Frage von saylasy, 11

Dojo in Zürich mit familiärer Atmosphäre?

Hallo! Der Titel ist wahrscheinlich nicht so gelungen, daher werde ich versuchen, die Frage etwas verständlicher auszuführen:

Ich will mit Kampfsport anfangen und habe schon beim Karate ein Probetraining gemacht und am Mittwoch probiere ich Aikido aus. Beim Karate hat es mir schon sehr gefallen, daher habe ich im Internet etwas mehr über Kampfsport allgemein recherchiert und die Beziehungen zwischen dem Sensei und seinen Schülern und auch zwischen den Schülern (kohai und senpai) haben mich sehr interessiert, da manche enge Beziehungen zu pflegen scheinen. Nun wollte ich fragen, ob es das heute noch gibt? Wie steht ihr zu eurem Sensei/ euren Mitschülern? Kommt eine enge Beziehung zu ihnen sowieso mit der Zeit? Wenn jemand in Zürich ein Dojo, wo es so ähnlich ist, kennt, wäre das natürlich super und sonst wäre ich auch über Tipps, wie man das richtige Dojo findet, sehr froh.

Antwort
von Enzylexikon, 3

Ich trainiere Aikido und dort ist es vermutlich schlichtweg vereinsabhängig. Ich kann also nur von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen.

Senpai/Kohai

Diese strenge Trennung ist mir im Aikido nicht begegnet. Vermutlich ist es einigen Vereinen, die sich sehr stark an japanischen Vorbildern orientieren, stärker ausgeprägt.

Am ehesten zeigt sich das noch in der Sitzordnung. Dort sitzen die fortgeschrittenen Schüler weiter von der Tür weg, während die Anfänger näher an der Tür sitzen.

Aber selbst diese Eigenart ist eher kulturell bedingt und findet sich zB  auch in der Teezeremonie, als dass sie irgendeine Auszeichnung wäre.

So lange man nicht gerade in Japan trainiert, sollte man dieses Modell nicht überstrapazieren - niemand ist im Aikido "besser" als ein anderer.

Schüler

Da es im Aikido in der Regel keine farbigen Gürtel gibt, an denen man die Graduierung erkennt, spielt es erst einmal keine Rolle, ob es ein Anfänger oder Fortgeschrittener ist, dem man gegenüber steht

Ein fortgeschrittener Schüler ist ohnehin eher ein "primus inter pares" - ein erster unter gleichen, ohne besonderen Status oder Vorrechte.

Das bedeutet, er trainiert genau so wie jeder andere auch, gibt aber bei kleinen "Anfängerfehlern" freiwillig Hilfestellung und Tipps.

Man merkt eigentlich nur an der Sicherheit bei der Durchführung der Techniken und an hilfreichen Tipps, ob jemand schon länger dabei ist.

Wenn eine neue Technik erklärt wird, dann ruft der Lehrer als Partner für die Demonstration häufig erst fortgeschrittene Schüler auf, da diese sicher fallen können und technisch sicher sind.

Letztlich übt dann aber eben doch wieder "jeder mit jedem" also alle gleichberechtigt zusammen - Anfänger und Fortgeschrittene.

Lehrer

Der Lehrer ist im Aikido mehr als nur ein Vorturner, der Techniken zeigt. Er repräsentiert das Wissen und die Erfahrung, die der Schüler sich aneignen will. Außerdem sollte er ein charakterliches Vorbild für alle Übenden sein.

Ein Aikido-Lehrer der aufbrausend ist und ständig betont wie großartig er ist, hat die Philosophie des Aikido nicht verstanden und ist zudem ein schlechter Pädagoge.

Ein Beispiel dafür

Die Leiterin meiner Kinder und Jugendgruppe (5. Dan) hatte einen sehr verständnisvollen Unterrichtsstil, passte sich auch der Klasse an und war sehr nachsichtig.

Wenn dann jemand zu frech wurde und herumtobte, reichte ein einzelnes Händeklatschen von ihr - und alle saßen wieder still. Wir  respektierten sie einfach.

Der Leiter meiner Jugendgruppe (1. Dan) hatte eine sehr kämpferische Herangehensweise an das Aikido und forderte auch gezielt Leistungen.

Er hatte Schwierigkeiten, bei den Schülern als "Vorbild" angesehen zuwerden, weil er selbst noch so etwas von jugendlichem Draufgänger an sich hatte.

Rückblickend bin ich beiden Lehrern dankbar, da sie
mir beide wichtige Dinge vermittelt haben - charakterlich habe ich aber mehr durch die Lehrerin für mich gewonnen.

Noch ein Beispiel

Die Lehrer bei uns im Verein sagen zB nie direkt zu jemandem "das war falsch", sondern korrigieren höchstens die Durchführung der Technik.

Wenn sich dann alle hingesetzt haben, heißt es zB "Die meisten machen die Technik sehr gut, allerdings ist es wichtig, dass..." und zeigen dann die richtige Durchführung.

Diejenigen, die den Fehler gemacht haben, wissen dann natürlich genau, dass diese Korrektur an sie gerichtet ist - ohne das jemand bloßgestellt wird.

Zusammenfassung

Ich erlebe die Aikidoka (Aikido-Übenden) als eine Art großer Familie, bei denen sich der Kontakt nicht darauf beschränkt, sich gegenseitig auf die Matte zu werfen.

In meinem Verein gehen wir im Anschluss an das Training gerne auch noch mal zusammen Tee trinken, und nach den Prüfungen gehört ein Besuch bei unserem Stamm-Italiener mit großem Pizza-Essen fast schon dazu.

Da entwickelten sich dann auch Freundschaften abseits der Matte.

Natürlich hat man Respekt vor dem Lehrer, aber auch er ist nur ein Mensch und  wird nicht gottartig verehrt, sondern würde auf einer Party genau so ein albernes Partyhütchen bekommen, wie jeder andere auch. ;-)

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