Frage von exercise11,

Gesellschaftliche Individualisierung, was ist das?

Hallo,

würde gerne wissen was man unter gesellschaftlicher Individualisierung versteht. Habe einige Erklärungen gefunden, die leider sehr knapp waren und ich sie somit nicht richtig verstehen konnte.

Wäre dankbar für jede Antwort.

MfG

Hilfreichste Antwort von samm1917,
1 Mitglied fand diese Antwort hilfreich

hallo

ich gebe dir einen kurzen überblick, welcher meinem persönliches wissen entstammt (also habe ich keine quelltexte dafür).

Politisch: Inividualisierung ist das antonym von Kollektivismus. Im 20Jh propagierten die Kommunisten die Kollektivierung und zwar nicht nur jene des Eigentums. Sie traten für eine Kollektivierung auf allen ebenen ein: Sport, Arbeit, Wohnen etc. die gemeinschaft und nicht das individum sollte im mittelpunkt stehen. die kapitalistischen staaten hingegen propagierten den individualismus. jeder mensch ist für sich selbst verantwortlich. er steht im mittelpunkt, er bringt es zu etwas oder er stützt ab. die sozialhilfe besteht aus geld, und nicht aus reintegration und obhut etc.es gibt keine kollektive, oder nur spärliche. fast alles wird über den faktor geld geregeld (sogar mitgliederbeiträge in sportvereinen usw.)

wie du sieht fallen zwei sachen auf. der sozialismus hinderte jene, die ambitioniert waren an der entfaltung ihrer persönlichkeit, fing allerdings jene auf, welche ansonsten ein eher schwieriges leben gehabt hätten. der kapitalismus lies gegen oben keine grenze erkennen, allerdings auch nicht gegen unten.

reflektiv philosophischer ansatz: das model der sozialistischen staaten hat bekanntlich versagt. menschen die keine anreize, keine aufstiegsmöglichkeiten haben verfallen in letargie. doch gibt es sehr interessante ansätze zur regulierung des wirtschaftsystem, welches heute vollends ausser kontrolle geraten ist (krise, schere zw. reich und arm, umweltverschmutzung, profit vor mensch etc)

der kapitalismus hat ebenfalls grösstenteils versagt. die individuallisierung war ein trugbild. theoretisch ist jeder mensch frei, doch richtet sich alles nach dem mainstream. medien und werbung beeinflussen unser kollektives konsumverhalten und unsere freie meinungsbildung. der neoliberalismus (reines profitdenken) stürtzt regelmässig ganze volkswirtschaften in die krise. die weltweite ökonomie ist so instabil und unverhältnismässig wie noch nie. dies wird schon rein rechnerisch füher oder später in einer totalkatastophe enden. was der kapitalismus allerdings schafft ist, das man theoretisch aufstiegschancen hat, träume hat. da man sich innerhalb dieser konsumbahnen selbst verwirklichen kann (führ aber demenstprechend genau so viele leute in den abgrund, wie obdachlose und menschen aus der dritten welt). ebenfalls schafft er es wert zu vermehrer (welcher allerdings sehr ungleichmässig verteilt ist), inovativer zu sein usw.

kurz: volle individualität wird man nur sehr schwer bis gar nicht erreichen können. es wäre dringend nötig global über neue ökonomische und politische systeme nachzudenken. doch enerseits ist der sozialismus für die kapitalisten ein rotes tuch und umgekehrt. zudem verhindern natürlich die grosskonzerne resp die profiteuere der aktuellen lage einen solchen diskurs mit allen nötigen mitteln.

Antwort von dawala,

Ergänzend zu samm1917:

Wenn wir tatsächlich den Ansatz von gesellschaftlichem Individualismus antreffen so ist dies nach Katastrophen wie - verlorenem oder zumindest große Teile der Wirtschaft zerstörendem - Krieg und Naturkatastrophen. Hier ist in der Regel nicht irgendeine Basis gefragt welche irgendwohin trägt sondern zunächst mal anfassen, tun. Sobald sich eine Ordnung ergibt verschwindet die im Chaos bestehende Chance auf die eine oder andere Weise, wird zumindest eingeschränkt.

Eine Ausnahme schien die Soziale Marktwirtschaft Erhardts zu ermöglichen. In den Anfängen waren meines Wissens die Arbeitsämter tatsächlich dazu verpflichtet das Individuum zu fördern. Damals allerdings gab es noch eine Vierte Schicht in unserem Land welche zunächst nicht mit berücksichtigt wurde: die Sozialhilfeemfänger. Dass sie zunächst nicht mit berücksichtigt wurden lag an den vorhandenen Kapazitäten zur Förderung des Individuums so wie ich es verstanden habe. Erhardt hat ja nur den Anfang seiner Gedanken umsetzen können. Was uns heute als sogenannte Soziale Marktwirtschaft verkauft wird ist Neoliberalismus bis hin zu Staatsterrorismus, Diebstahl des Staates am durchschnittlichen Volk nicht nur im eigenen Land.

Mindestens ein Ansatz zum Gesellschaftlichen Individualismus ist also da. In Varianten zeigt uns die Geschichte einiger Völker dass der Ansatz absolut nicht verkehrt ist. Nicht jedes Volk ging aus politischen oder von Menschen gemachten Gründen ein.

Tatsächlich macht gesellschaftlicher Individualismus eine Gesellschaft immer reicher. Ärmer werden Großbetriebe, negative Verhaltensweisen bis hin zu Krieg und der daran verdienenden Industrie.

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