Frage von MrMcSauerkraut, 60

Es gibt doch Literatur zum Thema, weshalb die untere Gesellschaftsschicht nicht für ihre Rechte eintritt, oder?

Ich meine unter anderem damit, dass sie nicht wahrnimmt, wie diese Schicht zu ihrem Nachteil agiert, sich selbst geißelt. Es gibt da doch soziologische und philosophische Literatur, oder?

Ich habe auch mal gehört, dass Theodor Adorno dieses Thema in einem seiner Werke aufgreift.

Kann mir jemand einen Tipp geben?

Nochmal als Hinweis:

Ich möchte nicht (zumindest nicht vordergründig) darüber diskutieren, ob sich die Unterschicht nicht für ihre Interessen einsetzt. Ich suche Literatur, die dieses Thema behandelt. Theodor Adorno oder Antonio Gramsci haben das wohl getan.

Danke! :-)

Antwort
von berkersheim, 6

Hinweise gibt es meiner Meinung nach in Gerhard Schulze "Die Erlebnisgesellschaft" in der auch Milieus erfasst werden und ihre unterschiedlichen Interessenschwerpunkte.

Ein anderer Beitrag wäre:

https://www.boell.de/de/demokratie/demokratie-entsolidarisierung-heitmeyer-deuts...

und das, obwohl ich dessen Analyse nicht komplett teile. Globalisierung, gesellschaftliche Vermassung, die Tendenz zu Massengesellschaften (EU) und immer weniger Transparenz. Die Verlogenheit politischer Etiketten und Selbstzuschreibungen im Verhältnis zum erfahrbaren Handeln (man schimpft gegen die Banken und macht sie in Wirklichkeit stark). Dazu kommt die Irritation durch gekünstelte Welt- und Wunschbilder durch die Werbung. Indoktrination statt Information.

Die "untere Gesellschaftsschicht" ist keine präzise Zuordnung. Im Gegenteil, dort werden unterschiedlichste Strategien verfolgt, erlebt man sich gegenseitig als Konkurrent. Kriminalität richtet sich recht selten gegen die da oben, findet in erheblichem Maße innerhalb der Milieus statt. Eine Verbreiterung der Masse entsolidarisiert: DIe Unterschicht in Spanien gegen die in Deutschland, die in Griechenland gegen die deutschen Nazis usw.. In komplexer werdenden Massengesellschaften fehlt meist Wissen und Bildung, die Komplexität zu durchschauen.

Antwort
von 1988Ritter, 34

Die Basis zu diesen Studien findet sich nach meiner Ansicht bei Palton. Wer Platon kennt und gelesen hat, der empfindet sämtliche anderen Darstellungen bestenfalls als Abhandlung.

Die von Dir angeschnittene Thematik erklärt sich hochphilosophisch und doch so einfach in dem berühmten Höhlengleichnis von Platon.

Kommentar von MrMcSauerkraut ,

Da sehe ich selbst aber nur einen entfernten Zusammenhang. Die Menschen, die an die Wand starren, erkennen ja die Tatsache nicht, dass sie Schatten, also nicht die Wirklichkeit, sehen. Hier geht es doch eher um die Suche nach der Wahrheit.

Bei der Frage, weshalb Menschen nicht für ihre Rechte einstehen, geht es doch mehr um eine Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit, die man für sich selbst einfordert, was, der Annahme nach nicht oder nur begrenzt stattfindet.

Ich hoffe, Du verstehst, wo ich den Unterschied sehe.

Danke für Deine Antwort.

Kommentar von 1988Ritter ,

Ich kann Deine Sichtweise nachvollziehen, insbesondere auch deshalb weil ich dazu neige, immer den einfachsten Weg zu suchen.

In Bezug auf Deine Frage finde ich den einfachsten Weg im Höhlengleichnis, da die Bewohner der Höhle die Möglichkeit (und somit Sichtweise) hatten die Höhle zu verlassen. Was sie dann sahen war ihnen zu ungewohnt und wahrscheinlich auch für die Sinne zu überfrachtend, weshalb sie den Weg zurück in die Höhle wählten.

Und da finde ich das Höhlengleichnis treffend.

Wir haben eine Gesetzesvielfallt, und somit ein gewaltiges Potential an Rechtsmitteln und Gesetzen. Dies kann nicht für jeden Menschen gleich überschaubar sein, weshalb sich die Menschen ihrem Schicksal lieber ergeben, und alles belassen wie es ist.

Das sehe ich in bezug auf das Höhlengleichnis als Rückkehr zur Höhle.

Kommentar von MrMcSauerkraut ,

Ich sehe das nicht so wie Du. Na ja, aber das nennt man dann eine gute Diskussionskultur.

Vielen Dank für Dein Auseinandersetzen mit meiner Frage.

Antwort
von atzef, 27

Äh...wieso tritt die nicht für ihre Rechte ein? Wieder so eine alberne Verallgemeinerung. In meiner Stadt z.B. gibt es gleich mehrere Interessenvertretungsvereine für ALG 1 u. 2 Empfänger. Auch die Gewerkschaften oder Parteien wie die Linkspartei oder die SPD organisieren und vertreten solche Interessen.

Insbesondere für ihre Rechte machen sich viele ALG 2-Empfänger selber stark, indem sie Prozesse führen...

Kommentar von BTyker99 ,

Das stimmt, verallgemeinern sollte man nicht, dennoch ist es wohl statistisch beweisbar, dass es viele Menschen der "unteren Schichten" gibt, die CDU/SPD und ähnliches wählen.

Kommentar von atzef ,

Und? Wenn dem so wäre, dann wäre das ja ein akuter Hinweis darauf, dass die Menschen ihren Interessen gemäß wählen. Es ist albern und Ausdruck einer totalitären Gesinnung, die dann dafür schuriegeln zu wollen, etwas zu wählen, was angeblich nicht ihren Interessen entsprechen würde.

Diese Form der rechtgläubigen Anmaßung ist nicht nur in ihrer islamistischen Form zurückzuweisen, sondern in jedweder.

Kommentar von MrMcSauerkraut ,

Noch einmal als Hinweis: Ich suche nur Literatur, die dieses Thema behandelt. Ob es der Wahrheit entspricht, dass die Unterschicht nicht für ihre Rechte eintritt, ist bei dieser Fragestellung sekundär.

Allerdings bin ich auch offen für Diskussion. Erst einmal hätte ich gerne Literatur, am liebsten von Gramsci oder Adorno.

Kommentar von atzef ,

Adorno kenne ich nicht sonderlich gut. Gramsci wiederum beschäftigt sich mit der Frage, wie unter "westlichen" Bedingungen Lenins Parteitheorie, die er in "Was tun?" entwickelt hat, umgesetzt werden kann. Im Westen sieht er eine ideologische Vorherrschaft des Bürgertums verwirklicht über eine Vielzahl von Organisationen und Institutionen. Dieser Hegemonie müsse man eine eigene entgegenstellen, also ebenfalls eine Vielzahl von solchen Organisationen und Institutionen schaffen, die einen niedrigschwelligen Zugang zu alternativen, revolutionären Zielen eröffnen...

Gramsci unterstellt also nicht, dass die untersten Gesellschaftsschichten nicht um ihre Rechte und Interessen kämpfen, sondern versucht zu verstehen, warum sie das in vermeintlich bornierter Form tun und wie man sie dazu bringen kann, sich für revolutionäre Ziele einzusetzen.

Heutzutage ist diese Problemorientierung insofern für den Popo, weil der Sozialismus/Kapitalismus seine Unschuld und Naivität als gesellschaftliche Alternative vollständig zerüttet und verloren hat. Gerade geht mal wieder das nächste sozialistische Großexperiment in Venezuela kläglich vor die Hunde...

Daher lockt man damit auch niemanden mehr an.

Kommentar von MrMcSauerkraut ,

Gramsci hat ja viel geschrieben. Ich könnte mich natürlich durch alle seine Gefängnishefte kämpfen. Kannst Du mir eines seiner Gefängnishefte empfehlen, in dem er Folgendes beschreibt:

Gramsci unterstellt also nicht, dass die untersten
Gesellschaftsschichten nicht um ihre Rechte und Interessen kämpfen, sondern versucht zu verstehen, warum sie das in vermeintlich bornierter Form tun und wie man sie dazu bringen kann, sich für revolutionäre Ziele einzusetzen.

Kommentar von atzef ,

Nein. Zu lange her, dass ich das gelesen habe. :-) Sorry. Aber Gramsci würde da auch nur jene Idee von Lenin aus "Was tun?" aufgreifen, in dem er ausführt, dass die Arbeiterklasse aus sich heraus nur fähig ist, einen Kampf um ökonomische Partikularinteressen zu führen. Und deshalb spontan aus sich selber heraus lediglich "trade-unionischtisches", "nur-gewerkschaftliches" Bewusstsein entwickeln kann, weshalb es die Aufgabe der Kommunisten sei, ihr revolutionär-politisches Bewusstsein "von außen" anzutragen kraft "höherer Einsicht"...:-)

Antwort
von voayager, 21

Das war nicht immer so, in der Weimarer Republik war ein beachtlicher Teil der sogenannten Unterschicht recht kämpferisch drauf und war in der KPD und in der Gewerkschaft organisiert. Seit 1933 allerdings lassen sich die Gedeckelten von Staat und Kapital deckeln, man kann auch sagen, sie lassen sich ungehindert den Bobbes hockeln und mucken nicht dabei auf. So sind sie also nicht nur arm wie Hiob, sondern auch Gedeckelte, gebückte und Gebeugte, das es nur so raucht und schmaucht.

Kommentar von MrMcSauerkraut ,

Noch einmal als Hinweis: Ich suche nur Literatur, die dieses

Thema behandelt. Kannst Du mir entsprechende, tiefgehende Literatur nennen?

Kommentar von voayager ,

kenne nicht die neuere Literatur, nur die der 70-er Jahre, wo noch ne relativ starke linke Bewegung existierte. Da gab es u.a. die Sozialpsychologie der Arbeiterkalsse von Vinnai z.B., oder weniger spezifisch "Angst im Kapitalismus" von Dieter Duhm, dann wohl auch Lektüre von Gottschalch, die titel seiner markanten Bücher fallen mir im Moment jedoch nicht ein, kann indes leicht ergooglet werden.

Kommentar von MrMcSauerkraut ,

Super. Solch Literatur wollte ich haben! :-)

Kommentar von MrMcSauerkraut ,

Das heißt, wenn jemand aktuelle Literatur hat, dann nur her damit. :-)

Kommentar von voayager ,

die kriegste jetzt aufm Flohmarkt, bei amazon oder e-bay für nen Appel und en Ei, denn heutzutage interessiert es nur noch sehr wenige Menschen, was esmit Lohnabhängigen so auf sich hat und erst recht nicht interessiert es Bildungsbürger, was im Kopp von Arbeitern so vorgeht. Diese selbst sind nicht im Geringsten interessiert, was es mit ihnen selbst so auf sich hat. Das wäre ja fast schon so wie bei Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht. Von älteren Linken liest keiner was mehr aus den 70-er Jahren, weil das ja schon "abgearbeitet" wurde. Wer hat schon gerne einen 2. Aufguß, machjgt man ja beim Kaffee auch nicht.

Kommentar von MrMcSauerkraut ,

Das diese Literatur nicht mehr "in" ist, zeigt ja nur die Dringlichkeit solcher Literatur, wenn in Betracht zieht, dass die soziale Ungleichheit wächst.

In diesem Kontext sind solche Bücher doch hochaktuell, oder?.

Kommentar von voayager ,

jein, denn die Entpolitiserung und gesellschaftliche Verblödung hat inzwischen zugenommen. Arbeiter waren in den 70-ern weiter entwickelt als jetzt, genau wie z.B. Teile der Mittelschicht es ja auch waren.

Der Vorteil ist in dieser Lektüre dennoch gegeben, denn er  zeigt psyhosoziale Mechanismen etc. auf, warum es nicht weiter links zugeht bei den Arbeitern. Dazu gehört auch die Rolle der Werbung, der modernen Propaganda usw.

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