Frage von Happiness88, 59

Es handelt sich hierbei um die zwei Fassungen von Nicolas Poussins "Et in Arcadia" Kunstwerk? Worin bestehen die grundlegenden Unterschiede?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 12

Die Deutung der Gemälde, die Nicolas Poussin (1594 – 1665) im Abstand von rund 10 Jahren gemalt hat, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Zu manchen Gesichtspunkten gehen die Auffassungen in vorgelegten Interpretationen stark auseinander und ihre Richtigkeit ist kaum oder sehr schwierig nachweisbar. Insbesondere ist nicht klar, wen die Frauengestalt in der 2. Fassung darstellt, wofür sie genau steht und wie sie zu verstehen ist.

Ohne Anbieten einer vollständigen Lösung aller Deutungsschwierigkeiten versuche ich grundlegende Unterschiede der beiden Fassungen zu erfassen:

  • Format: Die 1. Fassung ist in einem Hochformat (101 x 82 cm) angefertigt, die 2. Fassung in einem Querformat (85 x 121 cm).
  • Farben: Die Farben der 1. Fassung sind verhältnismäßig dunkel und gemischt, die der 2. Fassung heller, zwar ist die Landschaft auch in einigermaßen dunklen und gemischten Farben, aber die Personen erscheinen in leuchtenden und reinen Farben und der Himmel hat ein klareres Blau.
  • Perspektive: In der 1. Fassung ist ein kleiner Ausschnitt einer Landschaft wiedergegeben, der Fluchtpunkt ist weit unten, das Grab ragt schräg empor. In der 2. Fassung ist der Blick zentriert, das Grabmal in der Bildmitte und die Weite einer Landschaft füllt das Bild aus.
  • Symmetrie/Asymmetrie: Die Darstellung der 1. Fassung ist stark asymmetrisch, die der 2. Fassung mehr symmetrisch, von den 4 Personen stehen zwei außen ziemlich aufrecht (etwas abgestützt bzw. stehend), die zwei innen kiend bzw. herabgebeugt, in Bewegung und Gegenbewegung.
  • Bewegtheit/Dynamik: In der 1. Fassung ist eine gewisse Bewegtheit/Dynamik des Augenblicks der Entdeckung dargestellt, die Hirtengruppe hat überrascht/unerwartet das Grabmal entdeckt, naht sich mit Neugier/Interesse, ist gerade dabei, die Inschrift zu lesen und versucht sie zu verstehen. Nach meinem Eindruck ist vergleichsweise mehr augenblickliche Emotionalität ausgedrückt. In der 2. Fassung ist die Anäherung schon vorbei, die Personen stehen verteilt vor dem Grabmal wie in Positur gegangen, mehr verharrend. Die zwei außen stehenden Personen, die auf dem Bild die anderen zwei Personen einrahmen, haben eine ruhige Haltung und strahlen keine Angespanntheit und Erregheit aus.
  • Blickrichtung der Hirtengruppe: In der 1. Fassung hat die Hirtengruppe eine gemeinsame Blickrichtung, hin zum Grabmal und der Inschrift darauf. In der 2. Fassung gehen die Blicke der Personen in unterschiedliche Richtungen, richten sich nicht auf dieselbe Stelle.
  • Stufen des Lesens/Erkennens: In der 1. Fassung geschieht das Lesen/Erkennen seitens der Hirtengruppe zumindest nahezu gleichzeitig. In der 2. Fassung ist Lesen/Erkennen in Stufen einer bei den einzelnen Hirten unterschiedlichen zeitlichen Abfolge auseinandergelegt. Der Hirte auf der linken Seite ist herangekommen, der kniende Hirte ist beim Entziffern, der weiter rechts sich etwas herabbeugende Hirte scheint die Inschrift schon gelesen zu haben und darauf deutend und zu der jungen Frau blickend ihr eine Frage zum Inhalt zu stellen.
  • Bemerkbarkeit von Symbolen des Todes/der Vergänglichkeit: Auf beiden Bildern ist die Inschrift auf einem Grabmal, die gedanklich zu einem vollständigen Aussagesatz zu ergänzen ist. In der 1. Fassung ist mit dem Totenschädel aber noch ein deutliches Zeichen, auch wenn er nicht sehr auffällig im Zentrum steht, sondern nur oben auf dem Grabmal liegt und die Aufmerksamkeit der Blicke der Hirtengruppe nicht zu ihm geht. In der 2. Fassung ist die Symbolik des Todes/der Vergänglichkeit auf feine Andeutungen beschränkt. Beim Unterarm des knienden Hirten erscheint ein sichelförmiger Schatten, wie eine Sense (ein Symbol des Todes; der Sensenmann ein Skelett/Gerippe, das mit einer Sense Menschen dahinrafft).
  • Konfrontation mit der Macht des Todes auch in der idyllischen Welt Arkadiens: In der 1. Fassung ist die Erkenntnis der auch in Arkadien existierenden Sterblichkeit und Gegenwart des Todes in ziemlich direkter Betroffenheit gezeigt, wie ein in diesem Augenblick geschehendes Einbrechen in sinnliche Unmittelbarkeit. In der 2. Fassung werden Sterblichkeit und Tod auf sanfte Weise in die Reflexion/Kontemplation hineingenommen, von ihnen ausgehender Schrecken und Bedrohlichkeit abgemildert.


Et in Arcadia ego bedeutet „Auch in Arkadien ich.“ Für einen vollständigen Aussagesatz ist ein Prädikat zu ergänzen. Eine Form des Verbs esse kann hinzugedacht werden (sum = ich bin; eram = ich war; fui = ich bin gewesen). Der Satz kann als Aussage des personifizierten Todes („Auch in Arkadien bin ich [der Tod]“) oder eines begrabenen Toten („Auch ich bin/war in Arkadien“, „Auch ich habe in Arkadien gelebt“; von der Wortherstellung her weniger naheliegend) gedacht werden. Auf jeden Fall ist symbolisch die Gegenwart und Macht des Todes enthalten. Auch im idyllischen Hirtenparadies Arkadien (eine griechische Landschaft; in der antiken Literatur zu einer geistigen Landschaft geworden, mit der Vorstellung eines einfachen Lebens in Einklang mit sich selbst und der Natur, ziemlich friedlich, harmonisch und glücklich) sind Sterblichkeit und Tod gegenwärtig.

Die Inschrift „ET IN ARCADIA EGO“ kommt anscheinend zuerst bei Giovanni Francesco Barbieri, genannt Il Guercino (»der Schielende«), auf seinem Gemälde „Et in Arcadia ego“ vor. Nicolas Poussin hat es wahrscheinlich gekannt und das Thema aufgegriffen. Seine 1. Fassung ist näher dran, während sich die 2. Fassung mehr davon entfernt.

Bei den Mienen der Personen auf den Bildern gehen die Beschreibungen und Deutungen, die vorgelegt worden sind, auseinander. Anscheinend kann der subjektive Einfruck unterschiedlch sein. Äußerlich sind keine sehr heftigen Reaktionen sichtbar (eine angeblich dargestellte Aufgewühltheit und Bestürztheit ist nicht deutlich), andererseits sind nicht alle ohne jede Regung. Die Anregung zu dem Bild, das bei Giovanni Francesco Barbieri, genannt Il Guercino, gemalt hat, kam vielleicht von Giulio Rospigliosi.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b9/Et-in-Arcadia-ego.jpg

Zwei Männer, anscheinend Hirten (nach ihren Stäben und Kleidung) sind am Rand eines Waldstücks auf einem Wall/einem Hügel und blicken auf einen großen Totenschädel. Mit diesem tritt das Thema des mahnenden Memento mori („Denke daran, daß du stirbst“) auf. Es gibt bei den Männern einen gewissen Unterschied im Lebensalter. Der Mann mit Bart und Hut wirkt ein wenig älter als der andere, sehr jugendlich aussehende. Der ältere Mann beugt sich leicht nach vorn und schaut (anscheinend etwas betroffen) auf den Totenschädel mit den großen leeren Augenhöhlen, der jüngere erscheint sinnend/nachdenklich in sich gekehrt, gar nicht richtig mit geöffneten Augen hinschauend. Sie haben etwas Abstand zum Totenschädel. Dieser liegt auf etwas verwittertem Mauerwerk. Links nagt/knabbert eine Maus oder hat dies getan, auf der Schädeldecke sitzt eine Schmeißfliege, rechts kriecht ein Wurm („Tote werden ein Fraß der Würmer“ könnte eine Assoziation sein), auf einem Ast, der über eine Mauer herausragt, sitzt eine Eule (kann zwar grundsätzlich auch ein Symbol der Weisheit sein, ist hier aber als Bote/Verkünder von Unglück/Tod in die Symbole von Tod und Vergänglichkeit einzureihen).

Die Hirten können von ihrem Standort aus die Inschrift nicht sehen. Sichtbar ist sie für die Bildbetrachter(innen).

In der 1. Fassung von Nicolas Poussin hat eine Hirtengruppe ein Grabmal entdeckt.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/46/Nicolas_Poussin_-_Et_in_Arca...

Alle Personen sind barfuß. Die Männer sind an Stäben und Kleidung als Hirten erkennbar. Es gibt einen gewissen Unterschied der Lebensalter, der ältere hat einen Bart und trägt einen aus Pflanzenteilen geflochtenen Kranz um den Kopf. Links steht eine junge Hirtin, schön und anmutig. Sie trägt ein leichtes Gewand, wobei eine Brust entblößt ist und und ein Hochraffen mit ihrer rechten Hand viel von ihrem Oberschenkel zeigt. Dies könnte auf sexuelle Freizügigkeit in Arkadien hinweisen. Es gibt Deutungen als Liebesgespielin der Hirten. Der ältere Hirte ist eifrig zum Entziffern hingewandt und scheint mit der Hand über die Buchstaben zu fahrend (der Zeigefinger seiner rechten Hand deutet auf das „I“ von „ARCADIA“) zu versuchen die Inschrift zu begreifen. Oben auf dem Sarkophag mit etwas geschwungener Form liegt ein Totenschädel. Unten rechts ist ein alter Mann mit einem Lorbeerkranz oder Ölbaumzweigkranz um den Kopf gelagert, von dem ein Gewand nur die Beine bedeckt, von der Hirtengruppe etwas abgesetzt und in eine andere Richtung blickend. Er schaut nach unten. In seiner linken Hand hält er ein Faß, aus dem Wasser läuft. Das Wasser, eine etwas schlaffe Muskulatur, sein langer grauer Bart und die nachdenklich sinnende Haltung spricht dafür, ihn als Flußgott Alpheios (Ἀλφειός; lateinisch: Alphaeus) aufzufassen (eine Deutung als Dionyos/Bacchus, Gott des Weines, ist angesichts der Grauhaarigkeit wenig überzeugend) ist, Personifizierung des durch Arkadien fließenden Flusses. Vielleicht steht das Wasser für ein Fließen des Lebens, ein Verrinnen der Zeit.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/df/Nicolas_Poussin_-_Et_in_Arca...

In der 2. Fassung sind 4 Personen vor einem Grabmal verteilt. Ihre Kleidung ist antikisch und außer dem jungen Mann auf der linken Seite tragen alle Riemchensandalen. Die jüngeren Männer haben Kränze aus Pflanzenteilen um den Kopf. Die drei Männer mit den Stäben können als Hirten gedeutet werden (nicht völlig ausgeschlossen ist, in ihnen auch Wanderer zu sehen). Das Grabmal steht vor einer Baumgruppe frei in der Landschaft, ziemlich im Licht. Es ist aus glatt behauenen Steinblöcken angefertigt. Es gibt einen kleinen Riß/eine kleine Spalte und eine Stelle, wo etwas abgebröckelt ist. Der Zahl der Zeit scheint ein wenig, aber nicht viel daran genagt zu haben.

Das Grabmal wird in einer friedlichen Gebirgslandschaft dargestellt und darüber ein teils klarer, teils bewölkter Himmel gezeigt.

Die Personen sind nicht dargestellt, wie sie gerade das Grabmal entdeckt haben und herannahen, sondern kurz danach und sie nehmen davor eine Stellung ein wie in Positur gegangen. Spontanes Verhalten in einem Augenblick gibt es weniger, mehr eine gedehnte Dauer.

Das Lesen der Inschrift auf dem Grab ist in einer zeitlichen Abfolge von Stufen auseinandergelegt (verschiedene Lektürestadien). Der junge Mann auf der linken Seite steht ruhig da, seinen linken Arm auf das Grabmal gestützt, mit kleicht geneigtem Oberkörper sinnend/Nachdenkens, die Beine überkreuzt abwartend. Ein etwas älterer, bärtiger Mann studiert auf ein Knie herabgelasssen die Inschrift, fährt anscheinend mit der Hand an den Buchstaben entlang (der Zeigefinger seiner rechten Hand deutet auf das erste „A“ von „ARCADIA“). Er wirft einen Schatten auf das Grabmal. Dabei ist der von seinem Unterarm ausgehende Schattten entgegen optischer Gesetzmäßigkeit sichelförmig. Er sieht aus wie eine Sense. Damit ist subtil ein Symbol des Todes vorhanden. Der weiter rechts stehende junge Mann scheint die Inschrift schon gelesen zu haben. Er zeigt leicht herabgebeugt mit seiner linken Hand, von der zwei Finger ausgestreckt sind, in Richtung Inschrift und Schatten. Den Kopf zur Frau in seiner Nähe gewandt scheint er sie zu fragen, was dies bedeute.

Auf der rechten Seite steht eine junge Frau. Ein Versuch einer genauen Deutung setzt sich einem schwierig lösbaren Rätsel aus. Es gibt viele unterschiedliche Vorschläge.

Die schöne junge Frau mit zarter Erscheinung hat eine elegante Kopfbedeckung und prachtvolle, lang herabfallende Kleidung. Ihre Haltung ist würdevoll. Die Frau steht ruhig und gelassen. Sie wirkt in starkem Ausmaß statuenhaft. Ihr linker Arm ist in ihre Seite gestützt, der rechte Arm ist beruhigend/besänftigend über Schulter/Rücken des jungen Mannes neben ihr gelegt. Ihr Kopf ist leicht herangesenkt, wie nachdenkend/sinnend. Sie wirkt vornehm und ihr scheint am ehesten eine Erklärung zugetraut zu werden. Dies spricht für eine hohe Stellung und geistige Überlegenheit.

Eine Deutung als Hirtin ist dazu nicht richtig passen und auch eine Deutung als Braut einer Männer ist sehr zweifelhaft.

Am plausibelsten ist meiner Meinung nach eine allegorische Deutung. Gedacht werden kann an eine Göttin der griechisch-römischen Mythologie oder eine Personifikation ähnlicher Art.

Attribute (kennzeichende Beigaben in der Barstellung), die eindeutige Hinweise geben könnten, fehlen.

Farbsymbolik kann auch nur begrenzt weiterhelfen. Blau ist eine kühle Farbe, steht unter anderem für den Himmel, das Meer, das Firmament, das Spirituelle, Ferne, Unergründlichkeit, Treue, Reinheit. In der christlichen Kunst ist Blau mit Maria verbunden, sie wird oft mit blauem Mantel/Umhang dargestellt. Gelb (besonders stark goldgelb) ist eine warme Farbe, steht unter anderem für die Sonne, Glanz, Reichtum, Freude, Vitalität.

Zu der Frauenfigur gibt viele Überlegungen und Deutungen, so als Weisheit der Philosophie, Trost der Philosophie, Todesgöttin, Schicksal (griechisch: Tyche; lateinisch und italienisch, Fortuna), Sybille, Arkadia/Arcadia (Personifikation der Landschaft Arkadien), Mnemosyne (Göttin der Erinnerung/des Gedächtnises, Mutter der Musen; lateinisch: Memoria), Klio (Muse der Geschichtsschreibung; lateinisch: Clio), Historia (Personifikation der Geschichte), Pittura (Muse/Personifikation der Malerei/Malkunst; italienisch pittura = Malerei, Zeichenkunst, Bild, Gemälde) und Daphne-Laura (Daphne ist in der griechischen Mythologie eine Nymphe, die in einen Lorbeerbaum verwandelt wird).

Wenn die Frau als Pittura aufgefaßt wird und eine Entdeckung der Malkunst als Gegenstand der Darstellung angenommen wird (eine Deutung, die nicht sicher ist), ist eine selbstreflexive Struktur vorhanden, indem ein Maler auf einem Gemälde die Malerei thematisiert. Ein Unterschied der Fassungen wäre dann auch eine Verschiebung von Tod zu Malerei.

Möglich ist aber auch eine einfacher strukturierte Auffassung, nach der Bild nur z. B. weise und tröstende Gedanken; Philosophie bzw. Erinnerung und etwas von der Vergangenheit bewahrende Geschichtsschreibung die Existenz von Sterblichkeit, Tod und Vergänglichkeit in einer milden Weise in Kontemplation/Reflexion hineinehmen.




Kommentar von Albrecht ,

Es gibt in Büchern und auf Internetseiten viele und unterschiedliche
Deutungen (oft mit Hinweisen auf weitere Veröffentlichungen), z. B.:

Tilman
Reitz, Entgrenzte Idyelle : Gattungsbrüche in Nicolas Pouissins
Arkadienbildern. In: Idyllik im Kontext von Antike und Moderne :
Tradition und Transformation eines europäischen Topos. Herausgegeben von Nina Bikner und York-Gothart Mix unter Mitarbeit von Jessica Helbig. Berlin ; Boston : De Gruyter, 2015 (Untersuchungen zur deutschen
Literaturgeschichte ; Band 148), S. 105 - 119

S. 111- 112: „Die Frauenfigur, auf die die Bewegung de Bildes zuläuft und zu der einer der Hirten sich fragend umwendet, hat allegorische Züge und ist in verschiedener Weise gedeutet worden. Eine plausible Möglichkeit ist die Deutung der Figur als Mnemosyne oder (genauer) Historia bzw. Clio, wie Louis Marin angedeutet und Oskar Bätschmann gezeigt hat. Die allegorischen Bildelemente legen in Grundzügen bereits nahe, was die allegorische Konvention dann bestätigt: Eine Inschrift ist eben fixierte Erinnerung, und die Frauenfigur lässt sich schon dadurch, dass sie ihren Blick gegen die dargestellten Lektürehandlungen richtet, ihre Zugehörigkeit zu diesem Funktionskreis vermuten. Vergleicht man sie mit der Historia, die in Cesare Ripas Iconologia beschrieben ist, erhärtet sich die Annahme. Seine allegorische Figur schreitet zusammen mit dem sicheltragenden Chronos bzw. Saturn voran, wendet jedoch ihren
Kopf zurück und schreibt das Vergangene auf. Ihren Fuß hat sie auf einen Steinblock gestützt. Bei Poussin sind diese Attribute
auseinandergelegt. Der Text befindet sich auf dem Grabmal, die Sichel tritt als Schatten in Erscheinung, den der Arm des entziffernden Hirten wirft, aus der Kopfdrehung ist eine gegen die Erzählrichtung gewendete Körperstellung geworden, statt der Frauengestalt selbst stützt der fragende Hirte seinen Fuß auf den Steinblock.

Poussin wird Ripas Figur oder eine ähnlich ausgestattete Frauengestalt Raffaels gekannt haben; auf einem Bibel-Frontispiz von 1642 zeigt er selbst eine Historia (und weist dabei dem Schattenwurf, der ihre zurückgewandte Gesichtshälfte und ihrennText ins Dunkle taucht, eine wichtige Rolle zu). Was den Hirten bei Poussin aufgehen könnte, ist daher nicht allein ihre Sterblichkeit, sondern eine Differenz von Heute und Früher, die durch stumme Schriftzeichen vermittelt wird und so die sinnliche Gegenwart relativiert.“

Kommentar von Albrecht ,

Henry Keazor, Nicolas Poussin : 1594 – 1665. Hong Kong ; Köln ; London ;
Los Angeles ; Madrid ; Paris ; Tokyo : Taschen, 2007, S. 56 – 59

S. 57 - 58: „Angeregt wahrscheinlich durch eine Idee des Freundes und Opernlibrettisten der Barberini, den Prälaten Giulio Rospiglisoi, hatte Guercino die Entdeckung des Todes in dem als irdisches Paradies geltenden, griechischen Landstrich Arkadien dargestellt: Zwei Hirten scheinen aus einem Waldstück heraus auf einen gemauerten Sockel zu blicken, auf dem ein von einer Maus und einer Fliege umschwärmter Totenkopf liegt. „Et in Arcadia ego“ ist darunter zu lesen, und diese Worte scheinen als Aussage des mit dem Schädel symbolisierten Todes gedacht zu sein: Auch ich, der Tod, bin in Arkadien.“ Die teils bestürzten, teils bekümmerten Blicke der beiden Hirten sind durch die Erkenntnis provoziert, daß selbst in dem idyllischen Schäferparadies dieEndlichkeit des Lebens nicht aufgehalten werden kann.

In seiner ersten Fassung […] übernimmt Poussin noch einzelne Elemenete aus Guercinos Bild wie z. B. den Totenkopf und die unterschiedlichen Lebensalter andeutenden Erscheinungsbilder der beiden Hirten, von denen der Bärtige älter, sein bartloser Begeliter hingegen jünger wirkt. Auch sie werden von der Entdeckung des den Schädel und die Inschrift tragenden Stens überrascht, allerdings handelt es sich nicht mehr um einen schlichten Sockel, sondern um ein regelrechtes Grab. Neu ist auch, dass die beiden Hirten links von einer weiß gewandeten Schäferin, rechts hingegen von einem Flußgott flankiert werden, der den durch Arkadien fließenden Strom Alpheus verkörpert (dieser fließt größtenteils unterirdisch, weshalb er hier sein Gesicht nicht zeigt). Da solche Flussgottheiten durch alte, melancholisch anmutende Männer symbolisiert wurden, schließt er nicht nur die mit der jungen Hirtin eröffnete Abfolge der Lebensalter ab, sondern trägt zugleich den elegischen Grundton des Gemäldes mit. Dieser wird motiviert durch den Erkenntnisprozess der eigenen Sterblichkeit, den die Schäfer hier durchlaufen. Anders als bei Guercino, wo sie Symbol und Aussage des Todes aus der Distanz betrachten, werden die Hirten von Poussin deutlichim Akt des Lesens und Begreifens dargestellt: der rechte Hirte fährt die Buchstaben der Inschrift nach, sein Begleiter scheint auf das Gelesene bereits erschreckt zu reagieren, die Schäferin schließlich betrübt angesichts der Mitteilung von der Anwesenheit des Todes.

Rundzehn Jahre später entstand eine zweite Version […], die sich noch weiter von Guercinos Darstellung emanzipiert. Anstatt des schräg aus der tiefe hervorstoßenden Grabes ruht her ein Sarkophag in der Bildmitte, um den die Hirten in z. T. sehr bequemen Positionen verteilt sind. Ein Schäfer hat den Arm enspannt auf den Stein gelegt, und auf seine Geste antwortet eine reich gekleidete Frau, die einem gebeugt stehenden Jüngling wie besänftigend die hand auf die Schulter gelegt hat, Er wiederum deutet auf den Sarkophag, dessen Inschrift ein davor kniender, ältere Mann gerade mit einem Finger nachfährt. Mit der Frau, bei der es sich angesichts ihrer würdevollen Kleidung um keine Schäferin mehr handeln kann, und mit der Geste des älteren Hirten eröffnet Poussin eine sinnbildliche Ebene: Die Frauengestalt stellt wohl Klio, die Muse der Geschichte, vielleicht aber auch die Arcadia, eine Personifikation der Gegend von Arkadien, dar. Der Arm des die Inschrift verfolgenden Schäfers wirft einen Schatten, der an eine Sense erinnert und somit ein typisches Todessymbol bildet. Passend zu der Ausgeglichenheit der Bildkomposition, der beruhigenden Geste der Frau und den hellen Farben, verzichtet Poussin hier auf die vordergründige Darstellung von Merkmalen wie z. B. den Schädel und arbeitet stattdessen mit feinen Andeutungen, welche die Atmosphäre nachdenklicher, doch heiterer Gelassenheit nicht stören.

Zugleich leistete er damit einer Umdeutung des möglicherweise von Rospiglisoi geprägten sinnspruchs Vorschub, denn scheint dieser in dem Guercino-Bild un der ersten Interpretation durch Poussin eine Aussage des Todes darzustellen, mit denen er die bestürzten Bewohner Arkadiens konfrontiert, so passte eine solche Lesart zu den in ruhiger Besinnlichkeit verbleibenden Hirten nicht recht.“

Reinhard Brandt, Philosophie in Bildern : von Giorgione bis Magritte. Köln : DuMont, 2000, S. 265 - 282

Oskar Bätschmann, Dialektik der Malerei von Nicolas Poussin. Zürich : Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft ; München : Prestel, 1982. ISBN 3-7913-0591-3

http://www.mahagoni-magazin.de/malerei/poussin-%E2%80%9Aet-in-arcadia-ego-%E2%80...

http://www.tabularasamagazin.de/artikel/artikel_6292/

http://freieskunstforum.de/hosch_2015_poussin.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_arkadischen_Hirten

Antwort
von berkersheim, 34

Wenn Du Wikipedia "Et in Arcadia ego" liest mit einer breiten Auffächerung der mythischen Tradition, bist Du erst mal verwirrt und es stellt sich die Frage, auf welche Tradition greift der Barockmaler Nicolas Poussin zurück. Die einfachste Deutung ist, dass er von dem Bild von Giovanni Francesco Barbieri inspiriert ist, dass Arcadien die einfache, heile Welt repräsentiert, die mit der Realität des Todes und der Vergänglichkeit konfrontiert wird. In Giovanni Francesco Barbieri Bild ist die Schrift "Et in Arcadia ego" in eine Mauerabdeckung eingegraben, wie eine Erinnerung von Touristen (Ich war hier). Der Totenkopf als Zeichen des Todes ist der Hinweis, dass dieses ICH wohl nicht mehr unter den Lebenden weilt. Als Zeichen des Vergänglichen sind die Maus zu sehen, die selbst noch am Totenkopf nagt, die Schmeißfliege und oben rechts im Geäst ein lauernder Geier.

Dieser Schrecken in Giovanni Francesco Barbieri Bild ist im 1. Bild von Nicolas Poussin zurückgenommen. Ich finde nicht, dass die Hirten besonders erschreckt aussehen. Wenn sie vorher noch unschuldigen, neckischen Liebesspielchen gefrönt haben (die Hirtin ist nur halb bekleidet), schauen sie eigentlich nur in unschuldiger Neugier auf den verdeckten Sarkophag und da eher auf die Inschrift als auf den obenauf liegenden Totenkopf. Vergänglichkeit bedeutet, dass auch das Wohlleben mal ein Ende hat, genauso wie alle Unschuld. Anders als in Wikipedia beschrieben sehe ich unten rechts keinen Flussgott, sondern den Gott Bacchus/Dionysos, mit Weinlauf bekränzt, wie er gerade ein Fass mit Wein ausschüttet als Symbol, dass auch alles Wohlleben mal ein Ende hat.

Die zweite Version zeigt eine vollkommen andere Auffassung. Der Sarkophag mit den Hirten steht nicht mehr versteckt am Rande sondern in zentrale Beleuchtung in der Mitte. Zeichen des Todes wie Totenkopf gibt es nicht mehr. Die Hirten studieren umgeben von idyllischer Landschaft die Inschrift im Sarkophag. Wer mag hier wohl die Erinnerung an sein Leben überlassen haben wollen? Die Dame, die dem rechten Hirten fast beruhigend die Hand auf die Schulter legt ist eine symbolische Figur, wahrscheinlich eine griechische Göttin, angedeutet durch das blaue Untergewand (blau - Farbe Marias) konterkariert durch das gelbe Oberteil, das ein Verhaftetsein in der Welt symbolisiert. Es könnte Athene sein, die Göttin der Weisheit, die den Tod in den Rahmen des gesamten Lebensstellt und ihm so den Schrecken nimmt. Es könnte auch die Göttin Fortuna sein. Doch sehe ich keine Insignien, die einen Verweis bieten. Die Dame selbst strahlt auf jeden Fall Gelassenheit aus. Im Bild selbst gibt es den Hinweis, dass links blauer Himmel zu sehen ist mit Sonnenschein und von rechts ein Gewitter aufzieht.

Kommentar von LiloB ,

selten habe ich eine so phanstastische Antwort gelesen wie Deine. Danke dafür. Es macht Freude, sich Bilder unter diesem Aspekt noch einmal genauer anzusehen. Schade, daß es keinen Stern mehr gibt,- er wäre mehr als verdient!!!

Kommentar von Happiness88 ,

Sterne kann man nach wie vor vergeben. Tue ich auch !

Kommentar von Happiness88 ,

Nur eine kleine Verbesserung. Der Maler, von dem Poussin inspiriert ist, heisst Guercino mit Nachnamen! (Habe ich gerade gelesen).

Kommentar von berkersheim ,

Nach Wikipedia:

"Die Phrase findet sich zum ersten Mal in dem gleichnamigen Gemälde des italienischen Barockmalers Giovanni Francesco Barbieri, gen. Guercino." - gen. = genannt, = Künstlername

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