Frage von Agronom, 42

Gentechnik in der Landwirtschaft? Wie steht ihr dazu?

Aus eigenem Interesse würde ich gern wissen, wie hier so die Meinungen zu der "grünen" Gentechnik sind, im Besonderen zu Veränderung von Genen.

Kurz noch zu mir, ich studiere Agrarwissenschaften und beschäftige mich sowohl im Studium, als auch privat seit längerem mit der "grünen" Gentechnik, von den Verfahren, über Anwendungsmöglichkeiten bis zur gesellschaftlichen Akzeptanz.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von agrabin, Community-Experte für Biologie, 42

Die  Gentechnik kann die herkömmliche Züchtung ergänzen. Und da gibt es inzwischen mehr Möglichkeiten als den Pflanzen ein fremdes Resistenzgen einzusetzen.

Aber  deine Abstimmungsliste ist nicht vollständig. Es gibt ein ganz wesentliches Argument dagegen und das ist die Möglichkeit der vollständigen Kontrolle des Saatgutmarktes. Saatgutmonopole sind nicht geeignet dafür zu sorgen, dass die Menschen satt werden. Schau dir die Politik von Monsanto an und schildere dann die Vorteile, die sich daraus (für die Gemeinschaft) ergeben. Wahrscheinlich weißt du besser als ich, wie viel Prozent der gentechnisch erzeugten Sorten lediglich eine Herbizidresistenz erhalten haben, und du wirst auch wissen, dass es inzwischen Resistenzen gegen Glyphosat gibt.

Naturwissenschaften sollten  nicht im wertefreien unpolitischen Raum arbeiten und Konsequenzen, auch ökologischer Art, ihrer Forschung betrachten. Heilsversprechungen gegen den Hunger in der Welt hat es früher schon gegeben. Die grüne Revolution aus den 60ern wurde mit viel Hoffnung in Angriff genommen, die Auswirkungen sind aber nicht nur positiv.

Im übrigen werden, wenn keine politischen Maßnahmen getroffen werden, die großen Saatgutfirmen die konventionellen Züchter vom Markt verdrängen. Fatal für Entwicklungsländer.

Kommentar von Agronom ,

Sicher sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt, deshalb ist es ja auch so schade, dass in der öffentlichen Diskussion alles nur auf die zwei Traits: Glyphosattoleranz (RR) und BT reduziert wird.

Den Punkt der Patente habe ich absichtlich ausgelassen, unstreitbar ist es ein wichtiger Aspekt, jedoch wollte ich den Fokus mehr auf die wissenschaftliche, technologische Richtung lenken, da es schon in allen anderen Diskussionen zu genüge behandelt wird. Patentierung ist auch im Grunde eine rein politische Angelegenheit und kann auch nur dort gelöst werden.

Ich persönlich wäre für eine globale Nutzung eines Systems vergleichbar mit dem hier in Deutschland gängigen Sortenschutz, dieses sichert die Vermarktung für die Produzenten ohne dabei die Innovation zu behindern und Kleinbauern sind davon befreit, illegale Nachsaat hat sich in den meisten fällen durch Hybride sowieso erledigt.

Glyphosattolerant ist leider die am meisten verbreitete gentechnische Veränderung, das hat den Grund, dass es den Anbau auf großen Flächen sehr vereinfacht. Die Probleme damit, also Resistenzen, sind aber nicht einfach der Gentechnik anzulasten, denn diese entstehen durch den nicht fachgerechten Umgang mit dem Mittel, im Wesentlichen die Überdosierung und zu häufige Anwendung. Resistenzen sind ein natürliches Element und auf dieses Wettrüsten haben wir uns vor Jahrtausenden eingelassen, als man begonnen hat gesunde Pflanzen aus dem Bestand für die nächste ansaat zu selektieren.


Kommentar von agrabin ,

Von Patenten habe ich nichts gesagt, die sind ja eine sinnvolle Einrichtung um einem Züchter seine Arbeit lohnend zu machen. Ein Monopol ist etwas ganz anderes, als ein Sortenschutz.

Patente auf Lebewesen, bzw. auf Gene eines Lebewesens, sind eine völlig andere Nummer, wenn ein Brokkoligen patentiert wurde, darf niemand mehr damit arbeiten oder gar verkaufen. Für die Gentecfirmen ist das eine sichere Nummer. Wenn ich im Garten Brokkoli anbaue und die Nachzucht verwende mache ich mich dann schon strafbar?

Resistenzen laste ich nicht  der Gentechnik an, aber das Anbauverfahren und die weitere Einengung der Fruchtfolgen, führt automatisch zu Resistenzen, wie du schon schreibst, man kann das eine nicht ohne das andere haben. Die Überdosierung entsteht wohl eher durch das Problem der resistenten Unkräuter. Mit dem Atrazin (inzwischen verboten)  was im Maisanbau benutzt wurde, ist das ähnlich gelaufen.

Der Wettlauf mit den Resistenzen hat ja erst mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln begonnen. Der Kampf gegen Missernten und Schädlinge dauert allerdings schon länger.

und Kleinbauern sind davon befreit.

Wann hat es das schon mal gegeben?  Wir leben im Kapitalismus.

Ich verstehe deinen Enthusiasmus für gentechnische Methoden, eine Hilfe für arme Bauern wird es aber nicht sein und man hört so, dass Monsanto auch nicht bei allen Landwirten  beliebt ist.

Sind denn eigentlich die ökologischen Auswirkungen der mit fremden Genen ausgestatteten Pflanzen, die Folgen von völlig fehlendem Unkrautbesatz oder die  Zwischenprodukte und die Abbauwege von Pflanzenschutzmitteln z. B. Round up völlig geklärt?

Kommentar von Agronom ,

Habe den Kommentar leider erst jetz gelesen.

Patente sind ja hier essentiell für die Entstehung eines Monopols, wie sollte sich sonst ein Unternehmen gegen Konkurrenz absichern? Daher schlage ich ja auch den globalen Einsatz von einem Sortenschutzsystem vor, da es den Vorteil eines Patentes hat und den "Erfinder" schützt, aber dessen Nachteil der Innvoationsbehinderung entfällt.

Enge Fruchtfolge gab es auch schon vor den GVOs und hier in Deutschland gibt es sie auch (Bsp. Biogas-Mais). Die Glyphosat-Resistenzen sind ziemlich sicher durch die Überdosierung entstanden, nicht umgekehrt, sonst hätte es sie sicher schon vor 20 Jahren gegeben. Beides wurde natürlich begünstigt durch die entsprechenden GV-Sorten, muss aber nicht Hand in Hand gehen.

Dass es die Befreiung der Kleinbauern von diesen Gebühren kaum gibt, liegt natürlich in erster Linie daran, dass es in Ländern mit vielen kleinbäuerlichen Strukturen solche Regelungen nicht gibt. Zu den Effekten für die Landwirte ist mir nur eine große Studie bekannt, die vor einem Jahr gezeigt hat, dass es sehr positiv ist GVOs anzubauen, die Effekte liegen für Kleinbauern i.d.R. über den Durschnittswerten.

http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0111629

Letzter Absatz ist auch kein allzu starkes Argument, denn das ist bei kaum einer Sorte oder einem Mittel völlig geklärt und theoretisch hat dabei alles Schadpotential, komplett irrelevant ob natürlich oder synthetisch.

Kommentar von Agronom ,

Ich möchte auch keine Propaganda für GVOs betreiben, mir ist es nur ein Anliegen, dass dabei nachvollziehbar Argumentiert wird und nach aktuellem Wissensstand gibt es nunmal im Allgemeinen nichts an der Technik auszusetzen.

Das Gros der "Anti-Argumente" bezieht sich eben leider auf Probleme der industialisierten Landwirtschaft oder beruht auf der schlicht falschen Annahme, dass natürlich=gut und synthetisch=schlecht.

Kommentar von agrabin ,

Da hast du recht, viele lehnen Gentechnik ab, ohne sich damit auszukennen. Viele vergessen auch, welcher Segen gentechnisch hergestelltes Insulin für Diabetiker ist.

Die Landwirtschaft, wie sie heute funktioniert, ist ein Produkt unseres Wirtschaftssystems, so entsteht der Zwang immer mehr zu immer tieferen Preisen zu produzieren. Meiner Meinung nach liegt da vieles im Argen. Der Wissenschaftsbetrieb hat auch einiges dazu beigetragen. Es wird oft viel zu monokausal gedacht und vergessen, wie vernetzt unser Ökosystem ist. Ein Problem zieht dann das nächste nach sich. Wie dumm der Mensch (damit meine ich auch wissenschaftlich gebildete) mit manchen Dingen umgeht, zeigt sich nirgends besser als beim Einsatz von Antibiotika. Die frohe Botschaft der 60er Jahre, dass Infektionskrankheiten ausgerottet werden, hat sich inzwischen erledigt. Man hat vergessen, dass der Mensch nicht alleine auf der Welt ist und dass Evolution immer noch stattfindet.

Ob nun Resistenzen gegen Glyphosat erst aufgrund hoher Gaben entstehen ist ja eigentlich eine Scheindiskussion. Sie sind da. Warum sollten Landwirte denn überhaupt mehr spritzen, das kostet doch auch. Für den Einsatz von chemischen Pflanzenbehandlungsmitteln benötigt man in D einen Sachkundenachweis, wie ist es damit in anderen Ländern bestellt. Die Vorstellung, dass ein Mittel, was verkauft wird auch schädliche Auswirkungen haben kann, geht in manche Köpfe nur schwer hinein. Ich denke da auch an Kleingärtner in D (dazu z.B. einige Fragen hier auf gf), die solche Mittel zwar inzwischen nicht mehr so einfach bekommen, aber einige wenden es an, ohne jeden Sachverstand. Völlig sinnfrei sind auch einige Herbizidanwendungen von Landwirten hier in meiner Umgebung.

Patente auf Sorten darf es geben. Patente auf Lebewesen nicht. Unter Monopolen verstehen wir wohl etwas unterschiedliches, ein alleiniger Anbieter kann den Preis u.a. bestimmten. Und das halte ich für Saatgut für genauso gefährlich, wie für Wasser. Deine Ideen für eine Weltordnung für den Saatguthandel sind noch nicht ganz ausgegoren.

Wenn man sich in einer kontroversen Diskussion natürlich = gut, synthetisch = schlecht auf den einfachen Standpunkt zurückzieht, das beides unkontrollierte Auswirkungen haben kann, ist das m.E. nach  zu dünn. Da braucht es bessere Argumente. Aber hier höre ich erst mal auf, ist ein komplexes Thema.

Danke dir für den Stern.

p.s Mir ist es auch ein Anliegen, dass mehr Sachverstand in Fragen der Nahrungsmittelproduktion einkehrt. Ich wünsche dir auch im Studium eine fruchtbare Auseinandersetzung mit diesem Thema.

Grüße agrabin

Kommentar von Agronom ,

Genau, in Südamerika ist z.B. ein großes Problem, dass dort Rancher, die sich eigentlich nur mit Rinderweidehaltung auskennen nun auch anfangen Mais und Soja anzubauen, ohne großen Sachverstand im Ackerbau zu haben.

Patente auf Sorten haben ja eben den Nachteil, dass andere Züchter nicht einfach so damit weiterarbeiten können, daher ja auch mein Vorschlag mit dem Sortenschutz, dass es nicht ausgegoren ist, das ist mir klar, ich schlage da auch kein bestimmtes ausgearbeitetes System vor, es ist einfach nur ein Ansatz.

Die größte Schwierigkeit im Studium ist auch genau das, man hört aus allen Fachbereichen die jeweiligen Ansprüche und zugehörigen Maßnahmen und muss damit dann selber erarbeiten, wie es denn in einem landwirtschaftlichen System am besten vereinigt werden kann.

Danke für die anregende Diskussion.

Expertenantwort
von Agronom, Community-Experte für Biologie, 26

Nun klappt es hoffentlich vernünftig :D

Ich beurteile die Gentechnik in der Landwirtschaft als weiteres nützliches Werkzeug, vergleichbar mit der Hybridtechnologie oder "smart-breeding"

Sie wird die konventionelle Züchtung nicht ersetzen können, aber beschleunigen und neue Möglichkeiten bieten.

Antwort
von zersteut, 19

Damit hab ich keine Probleme, aber meine Mutter( und alle alten Menschen die ich kenne) dreht da gleich am Rad! Was Gentechnik du bist verrückt! Davon bekommt man Krebs! So was kann nicht gesund sein!

Antwort
von Frag1234, 35
Sehe ich als Erweiterung der Züchtung.

Ich sehe da keine Nachteile, die stark genug sind um die Vorteile zu überwiegen.

Antwort
von xolo88, 25

Ich halte es für eine Notwendigkeit. Man könnte auf "normalem" Wege solche Massen sonst nicht ernähren.

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