Frage von Aenaa, 77

Eine Frage der Identität- Wie soll ich mich fühlen?

Hallo liebe User,

also es gibt etwas was mich schon länger beschäftigt und zwar ist das die Frage nach der Identität. Nun, meine Eltern sind in Oberschlesien/Polen geboren, ich in Deutschland. Meine erste Sprache ist deutsch, da meine Eltern wollten, dass ich deutsch gut beherrschen soll (wegen der Schule etc.). Polnisch ist sozusagen meine Zweitsprache. Verstehen tue ich sehr viel, da bei uns Polnisch gesprochen wird. Sprechen sieht bei mir nicht so gut aus. Das liegt daran, dass ich in der Schule aufgrund der Sprache schon schlechte Erfahrungen gemacht habe (3 Klasse), weswegen ich sie nicht mehr gesprochen habe. Ich habe noch Verwandte in Polen jedoch fahren wir schon lange nicht mehr hin (und haben auch nicht wirklich Kontakt).

Für meine Mitstudenten (und für viele andere Menschen) bin ich keine Deutsche (aufgrund meiner Eltern und des Nachnamens), aber auch für Studenten /anderen Polen oder mit polnischen Eltern bin ich keine Polin/ halb Polin.

Daher stellt sich mir immer wieder die Frage wie ich mich nun fühlen soll. Ich würde gerne sagen, dass ich halb Polin bin. Jedoch habe ich schon lange kein Zugehörigkeitsgefühl mehr (auch wegen der Sprache). als Deutsche kann ich mich auch nicht wirklich fühlen, weil ich von vielen einfach als Polin gesehen werde. Wenn z.B. einige Familienmitglieder aus Polen mal (was selten vorkommt)zu Besuch kommen, fühle ich mich als würde ich nicht dazugehören. Auch wenn ich einiges auf Polnisch sage, fühle ich mich komisch.

Ich habe mir versucht damit irgendwie zurecht zu kommen, jedoch werde ich ständig damit konfrontiert.

Habt ihr da einen Rat?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Gugu77, 34

Das ist eine interessante Frage, die ich schon oft gehört habe. Sie tritt vor allem bei Migrantenkindern  oder denjenigen auf, die als Kind herkamen. Hier sind sie die Fremden , in dem Heimatland ihrer Eltern ebenso.

Du schreibst, dass du kein Gefühl für deine  nationale Identität hast.  Wenn du mal Identität googelst, wirst du  feststellen, dass es da verschiedene Konzepte in der Wissensschaft gibt.

Es ist  schwer so etwas zu definieren und mit Sicherheit für jeden etwas anderes.

Für mich stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt zur Zeiten von Migrationsbewegungen eine konkrete bezeichnung sein muss.

Ich möchte dir  nun nichts aufstülpen und schließe nur aus dem was  und wie du es geschreiben hast.Insgesamt bist du in Deutschland sozialisiert. Es gibt wenige Einflüsse aus Polen und du pflegst die Sprache nicht.  Deine Eltern fahren ebenso nicht mehr oft hin. Du bist  zudem hier geboren.

Ich lese doch irgendwie raus, dass du dich doch eher als Deutsche fühlst. Du schreibst selbst, dass du kein Zugehörigkeitsgefühl zu Polen kennst.

Eine Deutsche mit einem polnischen Migrationshintergrund bzw. Vorfahren in Polen- so würde ich eine Bezeichnung, wenn sie denn notwendig ist, vorschlagen.

Dich hindern  Einschätzungen anderer daran, ein eigenens Identitätsgefühl zu entwickeln, obwohl du selbst es doch eigentlich schon weißt.

Die Aussagen anderer  würde ich aber hinterfragen. Wenn ich das lese:

Für meine Mitstudenten (und für viele andere Menschen) bin ich keine
Deutsche (aufgrund meiner Eltern und des Nachnamens), aber auch für
Studenten /anderen Polen oder mit polnischen Eltern bin ich keine Polin/
halb Polin.


Diese Menschen kennen dich nicht. Der Nachnahme und die Herkunft deiner Eltern bestimmt nicht  wirklich darüber, ob du  selbst Deutsche oder Polin bist und vor allem wie du dich fühlst. Es ist doch vielmehr deine Sozialisation, wie du aufgewachsen bist und welches Land dir näher ist.

Zudem schließen unreflektierte Personen andere schnell aus ihrem Kreis aus, das sie sich selbst dann in ihrer gewählten Identität angegriffen fühlen und meinen eine Definition zu kennen. Dann kommt es zu Aussagen wie "Du bist doch gar keine richtige Polin, Türkin, Deutsche etc."

Ich würde dir vorschlagen, die Sache so zu bennen wie sie ist. Du bist ein Kind von polnischen Einwanderern, welches hier geboren und aufgewachsen ist.

Für mich eine Deutsche mit polnischen Wurzeln.

Es ist ein abstraktes Thema und ich hoffe dir etwas geholfen zu haben.




Kommentar von MissMarplesGown ,

Dies ist eine ganz wunderbare Antwort! Hut ab!

Kommentar von Gugu77 ,

OH! Danke. Ich freue mich über dein Lob :-) LG

Kommentar von Aenaa ,

Hallo Gugu 77,

Ich kann mich MissMarplesGwon nur anschließen. Deine Antwort hat mir ein sehr großes Stück weiter geholfen.

Ein riesen Dankeschön :)

Kommentar von Gugu77 ,

freut mich sehr, Aenna!

Antwort
von Deponensvogel, 35

Ich hab selber eine polnische Freundin -- und hier stoppe ich gleich mal. Ich nenne sie jetzt polnisch (ihre Mutter ist Polin, ihr Vater Slowake, sie spricht fließend Polnisch, Deutsch wie jeder andere bei uns auch, in meinem Fall also ganz normal österreichisch gefärbt), aber das Polnische ist eher so etwas wie eine Erweiterung, wie, als würde ich als Österreicher sagen "Kennst du den Tiroler schon?". Ich halte ihn deswegen natürlich auch für einen Österreicher, aber eben einen tirolerischen. Ich würde also nie ihre nationale Identität anzweifeln, nur dass sie halt dieses polnische Extra hat. 

Ich weiß nicht genau, ob du jetzt verstehst, was ich versuche mitzuteilen. Ich weiß natürlich nicht, wie das bei dir ist, aber wenn du dich als Deutsche fühlst, dann bist du eine Deutsche und wenn du makelloses Deutsch sprichst und gerne Currywürste isst ;), dann ist bei dir der Stempel "Aus Polen" wahrscheinlich auch nur eine Erweiterung und keine Abgrenzung. 

Das waren zumindest meine verworrenen Gedanken dazu.

Antwort
von soissesPDF, 7

Lass es Ruhen, es hat für Dein Leben keine Bedeutung.
Du bist im Vorteil wenn Du beide Sprachen verstehst.
Nimm das Beste aus beiden "Welten" und lass der Zeit ihren Lauf.
Wunden brauchen ihre Zeit um zu heilen, eine Narbe wird bleiben.

Für die Vergangenheit trägst Du keine Verantwortung, wenn bist Du die Zukunft.

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