Frage von sweety1903, 38

Es handelt sich um eine Hausaufgabe zu dem Roman "Irrungen Wirrungen" von Theodor Fontane, hat jemand den Roman gelesen und könnte mir weiter helfen?

Hey :) Bei meiner Hausaufgabe geht es um das 14. Kapitel des Romanms "Irrungen, Wirrungen". Meine Aufgabe ist es den Abschnitt des Briefes, welchen Botho von seiner Mutter erhält, 1.) inhaltlich und sprachlich zu analysieren; 2.) stelle dir Botho als zu feige, Lene zu treffen vor! Schreibe anhand dessen einen Abschiedsbrief Bothos an Lene, in dem er seine Motive und Gefühle zum Ausdruck bringt. Ich wäre wirklich seeehr dankbar, wenn mir der ein oder andere vielleicht ein wenig helfen könnte, da ich totale Probleme mit den Aufgaben habe. Vielen Dank schonmal im voraus. :))

Antwort
von sweety1903, 7

Mit diesem Gespräche hatte der Tag geschlossen,
und nun war der andre Morgen, und die Sommersonne schien hell in Bothos
Zimmer. Beide Fenster standen auf, und in den Kastanien draußen
quirilierten die Spatzen. Botho selbst, aus einem Meerschaum rauchend,
lag zurückgelehnt in seinem Schaukelstuhl und schlug dann und wann mit
einem neben ihm liegenden Taschentuche nach einem großen Brummer, der,
wenn er zu dem einen Fenster hinaus war, sofort wieder an dem andern
erschien, um Botho hartnäckig und unerbittlich zu umsummen.

»Daß ich diese Bestie doch los wäre. Quälen,
martern möcht ich sie. Diese Brummer sind allemal Unglücksboten und so
hämisch zudringlich, als freuten sie sich über den Ärger, dessen Herold
und Verkündiger sie sind.« In diesem Augenblicke schlug er wieder
danach. »Wieder fort. Es hilft nichts. Also Resignation. Ergebung ist
überhaupt das beste. Die Türken sind die klügsten Leute.«

Das Zuschlagen der kleinen Gittertür draußen ließ
ihn während dieses Selbstgesprächs auf den Vorgarten blicken und dabei
des eben eingetretenen Briefträgers gewahr werden, der ihm gleich
danach, unter leichtem militärischen Gruß und mit einem »Guten Morgen,
Herr Baron«, erst eine Zeitung und dann einen Brief in das nicht allzu
hohe Parterrefenster hineinreichte. Botho warf die Zeitung beiseite,
zugleich den Brief betrachtend, auf dem er die kleine, dichtstehende,
trotzdem aber sehr deutliche Handschrift seiner Mutter unschwer erkannt
hatte. »Dacht ich's doch... Ich weiß schon, eh ich gelesen. Arme Lene.«

Und nun brach er den Brief auf und las:

»Schloß Zehden. 29. Juni 1875

Mein lieber Botho.

Was ich Dir als Befürchtung in meinem letzten Briefe mitteilte, das hat sich nun erfüllt: Rothmüller in Arnswalde hat[92]
sein Kapital zum 1. Oktober gekündigt und nur ›aus alter Freundschaft‹
hinzugefügt, daß er bis Neujahr warten wolle, wenn es mir eine
Verlegenheit schaffe. ›Denn er wisse wohl, was er dem Andenken des
seligen Herrn Barons schuldig sei.‹ Diese Hinzufügung, so gut sie
gemeint sein mag, ist doch doppelt empfindlich für mich; es mischt sich
soviel prätentiöse Rücksichtnahme mit ein, die niemals angenehm berührt,
am wenigsten von solcher Seite her. Du begreifst vielleicht die
Verstimmung und Sorge, die mir diese Zeilen geschaffen haben. Onkel Kurt
Anton würde helfen, wie schon bei frührer Gelegenheit, er liebt mich
und vor allem Dich, aber seine Geneigtheit immer wieder in
Anspruch zu nehmen hat doch etwas Bedrückliches und hat es um so mehr,
als er unsrer ganzen Familie, speziell aber uns beiden, die Schuld an
unsren ewigen Verlegenheiten zuschiebt. Ich bin ihm, trotz meines
redlichen mich Kümmerns um die Wirtschaft, nicht wirtschaftlich und
anspruchslos genug, worin er recht haben mag, und Du bist ihm nicht
praktisch und lebensklug genug, worin er wohl ebenfalls das Richtige
treffen wird. Ja, Botho, so liegt es. Mein Bruder ist ein Mann von einem
sehr feinen Rechts- und Billigkeitsgefühl und von einer in
Geldangelegenheiten geradezu hervorragenden Gentilezza, was man nur von
wenigen unsrer Edelleute sagen kann. Denn unsre gute Mark Brandenburg
ist die Sparsamkeits- und, wo geholfen werden soll, sogar die
Ängstlichkeitsprovinz, aber so gentil er ist, er hat seine Launen und
Eigenwilligkeiten, und sich in diesen beharrlich gekreuzt zu sehen hat
ihn seit einiger Zeit aufs ernsthafteste verstimmt. Er sagte mir, als
ich letzthin Veranlassung nahm, der uns abermals drohenden
Kapitalskündigung zu gedenken: ›Ich stehe gern zu Diensten, Schwester,
wie du weißt, aber ich bekenne dir offen, immer da helfen zu sollen, wo
man sich in jedem Augenblicke selber helfen könnte, wenn man nur etwas
einsichtiger und etwas weniger eigensinnig wäre, das erhebt starke
Zumutungen an die Seite meines Charakters, die nie meine
hervorragendste war: an meine Nachgiebigkeit...‹ Du weißt, Botho, worauf
sich diese seine Worte beziehen, und ich lege[93] sie heute Dir ans Herz, wie sie damals, von Onkel Kurt Antons Seite, mir
ans Herz gelegt wurden. Es gibt nichts, was Du, Deinen Worten und
Briefen nach zu schließen, mehr perhorreszierst als Sentimentalitäten,
und doch, fürcht ich, steckst Du selber drin, und zwar tiefer, als Du
zugeben willst oder vielleicht weißt. Ich sage nicht mehr.«

Rienäcker legte den Brief aus der Hand und
schritt im Zimmer auf und ab, während er den Meerschaum halb mechanisch
mit einer Zigarette vertauschte. Dann nahm er den Brief wieder und las
weiter. »Ja, Botho, Du hast unser aller Zukunft in der Hand und hast zu
bestimmen, ob dies Gefühl einer beständigen Abhängigkeit fortdauern oder
aufhören soll. Du hast es in der Hand, sag ich, aber, wie ich freilich
hinzufügen muß, nur kurze Zeit noch, jedenfalls nicht auf lange mehr.
Auch darüber hat Onkel Kurt Anton mit mir gesprochen, namentlich im
Hinblick auf die Sellenthiner Mama, die sich, bei seiner letzten
Anwesenheit in Rothenmoor, in dieser sie lebhaft beschäftigenden Sache
nicht nur mit großer Entschiedenheit, sondern auch mit einem Anflug von
Gereiztheit ausgesprochen hat. Ob das Haus Rienäcker vielleicht glaube,
daß ein immer kleiner werdender Besitz, nach Art der Sibyllinischen
Bücher (wo sie den Vergleich herhat, weiß ich nicht), immer wertvoller
würde? Käthe werde nun zweiundzwanzig, habe den Ton der großen Welt und
verfüge mit Hilfe der von ihrer Tante Kielmannsegge herstammenden
Erbschaft über ein Vermögen, dessen Zinsbetrag hinter dem Kapitalsbetrag
der Rienäckerschen Heide samt Muränensee nicht sehr erheblich
zurückbleiben werde. Solche junge Dame lasse man überhaupt nicht warten,
am wenigsten aber mit soviel Beharrlichkeit und Seelenruhe. Wenn es
Herrn von Rienäcker beliebe, das, was früher darüber von seiten der
Familie geplant und gesprochen sei, fallenzulassen und stattgehabte
Verabredungen als bloßes Kinderspiel anzusehn, so habe sie nichts
dagegen. Herr von Rienäcker sei frei von dem Augenblick an, wo er
frei sein wolle. Wenn er aber umgekehrt vorhabe, von dieser unbedingten
Rückzugsfreiheit nicht Gebrauch machen zu wollen, so sei es[94] an der Zeit, auch das zu zeigen. Sie wünsche nicht, daß ihre Tochter in das Gerede der Leute komme.

Du wirst dem Tone, der hieraus spricht, unschwer
entnehmen, daß es durchaus nötig ist, Entschlüsse zu fassen und zu
handeln. Was ich wünsche, weißt Du. Meine Wünsche sollen aber nicht
verbindlich für Dich sein. Handle, wie Dir eigene Klugheit es eingibt,
entscheide Dich so oder so, nur handle überhaupt. Ein Rückzug ist
ehrenvoller als fernere Hinausschiebung. Säumst Du länger, so verlieren
wir nicht nur die Braut, sondern das Sellenthiner Haus überhaupt und,
was noch schlimmer, ja das schlimmste ist, auch die freundlichen und
immer hilfebereiten Gesinnungen des Onkels. Meine Gedanken begleiten
Dich, möchten sie Dich auch leiten können. Ich wiederhole Dir, es wäre
der Weg zu Deinem und unser aller Glück. Womit ich verbleibe Deine Dich
liebende Mutter

Josephine von R.«

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