"Diebstahl" ohne jemandem die Sache zuzueignen?

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4 Antworten

Deine Frage ist berechtigt - hier direkt zu sagen, es läge Diebstahl vor, ist falsch.

Um das Problem zu verstehen, muss man wissen, dass der Tatbestand des Diebstahls - wie bei jedem Vorsatzdelikt - in den objektiven und den subjektiven Tatbestand aufgeteilt ist.

Beim Diebstahl wird im Rahmen des objektiven Tatbestands geprüft, ob der Täter eine fremde bewegliche Sache (hier: das Handy) weggenommen hat (Wegnahme = Bruch fremden Gewahrsams, hier problemlos gegeben + Begründung neuen Gewahrsams, hier auch gegeben, da du das Handy dann in deinem Gewahrsam hattest).

Der objektive Tatbestand des Diebstahls ist in deinem Beispiel also problemlos gegeben.

Jetzt ist aber noch der subjektive Tatbestand zu prüfen. Hier ist zuerst einmal festzustellen, ob du mit Vorsatz bezüglich der Merkmale des objektiven Tatbestands gehandelt hast. Das ist zweifellos zu bejahen, denn du wusstest im Zeitpunkt der Tat, dass du eine für dich fremde bewegliche Sache (das Handy deines Bruders) wegnimmst. 

Hinzukommen muss jetzt beim Diebstahl aber noch ein besonderes subjektives Merkmal, und zwar die rechtswidrige Zueignungsabsicht. Und hier tauchen in deinem Beispiel Probleme auf. Es folgen die Voraussetzungen der Zueignungsabsicht:

1) Enteignungsvorsatz: Der Täter muss Vorsatz haben bezüglich der Tatsache, dass der Eigentümer auf Dauer von der Sachherrschaft über die Sache ausgeschlossen ist. Vorsatz kann in drei Arten auftreten, von denen hier jede ausreicht: Die Absicht (d.h. dem Täter kommt es auf den tatbestandlichen Erfolg, hier die Enteignung, gerade an), die sog. Wissentlichkeit (d.h. dem Täter ist an sich egal, ob der Eigentümer einteignet wird, er weiß es aber sicher, dass dieser Erfolg eintreten wird) und der sog. Eventualvorsatz (d.h. der Täter hält den Erfolgseintritt für möglich und findet sich in der Weise damit ab, dass er ihn billigend in Kauf nimmt). 

Hier lässt sich sagen, dass zumindest Eventualvorsatz vorliegt, denn du versteckst das Handy ja im Wald und rechnest damit, dass dein Bruder es nicht wieder zurückerhält. Enteignungsvorsatz liegt also vor.

2) Aneignungsabsicht: Hier ist zu prüfen, ob der Täter in der Absicht (!) gehandelt hat, sich das Objekt des Diebstahls (hier das Handy) zumindest vorübergehend anzueignen. Das liegt dann vor, wenn der Täter die Sache sich selbst oder einem Dritten seinem Vermögen einverleiben will. 

Dieser Prüfungspunkt ist der Knackpunkt deines Beispiels: Die Frage ist: Kommt es dem Täter wirklich darauf an, sich eine Eigentümerstellung in Bezug auf das Handy anzumaßen? An dieser Stelle würde ich sagen, dass diese Absicht hier nicht vorliegt. Damit wäre die Prüfung zuende und man müsste den Diebstahl verneinen.

Wichtig sind jedoch mehrere Punkte:

  • Es kommt auf die Vorstellung des Täters zum Zeitpunkt der Tat an. Will der Täter zum Zeitpunkt der Tat das Handy wegnehmen, um es selbst zu behalten, bekommt aber beispielsweise hinterher Gewissensbisse und versteckt es im Wald, so ist Aneignungsabsicht (im Zeitpunkt der Tat, und darauf kommt es an) gegeben und es liegt ein Diebstahl vor. Handelt der Täter allerdings im Zeitpunkt der Wegnahmehandlung schon in der Vorstellung, er werde sich nie eine Eigentümerstellung anmaßen, sondern nur (zB zum Zweck des Ärgerns) das Handy verstecken, dann fehlt es an dieser Aneignungsabsicht und es liegt kein Diebstahl vor.
  • Ein gutes Beispiel für Fälle, in denen eine Aneignungsabsicht fehlt und damit kein Diebstahl vorliegt, sind diejenigen Fälle, in denen der Täter dem Opfer eine Sache wegnimmt in der Absicht, sie ihm hinterher zurückzugeben. Das ist in der Regel eine straflose Gebrauchsanmaßung. Diese ist nur dann strafbar, wenn es sich um ein Kraftfahrzeug oder ein Fahrrad handelt (§ 248b StGB).
  • Bis hierhin ist das alles nur graue Theorie und wir nehmen jedes Mal an, dass das Gericht eben bei der Beweisaufnahme zu dem Ergebnis gekommen ist, dass dem Täter eine Aneignungsabsicht eben nicht nachzuweisen ist - dann kommt es zum Freispruch, weil kein Diebstahl vorliegt. In Fällen wie deinem Beispiel kann es aber durchaus sein, dass das Gericht dem Angeklagten nicht glaubt, sondern aus den festgestellten Umständen schließt, dass doch eine Aneignungsabsicht im Zeitpunkt der Tat vorliegt. In diesem Fall kommt es dann natürlich zu einer Verurteilung wegen Diebstahls. Du siehst also: Ist dein Sachverhalt, dass der Täter das Opfer nur Ärgern wollte und ohne Aneignungsabsicht handelte, vom Gericht so festgestellt (bzw. das Gegenteil nicht feststellbar), so liegt kein Diebstahl vor. Das Problem: Man kann eben nicht in den Kopf des Angeklagten gucken, sondern muss aus den Umständen und den Aussagen auf die Vorstellung des Täters zum Zeitpunkt der Tat schließen.



FAZIT:

In deinem Beispiel liegt - angenommen er entspricht der Wahrheit - kein Diebstahl vor, wenn du im Zeitpunkt der Tat nicht in der Absicht gehandelt hast, dir die Sache anzueignen. Genauso ist es übrigens, wenn du einem anderen eine Sache nur in der Absicht wegnimmst, um sie später zu zerstören. Dann läge nur Sachbeschädigung vor.
Die Frage, was ein Gericht in einem solchen Fall entscheiden würde, ist dennoch eine andere, denn das Gericht muss den Schritt, den Sachverhalt festzustellen, vorher noch selbst bewältigen und kann erst danach dann diesen festgestellten Sachverhalt rechtlich bewerten.

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Bevor du die Möglichkeit hast es wegzuwerfen oder zu verstecken hast du es dir zu eigen gemacht
Macht du es direkt vor Ort kapput ist es Sachbeschädigung

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Gute Frage.

Ich denke es ist trotzdem Diebstahl, auch wenn du die Sache "entsorgst".

Du hast es dir unrechtmäßig angeeignet.

Es gibt ja auch "geistigen Diebstahl" , der bestaft wird. 

Ich denke der Richter erkennt schon in der Tatsache das du jemanden bewusst schädigen wolltest, einen Diebstahl, vieleicht zusätzlich noch eine Sachbeschädigung.

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Dann hast Du dir das Mobiltelefon ja rechtswidrig zugeeignet, was Du danach damit machst, ist letztendlich egal! 

Das Geld, was der Bankräuber erbeutet, gibt er ja auch weiter an den Ferrari-Verkäufer, damit ist er ja aber nicht vom Vorwurf des Bankraubs entlastet, nur weil er das Raubgut nicht mehr hat!

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Kommentar von Friedel1848
28.10.2016, 14:52

Was man danach macht, ist letztendlich egal. Das ist richtig.

Aber: Es kommt beim Diebstahl darauf an, welche Vorstellung der Täter im Zeitpunkt der Tat hatte. Hatte er bei der Wegnahmehandlung schon die Vorstellung, diese später zu verstecken oder zu zerstören und maßt sich keine darüber hinausgehende Eigentümerstellung an, so handelt er ohne Aneignungsabsicht und macht sich nicht wegen Diebstahls strafbar.

Stellt der Richter diese fehlende Aneignungsabsicht auch in der Beweisaufnahme fest, so wird er auch nicht wegen Diebstahls verurteilen. Das ist aber dann natürlich eine andere Frage, und zwar keine rechtliche, sondern eine tatsächlich: Was stellt der Richter für einen Sachverhalt fest?

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