Frage von Fancynote, 38

Empfieht es sich eine Spezialbuchhandlung zu eröffnen?

Hallo zusammen, die Profis unter euch werden zusammenzucken, aber trotzdem: ich bin studierte Journalist und seit sechs Jahren selbstständig. Nun ist der Journalismus - gerade was Bewegtbild angeht - so tief in der Krise, dass ich keine Hoffnung und keinen Atem mehr habe, drei weitere Jahre auszuharren. Da ich nichts anderes kann als Filme zu machen und Texte zu machen, werde ich die Branche wechseln müssen.

Jetzt kommt wohl das Zucken: ich lese gerne und sehr viel, betreibe einen YouTube Kanal mit Buchrezensionen und habe dadurch gute Kontakte zu vielen großen aber auch vielen kleinen Verlagen, zu den unbekannten und bekannten Autoren, zu einigen Bloggern. Also überlege ich eine Spezialbuchhandlung zu eröffnen, die sich auf phantastische Literatur spezialisiert (ob das einige als Literatur sehen oder nicht ist mir völlig egal - bitte dazu keine Meinungsäußerungen).

ein paar Infos finde ich nicht über den Börsenverein oder die IHK: Ist es - ganz generell - eine gute Idee, das heutzutage zu versuchen? Welches Anfangskapital für die Erstausstattung nötig? Ist es überhaupt gut, sich auf etwas zu spezialisieren? Ich lebe in einer Großstadt mit über 300.000 Einwohnern. Im Stadtzentrum gibt es zehn Buchhändler inkl. einer gesichtslosen Kette: sind das gute oder schlechte Voraussetzungen?

Ich will nicht blauäugig und mit einer ich-schaff-dass-irgendwie Mentalität rangehen, muss aber bis Ende des Jahres 2016 Klarheit haben ob ich es versuche oder HartzIV beziehe.

Im Moment brauche ich einfach eine erste Einschätzung und Hilfe ohne sofort dafür bezahlen zu müssen.

Ich danke jedem für konstruktive und ernst gemeinte Untersützung!

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von FlyingCarpet, 19

Wieso nicht - würde das mit einem Online-Shop kombinieren und noch Comic und Manga dazunehmen. Evtl. auch Antiquariat dazu. Fächer das möglichst breit. Dann kannst Du auch die Werbung breiter streuen und div. Events anbieten, um mehr Leute auf Dein Geschäft aufmerksam zu machen.

Evtl., wenn es Finanzierungsprobleme gibt, mit dem Online-Shop anfangen, da hast Du kaum Kosten.  

Kommentar von wfwbinder ,

Gute Idee das so zu machen. 

Kommentar von Fancynote ,

danke für deine Meinung. Das mit den Mangas und dem Antiquariat habe ich auch so geplant. Breit streuen ist sicherlich eine gute Idee

Kommentar von Dirk-D. Hansmann ,

Breit zu streuen ist überhaupt keine gute Idee. Das sind drei Zielgruppen. Die jeweils breit beworben werden müssen. Nur das nicht oder eben über den 'normalen' Buchladen nachdenken.

Antwort
von Nightlover70, 13

Die Konkurrenz aus dem Internet auf dem Buchmarkt an sich ist schon recht stark.

Inwiefern es einen Markt für das von Dir angestrebte Genre gibt müsste sich eigentlich über Statistiken des Buchgrosshandels ersehen lassen.

Das würde ich zunächst mal eruieren

Kommentar von Fancynote ,

ich habe schon ein paar Buchhändler gefragt und die sagen alle, dass sie sogar MEHR Kunden haben seit Beginn der Onlinehändler. Das ist glaube ich weniger das Problem. Aber ich werde dann wohl die 40€ für den Bericht vom Börsenverein ausgeben müssen.

Antwort
von Dirk-D. Hansmann, 7

Begeisterung sieht bei mir anders aus. Etwa 15% bei SiFi und Fantasy ist eigentlich ein klares Pro. Aber man muss das Segment ganz genau zergliedern und dann auf die Stadt in ihrer Struktur umrechnen.

Danach käme die Kristallkugel zum Einsatz. Meine Behauptung: In 20 Jahren werden diese Bücher, (Online-)Spiele und eBook so weit verschmolzen sein, dass diese eine neue und eine vollkommen andere Struktur haben.

Damit erwarte ich zwar ein Wachstumspotential insgesamt, aber auch für diesen 'Buchbereich' ein kontinuierliches Sinken.

Sicherlich ist eine genaue Prüfung insbesondere der Situation jetzt klug. Allerdings würde ich Dir raten gleichzeitig auch eine richtige Analyse und Konzeption für Deine derzeitige Tätigkeit zu machen.

Ich möchte folgende Behauptungen deshalb in den Raum stellen: In den letzten sechs Jahren war Deine Vernetzung im Bereich Film zu gering. Auch die Zielgruppenansprache war vermutlich eher auf den Bereich Zufall fokussiert.

Wenn wir alle Gründungen betrachten, dann sind etwa 4% als erfolgreich zu bezeichnen. Wobei Erfolg hier bedeutet, dass einige davon leben können und andere tatsächlich im Bereich Reichtum arbeiten.

Bedenke bitte auch die hohen Anfangsinvestitionen. Angefangen von der Ladeneinrichtung, über Licht, Kassensystem mit Lagerwirtschaft und bis zur Erstausstattung mit Büchern.

Aus diesen Aufwendungen resultieren im Bereich Lagerwirtschaft und Kassensystem hohe laufende Aufwendungen. Dazu kommt die Arbeitsintensität. Lesen. Und die Beratungsintensität bei den KundInnen.

Da sind schnell so hohe Zeiten erreicht, die zusätzlichen Personalbedarf verlangen.

Die genannten Negativpunkte sind aber auch keine K.O.-Argumente. Es geht mir nur um die Risikoabschätzung.

Eine dritte Geschichte die Du vielleicht ebenfalls genauer sehen solltest, dass ist der Bereich Geschenkartikel und Merchendising. Ich habe mich sehr gefreut, als in meiner Heimatstadt [250.000 Einw./große TU] ein Laden genau dafür eröffnet wurde.

Aus der Beobachtung: Dort werden eben T-Shirts, Tassen, Bademäntel, Zauberstäbe, Schwerter usw. aus den einschlägigen Bereichen Film und Print angeboten.

Als Lage wurde die beste Lage genommen. Es dauerte einige Zeit, bis erst die Fans den Laden entdeckten und auch die Schenkenden dort erschienen sind.

Inzwischen ist der Laden relativ gut besucht und es sind auch immer mehrere VerkäuferInnen im Einsatz. Hier hat man hohe Kosten für den Ladenbau in Anspruch genommen und für ein Ladengeschäft eine gewisse Gemütlichkeit geschaffen.

Nach meiner Überzeugung ein stimmiges Konzept. Wohingegen mehrere Anläufe von Comic-Buchläden scheiterten.

Alle meine Hinweise sind momentan eher auf einem Bauchgefühl basierend. Trotzdem halte ich den Fantasy-Buchladen für dritte und schlechteste Variante der drei Möglichkeiten.

Für das Marketing wesentlich ist, dass alle drei Geschäftsideen sich auf eine Zielgruppe stützen. Die durch entsprechende Darbietung im Marketing erreicht werden können.

Dabei sind gerade Stadtzeitungen und Veranstaltungskalender für die Bereich Merchendising und Fantasy-Romane gute Einstiegsmedien für die Werbung. Aber auch dieses ist eine (Ein-)Schätzung von mir, man müsste hier schon etwas genereller gucken, wie die Zielgruppe in ihren sozialen Verbindungen und Interessen strukturiert ist.

Diese Geschäftsideen wäre sicher auch durch die Anwesenheit bei Festivals mit einem Verkaufsstand förderbar. Insbesondere um Bekanntheit für einen am stationären Laden orientierten Internet-Shop zu erzeugen.

Leider sind Deine Angaben zu Deinen Erfahrungen im Bereich Bild zu schwach. Hier ist keine echte Aussage machbar. Internetseiten verlangen immer mehr bewegte Bilder oder bestehen sogar nur noch aus einem Filmangebot.

Die Vernetzung insbesondere mit Werbeagenturen, aber auch eine eigene Entwicklung in diese Richtung könnte für einen besonderen Erfolg sorgen. Hier wäre als Beispiel eine sich interaktiv bewegende Internetseite, mit BesucherInnen-Kommunikation zu erschwinglichen Preisen sicher ein machbares Angebot.

Wobei man solche Internetseiten dann nicht mehr nur als Information über das Unternehmen zeigt, sondern tatsächlich über die Leistung oder das Produkt und seinen Nutzen informieren kann. Mit schnellen Kontaktaufnahmemöglichkeiten - gerade auch in Richtung der BesucherInnen.

Du siehst: Man kann eine Menge aus relativ wenig Informationen und Annahmen ziehen. Hierbei geht es jetzt darum Deine Mentalität in die Ideen rein zu bekommen.

Daraus die drei Geschäftsideen vollkommen (ggf. auch neu) zu denken. Dabei will ich kein Alleinstellungsmerkmal konstruieren, sondern einen Marktauftritt, der es auch lohnt die Gründungsrisiken auf sich zu nehmen.

Und schließlich wollen wir alle bei den 4% landen und nicht bei den 80% die 'sofort' während der Gründungsphase aufgeben müssen. Charme aller drei Ideen ist der, dass die Überleitung der Gründungsphase in die 1. Konsolidierungsphase mit etwas Geschick relativ geräuschfrei organisiert und durchgeführt werden kann.

Auf dieser Grundlage kannst Du sicher in den nächsten Monaten eine Entscheidung treffen. Wenn es Dir trotzdem um die Beschleunigung geht, dann kann man sicher noch zwei oder drei K.O.-Runden durchziehen und sich sehr schnell auf eine Idee konzentrieren.

Allerdings möchte ich Dich warnen: Auch wenn Du bereits einige Erfahrungen im Bereich Unternehmertum gesammelt hast. Diese Gestaltungen sollte man (wie Gründungen und andere spezielle Phasen auch) nicht ohne professionelle Unterstützung angehen. Dafür sind die Risiken einfach zu groß.

Viel Erfolg.

Kommentar von Fancynote ,

äh... ich glaube, du hast die Fraeg nicht ganz verstanden. Es geht auch weniger darum, von dir eine Einschätzung über meine bisherigen Tätigkeiten zu bekommen, denn das kann ich - sorry - weitaus besser als du.

Aber danke für die ausführliche Antwort und die interessanten Aspekte.

Kommentar von Dirk-D. Hansmann ,

Du wolltest wissen, ob eine Spezialbuchhandlung eine Chance hat. Aber die Chancen so wie von Dir gestellt liegen bei weit unter 4%. Das ist nämlich der Durchschnitt der Unternehmen die erfolgreich geführt werden.

Daher ist es nämlich absolut notwendig zu gucken wo es bessere Chancen gibt. Und ist es sehr wohl angebracht die gröbsten üblichen Fehler zu benennen.

Ich lebe davon, dass ich Leute eine erfolgreiche Gründung ermögliche. Selbst wenn der bekannte Grönland-Kühlschrank-Handel kommt, dann weise ich auf sein einziges Verkaufsargument hin: Dinge warm halten in einer isolierten Umgebung.

Wenn Du so weitaus besser einschätzen kannst, wieso Dein derzeitiges Unternehmen nicht funktioniert, dann erkläre es mal spaßeshalber und wieso die Sachen in den Jahren nicht umgesetzt wurden.

Bei uns selber machen wir die Augen zu. Die ganz fürchterliche Konsequenz ist allerdings die, dass wir dann die Baustelle wechseln und uns als Material weiterhin dabei haben.

Wenn Du bisher den Zugang zu Deiner Zielgruppe nicht gefunden hast oder sie zu klein war, was ich bei einer Großstadt mit 300.000 Menschen nicht glaube und unwahrscheinlich ist. Dann muss man sich die Frage stellen: Hat man das Gespür für KundInnen.

Dieses haben viele Menschen nicht. Das hat nichts mit unhöflichem Verhalten oder ähnlichem zu tun. Nimm auch wieder mich. Meine Zielgruppe ist hier nicht vertreten. Trotzdem investiere ich hier Zeit.

Das kann man auch bei Laufkundschaft tun. Man berät Leute und hat daran einen Spaßfaktor. Doch wenn auf der anderen Seite die UmsatzträgerInnen nicht bei einem bleiben - egal wo man die nun wieder trifft - dann ist meine Beobachtung einfach folgende:

Es gibt einfach mehrere Sperren im Unterbewusstsein. Und die sind die Erfolgsverhinderer. Dabei bin ich kein Therapeut. Wenn ich die konkret bei einem meiner KundInnen genannt bekomme, dann mache ich eine Aufbauberatung, die diese Sperren etwas austrickst.

Im Ergebnis kann aber auch ich nicht zaubern. Man muss diese Sperren knacken. Dabei hilft kein Baustellenwechsel. Weil einfach dieses Risiko groß ist, dass gleiches auch in einer anderen Branche behindert.

Da gibt es zum Beispiel Gründe, die scheinbar überhaupt nichts mit der Kunden-Ansprache zu tun haben. Die auch nicht gleich Komplexe sind. Aber wer sich selber nicht Wert schätzen kann und das sind leider ganz viele Menschen, der kann auch anderen den eigenen Wert nicht vermitteln.

In der Folge kaufen die leider anderswo. Auch wenn dort Waren und oder Beratung schlechter sind. Das 'muss' man wissen.

Was Du hier haben willst, dass ist Mitleid. Geschenkt. Der Arme, der seit sechs Jahren Filme drehen kann und am Jahresende in Hartz-IV muss.

Aber gleichzeitig ein Risiko diskutiert, dass locker und ohne Kalkulation im sechsstelligen Bereich liegt. Ob Du dieses Geld selber hast, weil aus irgendwelchen Gründen Vermögen da ist - Vielleicht sogar als Kameramann erarbeitet.

Oder Du willst es von jemanden leihen. Es wird Dich unter zusätzlichen Druck setzen. Das ist nicht klug. Dazu kommt dann auch einfach die vollständig neue Materie. Da ist nicht nur die Organisation einer Warenwirtschaft.

Kannst ruhig sauer sein, damit kann ich leben. Blöder finde ich es, wenn jemand auf die Nase fällt und dabei vielleicht gleich noch z.B. seine Altersvorsorge kaputt macht.

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