Faust (Erster Teil)- Wette der Seele?

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2 Antworten

Hallo,

vordergründig mag es um die Seele Faustens gehen; im Grunde aber ist er Vertreter der gesamten Menschheit. Mephisto behauptet ja, daß der Mensch, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes ('der kleine Gott der Welt') die Vernunft, die ihm Gott als einzigem Lebewesen zugestanden hat, zu nichts anderem gebraucht als sich wie ein Tier aufzuführen:

'Er nennt's Vernunft und braucht's allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein.'

Nachdem Mephisto die gesamte Menschheit in Bausch und Bogen verurteilt hat und Gott damit unausgesprochen vorwirft, im Grunde gepfuscht zu haben, bringt Gott die Rede auf eben jenen Faust:

'Kennst du den Faust?' 'Den Doktor?' 'Meinen Knecht.'

Und dann:

'Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient, so werd ich ihn bald in die Klarheit führen. Weiß doch der Gärtner: Wenn das Bäumchen grünt, daß Blüt' und Frucht die künft'gen Jahre zieren.'

Darauf Mephisto: 'Was wettet Ihr? Den sollt Ihr noch verlieren. Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt, ihn meine Straße sacht zu führen.'

Wenn Mephisto es also schafft, diesen Faust, den Gott für ein besonders gelungenes Exemplar der Gattung Mensch hält, von 'seinem Urquell abzuführen', hätte er bewiesen, daß Gott in bezug auf den Menschen einen Fehler gemacht hat. Damit wäre aber auch Gottes Vormachtstellung ins Wanken geraten. Es hängt also mehr an dieser 'Wette', als es auf den ersten Blick scheint.

Faust nimmt damit - ohne es zu wissen - eine ähnliche Rolle wie Jesus Christus ein: Mußte Gottes Sohn stellvertretend für die Menschheit Gottes Strafe auf sich nehmen, soll Faust stellvertretend für die Menschheit beweisen, daß sie die Gabe der Vernunft mit Recht erhalten hat und daß Gott eben nicht irrte, als er den Menschen erschuf.

Interessanterweise wird Faust am Ende nicht aufgrund seiner Verdienste und seiner Überlegenheit, sondern aufgrund der Fürsprache Gretchens, der Una Poenitentiarum ('das ewig Weibliche zieht uns hinan') und der erhörenden Gnade Gottes davor bewahrt, die Ewigkeit als Mephistos Knecht in der Hölle verbringen zu müssen. 'Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen' klingt da mehr nach einer etwas bemühten Rechtfertigung dieses willkürlichen Gnadenaktes, denn Faust hat sich nicht gerade als Musterexemplar eines vernunftgesteuerten, klar denkenden und geistig überlegenen Menschen erwiesen. Seinem Drang, das zu erkennen, 'was die Welt im Innersten zusammenhält' gibt er so gut wie niemals Raum.

Es ist im Gegenteil der bespöttelte Famulus Wagner, der im zweiten Teil als Forscher auftritt und bei dem Versuch, einen künstlichen Menschen herzustellen, dank Mephistos helfender Hand, sogar Erfolg hat. 

Anstelle dessen verführt Faust im ersten Teil das minderjährige Gretchen, wird schuldig am Tod ihrer Mutter, ihres Bruders, des gemeinsamen Babys, das er niemals sehen wird und Gretchens, die ihrer Mutter ein Schlafmittel verabreichte, das diese umbrachte und ihr Neugeborenes ertränkte, weil es unehelich geboren worden war.

Im zweiten Teil jagt Faust der Helena nach, die er im Grunde auch nur unglücklich macht, läßt aus reiner Habgier ein harmloses altes Ehepaar ermorden und umgibt sich mit äußerst zweifelhaften Schlägertypen. 

Fast tut einem Mephisto am Ende leid, der sich um den Lohn seiner Mühe betrogen sieht. Allerdings hatte er die Nebenwette mit Faust, bei der es darum ging, daß er es es schafft, Faust so weit zu bringen, daß er sich bequem zurücklehnt und nur noch möchte, daß die Zeit stillsteht, nicht gewonnen, denn Faust hat nie die magischen Worte gesprochen: Ich bin ein Star, holt mich hier raus - Verzeihung, falscher Film! - nein: 'Verweile doch, du bist so schön' und zwar nicht zu irgendjemandem, sondern zum Augenblick:

'Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön, dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn.
Dann mag die Totenglocke schallen; dann bist du deines Dienstes frei.
Die Uhr mag stehn, die Zeiger fallen: es sei die Zeit für mich vorbei.'

Faust hat dies am Ende des fünften Aktes, als er meint, sein Deichbauprojekt sei vom Erfolg gekrönt, kurz in Erwägung gezogen:

'Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in äonen untergehn. –
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick.'

Aber: Er sagt es eben nicht wirklich. Noch ist er nicht soweit, nichts mehr zu begehren. Ahnt er, der erblindete Greis, daß da kein Deich gebaut, sondern sein Grab geschaufelt wird?

Sei's drum. Er ist im Himmel und Mephisto muß sich nach einem neuen Opfer umsehen. Er, der sich im Gegensatz zu Faust nur für einen Moment von der Wollust hat hinreißen lassen, findet keine Fürsprecherin, keine Gnade.

Er wird's überleben.

Herzliche Grüße,

Willy


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Ja, Mephisto und Gott wetten darum, ob Faust zum Bösen überläuft oder nicht. Da Gott aber natürlich viel höher gestellt ist, hat Mephisto gar keine Chance zu gewinnen.

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