Frage von Rainybox, 42

Depression durch Ereignis vor vielen Jahren?

Hallo, diese Frage stellt sich mir, da es einer guten Freundin von mir, zur Zeit sehr sehr schlecht geht und sie an Depressionen leidet, deren Ursache vermutlicherweise weit in der Vergangenheit liegt. Zur Vorgeschichte sollte man folgendes wissen: Im Alter von fünf oder sechs Jahren hat sie ihre Mutter durch einen Unfall verloren. Zu dem Vater besteht und hat nie ein Kontakt bestanden, da er nie was von seiner Tochter oder Frau wissen wollte. Heute ist sie mittlerweile 18 Jahre alt und hat all die Jahre über bei ihrem älteren Bruder gelebt. Sie hat mir immer wieder erzählt wie schlimm die ersten Jahre nach dem Tod ihrer Mutter waren und dass sie auch all die Jahre über kein einziges Lächeln mehr über die Lippen bringen konnte, nur noch stumm vor sich hin existiert hat und ohne ihren Bruder die Zeit höchstwahrscheinlich nicht überstanden hätte. Schon diese Geschichte war ein Schock für mich.

Doch später soll sich alles geändert haben. Ich habe sie kennengelernt als wir beide noch 12 Jahre alt waren. Ich kann nur sagen, dass ich noch nie so einen glücklichen, optimistischen und lebensfrohen Menschen wie sie gesehen habe. Sie ist- oder war- die Person zu der ich immer kommen konnte, wenn ich Motivation oder positive Gedanken brauchte, da sie mir immer wieder erzählte wie vergänglich doch das Leben sei und dass es Verschwendung wäre es in Enttäuschung und Traurigkeit zu verbringen. Als ich sie mal nach ihrer Vergangenheit gefragt habe und wie sie damit klar kommt, meinte sie zu mir dass sie nicht gerne darüber redet, sie aber schon lange über ihre Trauer hinweggekommen wäre. Nun ja, bis jetzt. Vor ein paar Wochen rief sie mich völlig verheult an und erzählte mir, dass sie das alles nicht mehr ertragen könne. Das sie das Gefühl habe, dass in ihrem Leben ein großer wichtiger Teil fehlt. Sie hat ihr Abi abgebrochen, wurde in eine Klinik eingewiesen (die ihr allerdings mehr schadet als hilft) und sie ritzt sich. Als Grund sagte sie mir nur noch, dass sie mit ihrer Vergangenheit nicht mehr klar komme und es alles wieder hochkäme bzw. hat sie persönlich selbst keine Erkenntnis darüber, was die genaue Ursache für ihre plötzliche Erkrankung ist. Sie tut mir so leid, ich könnte einfach nur heulen und will ihr helfen. Ich bin einfach so geschockt, weil sie all die Jahre über so glücklich gewirkt hatte und ich nicht verstehen kann, dass eigentlich das totale Gegenteil der Fall war und ich das nie bei ihr erwartet hätte. Aber kann es dann sein, dass eine Depression erst so viel später nach solch einem Ereignis auftreten kann? Hätte dies nicht schon viel früher einsetzen müssen? Oder hat sie das all die Jahre verdrängt? Ich leide nur noch mit ihr.

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Antwort
von einfachichseinn, 5

Die Psyche eines Menschen kann unglaublich viel aushalten, aber irgendwann ist es zu viel.

Stell dir mal vor du füllst ein Glas bis zum Rand mit Wasser, Dank der Oberflächenspannung läuft das Glas nicht auf. Allerdings reicht schon eine minimale Erschütterung oder ein enorm leichter Gegenstand, um das Wasser zum überlaufen zu bringen.

Wieso denkt deine Freundin, dass ihr die Klinik mehr schadet, als hilft?

Hat sie das dort auch schon einmal angesprochen?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie in der Klinik und in den Gesprächen wieder mit all den Sachen konfrontiert wird, die sie Jahrelang erfolgreich verdrängt hat. Das schmerzt ungeheuerlich.
Ich saß während wenigstens einem Gesprächs auch schon mit Tränen in den Augen vor der Psychotherapeutin.

Schmerzen sind natürlich kein Indiz für eine Verbesserung des Zustands. Eher im Gegenteil, allerdings sind diese notwendig, um dem Patienten adäquat helfen zu können.

Stell dir mal vor, dass dein Auto kaputt ist. Wenn du zum Mechaniker gehst, muss dieser ja auch erstmal den Motor inspizieren und herausfinden, was kaputt ist und vielleicht auch, weshalb das so ist. Erst dann kann er den Motor reparieren.

Deine Freundin sollte auch solche Sachen immer wieder ansprechen. Ich habe in den ersten Wochen auch immer wieder gejammert und geklagt, dass mir niemand helfen kann und dachte mir so :" hier komme ich niemals raus!"

Ich habe das auch oft angesprochen und habe dann so die ein oder andere Info bekommen.

Manche Therapien sind auch nicht für jeden Patienten sinnvoll. Das muss dann allerdings angesprochen werden, damit sich etwas verändert und damit deiner Freundin geholfen werden kann.

Das Unschöne ist nun, dass du deiner Freundin nicht helfen kannst.

Wie gesagt, sie muss das von sich aus in Angriff nehmen.

Antwort
von Dichterseele, 5

Deine Freundin hat sicherlich vieles verdrängt, aber mit dem Frust ist das wie mit dem Wasser im Fass: Gießt man zuviel rein, läuft es irgendwann über.

Wenn sie also schon seit der Kindheit viel mit sich rumgeschleppt und nie verarbeitet hat, dann brauchte jetzt nur noch wenig hinzuzukommen, damit das Fass überläuft. Manche Leute lassen die Wut dann raus - werden also aggressiv, andre schlucken alles runter und werden depressiv.

Sie braucht also psychologische Hilfe, um alles zu verarbeiten und innerlich frei zu werden.

Antwort
von MrManu97, 14

Sie hat den Schmerz über all die Jahre gesammelt und runter geschluckt, trug eine Maske, verbarg ihr wahres ich vor dir und der gesamten Welt, doch wie eine Staumauer kann auch das Herz nicht unbegrenzte Mengen halten. Ein tiefer Schlag und die Mauer bricht und alles kommt wieder hoch. Ich spreche hier aus Erfahrung. Das schlimme ist, diese Trauer hat sich in sie rein gefressen, wie Säure, und ist jetzt schon vermutlich ein Teil von ihr.

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