Eine Frage zur personenzentrierten Theorie von Rogers?

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4 Antworten

Hallöchen,

gemeinhin gelten wir Menschen doch als selbstständig handelnde und denkende Wesen (es mag Ausnahmen geben...). Aber wir handeln und denken nunmal nicht alle gleich. Der Grund warum wir unterschiedlich sind ist der, dass wir alle unterschiedliche Erfahrungen in unserem Leben gemacht haben, die uns noch immer beeinflussen.

Daher ist die Realität des Individuums einzigartig und kann von niemanden zur Gänze verstanden werden. Verstehst du diesen Satz jetzt?

Vielleicht wird es mit einem Beispiel etwas leichter verständlich:

Wenn James Bond einen durchtrainierten, großgewachsenen, russischen Mann sieht und sich etwas mit ihm unterhält, wird er sofort wachsam. Seine Feinde entsprechen doch stets genau diesem Stereotyp: Die Situation, also das Treffen an sich, nimmt er also bedrohlich war.

...naja, wenn ICH hingegen einen durchtrainierten, großgewachsenen, russischen Mann treffe, schmeiße ich meine eigentlich ablehnende Haltung zur Ehe sofort über den Haufen und hoffe auf einen baldigen Antrag. Ich habe nämlich mal irgendwo gehört, dass Russen sehr sehr reich sind (und in diesem Fall auch noch gut aussehen) a Also freue ich mich unheimlich in einer solchen Situation zu sein.


Wurde es jetzt klarer? Theoretisch könnten James Bond und ich dem Russen gleichzeitig, im selben Raum, zur selben Zeit begegnen. Die Realität nehmen wir aber beide ziemlich unterschiedlich war. :-)

Laut Rogers bewerten wir jetzt beide diese Begegnung: Wichtig dafür ist zum einen die Aktualisierungstendenz:

Das Streben nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sowie Ausschöpfung seiner eigenen Möglichkeiten. Sie dient der Erhaltung und Entfaltung des Organismus.

Und zum Anderen das Selbstkonzept:

Die durch Erfahrung erworbene Gesamtheit aller Meinungen, Urteilsbildungen, Wahrnehmungen und Bewertungen des Individuums über sich selbst und über seine Umwelt

Diese beiden Faktoren fliessen in das Organismische Bewerten ein.
Sprich: Irgendetwas passiert. Zunächst frägt sich das Indiviuum (unbewusst), „Hey, ist das, was geschehen ist in irgeneiner Form gut für meine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung? Kann ich mit der Situation irgendetwas anfangen?“ Entweder die Antwort ist ja, oder nein... eigentlich logisch.

Dann frägt sich das Individuum: „Ist das was geschehen ist auch mit meiner Moral vereinbar? Darf man so handeln oder nicht?

An einem Beispiel wird das wieder klarer:

Meine Aktualisierungstendenz: Ich habe den Russen getroffen und dabei sofort ans heiraten gedacht. Nach der Hochzeit wäre ich finanziell unabhängig und hätte Zugang zur High-Society.
Also meine Antwort: JA, das ist alles sehr positiv.

Mein Selbstkonzept: Bereits meine Mutter hat den dummen Vater nur wegen des Geldes geheiratet und mir geraten dies auch zu tun.

= Mir sagt also mein Moralverständniss: Ja, man darf nur wegen Geld heiraten. Meine Aktualisierungstendenz sagt außerdem ebenfalls. „Ja, du darfst heiraten, weil dann nur positive Dinge auf dich zu kommen werden“
Also habe ich, nach dem organismischen Bewerten keinerlei Problem damit nach dem kurzen Treffen bereits ans heiraten zu denken.

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Interessant wird es jetzt, wenn James Bond bewertet. Da stimmen nämlich beide Faktoren nicht überein.

James Aktualisierungstendenz:
Der Russe scheint doch ganz nett und zudem besteht eine stark homoerotische Anziehungskraft zwischen uns. Er könnte meine große Liebe sein... ich will ihn besser kennen lernen und mit ihm zusammen sein“ James Antwort: „Ja, alles positiv“

James Selbstkonzept: Ich habe durch meine Erziehung und Amerikanische/Britische Medien verinnerlicht, das Russen immer böse sind und man sie eiskalt um die Ecke bringen soll. Außerdem ist ein echter Spion ein „richtiger Mann“ ohne homosexuelle Neigungen.


Wie du siehst... James steht vor einem Problem. Anders als bei mir, ist der Drang sich zu aktualisieren (=selbstbestimmt zu handeln, mit dem Russen zusammen zu kommen) mit seinem Selbstkonzept also seinem Moralverständniss und seinem Bild von sich selbst nicht vereinbar.

Man spricht von Inkongruenz.

Man entspricht nicht seinem Selbst. Das eigene Bild von sich stimmt also nicht mit dem unmittelbaren Erleben überein. Wenn die Inkongruenz bestehen bleibt, da die neue Erfahrung auch nicht aufgenommen und verarbeitet wird, entsteht so ein innerer Konflikt

Dies ist dann der Fall, wenn die Selbstachtung nur gering ausgeprägt ist und das Selbstkonzept in Folge daraus starr und unveränderlich ist. (James ist ein „echter Kerl“ er mag keine Homosexuellen und Russen schon gleich gar nicht = Er wird seine Ansichten nicht ändern)

Falls die Sebstachtung hoch ist, ist auch das Selbstkonzept flexibler und das Selbstkonzept ind Folge daraus veränderlich, sodass die neue Erfahrung integriert werden kann. (James erkennt: Homosexualität ist nichts schlimmes und die Vorurteile gegenüber Russen eben genau das... Vorurteile)

Wenn er seine Ansichten nicht verändern kann, dann hat James nach Rogers zwei Möglichkeiten. Einmal die Verzerrung oder die Verdrängung.

Entweder sagt James also... „Ok, das war gar kein Russe, sondern Finne! Außerdem hat er ja schon stark feminine Züge, da wäre eine Liebschaft wohl in Ordnung“

Oder er argumentiert... „Was? Einen Russen getroffen? Ich? Neee, noch nie...“

Rogers Theorie ist wirklich nicht kompliziert... Die einzige Frage die bleibt ist: „Wen heirate ich, wenn mir James Bond den Russen wegschnappt?

Liebe Grüße

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Kommentar von aegztre
13.05.2016, 15:30

LOL, vielen vielen Dank. Hätte nie gedacht, dass ich mich mal beim Lernen schlapp lachen werde. 

Habe jetzt auch alles verstanden. Du bist super!!!

Dankke! =D

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„Die Realität einzigartig (ist) und von anderen niemals zur gänze Verstanden werden kann“. 
Meine Welt ist geprägt durch meine Erziehung, Sozialisation usf. D.h. bei der Wahrnehmung von sogen. Realitäten wird diese subjektiv von mir wahrgenommen und interpretiert (das geschieht nicht bewußt). Nimm nun einen Flüchtling aus Syrien und seinem Kulturkreis, der nimmt diese Realitäten anders wahr als ich, die hier aufgewachsen ist.
Oder bezogen auf den Alltag: Der Klassenbeste nimmt die Note gut bei einer Schularbeit anders wahr, in seiner Realität negativ. Ich als Durchschnittschülerin bin ganz happy über mein gut.
Das sind einfache Beispiele, komplizierter wird es ja im Kontakt und in Beziehung mit Menschen. Dadurch kommt es ja zu Konflikten, weil jeder in seiner Insel der Realität lebt, dann aber annimmt, der andere lebt auf derselben Insel der Realität und nicht verstehen kann, dass der z.B. völlig anders reagiert.
Ich hoffe, ich konnte es möglichst einfach und klar erklären.
Aktualisierungstendenz und Selbskonzept - brauche ich eine Orientierung, um darauf zu antworten.

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Kommentar von aegztre
13.05.2016, 15:26

Vielen Dank. 

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Hallo aegztre,

Rogers meint damit die subjektive Realität. Wir Menschen haben so viele "Filter" (organische und emotionale etc.) und zudem sind wir so einzigartig, dass es technisch gar nicht möglich ist für uns Menschen eine allgemeingültige Realität wahrzunehmen, die für alle Menschen gleich ist. Bsp. Farben: Wir können nicht wissen, ob wir wirklich alle denselben Blauton sehen, wenn wir eine Blume anschauen - vielleicht ähnlich aber nicht den selben.

"Rogers sieht den Menschen als bewusst handelndes Wesen, das von seinen Erfahrungen geleitet wird. All die individuellen Erfahrungen, die ein Mensch in seinem bisherigen Leben gemacht hat, verdichten sich zu einem für jede Person charakteristischen Wahrnehmungsfeld, seiner einzigartigen Realität. Entsprechend dieser Wahrnehmungen werden andere Personen, Dinge oder Ereignisse von einzelnen Personen unterschiedlich bewertet. Für einen Hardrock-Fan ist laute Rock-Musik ein Genuss, für einen Liebhaber klassischer Musik ist sie aber nur lautes Gedröhne ist, von dem er Kopfschmerzen bekommt."

Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOTHERAPIE/Klientenzentrierte-Therapie-Rogers.shtml

Aktualisierungstendenz hat mit dem Überleben zu tun (wird auch im Link beschrieben). Wir streben nach neuem Wissen, um die Art zu erhalten, zB Medikamenteforschung. Wer stehen bleibt - stirbt aus.

Das Selbstkonzept nach Rogers entspricht dem was wir als "unseren Charakter/ unsere Persönlichkeit" definieren würden, wie wir uns selbst sehen und wahrnehmen.

Rogers geht davon aus, dass der Mensch eine angeborene Tendenz zur Selbstaktualisierung, Selbstverwirklichung und Selbsterhaltung hat. Diese beiden Dinge gehören zusammen. Weiterentwickeln und Lernen als Grundbedürfnis.

"Damit ist die Selbstaktualisierung das grundlegende Motiv für das Tätigwerden des Menschen, um Autonomie und Selbstständigkeit zu erlangen. Dabei entwickelt der Mensch die zunehmende Bereitschaft, sich für jede Art von Erfahrung zu öffnen und sich und andere so anzunehmen, wie sie sind. Das Kleinkind lernt etwa unter großen Anstrengungen den aufrechten Gang, obwohl es für es leichter ist zu krabbeln. Dadurch wird es von seiner Umwelt unabhängiger und erlangt somit einen kleinen Teil Autonomie."

Hat Dir das ein bissel geholfen, sonst frag ruhig!

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Kommentar von aegztre
13.05.2016, 15:29

Danke, wirklich eine super Antwort

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Hallo Aegztre,

unter dem Stichwort 'Personenzentrierte Theorie von Rogers' findest Du bei Google jede Menge Erläuterungen.

LG

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Kommentar von aegztre
13.05.2016, 15:25

Danke, hatte nichts gefunden, das auch in etwa mit den Schullehrplänen übereinstimmt und verständlich war. Aber ich habe hier ja jetzt ganz tolle Antworten bkommen.

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