Frage von DeniseCheeer, 12

Erfahrungen ATJ?

Hallo,

Hat jemand Erfahrungen mit einem ATJ (Austauschjahr, z.B. in Amerika) & kann mir davon berichten?

Danke im voraus

Antwort
von LimettenFan, 1

Hey DeniseCheeer, 

da du nur Amerika geschrieben hast, gehe ich jetzt mal davon aus, dass du neben den USA und Kanada auch Süd-, bzw. Mittelamerika meinst ;)

Ich bin seit dem 23. Juli diesen Jahres in Ecuador (also Westküste von Südamerika) und verbringe dort mein Austauschjahr. 

Meine bisher gesammelten Erfahrungen sind nicht durchweg positiv ... aber ich glaube du willst eine ehrliche Antwort auf deine Frage und nicht nur die positiven Dinge eines ATJs erfahren...

Also zu erst einmal, bin ich nicht mit einer Organisation hier in Ecuador, sondern auf privater Basis.

Ich habe von einer ehemaligen Austauschschülerin hier in Ecuador das Angebot bekommen, mein ATJ in Ecuador zu verbringen, wenn meine Familie im Gegenzug ein ecuadorianisches Mädchen aufnimmt. 

Nach langem hin und her haben meine Eltern zugestimmt, weil es auch einfach eine Kostenfrage ist ... ich habe jetzt für das ganze Jahr hier ca. 2.500€ bezahlt (monatliches Taschengeld inklusive), dafür muss man aber auch bedenken, dass man alles alleine stemmen muss und bei Rückfragen keiner einem zur Seite steht. 

Somit würde ich mir gut überlegen, wenn du das Angebot eines privaten Austausches bekommst, ob du nicht doch lieber mit einer Orga ins Ausland willst. 

Aber zurück zu meiner Erfahrung hier ... 

Gastfamilie

Nach meiner Ankunft am Flughafen in Manta wurde ich von meiner gesamten Gastfamilie abgeholt... wenn ich gesamt sage, meine ich das auch so.. so gut wie jede Tante, Großmutter, Onkel, Großvater, Cousin und Cousine usw. waren mit an den Flughafen in Manta gekommen (nur als kurze Info... der Flughafen in Manta besitzt ein "Gate", eine Lande-/Startbahn und ist sowas von unbedarft, dass für deutsche Verhältnisse einfach unfassbar ist ... aber egal) auf jeden Fall kam ich nach über 37 h Reisen (ich hatte 18 h Aufenthalt in Quito) am meinem Ziel an und wurde von so vielen Menschen empfangen.

Sicher, was war nur lieb gemeint, doch nach 37 h ohne einmal richtig geschlafen zu haben, und dann so viele Menschen, die am besten alle gleichzeitig mit einem reden wollen, ist man nach wenigen Minuten einfach nur noch genervt, möchte nach Hause, sich ins Bett legen und einfach nur mal durchschlafen!

Nach 3h Fragerunde am Flughafen sind wir dann auch endlich von Manta nach Portoviejo gefahren (ca. 40-50 min. Autofahrt), wo ich mein ATJ verbringen sollte. Und dann kam der Schock... statt wie über das Schreiben bei Facebook und Co. versprochen, bekam ich nicht mein eigenes Zimmer, sondern musste mit mit meiner Gastschwester und meiner Austauschpartnerin das Zimmer teilen, das dessen Bruder überraschender Weise aus den USA zu besuch gekommen ist. 

Und nein, nicht dass du jetzt denkst, dass ich ein verwöhntes Kind bin, was nicht in der Lage ist zu teilen (ich habe 3 Geschwister...) ... es ist einfach nur ein riesengroßer Unterschied, ob du mit den Leuten, mit denen du dir ein Zimmer teilen musst, verwandt bist bzw. diese Leute kennst oder nicht ... und die beiden Mädchen, mit denen ich mir nun ein Zimmer und EIN BETT geteilt habe, kannte ich seit 3 h persönlich .... 

auch kann ich dir jetzt schon mal versichern, wird es Zeiten bei deinem geplanten ATJ (ich gehe davon aus, dass du in Erwägung ziehst, ein ATJ zu machen, sonst würdest du nicht eine solche Frage stellen) geben, in denen du einfach eine Tür hinter dir zu ziehen möchtest und einfach mal von allen abgeschottet nur für dich alleine die Ruhe genießen möchtest. Besonders am Anfang, wenn du (wie ich z.B.)  die Sprache nicht beherrscht und noch nicht wirklich in der Familie angekommen bist. 

Nach einiger Zeit habe ich mich aber an das Zimmer teilen gewöhnt und auch das zu dritt in einem Bett zu schlafen, war irgendwann gar nicht mehr so schlimm. Das einzigst schlimme war nur, dass ich mich selbst nach 2 Monaten Aufenthalt immer noch wie eine Fremde in meiner eigenen Gastfamilie gefühlt habe...

Klar, man wird nicht von heut auf morgen das neue Familienmitglied, so, als wenn man seit Geburt an in dieser Familie ist, aber nach 2 Monaten sollte doch irgendwann eine gewisse Routine in den Alltag kommen. Dieser Spalt zwischen mir und meiner Gastfamilie ging irgendwann so weit, dass ich sogar irgendwann mein eigenes Essen gekauft habe, da nicht genug im Kühlschrank war und ich mich selbst als "Dieb" gefühlt habe, wenn ich doch mal am Kühlschrank war, um mir was zu essen zu machen.

Als meine Gastmutter mich gefragt hat, ob ich vielleicht 1 Woche zu ein paar ihrer Verwandten nach Quito ziehen will, um dort Urlaub zu machen, habe ich sofort zugestimmt, denn aus meiner Sicher konnte es nur noch besser für mich werden - und so wurde es auch!

Bei der Familie in Quito habe ich mich pudelwohl gefühlt und am Ende sogar noch eine Woche mehr rausgeschlagen, da ich es einfach verhindern wollte, so schnell wieder zurück zu meiner eigentlichen Gastfamilie zu kommen. Als ich aber am Ende doch wieder zurück musste, hätte ich am liebsten alles dran gesetzt, nicht in den Bus zurück in meine persönliche "Hölle" zu steigen ... am Ende habe ich mich aber meinem Schicksal gebeugt und bin zurück gefahren.

Ca. 1 Woche nachdem ich wieder in Portoviejo war, hat meine Austauschpartnerin mir berichtet, dass sie nicht wie geplant nach DE in meine Familie ziehen wird um ein ATJ in DE zu machen. Und damit hatte ich meinen Entschluss gefällt: Ich würde meine Gestfamilie wechseln. 

Bis meine Austauschpartnerin mir gesagt hat, dass sie nicht nach DE fahren wird, hatte ich immer diese Hemmung ... "Was denkt meine Gastfamilie, wenn ich jetzt wechseln möchte ... will meine Austauschpartnerin dann überhaupt noch nach DE in meiner Familie? Kann ich das wirklich machen? usw."

Allerdings nach dem Gespräch mit meiner Austauschpartnerin, war diese Hemmung weg!

Während meiner 2 Wochen Urlaub in der Landeshauptstadt hatte ich ein Mädchen kennen gelernt, dass nächstes Jahr zum studieren nach DE reisen wollte, allerdings noch kein Wort Deutsch spricht. Somit hatte ich sie gefragt, ob sie vielleicht den Platz meiner ehemaligen Austauschpartnerin haben will, um schon mal Deutsch zu lernen, bevor ihr Studium in DE beginnt. Sie war von Anfang an begeistert von der Idee, und ich auch! 

Da K. nun nächsten Monat nach DE in meine Familie zieht, haben ihre Eltern eingewilligt, dass ich zu ihnen ziehen kann. Nachdem K.s Eltern zugestimmt hatten, waren innerhalb von 3 Tagen meine Koffer gepackt und es hieß "Tschüss alte Gastfamilie ... Willkommen neue Chance! <3" 

und nun? Nun bin ich seit ca. 2 Wochen hier in der neunen Gastfamilie und fühle mich selbst nach dieser kurzen Zeit schon wie ein richtiges Familienmitglied. 

Du siehst, es gibt zwei Möglichkeiten, die man als Austauschschüler hat:

1. du bekommt eine Gastfamilie die du nicht magst und mit der du nicht klar kommt

oder

2. du bekommst eine Gastfamilie, in der du dich wie zu zu Hause in deiner eigenen Familie fühlst

Falls du bei deinem Auslandsjahr in eine Familie kommen solltest, mit der du nicht klar kommst, besonder am Anfang, rede mit der Familie und gib dir und der Familie Zeit. Z.B. sag ihnen, was aus deiner Sicht gar nicht geht, versuch Kompromisse zu schließen und bring bitte nicht nur deinen Willen durch ... versuch auch die Argumente deiner Gastfamilie zu verstehen und gib dir, aber auch deiner Gastfamilie Zeit, dich an die Gastfamilie bzw. die Gastfamilie an dich zu gewöhnen. Wenn du aber nach über 1 bzw. 2 Monaten immer noch das Gefühl hast, dass zwischen dir und deiner Gastfamilie Welten liegen, dann sprich mit deiner Orga und sag, dass du eine neue Gastfamilie haben willst. Denn wenn ich eins in den letzten 2 Monaten gelernt habe, dann, dass ein ATJ DEIN Jahr ist und dieses Jahr lass dir bloß nicht von einer Gastfamilie versauen, die dich nicht versteht bzw. du sie nicht verstehst!

Wenn du dann aber eine Gastfamilie hast, in der du dich wohl fühlst, dann genies jede Sekunde im Ausland, denn die Erfahrungen die man hier sammeln kann, sind einfach die besten! Und das beste ist, dass man ein Leben lang von diesen Erfahrungen zehren kann! 

Welcher Arbeitgeber sieht nicht gerne in der Bewerbung "Auslandserfahrung in ..." denn das bedeutet nicht nur, dass du die Landessprache nach dem Jahr perfekt beherrscht, sondern auch, dass du auch Verantwortung über nehmen kannst, mit Problem alleine klar kommst und vor allem den Willen hast, etwas zu erreichen! Denn wenn es am Tag der Abreise in DE heißt, deiner Familie für ein ganzes Jahr "leb wohl" zu sagen und in das Flugzeug zu steigen, ohne zu wissen was im anderen Land auf einen wartet, zeugt dass nicht nur von Willenskraft sondern auch von riesen großen Mut. 

Schulalltag: 

Da im April diesen Jahres das schwere Erdbeben in Ecuador, besonders in den Küstenregionen war, war natürlich auch Portoviejo betroffen. 

Meine 1. Woche in der Schule hatte ich somit nicht in einem Gebäude, sondern unter freiem Himmel in einem Park Unterricht, bevor nach dieser Woche in das "renovierte" Gebäude umgezogen wurde. 

Nun zum 1. Schultag in der Schule...

Das lässt sich eigentlich ganz einfach beschreiben: 

Man ist aufgeregt ... und das auch nicht ohne Grund!

Jeder will mit einem sprechen, jeder hat gefühlte hundert Fragen an dich und die meisten Fragen wiederholen sich alle 3 Minuten. 

Wenn deine Mitschüler dich fragen "Bist du ein Nazi?", musst du da einfach mit einem Lachen drüber stehen und Gegenfragen wie "Bist du ein Kannibale?" stellen, dann hast du das Eis eigentlich schon gebrochen. 

Wenn dann erst mal die ganzen Fragen geklärt sind, und der Unterricht normal weiter läuft, wird es für dich erst mal richtig langweilig ... (ausgenommen, du sprichst die jeweilige Landessprache schon perfekt) ... denn du verstehst so gut wie gar nichts was der Lehrer erklärt. 

Ich habe angefangen in der Schule Spanische Grammatik mit Hilfe eines in DE gekauften Lernbuchs zu lernen. Die meisten Lehrer dulden dass, da man dadurch den Unterricht nicht stört, sondern einfach nur an seinem Platz sitzt und in einem Buch rum schreibt. 

Und ja, auch das wird nach dem 5. Tag in der Schule tierisch langweilig ... doch da muss man durch, denn irgendwann will man am Unterricht teilnehmen können und auch was verstehen wollen, weshalb man sich halt durch den langweiligen Lernstoff kämpft. 

Als dann er Umzug ins "renovierte" Gebäude war, war ich geschockt ... bei einem Klassenzimmer fehlte eine komplette Wand und im Boden war ein riesengroßer Spalt, durch den man mühelos eine Banane hätte werfen können. 

Wenn es zur Pause geklingelt hat, und alle Schüler gleichzeitig aus den Klassenräumen stürzten, hat das Gebäude angefangen zu wackeln und für mich stand fest, ich will eine neue Schule. 

Nun gibt es in Ecuador das Problem, dass die Familien für die Schulbildung ihrer Kinder Geld an die Schule bezahlen müssen wodurch ich dann herausgefunden habe, dass meine Gastfamilie diese Schule ausgesucht hat, da es die günstigste in der Stadt war. 

Da fühlt man sich als Gastschüler gleich viel mehr willkommen ... aber egal... auf jeden Fall habe ich versucht mit meiner Gastfamilie darüber zu reden, dass ich Angst in der Schule habe und dass ich gerne die Schule wechseln würde, worauf sie nur meinten, dass sie nicht mehr Geld für meine Schule ausgeben wollen, wie sie es für meine alte Schule getan habe. 

Somit habe ich zusammen mit einer guten Freundin nach einer neuen Schule gesucht und am Ende auch eine Schule gefunden - die Schule meiner Freundin.

Die neue Schule hat mir gut gefallen, jeder Klassenraum hatte 4 Wände und keine Löcher oder Risse im Boden ... und das Gebäude hat auch nicht angefangen zu wackeln :,D 

Als ich dann die Schule gewechselt hatte, hieß es natürlich wieder das ganze Kennenlernen und die ganzen Fragen zu Beantworten. Aber das leuchtende Schild "ich bin die Neue" auf deiner Stirn verschwindet innerhalb der ersten 3 bis 5 Tage und dann kommt der normale Schulalltag. 

Als ich dann aber die Gastfamilie gewechselt habe, hieß es wieder eine neue Schule und wieder alles von vorn ... aber das war es mir wert. Und irgendwie macht es auch Spaß die ganzen Fragen zu beantworten und neue Freundschaften zu schließen. 

Daher mein Rat an dich: Falls du wirklich ins Ausland als ein(e) Austauschschüler(in) willst, darfst du auf keinen Fall schüchtern sein... dann sonst wirst du den Schulalltag hassen. 
Sicherlich verschwindet innerhalb der ersten 5 Tage dieses leuchtende Schild "ich bin die Neue" auf deiner Stirn, besonders schnell geht das an Schulen mit Uniform-Pflicht wie hier in Ecuador, aber auch nach 3 Wochen bist du immer noch was besonderes, denn du bist der/die Austauschschüler(in) aus DE und du bist nur für ein Jahr hier ...

Aber das hat auch viel Positives ... ich bin momentan 17 Jahre alt und somit gehe ich in die Abschlussklasse ... und das bedeutet soviel wie jedes Wochenende eine Einladung zu einer anderen Party. Also das, wovon man in DE träumt und hart für "arbeitet" bekommt man hier geschenkt   :)

Als wie du siehst, gibt es viele Nachteile wie beispielsweise "Was, wenn meine Gastfamilie oder meine Schule nicht zu mir passen? ... was wenn ich Heimweh bekommen? usw." aber selbst nachdem hier jetzt so viel schief gelaufen ist, würde ich immer wieder in den Flieger nach Ecuador steigen, alleine um mich selbst zu testen, was man schon alles alleine hinbekommt. Und vor allem, egal wie schwierig es im Moment scheinen mag... man findet immer einen Weg wenn der Wille da ist ;)

Als ich kann das ein ATJ wirklich nur empfehlen ... und wenn du (wie ich im Moment von ausgehe) am liebsten nach Nordamerika in die USA willst, würde ich dir empfehlen, auch mal nach Angeboten für Südamerika zu gucken ... sicher spricht hier kaum einer Englisch, aber nur um Englisch zu lernen, geht man ja nicht nach den USA ... Englisch lernt man schon genug, wenn man in DE zur Schule geht ... und Spanisch bzw. Portugiesisch werden auch gerne im Lebenslauf bei einer späteren Bewerbung gesehen :)

Und zum Schluss ... da du in deiner Frage nichts über dich selbst geschrieben hast, z.B. über dein Alter oder so ... empfehle ich dir mit 17 Jahren (bzw. 16 Jahren) ins Ausland zu gehen, denn dadrunter ist man aus meiner Sicht noch nicht alt genug um so viele Dinge alleine, ohne die eigene Familie im Rücken zu stemmen. Und vro allem fängt das Leben mit 16/17 Jahren erst richtig an Spaß zu machen :)

Ich würde mich über eine Antwort von dir freuen ... alles Liebe aus Ecuador <3

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