Diagnose richtig gestellt?

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4 Antworten

Hallo erstmal,

viele Fragen, aber verständlich nach diesem Leidensweg. Versuche dir, trotz dass ich selbst kein Fachmann bin, so gut es geht, durch den Dschungel zu helfen. Also:

Hey, Ich habe mal ne Frage zur Diagnostik der Hausärzte. Um meine Frage nachzuvollziehen, hier ein bisschen Hintergrundwissen: Vor vier Jahren hat eine Psychiaterin mit mir ein Erstgespräch geführt. Sie konnte mir ganz klar sagen, was mit mir los ist, aber das sie meine Art von Störung nicht behandelt. Sie sagte, ich hätte eine Emotional - instabile Persönlichkeitsstörung Typus Borderline. Zu dieser Zeit war sie jedoch nicht die einzige, denn ich war auch bei anderen Psychologen und sie sagen unabhängig voneinander alle das selbe.

Erst mal ist das schon viele Jahre her und zweitens sind Hausätze mit der Diagnostik psychischer Störungen - insbesondere Persönlichkeitsstörungen, da sie sehr komplex sind und weit weit mehr als das Abhaken von Checklisten erfordern, wie man sich das früher so dachte - heillos überfordert.

Zur Psychiaterin:auch erst Erstgespräch ist bei weitem(!!) micht ausreichend für die Diagnostik einer Persönlichkeitsstörung. Hierzu gehören mehrere persönliche Gespräche sowie ggf. sogar die Verhaltensbeobachtung über mehrere Wochen auf Station, mindestens aber mal das "Gold-Standard"-Inverview (eine Art Fragebogen) "SKID-II" (Strukturiertes klinisches Interview für DSM IV-Achse II Störungen).

Dass das andere auch sagten, wundert mich mich nicht, da es früher leider üblich war, "emotional instabile PS" als eine Art "Restekategorie" zu verwenden für "ich weiß nicht was ein Patient hat", "passt nirgends richtig rein" und "tickt aus, passt aber in keine mir bekannte Kategorie", bis hin zu den von den Analytikern vertretenen Hypothese der Grenzlinie zwischen Neurose und Psychose.

Fast all das hat sich zum Glück mittlerweile geändert.

Vor vier Jahren habe ich dann nach kurzer Zeit die ärztlichen Evaluationen aufgegeben.

Heute:

Ich gehe bald in eine Klinik. Endlich! Meine HAUSÄRZTIN unterstützt meine entscheidung und stellte mir die Überweisung für einen Krankenhausaufenthalt aus. Außerdem legte sie ein Schreiben bei, welches sie vier Jahre zuvor von der Psychiaterin bekam. Auf der Einweisung stand die DIAGNOSE: V.a. emotional-instabile Persönlichkeit. So wurde es zur Klinik geschickt.

Gut, dass du dich erneut darum gekümmert hast, denn wie gesagt, neue Erkenntnisse, neue Behandlungsmethoden neue Ansätze, man hat viel gelernt.

Glückwunsch zum Klinikplatz an dieser Stelle und im Vorhinein viel Erfolg!

Die Verdachtsdiagnose ist ja nichts Falsches und begründet sich ja aus deiner Vorgeschichte.

Zwei Wochen später musste ich von der Krankenkasse aus zum MDK. Auch hier die Diagnose: Emotional - instabile Persönlichkeit ABER AUCH F32.1. Das ist eine mittelschwere depressive Episode.

Nicht ungewöhnlich. Eine mittlere depressive Episode ist bei der "BPS" (Borderline-Persönlichkeitsstörung) insbesondere in Kliniken eine übliche Nebendiagnose. Beim MDK ebenso.

Anschließend EINE WOCHE SPÄTER verlangte ich noch eine Einweisung für unser Notfall Krankenhaus, da ich ziemlich suizidal war. Ich hatte Flashbacks in dieser einen Woche. DIAGNOSE: emotional instabile Persönlichkeit, V.a. PTBS V.a. ADHS BEFUND: krisenhafte Verschlechterung "Flashbacks"

Gut so - hilf dir selbst und schütze dich, wenn es kritisch wird, du weißt es am Besten! Die Flashbacks sind zwar kein Kriterium der BPS, allerdings sind sie ein Kriterium der PTBS, welche sehr gehäuft (aufgrund Traumata) zusammen mit der BPS auftaucht. Daher vermutlich direkt diese Verdachtsdiagnose. Je nach Studie haben 60-90% aller BPS-Patienten auch Traumata erlitten, die zu PTBS führen können (aber nicht müssen und die Symptome müssen auch nicht sofort auftreten - das kann JAHE später passieren!).

Meine Anmerkungen sind nun: ADHS existiert bei mir schon seit Kindertagen. Es hat sich nicht "verwachsen" und es wurde nie in Angriff genommen. In der PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) finde ich mich absolut nicht wieder. Lediglich die Flashbacks...

Früher nahm man an, dass die AD(H)S mit 18 einfach so verschwunden wäre. Daher auch die Radikalität der Krankenkassen, Methylphenidat (Ritalin, Medikinet usw) mit 18 einfach nicht mehr zu verschreiben. Heute weiß man es besser. Zum einen, dass es verschiedene Subtypen gibt (zb. verträumter Typ, hyperaktiver Typ, gemischter Typ - ersterer häufig bei Mädchen und selten erkannt), zum Zweiten, dass es NICHT "einfach verschwindet" und daher auch weiter (nicht nur mit Medikamenten) behandelt werden muss. So ist nun Medikinet adult seit 2011 auf dem Markt und es werden langsam mehr Präparate zugelassen.

Problem: es muss bei Erwachsenen neu diagnostiziert werden und das ist - als Kassenleistung - fast unmöglich, da die wenigen Stellen, die das tun, ewig lange Wartelisten haben. Bist du aber in einer Klinik, machen sie es vielleicht dort und stellen dich evt. sogar auf Medikamente ein.

(schreibe gleich weiter, Antwort zu lange ;)

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Kommentar von Seanna
26.11.2015, 07:30

Zweiter Teil:

AUSSERDEM: Wieso steht bei dem Borderline eine Verdacht auf, und sonst gar nicht mehr? Das interessiert mich. Und die Klinik weiß jetzt ja auch gottseidank! nichts vom ADHS und PTBS. Ich will nicht noch mehr Stempel, als ich ohnehin jetzt schon habe..

Da steht Verdacht auf, weil die Diagnose nie GESICHERT wurde mit den von mir genannten Verfahren. Und das ist essentiell wichtig, damit man nicht unnötig mit dem Stigma "BPS" herumläuft. Oder gar etwas übersieht.

Was die ADHS angeht, ist sie wohl im Zuge des "das gibt es nut bei Kindern" unter den Tisch gefallen (Erwachsenen wird die Diagnose oft nur auf Druck und Eigeninitiative gestellt) und Flashbacks deuten recht eindeutig auf PTBS hin, da sie bei keiner anderen Störung in dieser Form (weiß ja nicht, wie du sie beschrieben hast und darunter verstehst) auftauchen.  Wenn du keine PTBS hast: Glückwunsch und umso besser, sollte aber definitiv diagnostisch mit "abgecheckt" werden - auch hierfür gibt es standardisierte Fragebögen (möchte keine spezifischen nennen, um dich nicht zu verunsichern und jede Klinik setzt auf andere Verfahren) und Interviews sowie das persönliche Gespräch.

Ich hoffe, ich konnte deine Verwirrung etwas lösen und deine Fragen ausreichend beantworten.

Für weitere Fragen, schreib mir einfach einen Kommentar oder noch besser eine PN, die übersehe ich nicht so schnell

LG & gute Besserung & viel Erfolg!

Seanna

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Kommentar von Kittymo
26.11.2015, 14:12

Woow! Danke für die ausführliche Antwort! 

=)

Und wieso steht erst V.a. BPS und sonst nicht weiter??? Auf den anderen steht kein V.a. Und kein (G) bei der BPS

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Kommentar von Seanna
26.11.2015, 14:41

Das handhaben die unterschiedlich, je nachdem wie persönlich sicher oder unsicher sie sind, Vorbefunde/Diagnosen vorliegen usw. // Va ist Verdacht auf // (G) ist gesichert

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Ich sehe das ein wenig anders.....

Die Klinik sollte sämtliche Einschätzungen und Vorerkrankungen kennen. Du hilfst dir garantiert nicht mit Zurückhalten von Daten. Im Gegenteil...... Solten die Ärzte dort Daten - wie auch immer- bekommen, zweifeln sie eher an deiner wahrhaftigen Kooperationsbereitschaft und erst dadurch bekommst du einen zusätzlichen Stempel.

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Kommentar von Kittymo
25.11.2015, 18:14

Vom ADHS werde ich bestimmt erzählen, sobald ich da bin. Jedoch PTBS sollen die selber schauen...

Gruß, Kitty

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Also. Rein aus Erfahrung und weil ich es weiß, die Flashbacks treten auch beim Borderline auf.
Zu dem anderem kann ich leider nichts sagen. Ich wünsch dir aber viel Glück in der Klinik und für die Zukunft :)

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Warum machst du dir Sorgen um irgendwelche Stempel?

Hauptsache dir wird geholfen in der Klinik und dir gehts wieder besser. 

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Kommentar von Kittymo
25.11.2015, 18:16

Weil ich schon oft aus nächste Nähe mitbekam, dass die Betroffenen völlig falsche Diagnosen bekamen. Erst nach vielen Jahren hat man ihnen geholfen.

Gruß, Kitty

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