Frage von bagdader, 77

Das Ausland nimmt uns Deutsche gern als "sehr stolz" wahr. Sind wir das, und wenn ja, warum bzw. worauf?

Im Internet gibt es zahlreiche Webseiten, die uns Deutsche als "stolz" apostrophieren. Hier ein Beispiel einer Amerikanerin, die Geschäfte machende Landsleute für ihren Auslandseinsatz berät:

5 Key Topics or Gestures to Avoid in Conversation (with Germans)

Anything related to World War II or the Holocaust. Personal questions until the relationship is better established. Work and family life are usually kept separate, so stick to the business at hand. Current events and politics, unless you really know what you’re talking about as it relates on a global basis. Germany is a very proud culture, so avoid criticism of anything pertaining to Germany or the German people. http://www.gaylecotton.com/blog/2012/11/cultural-clues-dos-taboos-communication-...

Auch von mir befragte Ausländer bestätigten das Bild vom stolzen Deutschen.

Sind wir es also wirklich?

Worauf sind wir denn so stolz? Auf unsere Geschichte, Kultur, Wirtschaft, oder was? Auf unsere Gebildetheit ja wohl nicht, oder? Auf was also?

Antwort
von hutten52, 8

Das muss ein Irrtum sein. Es dürfte kaum ein Volk geben, das weniger "stolz" ist. 

Das hat viel mit der Nazidiktatur zu tun. Eine Nationalflagge gilt vielen schon als "Nazi". Viele Deutsche verstecken im Ausland eher, dass sie Deutsche sind. Schon vor der Nazizeit war die nationale Identität schwächer als bei den meisten anderen. Die deutschen Auswanderer in den USA haben sich sehr schnell assimiliert. Selbstkritik ist in D eine wichtige Sache, sie gehört immer dazu, viel mehr als bei Amerikanern, Türken, Briten oder Franzosen. 

Besuchern aus den USA und GB fällt auf, dass die Deutschen sehr kritiklos englische Wörter übernehmen. Sie nennen das die deutsche Unterwürfigkeit, wenn aus der Weihnachtsfeier eine "Chrismas Party " wird und wenn der Schalter ein "Counter" , die Zeitlupe "Slow Motion" heißt. Da gibt es bei zu vielen Deutschen nicht die Spur von Stolz auf die eigene Kultur. 

Kommentar von bagdader ,

Nun, nun, nun...

Angenommen, dass wir tatsächlich nicht stolz wären, wo kommen dann bei jedem sportlichen Anlass die Hunderttausenden schwarz-rot-goldenen Fähnlein her? Sie prangen an Mopeds, an Kinderwagen, an Rollstühlen, an Rollatoren, an Balkonen, an Fahnenstangen im Schrebergarten, an Autospiegeln, auf Klopapierrollen, sogar in Dönerbuden...

Jeder Discounter im kleinsten Kaff bietet deutsche Stolzware feil, zu Hartzvierer-Preisen.

Wo viel Fahne, da viel Stolz.

Die Deutschen die nach den Staaten gingen, sind nur ein Beispiel für deutsches Auswandererverhalten. In ganz Osteuropa siedeln seit etwa 1000 Jahren Deutsche, sie wurden nach 1945 vertrieben, aber interessant ist wie sie gelebt haben. Aber nicht nur in Osteuropa.

So gab es noch woanders kein Verstecken des Deutschseins, da wurde die Hakenkreuzfahne keck auf das Motorboot oder auf den Fahrradlenker geschraubt und damit stolz rumgefahren. Wo? Na zum Beispiel bei den Deutschen in Brasilien und bei denen in Palästina (Templernachfolger), bis sie von den Briten rausgeschmissen wurden.

In Osteuropa (z.B. Russlanddeutsche oder Rumäniendeutsche) hat man noch bis weit ins 20. Jh. hinein seine deutsche Sprache und Kultur gepflegt und sein Deutschtum und seine Deutschtümelei bewahrt. In Polen machten sich die Deutschen durch ihr Besserseinwollen so unbeliebt, dass Sprichwörter wie folgende enstanden sind: "Nimm einen Stein in die Tasche, wenn du zum Deutschen gehst" oder "Gott schuf den Menschen, der Teufel den Deutschen", bei den Ungarn rief man, wenn man austreten wollte "Ich glaube der Deutsche ruft mich", bei den Russen gabs den Spruch "Ein Deutscher mag ein geuter Mensch sein, es ist dennoch besser ihn zu hängen". All das zeigt uns, dass es die Deutschen auch anderswo übertrieben haben mit ihrem maßlosen Stolz.

Du hast vollkommen recht, bei uns hat sich bei einigen Individuen Fähigkeit zu Selbstkritik entwickelt, aber doch bitte nicht bei den Hunderttausenden Fahnen- und Fähnchenschwenkern und Fanartikelkäufern:

https://www.youtube.com/watch?v=WjQDJJiHr6g

Kommentar von hutten52 ,

Nun, damit ist zumindest klar, wie sehr du die deutsche Flagge verabscheust. Das muss für dich ja eine Pein sein, sie zu sehen. 

Dass sie im Alltag außerhalb von WM/EM deutlich weniger zu sehen ist, entgeht dir, Fahre mal nach Dänemark, in die Schweiz, in die Türkei oder in die USA, und schaue, wie oft du da die Flagge siehst. 

Deine Osteuropa-Beispiele zeigen zunächst nur den Hass mancher Osteuropäer auf die Deutschen. Ob der Grund dafür der Stolz der Deutschen ist, müsstest du erst noch beweisen. Es ist wohl eher die unterschiedliche Mentalität ("der ewig schaffende Deutsche") und die Rolle, die die Deutschen dort gespielt hatten, als sie für die Entwicklung des Landes von den dortigen Fürsten ins Land geholt wurden. 

Antwort
von H96Bingo, 16


Germany is a very proud culture, so avoid criticism of anything pertaining to Germany or the German people

Da könnte man fast jedes beliebige Land einsetzen.Das ist nicht typisch Deutsch, das ist typisch Mensch.

Man ist stolz auf das Geschaffene.Jeder hat seine eigenen Gründe.Das kann die Kunst sein, die Technik, das Rechtssystem, die Wirtschaft, Sport etc. oder alles zusammen.Im Großen und Ganzen ist dein Heimatland deine erste Identität.Im Ausland wird man meistens erst mal gefragt, wo man herkommt.Es definiert dich zwar nicht, aber es ist ein Teil von dir.



Verglichen mit anderen Nationen, würde ich uns Deutsche jetzt nicht als besonders stolz ansehen.Ich würde sagen, wir sind normal stolz.^^

Kommentar von bagdader ,

Und worauf sind Sie persönlich als Deutscher stolz? Oder schließen Sie sich den anderen ("man") an?

Antwort
von wfwbinder, 29

Na ja, dann vergleiche mal uns und wie wir uns geben mit den Franzosen: "La grand nation."

Den Briten und ihrem Auftreten und den AMis, die sich selbst als die besten größten und als Vorbild für alle empfinden, trotz vieler Fehler, die man denen aus allen Richtungen nachweisen kann.

Deutschland: Klar, wir haben zwei große Kriege verloren, zumindest den zweiten grundlos vom Zaun gebrochen und den Holocaust als Negativpunkt.

Aber, kaum ein anderes Land hat es so schnell aus der totalen Vernichtung geschafft wieder  in die spitzengruppe der Nationen aufzusteigen. Viele der großen ERfindungen der Menschheit, vom Röntgengerät, über das Automobil, bis zum Computer (Zuse Z 3) kamen aus Deutschland.

Ich bin auch etwas durch die Welt gekommen und kann nur sagen, dass mir die Franzosen und die Amis immer ziemlich arrogant rüber gekommen sind. Ich war sogar öfter in anderen Nationen i der Position, dass vor der Überschätzung Deutschlands warnen musste.

Eher muss man sich für die Art von deutschen Urlaubern schämen.

Was man eventuell anführen kann:

Überlege mal, welche Leistungen auf dem Gebiet des füheren "Römischen Reichs deutscher Nation" erbracht wurden. In Bezug auf Musik, Wissenschaft, Malerei, TEchnik.

Da wirst Du kaum etwas anderes bedeutendes finden.

Nur Russland hatte vergleichbare Künstler, einige natürlich auch Frankreich, ein paar Spanien und Großbritannien.

Kommentar von bagdader ,

Danke für Ihre Antwort.

Wenn ich mir Ihre Punkte ansehe, worüber wir stolz sein sollen, so sind dies sämtliche materielle und nicht ideelle Werte bezeichnende Punkte.

Kann den Materielles (also Dinge, Waren, Geld) einen Menschen von heute noch stolz machen? Oder sollten wir nicht ein wenig weiter sein?  Mich erinnert der Stolz auf Sachen immer an Kinder oder an das, zugegeben rassistisch klingende, Beispiel von den Eingeborenen, die stolz auf irgendwelche Glasperlen, Transistorradios, Jeeps mit aufgeflanschtem schweren MG sind.

Sollte man im Lande der "Dichter und Denker" nicht irgendwann die Stufe der materiellen Ideale verlassen und auf die nächste Stufe (der Erkenntnis) steigen wollen, jene Stufe, die möglicherweise etwas mit humanistischem Fortschritt zu tun hat?

Sie brauchen meine Fragen nicht zu beantworten, war nur als Gedankenanstoß gedacht.

Kommentar von bagdader ,

Soeben haben Sie noch einen Zusatzkommentar gepostet, zu den kulturellen Errungenschaften der Deutschen. Haben Sie Verständnis dafür, dass dies von Briten, Franzosen, Spaniern, Italienern, selbst Portugiesen und Niederländern anders beurteilt wird. Gerade als Deutscher begeht man allzugern den Fehler seine kulturellen Leistungen zu überschätzen, aus übergroßem Stolz und aus Unwissen über die Errungenschaften der anderen.

Versuchen Sie mal Shakespeare einen vergleichbaren Deutschen gegenüberzustellen, oder Leonardo da Vinci, oder Michelangelo, oder Isaac Newton, oder Voltaire, oder Rubens, oder Goya. Bleiben wir lieber bescheiden und erkennen wir an, dass es viele Köche waren die den europäischen Kulturkuchen gebacken haben.

Ihre positive Einschätzung der Russen teile ich bis zu einem gewissen Grad, weise aber auf den allgemeinen West-Ost-Kulturtransfer hin. Viele russische bedeutende Geistesleistungen fußten auf westlichen Vorbildern und/oder kamen spät.

Kommentar von wfwbinder ,

Bitte genau lesen:

   Überlege mal, welche Leistungen auf dem Gebiet des füheren "Römischen Reichs deutscher Nation" erbracht wurden. In Bezug auf Musik, Wissenschaft, Malerei, TEchnik.

Das schließt die Italiener eben mit ein, wie auch Mozart usw. Das sollte man natürlich mit dem nötigen Augenzwinkern sehen, weil das Heilige römische Reich natürlich keine Bedeutung hat. Aber so, oder so, sind wir mit Beethoven, Brahms, Wagner, Reger, Bach, Schubert, Weber in Europa ziemlich vorne.

Die Briten haben an Dichtung ausser Shakespeare kaum etwas zu bieten. Aber natürlich ohne Frage in der Wissenschaft.

   Kann den Materielles (also Dinge, Waren, Geld) einen Menschen von heute noch stolz machen? 

Wo habe ich denn etwas von Dingen und Geld geschrieben?

Ich habe lediglich auf Geistesleistungen, also besondere Entwicklungen wie Röntgenapparat und andere Erfindungen hingewiesen. 

Kommentar von bagdader ,

Danke für die Klarstellung. Dennoch möchte ich vor Eigenüberschätzung warnen. Die britische Litertur hat wesentlich mehr Autoren (Dichtung und Prosa) von Rang und Bedeutung hervorgebracht als Deutsche gemeinhin ahnen oder zu wissen glauben:

Geoffrey Chaucer, Charles Dickens, Jane Austen, Sir Walter Raleigh, John Milton, John Bunyan, Daniel Defoe, Jonathan Swift, William Blake, William Wordsworth, Lord Byron, Percy B. Shelley, John Keats, Walter Scott, Oscar Wilde, Robert Louis Stevenson, H. G. Wells, G. B. Shaw, William Butler Yeats, Joseph Conrad, Dylan Thomas, James Joyce, D. H. Lawrence, Aldous Huxley, Graham Greene und viele mehr.

In der Musik stehen die Italiener den Deutschen aber in nicht viel nach: Monteverdi, Verdi, Vivaldi, Scarlatti, Puccini, Rossini, Corelli, Gesualdo, Salieri, Respighi, Bellini, Busoni, Paganini, Leoncavallo, Pierluigi da Palestrina, usw.

Man kann nur warnen vor deutscher Selbstüberschätzung und übergroßem Deutschenstolz.

Von Geld schrieben Sie in der Tat nicht, aber die Erfindungen, die Sie nannten, wurden zu Geld, zu sehr viel Geld. Darum ging es mir.

Kommentar von wfwbinder ,

Aber erstmal haben die Erfindungen der Menschheit geholfen.

Ausserdem habe ich keinen Nationalstolz, sondern finde es einfach gut was den Leuten gelungen ist, egal ob Erfindungen, oder Leistungen der Kunst.

Ich habe eben nur erlebt, dass andere Nationalitäten weitaus arroganter "rüberkommen."

Die von Dir zitierte Dame sollte Ihren Landsleute viel eher raten, nicht jeden Gesprächspartner für Rückständig zu erklären, nur weil er kein Ami ist.

Kommentar von bagdader ,

Hat das Auto der Menschheit eher geholfen oder ist es mit verantwortlich für die Klimakatastrophe? Der Individualverkehr spielt jedenfalls in Studien der Zukunft nur noch eine untergeordnete Rolle...

Aber das gehört hier nur am Rande zum Thema.

Sie schrieben, Sie haben keinen Nationalstolz. Für mich möchte ich es anders ausdrücken: ich sehe mich eher als den Europäer als den Deutschen; bin auf die gesamte europäische Kultur stolz und setze keine nationalen Präferenzen.

Teilen Sie Ihre Wünsche Frau Gayle Cotton ruhig persönlich mit. Ihre Kontaktdaten entnehmen Sie ihrer Webseite.

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