Frage von EmperorWilhelm, 40

Was ist die genaue Bedeutung des Wortes Genius (im Lateinischen)?

Hallo liebe Community. Wie den Lateinern unter euch ja bekannt sein sollte, bezeichnet das Wort Genius einen Schutzgeist oder einen niederen Gott einer unbedeutenderen Domäne (z.B Janus Genius Portae), jedoch behauptete meine Lateinlehrerin, im Bezug auf den Kaiser (per genium domini nostri imperatoris) bezeichnet das eher eine Vergöttlichung des Kaisers und nicht den Glaube an einen dem Kaiser zugeteilten niederen Gott. Wisst ihr, ob das so richtig ist?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Geschichte, 14

In Bezug auf einen römischen Kaiser bezeichnete genius seine vergöttlichte Persönlichkeit.

Da genius aber auch in Bezug auf andere Römer die vergöttlichte Persönlichkeit bezeichnete, lag darin allein, einen genius zu haben, noch keine besondere Vergöttlichung des Kaisers. Eine Vergöttlichung (Divinisierung; ein Divus werden) geschah formal aufgrund eines Senatsbeschlusses über eine Konsekration (consecratio). Eine solche Erhebung zum Gott wird auch Apotheose genannt.

Eine Erhöhung des lebenden Kaisers ist besser in den Gesamtzusammenhang des Kaiserkultes einzuordnen, wobei dann dem Genius des Kaisers besondere Verehrung dargebracht wurde.

Eine Deutung als Glaube an einen dem Kaiser zugeteilten niederen Gott ist nicht zutreffend, wenn so ein Gott als von der Persönlicheit bzw. Macht/Wirkungskraft des Kaisers abgetrennt verstanden wird.

Die genaue Bedeutung des Genius ist umstritten. Schon bei den antiken Autoren gibt es mehrere Deutungen. Veränderungen, Umgestaltungen und Erweiterugen der Vorstellung im Laufe der Antike sind eine Möglichkeit, die in Betracht zu ziehen ist.

Censorinus, De die natali 3,1

Genius est deus, cuius in tutela ut quisque natus est vivit. hic sive quod ut genamur curat, sive quod una genitur nobiscum, sive etiam quod nos genitos suscipit ac tutatur, certe a genendo Genius appellatur.

„Genius ist der Gott, unter dessen Schutz jeder lebt, der geboren ist. Dieser wird, sei es daß er dafür sorgt, daß wir geboren werden, sei es daß er zugleich mit uns geboren wird, sei es sogar, daß er uns als Gezeugte übernimmt/aufnimmt/in Empfang nimmt und schützt, sicherlich von »genere« [zeugen/erzeugen/gebären/hervorbringen] »Genius« genannt.“

3, 5 Genius autem ita nobis adsiduus observator adpositus est, ut ne puncto quidem temporis longius abscedat, sed ab utero matris acceptos ad extremum vitae diem comitetur.

„Der Genius ist uns aber so als beständiger Beobachter beigegeben, daß er nicht einmal einen Augenblick/Zeitpunkt allzu weit fortgeht, sondern die vom Mutterleib in Empfang Genommenen bis zum letzten Lebenstag begleitet.“

Der Genius ist als vergöttlichte Persönlichkeit (Konzept mit Sitz in der Stirn), wie sie in den angeborenen Eigenschaften des einzelnen existiert, als dem Manne innewohnende Zeugung und als seine Persönlichkeit umfassende Macht gedeutet worden.

Der Genius ist göttlich und für die Fähigkeit aller zu zeugenden Wesen zuständig. Er ist personengebunden, nicht ortsgebunden. Er wurde in der Antike Mann und Frau zugeordnet (Servius auctus zu Vergil, Aeneis 2, 351: in Capitolio fuit clipeus consecratus cut scriptum erat: genio urhis Romae sive mas sive femina). Andererseits gibt es auch eine Auffassung, für Frauen gebe es eine Iuno als Gegenstück zum Genius männlicher Personen (diese Auffassung wird von einem Teil der neueren Forschung mit der Einwand bestritten, dies sei nur eine Konstruktion späterer römischer Autoren und nicht Darstellung in römischer Frühzeit).

Der Kult des genius Augusti knüpft sowohl an eine private als auch an die öffentliche Genius-Vorstellung an. Denn auch Gruppen/Kollektiven wurde in einer Personalisierung ein Genius zugeordnet.

1) Haus-Genius (privat, insbesondere auf den pater familias bezogen)

2) Volks-Genius/öffentlicher Genius (genius publicus), erstmals im Winter 218/217 v. Chr. Verehrung belegt (Livius 21, 62, 9)

a) genius Augusti (Teil der rituellen Inszenierung des Prinzipats, es wurden Eide beim genius imperatoris/genius Augusti [Genius des Kaisers] geleistet, wodurch Meineid ein religiöses Vergehen und Majestätsverbrechen war)

b) genius populis Romani (Genius des römischen Volkes)

c) genius senatus (Genius des Senats)

d) genius hominum mortuorum (Genius der Verstorbenen) bzw. genius funeratonis (Genius des Leichenzuges)

e) genius legionis/genius militaris/genius exercitus (Genius der Legion/Genius des Krieges/Genius des Heeres)

f) genius loci (Genius des Ortes)

g) genius urbis Romae (Genius der Stadt Rom)

h) genius oppidi (Genius der Stadt)

i) genius theatri (Genius des Theaters)

j) genius coloniae/genius provinciae (Genius der Kolonie/Genius der Provinz)

k) genius fatalis (Schicksals-Genius als Begleiter, Symmachus, Relatio 3, 8)

Passio Sanctorum Scilitanorum 3 erklärt Publius Vigellius Saturninus, Prokonsul der römischen Provinz Africa, 180 n. Chr. gegenüber Christen: iuramus per genium domni nostri imperatoris („wir schwören beim Genius unseres Herrn, der Kaisers“).

Ein Bedürfnis nach Schutz und Hilfe führt zu einem Verständnis als Schutzgeist. Horaz, Carmen 3, 5, 1 – 4 betrachtet Augustus wie einen gegenwärtigen Gott (praesens divus). Unter christllichem Einfluß kommt es dann zu einer Vermischung mit der Vorstellung eines Schutzengels. Eine Deutung als Schutzgottheit (wie ein ἀγαθὸς δαίμων) außerhalb des Mannes kann sich wohl nur auf Vorstellungen nach der klassischen Antike beziehen.

Literatur (enthält auch Hinweise auf weitere Veröffentlichungen):

Werner Eisenhut, Genius. In: Der Kleine Pauly : Lexikon der Antike, auf der Grundlage von Pauly‘s Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter bearbeitet und herausgegeben von Konrat Ziegler und Walther Sontheimer. Band 2: Dicta Catonis bis Iuno. Stuttgart : Druckenmüller, 1967, Spalte 741 – 742

Spalte 741: „Genius (zur Wz. gen) ist die dem Manne innewohnende »Macht«, die sich nicht nur in der Zeugungskraft dokumentiert, ssondern umfassend die Persönlichkeit an sich bezeichnet. G. ist weder »Seele« noch »Körper«- Er ist jedem zu eigen und erlischt mit dem Tode. Der Feburtstag ist sein Fest.“

Wz. = Wurzel  

G. = Genius

Hille Kunckel, Der römische Genius. Heidelberg : Kerle, 1975 (Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Roemische Abteilung ; 20)

Wolfram-Aslan Maharam, Genius. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 4: Epo – Gro. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1998, Spalte 915 – 917

Robert Muth, Einführung in die griechische und römische Religion. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, S. 212:  

„Vor allem aber war zum Verständnis des Kaiserkultes der Glaube an den genius maßgeblich, an jene göttliche Kraft, welche die Zeugungskraft des Mannes verbürgte und ihn als Beschützer durch sein Leben begleitete. Ihm wurden an Geburtstag Opfer dargebracht. Die Verehrungt des pater familias war in den Familien vorrangig; so konnte auch dem Genius des Kaisers, des pater patriae, besonders an seinem Geburtstag, vom ganzen Volk göttlicher Kult zuteil werden, um so mehr, als in Rom der schon lange durch ein Ritual verehrte genius populi Romani mit dem Genius des Kaisers in Verbindung gebracht wurde. Seit 12 v. Chr. wurde der Kult des genius Augusti in Rom offiziell gepflegt.“

Gerhard Radke, Die Götter Altitaliens. Münster/Westalen : Aschendorff, 1965 (Fontes et commentationes ; Heft 3), S. 138 – 139

Gerhard Radke, Zur Entwicklung der Gottesvorstellung und der Gottesverehrung in Rom. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1987 (Impulse der Forschung ; Band 50), S. 182- 184

Robert Schilling, Genius. Übersetzung Theodor Klauser. In: Reallexikon für Antike und Christentum : Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Im Auftrag der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften bearbeitet im Franz-Joseph-Dölger-Institut der Universität Bonn. Begründet von Franz Joseph Dölger, Theodor Klauser, Helmut Kruse, Hans Lietzmann, Jan Hendrik Waszink. Band 10: Genesis - Gigant. Herausgegeben von Theodor Klauser, Carsten Colpe, Ernst Dassmann, Albrecht Dihle, Bernhard Kötting, Wolfgang Speyer, Jan Hendrik Waszink. Stuttgart : Hiersemann, 1978, Spalte 52 – 83

Spalte 55: „Demnach muß also G. die vergöttlichte Persönlichkeit bezeichnen, so wie wie im einzelnen Individuum mit seinen angeborenen Eigenschaften existiert;“

G. = Genius

https://incipesapereaude.wordpress.com/2014/03/26/gotterwelt-der-genius-loci/

Kommentar von EmperorWilhelm ,

Großartig...mir fehlen einfach die Worte!

Antwort
von Gorbalock, 24

Früher nannte man im Römischen Reich den Schutzgeist einer Person Genius. 

Kommentar von EmperorWilhelm ,

Klar. Mir geht es aber darum, ob das Wort im Bezug auf den Imperator eher eine Vergöttlichung des Herrschers meint anstatt "nur" einen Schutzgeist.

Kommentar von Gorbalock ,

Ich denk mal schon...

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