Frage von grenzenfrei0, 59

Frage zur Erzählung von Romanen?

Hallo, ich hätte eine Frage zum Erzählstil von Romanen, wie ,,in Zeiten des abnehmenden Lcihts ''. Ist es so, dass zB wenn sich zwei Personen unterhalten bzw. streiten , nachdem Gespräch wenn das Buch dann weitererzählt wird, aus der Sicht von einer Person erzählt wird., bzw die Gefühle von einer Person geschildert werden? Ich möchte es mithilfe einer Textstelle verdeutlichen :

-Wer fährt denn?, sagte die Mutter -Ich fahre, sagte Irina.

(...)Denn auch nach fünf Jahren in Deutschland sprach Irina noch gebrochen Deutsch. Ein Rätsel, wie sie Fahrprüfung bestanden habe.(...)

Ist die dritte Textstelle jetzt aus der Sicht der Mutter oder aus der Sicht des Autors?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Fontanefan, 36

An dieser einen Stelle ist es die Sicht des Erzählers, die freilich in diesem Fall nicht im Widerspruch zu der des Autors steht. Aber in jedem neuen Fall muss man prüfen, aus wessen Sicht gesprochen wird. (In Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob finden sich mehrere Stellen, wo man darüber sehr genau nachdenken muss.)

Bei "In Zeiten des abnehmenden Lichts" wird aber sehr deutlich gemacht, aus wessen Sicht das jeweilige Kapitel erzählt wird. Der Erzähler ist gerade in diesem Buch nicht der Autor.

Die spezifische Art des Erzählens, ob autorial, personal oder Ich-Erzählung nennt man übrigens Erzählperspektive (https://de.wikipedia.org/wiki/Erz%C3%A4hlperspektive), nicht Erzählstil.

Kommentar von Fontanefan ,

Sehr gut, aber nicht sehr einfach wird die Art, wie der Wechsel der Erzählperspektive gestaltet wird, in dem Wikipediaartikel zu "Die Zeit des abnehmenden Lichts" erläutert:

"Beherrschender Erzählstil ist dabei die erlebte Rede, die häufig mit der Technik desstream of consciousness verbunden wird, am extremsten bei der Wiedergabe der Gedanken Nadjeshda Iwanownas: „ […] oder war, was im Fernsehen kam, bloß Fernsehen, und am Ende war’s auch nicht viel anders als hier, man konnte ja rübergucken beinahe, oder war das noch Deutschland, was man da sah, übern See, oder war Deutschland Amerika, also ein Teil davon, also der Teil von Deutschland, der ein Teil von Amerika war, zum Verrücktwerden das Durcheinander, und wozu, wenn’s am Ende das Gleiche war, wie Ira behauptete, nur dass man dort alles kaufen konnte, hatte Ira gesagt, in dem anderen Deutschland, das Amerika war, aber verstehen verstand sie es nicht […]“ (S. 140). So wird es dem Leser ermöglicht, auch die Perspektive einer ihm völlig fremden Persönlichkeit vorübergehend nachzuvollziehen, ohne dabei in Gefahr zu geraten, sich mit der jeweiligen Figur zu identifizieren, denn der Erzähler achtet immer darauf, den Gedankenstrom von Zeit zu Zeit durch verba dicendi bzw. credendi[6] wie „dachte Nadjeshda Iwanowna“ zu durchbrechen.

Darüber hinaus erlaubt mehrperspektivisches Erzählen die Erzeugung von Situationskomik, wie die Episode mit dem Gurkenglas zeigt, das Wilhelm von Nadjeshda geschenkt bekommt. Bei der Entgegennahme der Gurken bedankt er sich mit dem Wort Garoch (Erbsen), worauf Nadjeshda Ogurzy (Gurken) sagt, Wilhelm aber dennoch sein Garoch bekräftigt. Nadjeshda interpretiert nun die Situation so, dass Wilhelm „sich auf den Weg gemacht“ hatte und glaubt „das Dunkle in seinem Blick“ wie bei Todgeweihten zu sehen (S. 153). Als später dieselbe Situation aus der Sicht Wilhelms erzählt wird, erfährt man jedoch, dass dieser „unter den Trümmern seines Russischs“ das Wort „garosch: gut, hervorragend“ (S. 204) auffand, so dass aus seiner Sicht die Dialogsequenz Garosch – Ogurzy – Garosch keineswegs eine gescheiterte Kommunikation darstellt. Genauer analysiert, aber dennoch auch subjektiv interpretiert wird die Situation später erneut, als die Geburtstagsfeier noch einmal aus der Perspektive Kurts, der beider Sprachen mächtig ist, erzählt wird: „Sie schenkte ihm ein Glas selbsteingelegter Gurken, und Wilhelm, der keine Gelegenheit ausließ, mit seinen Russischkenntnissen zu prahlen, versuchte es mit Garosch, Garosch! Wahrscheinlich meinte er: Charascho (gut), aber nicht einmal das brachte er zustande“ (S. 331). Dieses Beispiel veranschaulicht die Technik der nachträglichen Motivierung und die Verklammerung der einzelnen Kapitel durch Leitmotive, zu welchen auch Gulasch, Schildkröten, Schweinsgesichter, das Lied „Mexico lindo y querido“ und viele andere gehören."

Kommentar von grenzenfrei0 ,

Vielen Dank, kann man also sagen, dass je nachdem welche Figur gerade im Mittelpunkt steht oder anwesend ist, die Gedanken von der Figur im Erzählen wiedergespiegelt werden? 

Kommentar von Fontanefan ,

Der Gesamtvorgang wird aus der Sicht verschiedener Erzähler wiedergegeben. Dabei stehen diese eher nicht im Mittelpunkt der Handlung. 

Dazu die Wikipedia im genannten Artikel: "[...] in Wirklichkeit sind aber nach dem Montageprinzip drei Erzähllinien ineinander verflochten, denen unterschiedliche Zeitebenen zugeordnet sind. Die erste bildet die chronologische Erzählung der Familiengeschichte mit den Stationen 1952, 1959, 1961, 1966, 1973, 1976, 1979, 1991 und 1995. Herausgehoben aus dieser Chronologie ist der 1. Oktober 1989, Wilhelms 90. Geburtstag, der einen Endpunkt sowohl in der Familiengeschichte (Alexanders Flucht, Wilhelms Vergiftung, Irinas erster Alkoholexzess) darstellt als auch auf das bevorstehende Ende der DDR vorausdeutet. Dieser Tag wird, zwischen die anderen Kapitel eingestreut, insgesamt sechsmal aus unterschiedlichen Figurenperspektiven erzählt (Irina, Nadjeshda, Wilhelm, Markus, Kurt und Charlotte), wobei sowohl die politischen Ereignisse als auch die familiären Beziehungen ganz unterschiedlich bewertet werden und die dargestellten Begebenheiten mit ihren Ursachen dem Leser mittels der Multiperspektivität zum Teil erst nach und nach verständlich werden."

Antwort
von Schuhu, 35

Das ist die Sicht des Autors.

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