Frage von Leseratte3445, 114

Es heißt "Nicht für die Schule, für's Leben lernen wir", aber warum müssen wir dann so etwas wie Bruchterme lernen, wenn wir es dann doch nicht brauchen?

Antwort
von eddiefox, 18

Hallo!

Schöne Frage. :-)

Durch deine Frage habe ich übrigens etwas gelernt. Ich dachte in der Tat, dass das der Originalspruch sei, aber Superkeks hat Recht: historisch ging der Spruch andersrum.

Deshalb nehme ich an, dass dieser Spruch immer dann von Lehrern gesagt  wird, wenn Schüler sich beklagen, dieses oder jenes würde man doch nicht brauchen. Dann sagt der Leher den Spruch auf, der eine höflichere  Form von "halt die Klappe und lerne das" ist. Vielleicht nicht immer, aber manchmal schon.

Aber man kann ihn auch anders sehen. Ich verstehe den Spruch nicht so, dass man alles, was man lernt, tatsächlich im Leben wirklich braucht. Dazu einige Gedanken:

- Es geht darum, dass möglichst viele Menschen einen einigermassen gemeinsamen Wissensstand am Ende der Schulzeit erreicht haben. Ich sehe das nicht nur als Gebrauchswissen, sondern auch als Sockel einer gemeinsamen Kultur, auf den man sich berufen und über den man kommunizieren kann.

- Es geht darum, überhaupt etwas zu lernen, seinen Denkmuskel zu trainieren. Wenn man ihn nie anstrengen würde, dann würde er schwach sein und schwach bleiben.

- Ich fände es schade, wenn man nur für das Leben sofort Nützliches, Verwertbares lernen und alle andere weglassen würde. Alles in nützlich und unnützlich einteilen, also eine utilitaristische Haltung einnehmen halte ich für fragwürdig bis gefährlich.

- Selbst wenn man sich darauf einigen würde, dass man in der Schule nur Nützliches lernt, dann besteht darüber, was nützlich ist, jedoch kein Konsens. Für jeden ist etwas anderes nützlich, je nach Neigung, Talent, Interesse und Fähigkeit. Demnach muss man sich auf irgend etwas einigen. Da nie allen alles gefällt, wird es immer Sachen geben, die einige Menschen als unnütz oder beschwerlich ansehen. Das ist unvermeidlich.

Und, geben wir es zu, die Beschwerde "das braucht doch kein Mensch" kommt doch nur dann, wenn das Lernen keinen Spass macht oder   beschwerlich ist. Diese Klage würde nicht kommen, wenn man mit Freude, Spass, Neugier und Leichtigkeit etwas lernt. Dann fragt niemand "wozu braucht man das überhaupt?", da machen alle mit. Die Frage ist also auch eine Abwehrhaltung, die entweder den Schwierigkeitsgrad des Themas oder die Lehrmethode kritisiert.

Deshalb ist die Frage nicht zu verurteilen, sie ist berechtigt! Ich sehe nur auch diesen Mechanismus, sich gegen Anstrengung und Unerfreuliches zu wehren und wollte ihn erwähnen.

Grüsse

Antwort
von OlliBjoern, 12

Einige gute Antworten wurden ja schon gegeben. Zum einen lernt man nicht nur konkrete Verfahren, sondern eben auch Fertigkeiten (indem man eben auch verschiedene mathematische Dinge lernt und anwendet). Diese Fertigkeiten kann man dann vielfältiger einsetzen.

Zum anderen werden (um jetzt wieder konkreter zu werden) Brüche schon oft gebraucht. Zum Beispiel bei der Zinsrechnung (und das ist schon recht praktisch, immerhin geht es dabei um Kohle...).

Oder wenn jemand eine Gehaltserhöhung von 2% bekommt, auch das hat was mit einem Bruch zu tun. Sagen wir mal, jemand verdient 60000 im Jahr. Dann kriegt er im nächsten Jahr 2/100 * 60000 hinzu.

Leider versäumen es viele Lehrer, diese Anwendungen klar zu machen. Und dann sinkt die Motivation der Schüler.

Expertenantwort
von Willibergi, Community-Experte für Mathe & Mathematik, 20

Ich weiß, dass viele Schüler eine Abneigung gegenüber Mathematik haben, da sie den Sinn der dort erlernten Verfahren nicht erkennen.

Ich finde das schade.

Der Sinn von Mathematik in der Schule ist nicht, dass du mit einem hohen Alter noch weißt, wie man Bruchterme addiert, zusammenfasst, wie man ableitet, integriert, etc.
Dabei magst du vielleicht Recht haben, dass manche Menschen derartige Dinge im Leben nicht brauchen werden.

Der Grund, warum man dies in der Schule durchnimmt, ist allerdings ein anderer:

Es geht allgemein um die Logik, darum, dass man komplexe Probleme einfach im Kopf lösen kann, dass das räumliche Denken gestärkt wird.

Das ist der Grund.
Und Logik und Problemlösung braucht jeder im Leben.

Ich hoffe, ich konnte dir helfen; wenn du noch Fragen hast, kommentiere einfach.

LG Willibergi

Kommentar von Franz1957 ,

Alles richtig. Aber der Kern der Fragestellung liegt, so wie ich sie verstehe, in dem Wort "müssen".

Antwort
von Franz1957, 17

Was Du dabei eigentlich lernst, ist nicht der Umgang mit Bruchtermen, sondern etwas anderes: Von Arbeitsbeginn bis Feierabend am Platz sein und tun, was ein ranghöherer Mensch Dir sagt. Immer wieder verstehen, was jetzt gerade von Dir verlangt wird und es es so auszuführen, wie verlangt. Mit einem Wort: Fabrikdisziplin. Sie gilt traditionell als notwendig, damit Organisationen wie Industriebetriebe, Bürokratien und Militär funktionieren, die auf den Prinzipien der Befehlshierarchie und der Verhaltenskontrolle basieren und auf dem Mißtrauen gegenüber gleichrangiger Kommunikation und selbstgesteuerten freien Individuen.

Diese Denkweise und Organisationsform ist inzwischen weithin als veraltet, unproduktiv und schädlich erkannt worden. Dennoch ist ihre Überwindung ein sehr langfristiger, mühsamer historischer Prozeß. Zunächst natürlich, weil die, die in dieser Organisationsform Macht und Privilegien genießen, darauf ungern verzichten. Vor allem aber deshalb, weil auch die, die unter dieser Organisationsform leiden, sie vielfach dennoch bejahen und gegen Kritik verteidigen. Psychologisch verständlich, weil der vermeintliche Sinn das Leid zur Quelle eines Überlegenheitsgefühls macht gegenüber Anderen, die die Anforderungen verweigern oder ihnen nicht gewachsen sind.

Kommentar von OlliBjoern ,

Das mag ja politisch gesehen alles korrekt sein. Oder soziologisch. Dennoch irritiert mich persönlich diese Sichtweise etwas, denn sie spiegelt nicht meine eigene Erfahrungen wider. Dass alle Schüler darunter "leiden" würden, ist zunächst mal eine Behauptung, die zu beweisen wäre (dass viele darunter leiden, ok, that goes without saying, dem stimme ich so zu).

Im Übrigen habe ich selber ja auch gesagt, dass manche Lehrer hier Defizite haben, was deren Motivation angeht, Anwendungen zu erläutern. Insofern bin ich da für Kritik am Schulsystem durchaus offen.

Nun zu meinem eigentlichen Punkt. Zum einen ist es nicht verboten, selber Spaß an Mathe zu haben (manche haben das tatsächlich). Zum anderen ist der "vermeintliche" Sinn nicht so vermeintlich, wie du es hier darstellst.

Jeder Ingenieur würde da sicher widersprechen, dass der Sinn nur "vermeintlich" sei. Wie oft fahren wir über Straßenbrücken, die eben nicht (!) zusammenbrechen, weil die zugrundeliegenden Berechnungen korrekt sind (und sie sind keineswegs nur zufällig korrekt).

Sicher würdest du ebenso (zu Recht) protestieren, wenn ein Ingenieur sagen würde, dass Politik nur "vermeintlich" sinnvoll sei oder Soziologie nur "vermeintlich" sinnvoll sei.

Wie gesagt: bei einer Verbesserung des Mathematikunterrichtes bin ich gerne dabei. Ich bin selber kein Mathematiker, aber ich wende fast jeden Tag Mathematik an. Und manche Sachen sind einfacher, als man oft denkt (und aus eigener Erfahrung mit Mathenachhilfe weiß ich, dass viele Schüler, die damit Probleme haben, nicht zu wenig denken, sondern zu viel; sie machen einfache Dinge komplexer, als sie tatsächlich sind).

Einfaches, aber strukturiertes, und logisches Denken hilft nicht nur in der Mathematik, sondern auch in anderen Bereichen. Selbst in Fächern wie Deutsch.

Kommentar von Franz1957 ,

Vielen Dank zunächst für Deine Antwort.

Daß unsere Straßenbrücken selten zusammenbrechen, verdanken wir gewiß nicht dem Umstand, daß Schüler, ob mit Spaß oder ohne, Bruchterme lernen müssen. Ich bin sicher, daß korrekt rechnende Ingenieure als Schüler genug Spaß an Mathe hatten und sich selten mit Fragen quälten, wozu das gut sei. Und ich bin froh darüber, daß nur Freiwillige ein Ingenieurstudium aufnehmen und daß die Universitäten die Abschlüsse nur denen verleihen, die die Prüfungen bestehen.

Es mag Dich überraschen: Ich bin selbst einer der Schüler gewesen, die viel Spaß an Mathe hatten und wäre heute nicht in diesem Forum als Ratgeber für Physik und andere MINT-Fächer aktiv, wenn ich den Sinn korrekten Rechnens und strukturierten, logischen Denkens nicht verstünde. Diesen Sinn meinte ich nicht, als ich von der Vermeintlichkeit schrieb.

Vermeintlich nenne ich den Sinn der auf Befehlshierarchie und Verhaltenskontrolle basierenden Organisationsform, die ich beschrieben habe. Die Frage, die Leseratte3445 gestellt hat, bezieht sich auch ganz unmißverständlich genau darauf: nämlich auf den Modus des Müssens, unter den die Schule ihr Lernangebot stellt. Es wurde wenig darauf eingegangen, und, wie ich vermute, deshalb, weil für die Meisten der Sinn der Tätigkeit ganz selbstverständlich auch den Sinn des Zwanges impliziert. Diese Ansicht ist aus mehr als einem Grund schädlich.

Zunächst wird dabei ausgeblendet, wie ineffizient der nach bekanntem System vollzogene Unterricht tatsächlich ist. Wen harte Fakten zu seiner Ergebnislosigkeit interessieren, der kann z.B. nachlesen in "Die Bildungs-Hochstapler" von Thomas Städtler, Spektrum Akademischer Verlag.

Noch schlimmer finde ich jedoch, daß diese Denkweise und Praxis im direkten Widerspruch steht zu den so oft beschworenen Grundwerten der "westlichen Wertegemeinschaft". Was da den jungen Leuten vorgelebt und auferlegt wird, und wie man es, auch hier, begründet, deutet vielmehr auf eine stillschweigende  Verwurzelung in einer misanthropischen Philosophie, die den Menschen grundsätzlich nur unter Zwang zur Menschwerdung für fähig hält und die mit dem Menschenbild des Totalitarismus enger verwandt ist, als den Meisten klar sein dürfte. Man erkennt dieses Menschenbild an seinen Früchten: Daß hier bei gutefrage.net pausenlos zerknirschte junge Fragesteller/innen sich selbst als "Nieten" beschimpfen, das heißt: als verschwendete Investition, zeugt von einem angerichteten menschlichen Schaden, dessen Folgen wir noch lange zu tragen haben werden.

Deshalb plädiere ich dafür, uns nicht mit einer Verbesserung des Mathematikunterrichts zu begnügen, auch nicht mit einer Verbesserung der Lehrerausbildung insgesamt, zu der Udo Rauin von der Uni Frankfurt Anstöße gegeben hat. Ich wünsche mir, daß den jungen Leuten in der Schule mit dem Respekt begegenet wird, den freie Menschen in einer freien Gesellschaft einander schulden.

Für Schüler, die im Mathematikunterricht leiden, hat die Amerikanerin Sandra L. Davis diese freiheitliche Haltung in ihrer oft zitierten "Bill of Rights" treffend ausgedrückt:

http://www.uaf.edu/deved/math/help-for-math-anxiety/math-student-bill-of-righ/

Expertenantwort
von Suboptimierer, Community-Experte für Mathe & Mathematik, 46

Ich kenne den Spruch anders.

"Du lernst nicht für uns (Eltern) sondern für dich."

Statt "für uns" kann man etwas Beliebiges einsetzen. Es soll einfach nur gesagt werden, dass man nicht anderen zuliebe lernen sollte oder Erwartungen anderer erfüllt werden sollten.

____________

Bei deinem Spruch ist mit "für's Leben" wahrscheinlich die berufliche Karriere gemeint. Denn für diese spielt es keine Rolle, ob du gelerntes jemals anwenden kannst. In dem Fall würde es mit unter "für dich" fallen, denn deine Karriere ist für dich.

Antwort
von martinsweltgala, 31

wie schon gesagt, du bekommst das wissen kostenlos, also mitnehmen,--und wer weiß,--vielleicht hast du selbst mal kinder die das lernen "müssen" oder in einem bereich tätig sind wo sie es drauf haben müssen, dann kannst du es ihnen durch deine hilfe ermöglichen,---weil du es dann kannst...

Antwort
von FelixFoxx, 26

Wer sagt denn, dass Du es nicht brauchst?

Antwort
von CaptainSuncake, 27

Du hast dir ein blödes Beispiel rausgesucht. Mit Brüchen wirst du sehr wohl noch konfrontiert und zwar nicht nur dann, wenn du Mathematiker oder Physiker wirst.

Aber ich weiß was du meinst und du hast Recht... man lernt hauptsächlich Mist.

Antwort
von superkeks888, 13

Es gibt ein Seneca-Zitat das lautet "Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir".
Ich denke das passt eher ;)

https://de.wikipedia.org/wiki/Non_vitae,_sed_scholae_discimus

Antwort
von BIoodMoon, 48

Man braucht es doch immer irgendwann!

Antwort
von SpliinTaX, 55

Hey Leseratte3445,

es spielt doch keine Rolle, ob du es später brauchst oder nicht. Aber wieso sollte man kein Wissen mitnehmen welches am umsonst bekommt? Ich weiß Schule macht nicht immer Spaß, aber seh es mal anders. Ohne Schule wüsstest du wahrscheinlich nicht mal's man eine Aufgabe zusammen addiert. Oder sonstiges.

~~~
Mit freundlichen Grüßen
Christian G.

Kommentar von CaptainSuncake ,

Aber wieso sollte man kein Wissen mitnehmen welches am umsonst bekommt?

Ich denke man ärgert sich eher darüber, dass man stattdessen die sinnvollen Themen nicht stärker vertieft.

Kommentar von Matermace ,

Naja, mich hat auch das umsonst gelieferte "Wissen" oft genervt. Das sei ja jedem selbst überlassen. Viel schlimmer fand ich das drumrum, die Willkür, die oft sehr fragwürdigen Methoden dabei.

Antwort
von maxim65, 37

Woher weisst du ob du es nicht doch mal brauchen wirst? Wenn du z.b. nichts davon wüsstest könntest du diese Frage hier nicht stellen. :)

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