkennender zu ändern. Er ist doch immer noch derjenige, der den Erkenntnisprozess vollzieht, selbst wenn er weiß, dass er als Erkennender stimmungsabhängig ist, dass er unterschiedliche Perspektiven einnehmen kann, dass er bei einer zwischengeschalteten intensiven Beschäftigung mit der Thematik gegebenenfalls zu einer wesentlich vertieften Erkenntnis durchdringen kann. 

In welchem Umfang sein Erkenntnisprozess nun aber durch diese verschiedenen Faktoren beeinträchtigt wird, ist recht schwer auszumachen. Man weiß zwar, dass es gravierende Faktoren gibt, die hier wirksam sein können (z.B. das Verliebtsein in eine Person, wenn eben diese Person sachdienlich beurteilt werden soll), dass es aber auch Phänomene gibt, die relativ konstant bleiben, ob man nun positiv gestimmt ist oder sich gerade in einer depressiven Stimmung befindet (z.B. das Ausmessen eines Raumes).

Ganz schwer nachvollziehbar ist nun Dein vorletzter Satz: "Folglich gibt es kein Erkennendes, sondern nur Erkanntes und damit auch kein Ich". Aus dem Befund, dass der Erkennende die Einsicht hat, dass sich seine Urteile in Abhängigkeit von Außenbedingungen und inneren Gestimmtheiten verändern können, kann doch nicht auf die Nichtexistenz eines Ich, eines fiktiven Personzentrums geschlossen werden. Man kann doch lediglich folgern, dass das Ich keine feste unveränderliche Größe ist, und eben das ist seit vielen Jahrzehnten in Psychologie und Philosophie auch nicht mehr behauptet worden.

Das Ich wird heute vereinfacht als ein Konstrukt des menschlichen Bewusstsein gesehen, das er benötigt, um sich als Handelnden wahrzunehmen. Mit so einem angenommenen Personzentrum baut er das Gefühl für seine Identität auf, womit er dann wiederum eine verbesserte Sicherheit in seiner Weltbezogenheit gewinnt. Dieser Prozess der Integration der Motivationen, der Stimmungen und Haltungselemente läuft weitgehend unbewusst ab, womit ersichtlich ist, dass er stammesgeschichtlich sicher sehr alt ist. 

Ein Mensch, der demgegenüber das nicht integrierte Agieren von Persönlichkeitsanteilen in seinem Tun wahrnimmt, gerät dadurch in Selbstzweifel, in intrapersonale Dauerkonflikte, verliert den Mut zur Entscheidung und erlebt sich als mental krank, vielleicht sogar als schizophren. 

Antwort
von Satiharu, 4

Ich bin ich, und das ist derjenige der wahrnimmt, wie auch alles von mir wahrgenommene.

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