Frage von Scheremy, 68

Sind Geschichten aus der DDR-Zeit übertrieben?

Haben Menschen damals, in der DDR-Zeit, wirklich so schlecht gelebt, wie ich immer von den Medien oder meinen Lehrern zu hören bekomme? Oder ist das alles westliche Propaganda, um den Ruf der damaligen Sowjetunion bzw. heutiges Russland zu schädigen?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von 2012infrage, 43

Ich bin ein Kind der DDR gewesen, in den 60ern geboren. Wir hatten keine Westverwandtschaft oder auch kein Westfernsehen. Ich hatte also keine Relation und war ein glückliches Kind. Wir hatten kein Auto, kein Telefon, später bekamen meine Großeltern eines, das wurde aber nur für Notfälle benutzt, also Arzt etc. Dafür wurde es auch angeschafft. 

Ich bin in die Schule gegangen und hatte meine Freunde. Später hatte ich einen Freund, der ein Motorrad hatte, wie fast alle in seiner Clique, und wir haben viele Ausflüge gemacht. Wir waren jedes Wochenende in der Disko und hatten so unsere Problemchen wie überall die Jugendlichen auf der Welt. 

Wir haben nie gehungert, die Schulspeisung war vorbildlich und lecker, und wenn es irgendwo gute Jeans gab, dann stand man in der Schlange. Die Familie meines Mannes ist jedes Jahr mit ihrem Moskwitsch nach Ungarn, Polen, in die CSSR oder sogar bis nach Kasachstan gefahren. 

Meine Familie ist mehr innerhalb der DDR verreist, an verschiedene Seen und das war immer toll. Ich war als Schülerin mehrere Male im Ferienlager, was ich toll fand. 

Was das politische System anging, so war es mir egal, ich hatte ja, wie gesagt, keinen Vergleich. Allso war das was ist insofern gut, weil es mir gut ging. FDJ und so was war langweilig, die Pflichtteilnahme an der Mai-Demo ebenfalls. 

Als junge Familie haben wir einen zinslosen Kredit vom Staat bekommen, der Ehe-Kredit, das waren 10.000 Ostmark, glaube ich, die aber nur für Möbel, Hausrat usw. ausgegeben werden durften. Mit jedem Kind wurden einem 1000 oder 2000 Ostmark erlassen, das weiß ich jetzt nicht mehr genau. Frauen bekamen einmal im Monat einen Tag frei, den Haushaltstag. Es gab das freie Babyjahr. 

Es gab keinen massiven Überfluss, aber es hat niemand gehungert oder war irgendwie verwahrlost. Es gab leckere Bäckereien, die ich heute gern noch einmal besuchen würde und beim Fleischer musste man stehen, aber es gab Fleisch und Wurst zu kaufen. Eine Wende im Denken setzte ein, als mein Mann seinen Wehrdienst absolvieren musste und für gewisse Meinungsäusserungen 3 Wochen in den Armeeknast kam. Ab da setzte ein genaueres Schauen ein, weil einiges schief zu laufen schien.  Aus heutiger Sicht waren wir bis zu einem Punkt normale Mitläufer, da wir keinen Vergleich hatten. Wir hatten immer noch keine wirkliche Relation, und die ist enorm wichtig. Man kann gegen etwas sein, aber man muss auch wissen, wofür man ist. 

Heute habe ich sie und würde die DDR als sehr beengt empfinden, ich war dumm und unwissend und eben jung und vom System beeinflusst, wie die jungen Leute heute in der Schule vom heutigen System beeinflusst werden. Glaub nicht, dass Ihr Wahrheit in Deutsche Geschichte erfahrt. Leute, die sich aktiv dem System DDR widersetzt haben, die erfuhren sehr wohl andere Seiten, es gab die anderen Seiten, das darf man nie vergessen!

Auf der anderen Seite ist das auch heute so. Du darfst vielleicht gegen das System was sagen, aber wenn Du aktiv wirst, dann wird das auch nicht geduldet. Man schaue sich nur heute die "Demokratie" an. Das erinnert jeden ehem. DDR-Bürger mehr als nur an alte Zeiten. Der ehemalige Ossi hat eine Relation und deswegen leistet er Widerstand, der Westbürger nicht und so verharrt er und lässt alles mit sich geschehen......

LG

Kommentar von 2012infrage ,

Ich danke Dir für Dein Feedback, mich würde ja mal interessieren, was so in Euren Geschichtsbüchern über die DDR steht, was Ihr also gelehrt bekommt. 

Ganz liebe Grüße

Antwort
von voayager, 42

die DDR stand in der Industrieproduktion an 10. Stelle, ungefähr auf dem Stand von Italien. Wenn man bedenkt, dass dies Land keinen Marshall-Plan erhielt, dazu immense Reparationskosten an die SU entrichten mußte, dazu jahrelang der Hallstein-Doktrin ausgeliefert war, dann wundert es einem schon, wie erfolgreich die DDR bis Anfang der 80-er Jahre eigentlich war. Kommt hinzu, dass dies Land nicht reich an Bodenschätzen gesegnet war, lediglich die armselige Braunkohle besaß.

Niemand mußte in der DDR hungern, es gab auch keine Bettler und keine Obdachlosen wie in der BRD und dem jetzigen Deutschland, wo immerhin mehr als 300000 Haushalte ohne Strom sind. Da es sich hierbei um arme Leute handelt, kann man davon ausgehen, dass im jetzigen "Wertestaat" mehr als 1 Mill. Menschen ohne Strom sind!

Auch das gab es in der DDR nicht! Da deren Währung auf dem Weltmarkt nicht konvertibel war, mußten alle Waren aus dem kapitalistischen Ausland mit teuren Devisen besorgt werden.

Unabhängig davon beging auch die DDR fürchterliche Fehler, doch das wieder ne andere Baustelle.

Kommentar von lesterb42 ,

Und wenn sie nicht gestorben sind..............

Kommentar von voayager ,

..... erwecken sie Erkenntnis, und wenn sie gestorben sind, erwecken sie gleichfalls eine solche!

Antwort
von catchan, 68

Die Frage ist halt die, wenn wir jetzt die DDR hätten, ob wir dann auch so schön über Merkel herziehen hätten können. 

Man konnte problemlos und gut in der DDR leben. Allerdings durftest du dich nicht schlecht über den Staat äußern. Wenn du volljährig warst, wurdest du gezwungen zur Wahl zu gehen. 

Mein ehemaliger Nachbar wurde benachteiligt, weil er einer Religionsgemeinschaft angehörte. Dabei war er nicht einmal ein aktives Mitglied.

Kommentar von Lazarius ,

wurdest du gezwungen zur Wahl zu gehen

Das stimmt nicht. Man wurde aber unter Druck gesetzt und man musste evtl. Nachteile in Kauf nehmen, wenn man nicht wählen ging. Wer dem Widerstand entgegensetzen wollt, ging nicht wählen.

Kommentar von catchan ,

Es kommt doch auf das Gleiche darauf hinaus. Man muss schon eine sehr starke Persönlichkeit sein, um diesem Druck entgegen halten zu können:

https://www.youtube.com/watch?v=GMswni09vp4

Kommentar von PeVau ,

Die Drohung nicht zur Wahl gehen zu wollen, war ein probates Mittel, um Eingaben wegen einer Wohnung oder einem Krippenplatz o. ä. Nachdruck zu verleihen.

Es gab zwar einen gewissen gesellschaftlichen Druck zur Wahl zu gehen, aber Sanktionen nur wegen der Nichtteilnahme gab es nicht. Da mussten schon andere Dinge noch mit dazu kommen.

Eine Lehrerin, die sich offen gegen den Staat und seine Politik stellt, hatte nicht nur in der DDR Probleme. Stichwort: Berufsverbote in der BRD

Kommentar von catchan ,

Ich weiß echt nicht in welcher Welt du lebst, aber in der BRD ist ein Nicht-Gang zur Urne kein öffentliches Zurschaustellen, dass man gegen das System ist. Man geht halt nicht hin und verliert nicht den Job deswegen. In der BRD kümmert das niemanden, weil sich das mit demokratischem Verständnis nicht vereinbaren ließe.

Deswegen den Job zu verlieren ist eine Sanktion.

Das Auflaufen lassen von Familienmitgliedern, Bürgermeister ist ein psychischer nicht gerechtfertigter Druck. Man könnte schon fast von Mobbing sprechen. 

Du vergleichst starken psychischen Druck mit einem gesellschaftlichen Zwang. Nur verliere ich nicht meinen Job, wenn ich mich da weigere. Das muss stark unterscheiden. 

Antwort
von Woropa, 41

Es musste keiner hungern und es gab keine Obdachlosen. Und offiziell war auch niemand arbeitslos. Trotzdem ging es den meisten Menschen nicht so gut wie heute. Das Warenangebot war längst nicht so gut wie heute. Es gab nicht so tolle Produkte und nicht so viel Auswahl wie heute. Schon Ketchup oder Apfelmus waren Sachen, die es nicht regelmässig zu kaufen gab. Bananen oder Apfelsinen gab es 2, 3 mal im Jahr. Auf ein Auto musste man über 10 Jahre warten. Einen  Telefonanschluss hatten nur sehr wenige Leute. 

Kommentar von dolores2101 ,

Ja aber wer in der DDR hineingeboren ist konnte das doch gar nicht vermissen. Um so größer war doch die Freude wenn es mal Bananen oder Apfelsinen gab. Jetzt schmecken mir Bananen nicht mal mehr. Ja und Reisefreiheit, pff die hab ich jetzt auch nicht weil ich mir trotz 2 Jobs gar keine Reise leisten kann und auch keine guten Klamotten. 

Antwort
von Farmer00, 64

Zunächst mal ist SU nicht gleich Russland. Es wurden genug Reformen durchgeführt, die die beiden Mächte voneinander unterscheiden. Es kommt darauf an, wie du damit zurecht gekommen wärst. Wenn du es verständlich findest, dass man dich einschließt, da du eine andere politische Meinung vertrittst, die offene Marktwirtschaft bevorzugst und den freien Kapitalmarkt mehr magst. Ich denke, wenn es dort so toll gewesen wäre, dann stünde die Mauer heute immer noch. 

Antwort
von abibremer, 7

Wenn man den direkten Vergleich von DDR zu BRD nehmen möchte: DDR-Haushalte mit Telefon waren recht selten, Der "normale" DDR-Bürger mußte i.d.R. jahrelang darauf warten, ein Auto kaufen zu können, Südfrüchte wie Bananen waren bis zuletzt Mangelware UND Auslandsreisen nur für Rentner oder in Ausnahmefällen möglich.

Expertenantwort
von PeVau, Community-Experte für Geschichte, 44

Ich wiederhole mal den größten Teil einer anderen Antwort von mir:

Die DDR war kein armes Land und die Menschen in der DDR litten auch keine materielle Not.

Im Vergleich zu den meisten Ländern dieser Erde lebten die DDR-Bürger weit überdurchschnittlich. Sie konnten es lediglich mit den entwickeltsten kapitalistischen Industrieländern nicht aufnehmen. Deren Konsumüberfluss und Verschwendung waren in der DDR unbekannt.

Dafür kannten die DDR-Bürger keine Existenzängste wegen sozialer Unsicherheit und das ist schließlich auch ein Stück Lebensqualität.

Kommentar von lesterb42 ,

Eigentlich kein schlechter Beitrag, nur das mit der Existenzangst ist deutlich überzogen. Wenn man Pech hat, verliert mein seine Wohnung, seine Arbeit, seine Ehefrau, sein Geld. Das sind im Normalfall aber nur vorübergehende Probleme. Seine Existenz verlíert man mit dem Tode und das ist überall auf der Welt so.

Antwort
von AmandaF, 62

Jedes System hat Vor- und Nachteile oder ist heute alles perfekt im Lande?

Antwort
von maccvissel, 58

Das können am besten diejenigen beantworten, die bereits zu DDR -Zeiten mündig waren und in der DDR gelebt haben, also Leute über 45. Sehr viel dieser Leute wirst Du auf diesem Schülertreff hier kaum finden.

Kommentar von dolores2101 ,

Wie ich, ich war 20 zur Wende. 

Antwort
von Tiegerin, 11

Ist das dein Ernst? Die haben eine Mauer gezogen und alle abgeknallt, die flüchten wollten und du fragst, ob es wirklich so schlimm war?? Russland war ein totalitärer Staat, genauso wie die DDR, die radikal ihre Ideologie - den Kommunismus - durchsetzen wollten, kann mir nicht vorstellen, dass das besonders angenehm war.

Kommentar von dolores2101 ,

Das ist doch Müll. Ich hatte damals viele Freunde die mindestens 1 mal versucht haben zu fliehen und die leben alle noch. Mein Vater ebenfalls, gut er saß 14 Monate im Knast aber es wurde an der Grenze nicht mal in die Luft geschossen. Also erzähl nicht das alle abgeknallt wurden. 

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