Frage von ValeriaWe99, 290

Darf und soll Lehrerin kleine Kinder anfassen? Wollen alle Kinder Körperkontakt?

Ich bin angehende Deutschlehrerin für Deutsch als Fremdsprache und leite eine Deutsch AG in einer ersten Klasse - etwa 15 Kinder, vorwiegend Mädchen. Ich weiß, dass sie mich alle sehr gern haben. Und die Kleinen fassen mich ständig an: Sie umarmen mich ganz oft, nehmen mich an die Hand, legen den Kopf auf meine Schulter und Ähnliches. Ich meinerseits fasse sie auch ständig an. Ich streichle sie, nehme sie an die Hand, umarme sie auch, wenn sie das machen. Oder ich kann einfach meine Hände auf ihre Schultern legen. Die Kinder hängen an mir wie wild, würd ich sagen. Aber nicht alle. Die Jungs eigentlich nicht so, aber das ist normal. Man erzieht sie ja zu Männern, und da passen Umarmen und Händchen-halten nicht. Aber ich hab auch ein Mädchen, das sehr ernst und ruhig ist. Und sehr gut erzogen. Sie benimmt sich nicht so wie die meisten anderen. Sie umarmt nicht, sie hängt nicht wie wild an mir. Und ich weiß nicht, ob sie diesen Körperkontakt nicht braucht, ob sie ihn vielleicht nicht will, oder ob sie einfach zu gut erzogen dafür ist, sich so zu benehmen? Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich in meiner Kindheit nicht an meinen Lehrern gehangen hab, weil ich es für schlechtes Benehmen hielt. Noch eine Kleine ist zwar nicht so ernst wie die erste, doch auch sehr reif und weise. Und bei noch einer gibt es ein Problem in der Familie: ihre kranke Schwester. Deswegen ist sie sehr oft bedrückt, gestresst und angestrengt. Und ich weiß wirklich nicht, ob ich alle Kinder anfassen darf und sollte. Ob es Ihnen allen recht und angenehm ist. Was meint ihr? Danke im Voraus für alle Antworten!

Antwort
von swobsie, 92

Ich persönlich wäre vorsichtig damit..

Es ist eine Sache, wenn Kinder die Nähe suchen und von sich aus auf dich zukommen aber andere wiederum haben vielseitige Gründe, nicht so offensichtlich zu agieren. 

Lass es zu wenn sie von sich aus die Nähe suchen aber halte dich zurück, von dir aus den ersten Schritt zu machen. 

Trotzdem kannst du gerade den zurückhaltenden Kids besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen, indem du dich auf Augenhöhe mit ihnen unterhältst und bewußt Augenkontakt im Gespräch mit ihnen suchst.

Manche brauchen einfach eine längere Aufwärmphase bis sie Vertrauen fassen und du könntest sie eher abschrecken, indem du den ersten Schritt bzgl. Körperkontakt wagst und sie sich dann nur noch mehr in sich selbst zurückziehen. 

Es ist einfach eine Frage des Fingerspitzengefühls und der Empathie. 

In der heutigen Zeit kann so was schnell missverstanden werden und du bleibst besser auf der sicheren Seite indem du individuell auf jedes Kind reagierst, abwägst und auch wenn du generell zurückhaltend bist, wirkst du trotzdem nicht abweisend. 

Kinder haben ein feines Gespür und es zeichnet dich ja bereits aus, dass sie so an dir hängen. 

Schön, das es noch solche Lehrer wie dich gibt und lass dich auch bitte nicht desillusionieren wie so viele deiner Kollegen. 

Leider brauchen wir heute solche Bezugspersonen für Kinder, wie dich mehr denn je, gerade weil so viele Kids durchs Raster fallen und sich selbst überlassen werden. 

LG Swobsie

Kommentar von ValeriaWe99 ,

Ich danke dir herzlichst für deine klare und ausführliche Antwort und für deine wirklich guten Ratschläge!!! Und auch für deine schönen, warmen Worte, die mir gerade ein breites Lächeln ins Gesicht gezaubert haben!!! Liebe Grüße und viel Glück!!!

Kommentar von swobsie ,

Dank meinem Wildfang, hatte ich fast wöchentlichen Kontakt mit den verschiedensten Lehrern, ausserdem hatte ich viele Gastkinder ;-)

Daher freut es mich um so mehr aufgeschlossene und engagierte Lehrer zu treffen. 

Meiner Erfahrung nach, lernen Lehrer die Eltern meist nur dann kennen, wenn es Probleme oder Beschwerden gibt. 

Für alle Beteiligten und insbesondere zum Vorteil für die Kids ist es, wenn Lehrer auch mal ein positives Feedback bekommen. 

Es kommt auch einer besseren Kommunikation zugute und es schadet auch nicht, eine andere Sicht zu hören, was sich im Leben des Sprösslings so tut, was immerhin inzwischen die Hälfte des Lebens bis zum Schulabschluss beansprucht.. 

Trotzdem muß ich noch anmerken, dass ich definitiv nie zu den sogenannten Helikopter-Eltern oder dem Club der Supermütter angehörte. 

Informiert zu sein, hat nichts mit ansoluter Kontrolle zu tun und ist auch meiner Meinung nach kontraproduktiv, wenn man Kinder zu gesunden selbstbestimmten Erwachsenen erziehen will.

Antwort
von Icecrystal666, 121

Kinder sind genau wie erwachsene Individuen. Wenn die Kinder auf dich zukommen würde ich das okay vor allem in der ersten Klasse.

Ich würde aber von dir aus nicht einfach den kontakt suchen. Außer ein Kind ist eben merklich traurig oder am weinen und du tröstest. Da ist die Hand am Rücken gelegt sicher nicht falsch.

Solange du trotzdem deine "Autorität" (die in der Klasse noch nicht so ausgeprägt sein muss) dabei bewahren kannst sehe ich an deinem Umgang keine Probleme. Man muss eben nur die Individuen akzeptieren und muss ihnen aber wenigstens etwas Aufmerksamkeit schenken, damit sie nicht das Gefühl bekommen vernachlässigt zu sein. Sonst isolieren sie sich zu sehr.

Antwort
von irgendeineF, 53

Stichwort : Grenzenwahrender Umgang!
Solange der Impuls zum Körperkontakt vom Kind ausgeht, ist alles gut (man darf es natürlich dann nicht übertreiben). Aber von selbst Kinder berühren, ist immer mit Vorsicht anzugehen!

Antwort
von N3kr0One, 55

Schwierige Situation und noch schwerer zu beurteilen.
Zum Einen darf man nicht vergessen, dass du einen Erziehungsauftrag hast. Denn vergessen wir bitte alle mal nicht, du siehst und hast mehr von den Kindern als manche Väter, die von Morgens bis Abends arbeiten (oder mal Wochenlang weg sind). Manchen Kindern fehlt, in weniger intakten Familien, vielleicht auch die Nähe und Liebe der Mutter / der Eltern. Da sehen sie in dir natürlich einen Ersatz.

Jetzt kommt natürlich erschwerend hinzu, dass du Deutsch als Fremdsprache gibst, ergo Kinder betreust mit anderem Kulturhintergrund.
Da wird die Sache kompliziert und sollte vielleicht tatsächlich mit den Eltern abgeklärt werden.
Einfach auch nur, um dich abzusichern.
Ich persönlich finde das überhaupt nicht schlimm. Du schreibst du hast kleine Kinder, ich vermute mal irgendwo 1. - 4. Klasse?
Solche Kinder müssen noch nicht erwachsen sein. Natürlich kann man sie langsam darauf vorbereiten und du solltest auch nicht eine Freundin sein, mit der sie alles machen können, aber irgendwo sind es immer noch junge Kinder, für die körperliche Nähe und Zuwendung wichtig ist.

Ich kann es also nur befürworten und finde es gut, was du machst (ausgehend dessen, was ich gelesen habe)......aber es heißt nicht umsonst:
Andere Länder, andere Sitten.

Kommentar von ValeriaWe99 ,

Danke für deine gute Antwort!
Du hast es ein bisschen falsch verstanden. Ich arbeite in einem anderen Land, in der Ukraine, und dort bringe ich den Kindern Deutsch bei. Meine Kleinen sind sechs bis sieben Jahre alt.

Antwort
von Nikita1839, 82

Du kannst ja 'knuddeleinheiten' wie umarmen etc erwidern, aber die die es von sich aus nicht machen, würde ich inruhe lassen. Ich selbst bin auch gut erzogen, aber ich habe es als kind stets gehasst, von anderen umarmt zu werden. Körperkontakt ist nicht jedem gerecht

Antwort
von oyno564, 84

Also ich denke es reicht wenn Du den Kindern mal die Hand auf die Schultern legst oder ihnen über den Kopf streichst.  

Ümarmungen würde ich unterbinden -ich finde das geht zu weit wenn  10 von 15 Kindern immer an Dir kleben.

Antwort
von Volkerfant, 39

Ich persönlich meide den Körperkontakt zu den Kindern, die mir anvertraut sind, weil ich denke, das ist Aufgabe der Eltern und der Familie.

Manche Eltern reagieren da auch empfindlich darauf, wenn sie das mitbekommen.

Ich tröste die KInder und nehme sie schon mal in den Arm, wenn sie weinen, aber ich nehme sie nicht auf den Schoß. Andererseits spricht gegen Händchenhalten nichts, nur sollte man schauen, dass man allen Kindern gleichermaßen gerecht wird, nicht andere total aussen vorlassen.

Antwort
von TailorDurden, 86

Ich würde es probieren, es aber sofort wieder lassen, wenn Du merkst, ob es ihr unangenehm ist. Du kannst sie sogar fragen, wenn Du willst. Solange es nur um Berührungen an Schulter, Rücken oder Hand geht, kann man das immer rechtfertigen. Du willst ihr nur Gutes.

Generell ist es oft so, dass "Problemkinder" auch einfach sehr scheu sind und Berührungen aus einem strengen Elternhaus nicht kennen, so dass sie damit nicht gut umgehen können. Gut tun Berührungen eigentlich jedem Kind, wenn sie nicht schlechte Erfahrungen gemacht haben. Meistens sind es eher die Eltern, die versäumen, ihnen "Körpernähe" beizubringen.

Kommentar von ValeriaWe99 ,

Danke schön, das ist ein guter Ratschlag!

Antwort
von larryisrealbby, 37

Also wenn die Kinder auf dich zugehen würde ich es schon zulassen aber ich würde nicht zu den Kindern gehen und sie umarmen, sonst denken sie vielleicht das du eine gute Freundin für die Kinder bist und dann wirst du nicht so ernst genommen.

An die Hand nehmen ist finde ich kein Problem.

Antwort
von kiniro, 48

Nein - es wollen nicht alle Kinder mit jedem Körperkontakt haben.

Es ist ihr gutes Recht "nein" zu sagen, wenn sie das nicht wollen.
Ob Lehrerin oder irgendein anderer Erwachsener: ich finde es grenzüberschreitend, was du machst.

Du forderst doch als Lehrerin des öfteren von deinen Schülern, dass sie Grenzen einhalten sollen.
Dann fände ich es nur gerecht, wenn du ihre Grenzen achtest.

Antwort
von Joergi666, 71

Körperkontakt ist wichtig für jüngere Kinder- aber als Lehr- oder Betreuungskraft sollte man das auf ein Minimum beschränken, denn das müssen hauptsächlich die Eltern erfüllen. Es spricht nichts dagegen die Kinder an die Hand zu nehmen oder auf mal anzufassen- streicheln oder umarmen finde ich schon fast zu distanzlos. Ich kenne aus eigener beruflicher Erfahrung die Schwierigkeit eine genaue Grenze bei solchen Dingen zu finden (als Mann wahrscheinlich auch noch schwieriger)- im Zweifelsfall aber lieber mehr Distanz wie zu wenig. Wenn Kinder zudem ablehnend auf Körperkontakt reagieren muss man dies ganz klar akzeptieren.

Kommentar von ValeriaWe99 ,

Danke schön! Und viel Glück und Geduld bei deinem Beruf, als Mann ist es wirklich viel schwieriger, da hab ich als Frau mehr Glück.

Kommentar von Joergi666 ,

danke ebenso, bin jetzt aber schon seit über 10 Jahren als Sozialarbeiter tätig und mache nix mehr mit Betreuung. Mit der Zeit bekommt man für solche Dinge ein ganz gutes Gefühl.

Antwort
von Ostsee1982, 45

Ungewöhnlich finde ich, dass du dir um das eine Mädchen Gedanken machst als nicht vielmehr um das Gesamtverhalten von dir und den anderen Schülern. Ich finde es nicht alltäglich, dass eine Lehrerin zum Mutterersatz für Erstklässler wird. Wie sollen Kinder lernen, sich abzugrenzen, die verschiedensten Beziehungsmodelle einzuordnen und zu differenzieren wenn keine Grenzen mehr gesetzt werden. Ich finde das nicht gut aber schlussendlich ist und bleibt das deine Entscheidung. Ich schicke mein Kind zur Schule damit es etwas fürs Leben lernt und nicht von der Lehrerin bekuschelt wird.

Kommentar von ValeriaWe99 ,

Ich bin ja nicht ihre Klassenlehrerin oder so was. Ich leite ja nur eine AG und sehe die Kleinen zweimal in der Woche. Und da finde ich es in Ordnung, dass es so ist, wie es eben ist. Ich glaub nicht, dass ich so streng diese Grenzen setzen müsste. Ist ja auch kein Unterricht mit strenger Ordnung. Und wenn die Kleinen selbst Nähe suchen, dann sollte man ihnen diese, glaub ich, nicht verweigern. Sie sind ja in eine für sie absolut fremde und unbekannte Welt der Grundschule geraten. Ist für sie Stress und eine große Herausforderung. Mit der Zeit werden sie dann jedenfalls ruhiger.
Danke für deine Antwort! Eine andere Meinung zu hören ist immer gut, ob man einverstanden ist oder nicht.

Kommentar von Ostsee1982 ,

Wie schon gesagt, es bleibt dir überlassen, ich würde es weder machen noch bei meinem Kind haben wollen. Einen "Erziehungsauftrag" haben auch Kita Pädagogen und auch da habe ich ein solches Vorgehen noch nicht erlebt. Es gut meinen heißt nicht zwingend gut machen.

Antwort
von halloschnuggi, 28

Die Kinder würden schon zeigen ob sie das wollen oder nicht.  Wenn du merkst das die es nicht gut finden kannst du es ja sein lassen...

Antwort
von Tremswaldi, 37

Hallo,

meine Nichte fand jegliche Berührung völlig widerlich, nicht nur von den Lehrern... auch innerhalb der Familie... Freunde... sie mochte das einfach nicht. Sie hatte irgendwie eine Abneigung gegen Menschen, ob fremd oder bekannt - ganz eigenartig.

Komisch? Nicht 'normal'? - Ich weiß nicht, vielleicht sollte man das einfach akzeptieren...

Heute ist sie 14 und es wird langsam 'anders'...

Kommentar von ValeriaWe99 ,

Danke. Deine Antwort ist sehr hilfreich. Jetzt weiß ich, dass es wirklich auch kleine Kinder gibt, die nicht angefasst werden wollen. Ich hätte da eine weitere Frage an dich: Hat es deine Nichte auch gesagt, dass sie nicht angefasst werden will? Hat sie das ihrer Lehrerin auch mal gesagt?

Kommentar von Tremswaldi ,

Oh ja - am Anfang war es sehr schwierig. Es gab dann einen Termin in der Schule und dort wurde es thematisiert.

Vor allem für dieses kleine Kind wa es die Hölle - sie fühlte sich 'anders', sie wurde gehänselt... das volle Programm.

Aber wir haben sie immer darin unterstützt, ihr erklärt dass sie sehr deutliche Worte dafür 'benutzen' darf.

Antwort
von FragaAntworta, 78

Ich denke nicht, dass Du die Kinder anfassen solltest, einmal aus Selbstschutz heraus und vor allem auch aus Gründen der Rationalität, wie stellst Du sicher, keines der Kinder zu bevorzugen, wenn Du einige umarmst und hätschelst und andere nicht?

Antwort
von Jamesboond, 64

Nein darf sie nicht wenn das Kind es verweigert da gibt es kein wenn und aber.

Antwort
von frischling15, 66

Das ist ein Thema für den Elternsprechtag !

Antwort
von Centario, 53

Das anhängliche Verhalten ist eine Vorbelastung aus den fam. Verhältnissen. Ich würde meinen es sollte auf keinen Fall überbelastet werden, sondern die Kinder sollten ohne diese "Koseeinheiten" lernen langsam auszukommen.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community