Frage von kreisfoermig, 35

Gibt es / Empfindet ihr einen großen Widerstand gegenüber dem Wissen/Lernen?

Wenn ich Menschen theoretische Sachen beibringe oder erkläre, fällt mir (nicht immer aber) häufig ein Haltungsproblem auf: ein deutlicher Widerstand gegen das Wissen an sich, und einen krassen m. E. schädlichen Pragmatismus.

Was meine ich mit Pragmatismus? Einerseits kann ich verstehen, dass, wenn man unter Stress steht, nur die seines Erachtens „wichtigen“ Aspekte zu lernen und alles andere weglässt. Doch wenn ich erkläre, dass das Auswendiglernen doch mühseliger sei, und dass man im Endeffekt mehr arbeiten müsse und weniger verstehen werde, erlebe ich eine große Ablehnung—auch wenn ich das sanft und freundlich rüberbringe, ohne Zwang, sodass die Wahl ihnen überlassen ist. Ich versuche ja zu überzeuge, dass es sich lohnt, so zu abstrahieren (damit man einen besseren Überblick bekommt und dann in neuen Situationen sofort das abstrakte Denken einsetzen kann, ohne wieder alles von vorne für diese neue Instanz lernen zu müssen), doch das gelingt nicht. Vielleicht liegt es an mir, doch ich weiß, dass andere, die nicht unbedingt die besten in einem Fach sind, aber sich dafür interessieren, meine Vorschläge gerne annehme.

Es geht aber nicht um mich. Ich erkläre bloß meine Erfahrungen. Es geht um die Frage, bin ich nur das, order erlebt ihr auch einen starken Widerstand gegen Wissen als solches?

Tut mir leid. Ich hab die Dinge hier vage definiert. Das ist aber z. T. absichtlich. Ich meine das zwar konkret in Bezug auf Mathematik, Logik und Wissenschaften. Ich verstehe vor allem nicht bei folgenden Gruppen

  • Menschen, die sich über die Technik freuen;
  • Menschen, die ein anspruchsvolles Studium machen wollen (wie Ingenieurwesen, Wirtschaft, Medizin, sogar einige die Mathematik machen!, etc.);

warum ich auch dort viel Widerstand (nicht auf mich gerichtet, sondern gegen das Wissen). Diese Bereiche beiseite fließt m. M. n. so eine Haltung in andere Bereiche des Lebens ein. Es wäre in meinen Augen einer der Faktoren, der dazu führt, dass sich Leute in der Welt in großen Mengen schlecht entscheiden… Na, das Thema will ich nicht direkt eingehen.

Meine Hauptfrage: empfindet ihr das auch… wenn dann wie stark? (Siehe Umfrage.)

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Hulagurl16, 14
ich merke überall einen Widerstand — auch bei anspruchsvollen Gebieten

Meine Erfahrung aus der Schule ist es, dass 99,9% der Leute nur Wissen aneignen, wenn sie dadurch irgendwie Chance auf Kohle kriegen. Wie oft hört man den Satz "das brauchen wir gar nicht lernen!". Man lernt damit man dann mit seinem tollen Abitüüüür fett Kohle machen kann und sich wie der Boss fühlen kann. Und dann kann man sich mit seinem geeeeilen Abitur oder anderem Abschluss nach den 12/13 Jahren Schule noch weitere 50 Jahre in seinem "Traumjob" (den man sofort hinschmeißen würde,wäre er nicht bezahlt) abrackern...wohooooo!

Aber ich hab auch durch ein paar Leute (die mich an dich erinnern) festgestellt, dass es in der heutigen Zeit sehr viel Wissen gibt, aber viel zu wenig Intelligenz. Ich meine ist ja toll, wenn du weißt wie der Gauß'sche Algorithmus funktioniert, aber was bringt es dir wirklich im Leben, außer du hast wirklich eine große Leidenschaft für sowas? 

Ich denke mir immer, dass wenn ich auf meinem Sterbebett liege und mein Leben reflektiere nicht auch nur 1 Sekunde auf die Idee kommen würde zu denken, ich hätte meine Zeit sinnvoller nutzen können als 50 Jahre lang 5 Tage die Woche, 8 Stunden am Tag fürn bisschen Papier meine Lebenszeit zu opfern und mich selbst vergessen. Es gibt so Lied, was vielen bekannt sein dürfte mit dem Titel "keine Maschine". Wenn ich so darüber nach denke, wie ich mich den wirtschaftsfördernden-sozialen Vorschriften hinzugeben, würde ich mich lieber jetzt gleich umbringen.

Meiner Meinung nach bringt es nichts nur Fakten zu wissen und sich von selbst nach Fakten zu recherchieren macht einen nicht gleich zum Genius. Frag dich, welches Wissen du für dich im Leben brauchst. Wissen ≠Intelligenz. Hinterfrage méhr, denk etwas weniger an die anderen. Helf ihnen, wenn sie Hilfe wollen, aber wenn du ihnen helfen willst, ohne dass sie es wollen, kommst du nicht weit. :)

Antwort
von koraline, 8
ich merke sehr häufig einen Widerstand

Dieser Widerstand entwickelt sich im Laufe des Schullebens bei sehr vielen Schülern (anfangs weniger vorhanden, da ist natürlicherweise noch viel Bereitschaft und Neugierde vorhanden).

Wenn man sich (als Erwachsener) das Thema, die Herangehensweise frei wählen kann, dann bleibt die Freude und das Interesse eher erhalten.

Antwort
von Stachelkaktus, 14
ich merke relativ häufig einen Widerstand

Ich erlebe in meinem Umfeld immer wieder, dass Arbeit jeder Art, Lernen eingeschlossen, einfach als "uncool" gilt. Jeder freut sich immer nur aufs Wochenende, auf den Urlaub, auf die Ferien.... aufs Nichtstun eben. Chillen, abhängen, faulenzen. Möglichst viel mitnehmen und möglichst wenig dafür tun. 

Im Gegensatz dazu fühl ich mich manchmal wie ein Freak, weil ich gerne zur Arbeit gehe (meistens zumindest 😉) und mich auch als Erwachsene noch dafür interessiere, neue Dinge zu lernen...

Antwort
von miamusterfrau, 5
ich merke einen leichten Widerstand (Haltungsproblem)

Ich war eher ein Schwamm-Typ in der Schule, sog auf, was die Bildung her gab, hatte aber vom ersten Schultag an eine Abneigung gegen Mathematik.

Ich denke viel hat mit der sozialen Herkunft zu tun. In sog. Arbeiterfamilien wird das Aneignen von Wissen meist schon als Zwang vermittelt. "Was man in der Schule lernen MUSS ist kompliziert und die Zeit, die man dafür OPFERT, LEIDER NOTWENDIG." Das ist auch abhängig vom Geschlecht: Bringt ein Mädchen in Mathe eine schlechte Note nach Hause, ist das für viele Eltern logischer, als wenn der Sohn im Rechnen versagt.
In Akademikerhaushalten wird dafür meistens Druck auf das Kind ausgeübt, ebenfalls einen akademischen Beruf zu ergreifen. Es ist nicht zufällig, dass viele Kinder, deren Eltern Ärzte sind, ebenfalls in die Medizin einsteigen. Geschieht dies aufgrund von lockendem, sozialen Prestige, oder auf Wunsch der Eltern, ist es kein Wunder, dass sich beim Nachwuchs mangelndes Interesse am Fach an sich konstatiert.

To sum it up: Viel zu viele Menschen tun etwas, das sie nicht interessiert oder irren sich in ihren Interessen.

Kommentar von kreisfoermig ,

Danke für deine Antwort und deine Erklärung. Ich glaube, sie erleuchtet einen der wichtigsten Faktoren, die dieses von offensichtlich vielen von uns in dieser Stichprobe beobachtete Phänomen hervorbringt.

Antwort
von Vogellina, 12
ich merke einen leichten Widerstand (Haltungsproblem)

Das hängt ganz von den Menschen ab. Es gibt welche, die sich auch beim Lernen nur an andere dranhängen und die sind für logische Schlüsse auch nicht offen. Aber es gibt auch viele die das interresiert oder sogar, welche die das unbedingt wissen sollen, damit sie überhaupt etwas verstehen können und die es eben nicht nur auswendig lernen wollen.

Antwort
von Fantastulous, 7
ich merke überall einen Widerstand — auch bei anspruchsvollen Gebieten

Ich finde Ihre Frage sehr interessant. Ich selber bin Schüler eines Gymnasiums. Ich bin der Thematik Ihrer Frage neulich mal auf den Grund gegangen. Der Anlass dessen war ein Gespräch mit meinem Biologie-Lehrer. Er fragte mich, ob ich seine teilweise stundenfüllenden Vorträge, die unsere speziellen Themen in den gesamten Kontext unseres Daseins einordnen, gut finde.

Daraufhin sagte ich ihm, er sei einer der wenigen Lehrer, die ihren Job wirklich verstanden haben. Jetzt der Bezug zu Ihrer Frage: Ich selber merkte während des Unterrichts, wie meine Begeisterung für das Thema enorm anstieg, als ich verstand wo sich dieses Fachgebiet im gesamten Bild der Wissenschaften eingliedert. Ich empfand eine Begierde zu lernen.

Es ist immer problematisch jemandem, der nicht lernen will, Theorien beizubringen. Um es zu konkretisieren, ich merke in allen anderen Schulfächern einen Widerstand gegenüber dem Lernen, weil es aus deren Perspektive sinnlos ist. Lediglich im Fach Biologie spüre ich also ein geringeres Haltungsproblem...

Ich hoffe meine Ausführungen sind verständlich und vermitteln meine Botschaft.

Antwort
von gottesanbeterin, 13
es ist bloß eine Wahrnehmungssache

Wenn du alles so umständlich und kompliziert erklärst, wie diese Frage formuliert ist, verstehe ich den Widerstand ganz gut. Das hat meiner Meinung nichts mit dem Inhalt zu tun, sondern damit, wie er gebracht wird. Um etwas annehmen und verdauen zu können, muss die Zubereitung und Portionierung passen.

Wir alle haben unterschiedliche Zugänge zu diversem Wissen und ein Lehrender sollte imstande sein, das Wissen so anzubieten, dass der Schüler es auch gut nehmen kann.

Man kann durchaus etwas Einfaches so kompliziert darstellen, dass man glauben könnte, man wäre zu blöd, es zu kapieren und dann vorzieht es eben auswendig zu lernen.

Man kann duchaus etwas zerreden oder zerschreiben; man hinterlässt dann halt Verwirrung und Unverständnis.


Antwort
von DreiGegengifts, 17

Ich merke, dass kein Widerstand gegen das Lernen existiert.

Es gibt Widerstand gegen Leistungsdruck, Stress, Inkompatibilität zum Lehrenden, schlechten Lehrstoff oder inkompatiblen  Methoden usw. Aber das Lernen quittiert unser Körper mit Glückshormonen. Lernen mögen eigentlich alle. Auch wenn manchen vielleicht Wege zum Lernen zunächst verstellt sind durch fehlende Vitalität, einen schweren Geist oder Konditionierung und x anderen Dingen.

Ein Problem sehe ich eher in deiner schnellen Interpretation des Verhaltens. Wenn du wissen möchtest was beim anderen wirklich  vorgeht, hilft nur gezielt fragen und drüber reden.  Mach dir klar, dass

Antwort
von elmotteck, 9

Wenn ich mein Umfeld betrachte stimme ich dir zu, dem einen Teil ist es nicht wichtig wissen zu erlangen der andere Teil ist nicht fähig zu erlangen.

Das kann kann aber auch von Umfeld zu Umfeld anders sein....

Kommentar von kreisfoermig ,

ja, die Umfrage ist auf dein Umfeld bezogen: ich kann nur meines beobachten und habe sie in meiner Beschreibung wiedergegeben. Der Sinn der Umfrage bestand eben darin, möglichst viele Leute zu fragen, was sie in ihrer Situation wahrnehmen.

Du könntest somit eine von den ich merke eine … Optionen wählen (oder wenns dir nicht passt, dann käme es ist bloß eine Wahrnehmungssache ggf. in Frage).

Antwort
von Castellan, 12
mir ist kein Widerstand gegenüber Wissen/Lernen aufgefallen

blau, aber es ist ein riesen Unterschied zwischen, schulischem Lernen und eigeninteressierten Lernen

Antwort
von Herb3472, 14

Die Frage, die sich mir stellt: welche Rolle nimmst Du dabei ein? Bist Du Lehrer, oder Trainer?

Kommentar von kreisfoermig ,

Ich zitiere

Es geht aber nicht um mich. Ich erkläre bloß meine Erfahrungen

Wenn dus wissen willst, sowohl als Lehrperson als auch als Lerner. Nicht nur an Universitäten oder Schulen aber auch mit Familie, Freunden und in öffentlicher Diskussion. Es gibt Leute, die scheinen, Wissen und anspruchsvolle Gedanken einfach nicht verdauen zu können oder wollen. Ich habe das in vielen Situationen beobachtet. (Dabei denke ich, wozu nennen wir uns denn eine fortgeschrittene Zivilisation?) Es geht auch nicht um einen einzigen Bereich, wie den meiner, sondern allgemein um die Haltung als solche.

Kommentar von Herb3472 ,

Es gibt ja im Leben unterschiedlichste Situationen, und um Wissen zu vermitteln, müssen mehrere Faktoren zueinander passen:

1. Ausgangslage. Wenn jemand den Kopf mit irgend welchen Dingen
voll hat, die ihn emotional oder geistig in Anspruch nehmen, wird er für die von Dir vorgetragenen Themen wohl nicht aufnahmefähig sein wie ein Schwamm.

1. Situation. Wenn Du bei einem geselligen Zusammensein einen Vortrag über Algebra hältst, wird wohl keiner beglückt sein. Und wenn Du beim Thema Algebra ein Lied anstimmst und zum Mitsingen einlädtst, ist das auch situativ nicht angepasst.

2. Interessen: wenn sich jemand nicht für technische Dinge interessiert, wird es schwer sein, ihm physikalische Zusammenhänge zu vermitteln. Die Interessenslagen der Menschen sind unterschiedlich, auch Du weißt und kannst nicht Alles.

3. Didaktik: nicht jeder ist gleich gut geeignet, Sachinhalte kommunikativ so zu transportieren, dass sie auch verständlich sind.

4. Pädagogik: nicht jeder gute Fachmann ist auch gleichzeitig ein guter Pädagoge. Und bei "Zwangsbeglückungen" hat man wenig Chancen, dass das dargebrachte Wissen die Gehirnwindungen erreicht.

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Ich selbst bin z.B. bildungshungrig und vielseitig interessiert. Was ich jedoch überhaupt nicht verputzen kann, ist, wenn ich unaufgefordert mit Vorträgen über dieses und jenes zwangsbeglückt und vergewaltigt werde, obwohl ich in dieser Situation gar keine Lust dazu habe.

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