Gemeinwohl und Mehrheitswille?

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4 Antworten


Vorweg:
Meine Antwort war ursprünglich als Kommentar zur Antwort von fraglich gedacht, ist aber für einen Kommentar etwas ausgeufert.
Ich hoffe, du findest auch so ein paar für dich nützliche Elemente.

Wieso sollte der Lehrer Recht haben, wenn er so generell die Legitimation für eine autoritäre Staatsführung oder gar eine Erziehungsdiktatur liefert ?

Schon was der "Mehrheitswille" in einer bestimmten politischen Frage ist, ist ja - abgesehen von Volksentscheiden über ein bestimmtes, guteingegrenztes Problem -  nicht klar.
Denn bei Wahlen wird ja über Partei(kandidat)en abgestimmt,
ohne dass man mit der Gesamtheit der programmatischen Positionen der von einem selbst gewählten Partei übereinstimmen müsste.
(Das ist m. E. übrigens ein gutes Argument für Volksentscheide.)

Was nun das "Gemeinwohl" ist, bleibt erst recht weitgehend im Nebel. Es ist
schön, wenn Politiker das Bekenntnis ablegen, nicht nur oder nicht in
erster Linie Partikularinteressen vertreten zu wollen und sich dem
"Gemeinwohl" verpflichtet zu fühlen.

Als Normalbürger hoffen wir natürlich, dass das "Gemeinwohl" auch ein Stück unser eigenes Wohl sein müsste, denn wir gehören ja zum "gemeinen Volk". Da käme es nun wirklich nicht gut rüber, wenn einer von vornherein ankündigen würde, Minderheitsinteressen zu vertreten (ein Verdacht, der ja die FDP mehr oder weniger versenkt hat).

Zur Demokratie gehört deshalb, ein immer nur relatives, vorläufiges "Gemeinwohl" in Wahlen und  öffentlichen/ parlamentarischen Diskussionen ermitteln zu lassen - m. a. W.: Der Mehrheitswille ist eine Quelle eines demokratisch  ermittelten "Gemeinwohls".

Wenn euer Lehrer behauptet, und zwar ganz grundsätzlich behauptet, "zwischen Mehrheitswillen und Gemeinwohl" lägen "Welten", dann ist er einer von diesen von CSHH1978 erwähnten gefährlichen Spinnern, die glauben, besser zu wissen, was für die Leute gut ist als diese Leute selbst.

Mit Berufung auf das Gemeinwohl möchte er wohl der uneinsichtigen Mehrheit am liebsten Vorschriften machen oder sie solange bequatschen, bis sie nachgibt.
(Vgl zu  diesem Politikstil die Medienkampagne vor dem Brexit oder jetzt vor dem CETA.)

Einer wie dein Lehrer wird sich bei Bedarf gegen die Mehrheit eines Wahlvolkes  feierlich auf "die Menschheit", gern auch auf "die Kinder" (die ja angeblich "unsere Zukunft" sind) oder gleich auf die Interessen der künftigen Generationen berufen.
Die können sich gegen seine Anmutungen schließlich am wenigsten wehren.






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Gemeinwohl ist das was für alle am besten ist, Mehrheitswille ist das was die Mehrheit möchte.

Als Vereinfachung kannst du den Unterschied zwischen Kindeswohl und Kindeswillen sehen.
Denk z.B. an Eltern und Kinder, die Eltern tun alles fürs Kindeswohl, z.B. Anmeldung für Sport, gesunde Ernährung, zur Schule schicken und zu Hausaufgaben machen bringen, etc. denn das ist Gut für das Kind, aber ist es das was das Kind will? Häufig nein. Das Kind will spielen, ungesund (aber lecker) essen, zu Hause oder bei Freunden sein etc.

Das Prinzip kannst du auf eine größere Menge Personen übertragen.
So möchte eine Mehrheit der Menschen weniger arbeiten und mehr verdienen, aber das würde nicht funktionieren und dem Gemeinwohl widersprechen.
Oder simpler:
Eine Prüfung, die Mehrheit der Anwesenden - die Prüflinge- möchten das sie die Prüfung einfach bestehen. Aber für das größere Wohl von ihnen ist es wenn nur die bestehen, die sich auch gut vorbereitet haben und die anderen motiviert werden richtig zu lernen, denn das Ziel der Prüfung ist nicht das bestehen sondern das die Leute etwas lernen.
Oder eine Gruppe von Leuten in einem Raum im Winter, die Luft ist Stickig und warm, das beste für alle (das Gemeinwohl) ist wenn die Fenster geöffnet werden und gelüftet wird, aber die Mehrheit möchte das nicht damit es warm bleibt bzw nicht kalt wird.

Der Wille der Mehrheit ist meist nicht das beste für alle/die Mehrheit. Auch die verbreitete Meinung das dass was die Mehrheit möchte richtig oder klug ist, halte ich für Unsinn.

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Kommentar von Maxieu
31.10.2016, 14:10

Im Prinzip gut erklärt.

Mir scheint aber, dass du die Komplexität  dessen, was ein "Gemeinwohl" sein könnte, unterschätzt.

Schon bei einem einzelnen Kind ist es ja eigentlich unmöglich, mit Sicherheit zu entscheiden, was seinem Wohl dient:

Soll es sich häufiger waschen, um Infektionen vorzubeugen, oder wäscht es sich gar zu häufig und verpasst so, Resistenzen gegen Keime zu entwickeln.

Vollends uneindeutig wird die Sache im politischen Raum, wo wir es nicht mit einem einzelnen Kind und überhaupt nicht mit Kindern
zu tun haben, sondern mit Erwachsenen, die im Grundsatz alle von sich behaupten oder behaupten könnten zu wissen, was das Gemeinwohl, also was am besten für alle/ die Mehrheit (nicht dasselbe!) ist.

Demokratie beruht m. E. in diesem Zusammenhang auf (mindestens) 2 Grundüberzeugungen:

1. Was das Gemeinwohl ist, ist objektiv angesichts der Komplexität der Situationen, über die entschieden werden muss, nicht zu ermitteln.

2. Was dem Gemeinwohl am meisten schaden würde, wäre, wenn die Mehrheit der Menschen von den Entscheidungen ausgeschlossen würde und stattdessen eine "aufgeklärte" Minderheit für sie entschiede.

M.a.W.: Die Bejahung der Demokratie beruht auf der Überzeugung,
es sei besser für das Gemeinwohl, alle Menschen hätten das Recht über das Gemeinwohl mitzubestimmen, selbst wenn es dabei zu "falschen" Entscheidungen kommen sollte, als wenn eine Minderheit gegen die Mehrheit "richtige" Maßnahmen ergriffe.

Noch einmal anders:

Im Bereich der Politik toppt, wenn wir die Demokratie bejahen, das Verfahren selbst  nahezu jeglichen möglichen materiellen Inhalt der Entscheidung - ausgenommen solche demokratisch getroffenen Entscheidungen, die künftige demokratische Entscheidungen be- oder verhindern würden (wofür es z. B. im GG die Unveränderlichkeitslausel gibt).

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Gemeinwohl ist nicht immer gleich dem Mehrheitswillen. Z.B. Freibier für alle!

Manche Experten glauben fälschlicherweise, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und wüssten am Besten, was das Gemeinwohl ist.

Was passiert, wenn solche Experten übertreiben, kann man sich in den Schlumpf-Filmen am Beispiel von Schlaubi-Schlumpf ansehen: Er weiß immer alles besser und außer Besserwisserei geht er keiner geregelten Arbeit nach. Schlaubi-Schlumpf wird deshalb regelmäßig von den arbeitenden Schlümpfen fertiggemacht. Aber er lernt es nicht!

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Dein Lehrer hat Recht. Und nun bitte selber denken.

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Kommentar von karoooxx
30.10.2016, 22:39

Kannst du mir bitte weiter helfen? Ich erkenne da wirklich keinen Unterschied!

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Kommentar von karoooxx
30.10.2016, 22:59

finde deine Bemerkung nicht wirklich nett! Wenn ich um Hilfe bitte wollte ich auch nützliche antworten und ja, ich bin nüchtern😠

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Kommentar von karoooxx
30.10.2016, 23:02

Jap.

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