Frage von petzisb, 56

Dürfen meine Anträge auf Urlaub und Stundenabbau aus einem Zeiterfassungssystem gelöscht werden?

Hallo. Ich habe gekündigt und danach meinen Resturlaub und meine Überstunden in einem Zeiterfassungssystem beantragt. Nach meiner Rückkehr aus dem ersten Teil des Urlaubs habe ich festgestellt, das im Zeiterfassungssystem der bisherige Urlaub als unerlaubt abwesende Zeit erfasst wurde und das die weiteren Anträge aus dem System entfernt wurden. Ich habe meine Vorgesetzten daraufhin angesprochen, die sind sich keiner Schuld bewusst. Ich bin ein Laie, aber nach meinem Rechtsbewusstsein, ist das für mich Urkundenfälschung. Kann mir jemand helfen, mit welchen Argumenten ich eine gütliche Einigung ohne Einschaltung von Anwälten und Gerichten erwirken kann? Vielen Dank für eure kurzfristige Hilfe.

Antwort
von Nightstick, 16

Hallo @petzisb, willkommen bei gutefrage.net :)

Ich habe in einem Software-Unternehmen gearbeitet, das Zeiterfassungsprogramme geschrieben hat. Diese Programme werden vor Auslieferung an die Kunden jeweils auf Richtigkeit, Vollständigkeit und Rechtskonformität geprüft und behördlich abgenommen.

Es gibt demnach kein Zeiterfassungssystem, in dem irgendeine Buchung vollständig gelöscht werden kann, solange nicht das gesamte Programm gelöscht oder zerstört wird. Das heißt, dass jede Buchung (und natürlich auch jede Löschung) programmintern protokolliert wird.

Im Übrigen ist die monatliche Zeiterfassung Bestandteil der Lohn- und Gehaltsabrechnung, und jeder Mitarbeiter hat (zumindest auf Anforderung) Anspruch auf einen monatlichen Ausdruck, damit er seine Lohn- und Gehaltsabrechnung überprüfen kann.

Nun kann es sein, dass die von Dir angesprochenen Buchungen auf den Endgeräten nicht mehr sichtbar sind, sie sind jedoch im System vorhanden, und könnten auch von einem entsprechend Sachkundigen sichtbar gemacht werden.

Ob sich der Aufwand (und ggf. der Streit darüber mit dem Arbeitgeber) lohnt, kann ich von hier aus nicht beurteilen. Vielleicht klärt sich die ganze Angelegenheit ja auch als Falschbuchung auf - von einer (vorsätzlichen) Urkundenfälschung würde ich in diesem Fall nicht sprechen wollen.

Fazit: Auch dem Arbeitgeber wird vermutlich nichts daran gelegen sein, deshalb "ein Fass aufzumachen" oder einen Rechtstreit zu riskieren, weshalb Du das für die strittige Zeitspanne relevante Zeitprotokoll anfordern und mit Deiner Lohn- und Gehaltsabrechnung prüfen solltest. Bei Unstimmigkeiten würde ich (ggf. unter Beifügung von Beweisdokumenten) eine Korrektur anfordern, bei Bedarf schriftlich (per Einwurf-Einschreiben).

Ich wünsche Dir viel Erfolg!

Gruß @Nightstick 

Kommentar von petzisb ,

Hallo Nightstick,
dann haben Sie noch nicht in einem Callcenter gearbeitet. Alleine der Arbeitsvertrag verstößt gegen einige Gesetzte; den habe ich aber aus der Not heraus unterschrieben.
Natürlich kann die Löschung nur jemand vornehmen, der in diesem System Admin-Rechte hat. Ich habe auch die Personalabteilung darauf angesprochen, die sind sich keiner Schuld bewusst. Inzwischen habe ich erfahren, das es sich nicht um Urkundenfälschung handelt, sondern um Betrug nach § 263 a des StGB. Aber diesen Nachweis zu erbringen ist natürlich sehr schwer, die werden die Log-Daten erst rausrücken, wenn sie etwas schriftliches von einem Gericht hätten. Wenn es sich um einen Einzelfall handelt würde eine geringe Geldstrafe erfolgen. Ich glaube aber das es in diesem Callcenter der Normalfall ist, aber weitere Betroffene zu finden, ist schwer. Die meisten sind auf den Mindestlohn der dort gezahlt wird angewiesen.

Ich will dieser Firma aber keine einzige Arbeitsstunde schenken, vor allem keinen Tag Urlaub (wenn ich schon weniger Urlaub habe als das Gesetz vorsieht). Bisher ist keine Berichtigung erfolgt, zuhause bleiben kann ich aber auch nicht, dann könnte man mir Arbeitsverweigerung vorwerfen. Andere lassen sich dann krank schreiben, ich bin aber nicht krank. Auch mit der Ankündigung, die Angelegenheit einem Anwalt zu übergeben lässt sie nicht schocken.

Das Geld um einen Anwalt einzuschalten habe ich nicht. Daher habe ich einen Brief an die Geschäftsleitung geschrieben um eine gütliche Einigung noch zu erreichen. Den Brief, den ich an die Personalabteilung an meinem Standort geschrieben habe und persönlich dort abgegeben habe, wurde noch nicht mal gelesen (Das wurde mir von einer Sachbearbeiterin in diesem Büro unter der Hand mitgeteilt)

Kommentar von Nightstick ,

Hi,

ich habe sehr wohl schon in einem Call-Center gearbeitet und kenne die Machenschaften dieser Branche, aber die Branche hattest Du in Deiner Frage nicht erwähnt!

Nur kurz zum Arbeitsvertrag: Man kann dort viel hineinschreiben, am Ende ist (ggf. gerichtlich) zu schauen, welche Passagen unwirksam sind.

Ob hier tatsächlich der § 263 a StGB einschlägig ist, vemag ich nicht zu sagen, weil die Sache ggf. zunächst einmal arbeitsrechtlich ausgefochten werden müsste. Parallel dazu könnte dann wohl ein Strafantrag gestellt werden, aber ob sich das lohnt, mag ein Rechtsanwalt beurteilen.

Grundsätzlich weiß ich zuwenig über Deinen konkreten Fall (z.B. zu wann gekündigt, wann genau was geschrieben usw.). Daher kann ich Dir nur ein paar generelle Dinge nennen:

° Alle Schreiben aus Beweisgründen per Briefpost senden (Versandart: Einwurf-Einschreiben).

° Gehaltsabrechnung 11/2016 genau prüfen, ggf. schriftlich monieren.

° Wenn das Unternehmen nicht einlenkt bzw. sich nicht rührt, bleibt (wenn die Kosten für einen Rechtsanwalt gespart werden sollen) der direkte Weg zum zuständigen Arbeitsgericht, weil in der ersten Instanz kein Anwaltszwang herrscht. Ich denke, mit Hilfe des dortigen Rechtspflegers wird es Dir möglich sein, eine Klageschrift (mit detaillierter Auflistung Deiner Forderungen und unter Beifügung entsprechender Beweismittel) zu verfassen und auf den Weg zu bringen.

Alles Andere folgt dann automatisch.

Ich wünsche Dir viel Erfolg!

Gruß @Nightstick

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