Frage von Cluexo, 42

Frage zur Morphologie?

Hallo, unser Dozent hat folgendes Wort so in Morphene aufgeteilt. erstaunte er-Derivationsmorphem staun-Kernmorphem t-Flexionsmorphem e-Flexionsmorphem Ich verstehe das überhaupt nicht, das t am ende von erstsunt müsste doch auch ein Derivationsmorphem sein weil es das Verb staunen zum Adjektiv erstaunt gemacht hat?

Antwort
von DerKalif, 20

Nun, du gehst hier offensichtlich vom Partizip II des Verbs "erstaunen" aus; das lautet tatsächlich "erstaunt".

Dir Frage ist nun, wie man Partizipien vom Blickwinkel der Wortarten aus betrachtet. Sie können entweder als Flexionsform des Verbs angesehen werden, dann wären "-t" bzw. dessen Allomorphe in der Tat Flexions-Affixe. Oder man ordnet sie anderen Wortarten zu, wie z.B. dem Adjektiv, dann wäre es ein Derivations-Affix.

Um ein wenig weiterzugehen: Das Partizip I, welches mit der Endung "-end" gebildet wird, wird in manchen (neueren) Grammatiken zu den Adjektiven gezählt. Das Partizip II je nach Verwendungsweise zu den Verben ("Der Mann hat den Film nur geliehen.") oder den Adjektiven ("Der geliehene Film gehört eigentlich jemand anderem.").

Wie so oft sind also mehrere Interpretationen möglich. Da herrscht nicht unbedingt Einigkeit. Da aber in deinem Beispiel noch zusätzlich ein "-e" am Ende des Wortes steht, gehe ich von einer adjektivischen Verwendungsweise des Worts "erstaunte" aus. Dann kann man auch Richtung Derivations-Affix argumentieren.

(Alternativ könnte der Satz lauten: "Der Mann erstaunte ob dieser Dreistigkeit." Dann wäre aber "-te" zusammen das Flexions-Affix.)

PS: (Gute) Dozenten mögen es, wenn man fähig ist, vernünftig zu argumentieren. Du darfst also ruhig sagen, wenn du etwas anders siehst, als es dir gesagt wird. Du solltest nur nachvollziehbare Argumente haben; und ggf. vielleicht Literatur, auf die du dich stützen kannst. 

Antwort
von Deponentiavogel, 26

Deswegen hat Gott den Kontext erschaffen.

Ist es so schwer, bei gutefrage.net in ganzen Sätzen zu schreiben. Du musst schon nicht in welchen sprechen, hier wäre es fürs Verständnis aber ganz freundlich.

Er erstaunte mich mit seiner Reaktion.

Die erstaunte Lotte klappte die Kinnlade runter. 

1. er - staun - t - e (Verbum)

2. er - staun - t - e (Partizip/Adjektiv)

Unsere Ausgangsform ist das Verbum staunen mit dem Stamm staun-. Staunen ist imperfektiv, wenn wir es jetzt perfektivieren wollen, hilft uns das Präfix er-. Erstaunen ist also unsere Ableitung.

1.      er                 staun                    t                               e

   Derivation           Kern      Flexion (Tempus)        Flexion (Person) 

Hier ist die Sache klar. Das Element -t trägt die Information Präteritum und ist somit Teil ein Teil der Verbflexion. 

2.     er                 staun                     t                               e

   Derivation           Kern                   ?                    Flexion (Kasus, Numerus)

Jetzt kommt wohl eine Glaubensfrage. Ist das Partizip ein Derivativ oder eine flektierte Verbform? 

Da sich Partizipien wie Adjektive verhalten, sind es welche. Wir sind moderne Linguisten und erkennen immerhin den Primat der Syntax an, nicht? 

Somit ist dieses -t ein Wortbildungselement, mit dem man ein Adjektiv aus einem Verb derivieren kann.


Kommentar von laserata ,

Moment...: Es verhalten sich doch nicht ALLE Partizipien wie Adjektive:

"Das Auto ist gewaschen." --> adjektivisch

"Ich habe gerade das Auto gewaschen." --> verbal bzw. ein Partizip ohne adjektivische Funktion

("Zu dem Zeitpunkt hatte ich das Auto schon gewaschen gehabt." --> schön strittig)

Kommentar von DerKalif ,

Stimmt, es gibt auch Partizipien, die als Verbform verwendet werden. Dein Beispiel "Das Auto ist gewaschen." lässt übrigens beiderlei Lesarten zu:

1. Kopula mit Adjektiv. Dann ist "gewaschen" als Adjektiv zu sehen.

2. Zustandspassiv. Dann wäre "gewaschen" eine Verbform.

Kommentar von Deponentiavogel ,

Ein Zustandspassiv gibt es nicht (@Kalif).

Als Partizip zur Bildung der Tempora ist die Angelegenheit aber tatsächlich sehr verbal.

Ich gehe zur Vereinfachung immer davon aus, dass Hilfsverben Kopulae und Perfektpartizipien Prädikatsnomina sind.

ist in etwa das gleiche Schema. Aber meine Annahme ist mangelhaft und wahrscheinlich falsch, also hast du wahrscheinlich recht.


Kommentar von Deponentiavogel ,

Ich glaube, mit dem Partizip verhält es sich wie mit dem Infinitiv.

Die Geschichte und die Verwendung des Infinitivs lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Substantiv ist. Ohne eine weitere Ableitung kann er als solches gebraucht werden.

Er ist der Verbalsubstantiv des Deutschen, der ähnlich einem Verbalabstraktum vom Verb abgeleitet wird:

Die Beantwortung aller Fragen – Das Beantworten aller Fragen.

Das Partizip ist das adjektivische Äquivalent des Infinitivs. Es kann ohne weitere Ableitung als Adjektiv gebraucht werden. In Verbindung mit Hilfsverben wird es verbalisiert, wie der Infinitiv in Verbindung mit Modalverben:

Jeder weiß, Irren ist menschlich.

Aber: Ich kann mich auch irren.

Jeder weiß, ich bin erstaunt.

Aber: Du hast mich erstaunt. 

Antwort
von laserata, 25

Das -t hat das Verb ganz und gar nicht zum Adjektiv gemacht. Es hat das Verb per Flexion zum Partizip gemacht ("Partizip" ist eine Verbform).

Wenn das Partizip dann adjektivisch verwendet wird, ist das ein nächster Schritt. Und wenn es sich weiter so entwickelt, dass es NUR noch als Adjektiv verwendet wird, ist das ein ebenfalls nächster Schritt, der dann aber auch nichts mehr mit Morphologie zu tun hat.

Kommentar von Deponentiavogel ,

Das ist Verrat am Primat der Syntax. Die Geschichte und die Herkunft der Wörter ist egal, das einzige Kriterium für die Wortart ist die syntaktische Verwendung (und manchmal Funktion).

Antwort
von laserata, 6

Hallo Cluexo,

sag mal, hast du zwischendurch deine Frage modifiziert?? Ich könnte schwören, dass als Beispiel nicht das Wort "erstaunte" in deiner Frage stand, als ich meine erste Antwort abgegeben habe.

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