Frage von KarlMarx1, 131

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“?

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“

Was ist mit diesem Zitat von Marx gemeint?

Antwort
von Pudelcolada, 17

Zitat PeVau:

"Damit ist aber gemeint, dass der Übergang von der
Sklavenhaltergesellschaft zur Feudalgesellschaft letztendlich darauf
zurückzuführen ist. "

Ergänzung:

Als Kind seiner Zeit war Marx wie viele seiner
gesellschafts-philosophischen Zeitgenossen ja fasziniert von Darwins
Evolutionstheorie, die völlig neue Betrachtungsweisen erschloss.

Allerdings war Marx ein kluger Kopf, wandte konsequent die dialektische Methode an und verfiel auch deshalb nicht dem Irrtum, wie die frühen Deterministen (Malthus) die Evolutionstheorie unreflektiert auf sämtliche menschlich-sozialen Zusammenhänge zu übertragen.
Dabei half ihm natürlich auch seine studentische Vergangenheit im Kreis der Links-Hegelianer.

Trotzdem ging er von einer absolut freien Urgesellschaft im Zeichen von
Gleichheit und Gleichberechtigung aus, die er natürlich nicht belegen
konnte. Diese Urgesellschaft habe sich dann zu der Sklavenhaltergesellschaft gewandelt, zu diesem Zeitpunkt sei zum ersten Mal eine Herrschaftsstruktur etabliert worden.
Und genau dieser Prozess habe den Beginn des Klassenkampfes markiert, also die Teilung der Gesellschaft in Mächtige und Ohnmächtige, die seitdem das menschliche Zusammenleben bestimme.

Danach schlägt Marx einen fortlaufenden und ungebrochenen Bogen über Antike und Mittelalter hin zur Neuzeit. Hier verschärft sich der Kampf zwischen der herrschenden Klasse einerseits, die über die Verfügungsgewalt nahezu sämtlicher Produktionsmittel verfügt, und der entrechteten Arbeiterklasse andererseits, die in Abhängigkeit lebt.
Manufakturen führen zusätzlich mit Arbeitsteilung und Abkehr von handwerklicher Produktionsweise zu einer Entfremdung von der eigenen Arbeit bei gleichzeitiger Verelendung durch Lohnarbeit.

Das Entreißen der gesellschaftlichen Macht aus den Händen der Feudalherrscher durch den bürgerlichen Stand, die Bourgeoisie, führt nach Marx nicht zu einer Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände, sondern lediglich zu einer Demaskierung der tatsächlichen gesellschaftlichen Missstände (3 "s"?): Die Tarnung der ungerechtfertigten Beherrschung der gesellschaftlichen Mehrheit als Ausdruck einer "gottgewollten Ordnung" war nun nicht mehr nötig.

Ziel der bürgerlichen Gesellschaft (wie auch aller anderen Herrschaftsstrukturen auch) sei allein die Machtausübung durch Ausbeutung der entrechteten Gesellschaftsmehrheit, sinnhaft nun allein reduziert auf den nackten Überlebenskampf im Alltag.
Als Mittel der Machtausübung setze diese beherrschende Klasse, außer Beherrschung der Produktionsmittel, Lohnarbeit und Zugang zu Strukturen der Kapitalsteigerung ein.

Dieser Konflikt wird nach Marx weiter angeheizt und verschärft durch die Industrialisierung: Die Einführung der Akkordarbeit ermöglichen eine weitere Entfremdung als auch eine stärkere Verelendung durch Niedriglöhne.
Eine neue Klasse entsteht, das Lumpenproletariat, Hilfsarbeiter und Tagelöhner, die von der Hand in den Mund leben und der herrschenden Klasse dazu dienen, die möglicherweise aufsässige Arbeiterklasse gefügig zu halten - durch Angst vor noch weiterem sozialen Abstieg. 

An diesem Punkt setzten die frühen Deterministen an, von denen einige ernsthaft vorschlugen, dem erwarteten Nahrungsmangel aufgrund von Überbevölkerung durch Kannibalismus an den "unnützen" Kindern zu begegnen, die vom Leben ja sowieso nichts zu erwarten hätten und auch aller Voraussicht nach keinen gesellschaftlich wertvollen Beitrag leisten würden.

Zu den politischen Zielen von Marx kann jeder stehen, wie er will, doch sowohl
sein Beitrag zu grundsätzlichen Methoden der heutigen wissenschaftlichen
Sozial- und Wirtschaftsanalyse, als auch sein Beitrag zur sozialen Grundlagenforschung, also die Gesellschaft als prozesshaft und veränderlich zu begreifen, sind nicht hoch genug zu schätzen.

Expertenantwort
von PeVau, Community-Experte für Politik, 37

Damit ist gemeint, dass Geschichte ein Prozess ist, der von etwas angetrieben wird. Nur was treibt Geschichte an?

Marx beantwortet das, indem er sagt, dass es bisher die Klassenkämpfe waren. Also Kämpfe zwischen Klassen, die sich nach ihrer Stellung zu den Produktionsmitteln unterscheiden.

Aus dieser unterschiedlichen Stellung zu den Produktionsmitteln ergeben sich unterschiedliche objektive Interessenlagen der einzelnen Klassen. Dieser Widerspruch zwischen den Interessenlagen drängt zur Lösung und treibt so letztendlich Entwicklung voran.

Damit ist nicht gemeint, dass z. B. der Ausgang der Schlacht auf dem Lechfeld 955 auf diese Klassenkämpfe zurückzuführen ist. Damit ist aber gemeint, dass der Übergang von der Sklavenhaltergesellschaft zur Feudalgesellschaft letztendlich darauf zurückzuführen ist.

Marx schreibt im Kommunistischen Manifest weiter:

Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.

Antwort
von voayager, 47

Eine interessante Frage, über die ich noch immer nachdenke und die ich noch immer nicht abschließend beurteilen kann. So weiss ich noch immer nicht, ob die unterdrückte Klasse oder Stand auch wirklich stets klassenkämpferisch handelte. Ich bin mir da nicht so sicher, halte daher zeitweilige Kollaboration für gut möglich. Mit einem wort, ich bin skeptisch gegenüber dieser Aussage von Marx.

Leider hat bis dato, wie mir scheint kaum ein Mensch dieses Zitat näher unter die Lupe genommen. Das Bürgertum ist nicht daran interessiert und Linker trauen sich da nicht so richtig heran, ergo meidet fast jeder dieser Fragestellung, - it`s a shame!

Kommentar von Pudelcolada ,

Seltsames Statement, finde ich...:

Zu den klassenkämpferischen Handlungsmöglichkeiten hat sich Marx klar geäußert: Sie seien direkt abhängig von Klassenbewusstsein und proletarischer Führung. Als Beispiel führt er z.B. die Bauernaufstände an, die u.A. genau deswegen gescheitert seien.
Ein weiterer Grund sei die religiöse Zugewandtheit gewesen, und eben die Kollaboration Luthers mit der damals herrschenden Klasse.

Kollaboration spricht er generell deutlich an, die er nicht für ein Massenphänomen hält, sondern für das Ergebnis von Verführbarkeit einzelner, auch hier verweist er auf fehlendes Klassenbewusstsein der Zuträger und Stabilisierer der herrschenden Zustände.

"Leider hat bis dato, wie mir scheint kaum ein Mensch dieses Zitat näher unter die Lupe genommen. (...) und Linker trauen sich da nicht so richtig heran, (...)"

Äh, nein!
Gerade Trotzkisten und Spartakisten, die ich kennengelernt habe, beziehen sich besonders gerne auf den historischen Bezug, den Marx hergestellt hat.
Ok, diese Gruppen sind nicht repräsentativ, aber dennoch.

Sogar die unsägliche und stramm stalinistische MLPD beruft sich ständig auf dieses Zitat.
Was jetzt wirklich keine Werbung für Marx ist...

Kommentar von voayager ,

Sich auf etwas beziehen heißt noch lange nicht dies mit ausreichend Inhalt zu versehen, es näher unter die Lupe zu nehmen. Dazu würde gehören, die einzelenen Geschichtsepochen näher zu beleuchten, andernfalls bleibt alles nur ein Wortgeklingel.

Kommentar von Pudelcolada ,

Ah, jetzt....
So hattest Du das in Deiner Antwort gemeint.
Da muss man ja erst mal drauf kommen...
Aber klar, ja: Völlig richtig, Voayager.
Nur mit einem Zitat um sich zu schmeißen reicht nicht aus.

Soweit hatte ich jetzt nicht gar gedacht...

Kommentar von voayager ,

Man kann nicht alles auf einmal in einen Text reinpacken, man überlädt ihn. Manchmal übersieht man natürlich auch, dann wiederum warte auch ich ab, welche Reaktionen kommen, inkl. Fragen. Das ist ja der Sinn einer konstruktiven Diskussion das Ungeklärte zur Klärung zu bringen. Man vertieft und präzisiert so, beschreitet Felder, die vorher noch nicht begangen wurden.

Hier mal was zum Thema ganz konkret. nach dem verlorenen Bauernkrieg in D, war doch bis etwa 1848 Friedhofsruhe in D. Wo waren denn da in der Barock, - und Rokokozeit mords Klassenkämpfe! Ich denke nicht, dass ständig Klassenkämpfe "tobten", sondern auch über längere Zeit hinweg eine Kollaboration der beherrschten Klasse mit der herrschenden exisitierte. Schließlich hat es nicht ständig gekracht, zeitweilig war es mausestill oder ews gab nur ein leises Säuseln in Sachen Klassenkampf.

Antwort
von AHepburn, 71

Letztendlich geht es immer um Macht, Einfluss und Geld. In jeder Gesellschaft gab es Schichten, die mit diesen Dingen gegenüber anderen Schichten privilegiert waren. Marx geht davon aus, dass sich die Konflikte um die Umverteilung von Macht, Einfluss und Geld in der Geschichte immer wieder aufs neue wiederholt haben.

Antwort
von Pudelcolada, 37

Wenn ich mich richtig erinnere, beschreibt er das doch in den nächsten Absätzen näher. Ist zwar schon ewig her, aber handelt der folgende Textabschnitt nicht von Grundherrschaft und feudalistischer Entrechtung, von der Entwicklung der Arbeiterschaft in Handwerk und über die Manufaktur zum Industrieproletariat?

Oder habe ich den Text falsch in Erinnerung?

Antwort
von Ifosil, 62

Das Wenige auf kosten Aller leben. Der Kampf entsteht dabei, zu den Wenigen gehören zu wollen.

Kommentar von Pudelcolada ,

Nein.

Antwort
von 1988Ritter, 26

Das Grundprinzip von Marx.

Jede Gesellschaft ist auch gleich vielschichtig. Dies bezieht sich vereinfacht ausgedrückt auf arme und reiche Menschen.

Mit dem Zitat macht Marx darauf aufmerksam, dass nach seiner Theorie ein Klassenkampf dadurch ausgeschaltet werden kann, wenn man die Klassen in sich beseitigt.

Marx fundamentiert dabei seine Annahme der Gleichschaltung, was dann in Form des Kommunismus gipfelt.

Kommentar von Pudelcolada ,

Du legst hier allein Deine persönliche Wertung dar, ohne das Zitat selbst in seinem Zusammenhang interpretierend darzustellen,
dabei war genau das die Fragestellung.
Gemeinsam mit einer sehr eindimensionalen und mehr als vereinfachten Zusammenfassung wird Deine Antwort in meinen Augen zu einer stark verfälschenden Darstellung.

Nur mit Mühe kann ich aus Deiner Antwort herauslesen, auf welche Aussagen von Marx Du Dich dabei beziehst.

Antwort
von Guz88, 2

Es gab immer zwei Gruppen, die in Konkurrenz zueinander standen: Die Besitzlosen und die Besitzer.  

Antwort
von earnest, 32

Frag vonHayek. Oder TomasHobbes. Oder Rockefeller88.

Oder @AdamSmith. Doch halt, der ist leider inzwischen inaktiv.

Kommentar von nikfreit ,

Er könnte alternativ dazu auch RothschildBank befragen.

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