Frage von jaannippon, 78

Fragen zum Sozialismus/Kommunismus?

Hallo, ich habe einige Fragen zu diesen Ideologien!

  1. Im Sozialismus soll ja auf den Kommunismus vorbereitet werden. Ist in dieser Zeit ein Staat, wie man ihn in der BRD beispielsweise hat, vorhanden, oder wird dieser auch bereits abgeschafft?

  2. Was passiert mit Fabrikleitern? Werden diese auch zu Arbeitern?

  3. Geht es dem Kommunismus nur darum, die Bevölkerung am Leben zu halten? Eine Vorstellung ist ja, dass es keine Klassen gibt. Wenn es allerdings Lehrer beispielsweise gibt, die ja keine Nahrungsversorgung herstellen, gäbe es wieder Klassen. Wenn es nun wirklich nur Arbeiter, Bauern z.B. gibt, könnte es ja keine Entwicklungen in Technik, etc. geben.

  4. Der Staat soll abgeschafft werden, gleichzeitig sollen Fabriken in den Besitz des Staates kommen - widerspricht sich dies nicht?

  5. Wenn es keinen Staat gibt, wer entscheidet über Gut und Böse? Gibt es Gerichte? Wenn ja, sind Richtern nicht dann wieder eine eigene Klasse?

  6. Warum sollte man arbeiten, wenn einem doch sowieso "alles gehört"? Es gibt ja keinen Staat, der einen dazu verpflichten kann. Und ohne Menschen, die arbeiten, kann es ja kein Leben geben?

Ich hoffe, ihr könnt mir weiterhelfen!

Antwort
von alashatt, 39
  1. Eine Unterscheidung zwischen Sozialismus und Kommunismus zu machen, ist nicht immer ganz sinnvoll. Darauf wird bestanden, damit man nicht mit provokant auf Nordkorea gerichtetem Finger den Kommunismus mit einer Misswirtschaft unter einem diktatorischen Regime gleichsetzt. Entscheidend ist, dass man den Kommunismus so begreift, wie Marx und Engels ihn definiert haben: "Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus diewirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand [den Kapitalismus] aufhebt." (MEW 3, 35). Am Ende dieser Aufhebung steht dann eine klassenlose Gesellschaft. Um diese zu erreichen, wird aus marxistischer Sicht ein Staat notwendig sein. Hilfreich ist auch dieser Auszug aus "Staat und Revolution" von Lenin: "Hier sind wir bei der Frage des wissenschaftlichen Unterschieds zwischen Sozialismus und Kommunismus angelangt, die Engels in seiner obenerwähnten Betrachtung über die Unrichtigkeit der Bezeichnung „Sozialdemokraten“ berührt. Politisch wird der Unterschied zwischen der ersten oder niederen und der höheren Phase des Kommunismus mit der Zeit wahrscheinlich ungeheuer groß sein, doch wäre es lächerlich, jetzt, im Kapitalismus, diesen Unterschied hervorzuheben; ihn in den Vordergrund rücken könnten höchstens vereinzelte Anarchisten (falls unter den Anarchisten noch Leute übriggeblieben sind, die nichts hinzugelernt haben, nachdem sich die Kropotkin, Grave, Cornelissen und andere „Leuchten“ des Anarchismus auf „Plechanowsche“ Art in Sozialchauvinisten oder in Schützengraben-Anarchisten verwandelt haben – wie sich Ge, einer der wenigen Anarchisten, die noch Ehre und Gewissen bewahrt haben, ausgedrückt hat).Doch der wissenschaftliche Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus ist klar. Was gewöhnlich als Sozialismus bezeichnet wird, nannte Marx die „erste“ oder niedere Phase der kommunistischen Gesellschaft. Insofern die Produktionsmittel Gemeineigentum werden, ist das Wort „Kommunismus“ auch hier anwendbar, wenn man nicht vergißt, daß es kein vollkommener Kommunismus ist. Die große Bedeutung der Erörterungen von Marx besteht darin, daß er auch hier konsequent die materialistische Dialektik, die Entwicklungslehre, anwendet, indem er den Kommunismus als etwas betrachtet, das sich aus dem Kapitalismus entwickelt. An Stelle scholastisch ausgeklügelter, „erdachter“ Definitionen und fruchtloser Wortklaubereien (was Sozialismus, was Kommunismus sei) gibt Marx eine Analyse dessen, was man als Stufen der ökonomischen Reife des Kommunismus bezeichnen könnte." https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/staatrev/kapitel5.htm
  2. "Fabrikleiter" als gesellschaftliche Position wird es nicht mehr geben. Koordination und vielleicht auch Autorität sind im fortgeschrittenen Arbeitsprozess notwendig, aber die Aufgabe wird nicht für ein Individuum reserviert sein, sondern kann von jedem oder unter Umständen sogar gemeinschaftlich übernommen werden. Was mit den Fabrikleitern der kapitalistischen Gesellschaft passiert, hängt von ihren politischen Aktivitäten während der Revolution ab. Sie gehören der bürgerlichen Klasse an und werden sich höchstwahrscheinlich dem Kommunismus entgegenstellen.
  3. Das ist ziemlich viel auf einmal, ich versuch das mal der Reihe nach zu beantworten. Erstmal, nein, die kommunistische Gesellschaft beschränkt sich nicht darauf sich physisch zu reproduzieren. Kultur verschwindet nicht einfach und es gibt auch keinen Grund auf technologische Entwicklung zu verzichten. Produziert wird nach den Bedürfnissen der Gesellschaft, wie auch immer die aussehen mögen. Außerdem ist der Kommunismus keine Ideologie, die ausschließlich ins Industriezeitalter gehört. Man hat im 19. und 20. Jahrhundert aus offensichtlichen Gründen das Gewicht auf Fabriken, (industriellen) Arbeiter und Bauern gelegt, aber das Proletariat hat sich zumindest in den fortschrittlichsten Ländern strukturell verändert. Das bleibt von marxistischer Seite aus nicht ignoriert. Was dein Lehrer-Beispiel betrifft, erstmal ist "Lehrer" keine Klasse, zweitens gibt es im Kommunismus keine Arbeitsteilung mehr, man ist nicht, wie im Kapitalismus, dazu gezwungen, sich auf eine Berufung zu spezialisieren.
  4. Fabriken (generell Produktionsmittel) sollen in erster Linie vergesellschaftet werden. Das ist ein entscheidender Unterschied. Verstaatlichung gibt es auch im Kapitalismus, das hat aber keine sozialistischen Züge. Die Gesellschaft soll sich mithilfe des Staates die Produktionsmittel zu eigen machen (denn die besitzende Klasse wird sie nicht freiwillig hergeben), was natürlich auch eine Form von Verstaatlichung ist. Der Staat dient dazu, die Produktionsmittel vor einer Privatisierung zu schützen, je weniger Bestrebungen es danach gibt, desto eher stirbt der Staat ab.
  5. Der Staat ist nicht die moralische Autorität über die Gesellschaft, sondern selber historisch bedingt. Gesellschaften, damit auch alles, was dazu gehört, Moral, Kultur, Sitten etc., basieren auf ihre Produktionsweise. Gerichte wird es nach Absterben des Staates nicht mehr geben, nicht nur, weil Gerichte staatliche Instanzen sind, sondern weil sie auch nicht mehr gebraucht werden. Mit den Richtern übrigens dasselbe wie mit den Lehrern: Richter sind keine Klasse.
  6. Weil Menschen nicht von Natur aus faul sind. Der "Zwang" oder die "Verpflichtung" geht von der Gesellschaft und ihren Erwartungen aus. Wer arbeiten kann, wird sich nicht grundlos weigern, das zu tun. Es ist dasselbe wie mit der Moral, die sozialen Zusammenhänge ergeben sich aus der Produktion.

Ich hab mich recht kurz gefasst, sollte noch was offen oder unklar sein, kannst du ruhig nochmal nachfragen. Wenn du dich wirklich dafür interessierst, empfehle ich dir "Anti-Dühring" von Engels.

Antwort
von spaghetticode, 32

Zuerst einmal Kompliment für die guten und kritischen Fragen. Du machst dir offenbar wirklich Gedanken, und das ist immer gut und wichtig.

Das Problem an deinen Fragen ist, dass sie komplett aus der Systemperspektive gestellt werden. Das heißt, dass du gewisse Grundlagen unserer Gesellschaft praktisch als gottgegeben hinnimmst, ohne sie zu hinterfragen, und auf dieser Basis das weiterdenkst, was du über den Sozialismus weißt.

Der Sozialismus stellt aber unsere Gesellschaft mitsamt all ihren Wurzeln und Grundlagen fundamental in Frage.

Der Versuch einer Antwort:

1. Es gibt einen Staat, die sogenannte Diktatur des Proletariats. Damit ist keine Diktatur gemeint, wie wir diesen Begriff heute verstehen, sondern es bedeutet im Wortsinn: Die Arbeiterklasse diktiert, verwaltet also das Wirtschaftsleben. Im Kapitalismus gehören die Produktionsmittel, also die Kapitale, Fabriken, Maschinen, usw., privaten Unternehmern. Die Diktatur des Proletariats enteignet diese Produktionsmittel und verwaltet deren Einsatz im Sinne des Allgemeinwohls. Produziert wird nicht mehr für den privaten Profit des Eigentümers, sondern zur Bedarfsdeckung der Bevölkerung.

2. Das kann man so pauschal nicht beantworten. Auch im Sozialismus muss es leitende Funktionen geben, Personen oder Gremien, die den gesamten Produktionsprozess im Auge behalten und koordinieren. Die Funktion wird allerdings auf ihren praktischen Nutzen reduziert, materielle Privilegien entstehen dadurch nicht.

3. Du hast eine falsche Vorstellung von Klassen. Damit ist nicht gemeint, dass es unterschiedliche Berufe gibt, die unterschiedlich "produktiv" oder "unproduktiv" sind. Diese Unterscheidung macht ja gerade den Kapitalismus aus, weil der Hauptzweck des Wirtschaftens der Profit ist. Im Sozialismus ist das nicht der Fall. Klassen bedeutet: Es gibt private Eigentümer von Produktionsmitteln auf der einen Seite, und auf der anderen Seite Menschen, die gezwungen sind, ersteren ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Diese Trennung soll im Sozialismus aufgehoben werden, in dem die Produktionsmittel der Gesellschaft als Ganzes übereignet werden. Mehr nicht.

4. Nein, siehe Punkt 1. Die Diktatur des Proletariats sorgt für die Vergemeinschaftung der Produktionsmittel. Sind alle Produktionsmittel im "Besitz" der gesamten Gesellschaft und funktionieren alle Abläufe reibungslos, gibt es keine Notwendigkeit für einen Staat im Sinne einer Herrschaft mehr. Er wird nicht abgeschafft, er stirbt von selbst ab.

5. Der Staat, der sich selbst auflöst, ist zu verstehen als Herrschaftsinstrument. Eine Verwaltung, ein Rechtssystem, all das muss es natürlich weiter geben. Es sind dann allerdings basisdemokratische Gremien, die von unten nach oben organisiert sind, das ist der Unterschied. Wer zwischen Gut und Böse entscheidet? Es ist die Gesellschaft selbst. Man kann den Kommunismus deshalb auch nicht "beschreiben" - es ist ja in einer kommunistischen Gesellschaft gerade die Aufgabe der Gesellschaft selbst, basisdemokratisch zu entscheiden, wie die Ausgestaltung konkret aussieht.

6. Eigeninitiative. Die Gesellschaft produziert für die eigene Versorgung. Das setzt ein hohes Maß an Verantwortung voraus. Auch das soll im Sozialismus gelernt werden.

Kommentar von Antifascist ,

Sehr gute, ausführliche und richtige Antwort. DH!

Antwort
von Antifascist, 29

Es gehört einem nicht alles.
Zunächst mal gilt laut Marx der Sozialismus als VORSTUFE des Kommunismus. Der Sozialismus ist dabei staatlich gelenkt, d.h. es gibt einen Staat. Die Maschinen und andere Produktionsmittel gehören jedoch nicht der Bourgeoisie (also der besitzenden Klasse; die Reichen) sondern eben dem Staat. Damit besitzt die Bourgeoisie nichts mehr und ist somit aufgelöst. Durch die "Diktatur des Proletariats", also der Lohnarbeiter, soll der Umsturz zum Kommunismus geschafft werden. Der Kommunismus funktioniert dann jedoch OHNE Staat, sondern rein durch die Menschen selber.
Lehrer besitzen ja nichts, folglich gehören sie nicht der Bourgeoisie an.
Wie das mit Gerichten ist - da kann ich dir leider nicht weiterhelfen.

Antwort
von robi187, 30
Antwort
von Qivittoq, 29

Eine Ideologie, die den Staat als Ganzes abschaffen will, nennt man Anarchismus. Das ist etwas anderes.

Sowohl Sozialismus wie Kommunismus sind Gesellschaftsformen mit einer entsprechenden Staatsform. Der Staat wird also nicht abgeschafft, sondern umgestaltet. 

Es gibt nach wie vor verschiedene Berufe (z. B. Lehrer), die sich aber als Angehörige der Arbeiterklasse verstehen sollen und im Kommunismus auch kein besseres Gehalt bekommen.

Es gibt nach wie vor Gesetze und Gerichte. Allerdings bestimmt die Staatsdoktrin die Gesetzgebung.

Die Arbeit dient nicht nicht dazu, sich "in den Besitz" von etwas (z. B. einer Fabrik) zu bringen, sondern die Versorgung aller mit dem Lebensnotwendigen zu sichern.

Kommentar von Antifascist ,

Im Kommunismus gibt es keinen Staat!

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