Darf eine Komposition einem bereits existierenden Stück ähneln?

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3 Antworten

Hallo Suitman,

Deine Frage hat zwei Aspekte, den urheberrechtlichen (und somit juristischen) sowie den ästhetischen (künstlerischen). Dir scheint es in erster Linie um den urheberrechtlichen Aspekt zu gehen, ich werde aber zu beiden Gesichtspunkten etwas schreiben.

Juristisch ist die Sache klar: Wenn es sich nur um Bach, Buxtehude, Händel und ihre Zeitgenossen handelt, so darfst Du das, ohne irgend jemanden zu fragen, und ohne irgenwelche Gebühren bezahlen zu müssen. Sollte es sich aber um noch lebende Komponisten handeln (also beispielsweise Steve Reich oder Arvo Pärt) bzw. um Komponisten, die noch nicht länger als 70 Jahre tot sind (also beispielsweise Paul Hindemith oder Harald Genzmer), so sähe die Sache anders aus.

Streng genommen müßtest Du mit solchen Komponisten (bzw. ihren Erben) schon vorher verhandeln, ob Du ihr Werk bearbeiten bzw. in Deinem Werk zitieren darfst. Ob Du, wenn Du ein kürzeres Zitat verwendest, dies auch ohne Genehmigung des Komponisten bzw. seiner Erben darfst, weiß ich nicht.

Auf jeden Fall wird die Sache relevant bei den GEMA-Gebühren, also den Gebühren, die fällig werden, wenn Dein Werk in öffentlichen Veranstaltungen gespielt wird, die GEMA-pflichtig sind, oder in den elektronischen Medien (Radio, Fernsehen, Internet). (Welche Veranstaltungen GEMA-pflichtig sind, kann ich Dir nicht genau sagen; das kannst Du aber erfahren, wenn Du bei der GEMA anrufst: Die Mitarbeiter der GEMA sind am Telefon sehr freundlich.) Dein Werk gilt, wenn Du bei der GEMA gemeldete Werke zitiert hast, als Bearbeitung dieser Werke, und die GEMA-Ausschüttungen (so nennt die GEMA das Geld, das man als Komponist von der GEMA erhält) für dieses Werk werden zwischen den Komponisten und den Bearbeitern aufgeteilt.

Das ist für Dich aber nicht relevant, da die Werke, die Du zitieren möchtest, aufgrund der Lebensdaten der Komponisten nicht GEMA-pflichtig sind. Anders wäre es, wenn Du Mitglied der GEMA werden würdest (das kannst Du auch schon als Schüler; es fragt sich nur, ob sich das für Dich lohnt); da bin ich überfragt, ob Du für ein Werk, bei dem Du nicht GEMA-pflichtige Komponisten zitierst, bei der Ausschüttung den vollen Satz erhältst, oder entsprechend weniger (weil ja nicht alles „auf Deinem eigenen Mist gewachsen“ ist). Aber solche Details könntest Du gegebenenfalls auch bei der GEMA erfragen.

Jetzt zum Künstlerischen: Als Komponist strebt man ja meist danach, etwas ganz Eigenes zu schaffen, und wird vom Publikum bzw. den Kollegen auch danach bewertet. Bei anderen Komponisten abzuschreiben, wird unter diesem Aspekt als Zeichen mangelnder eigener Inspiration und Kreativität, ja in Fällen, wo man es zu verheimlichen sucht, sogar als Plagiat gewertet. Viele Komponisten haben das aber ganz anders gesehen (Der User Pangaea hat ja bereits Richard Strauss erwähnt; die Reihe könnte man endlos fortsetzen, bis in unsere Zeit): Einerseits haben sie fremde Werke aus aufführungspraktischen Gründen bearbeitet, andererseits haben sie fremde Werke bearbeitet, um sie besser kennenzulernen, und schließlich haben sie aus fremden Werken zitiert, um damit ihrer Hochachtung gegenüber dem zitierten Komponisten Ausdruck zu verleihen. In der Zeit der Klassik und Romantik war es auch üblich, Variationswerke über Themen fremder Komponisten zu komponieren, und schließlich war und ist es eine gute Übung für angehende Komponisten bzw. für Komponisten, die ihre handwerklichen Fähigkeiten noch vervollkommnen wollen, fremde Werke als Vorbild zu nehmen.

Hier nur wenige Beispiele:

Aufführungspraktische Gesichtspunkte: Maurice Ravel bearbeitete das Klavierwerk „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky für Sinfonieorchester, weil er der Ansicht war, daß die Klangfarben dieses Werkes so besser zur Geltung kommen.

Werke besser kennenlernen: Für Johann Sebastian Bach war Antonio Vivaldi eines seiner großen Vorbilder und Inspirationsquelle. So hat er Vivaldis Konzert für 4 Violinen und Orchester umgeschrieben für 4 Cembali und Orchester.

Hochachtung dem zitierten Komponisten gegenüber: Da gäbe es ganz viele Beispiele. Es gibt z.B. enorm viele Komponisten, die die b-a-c-h-Tonfolge (die auch Bach selber schon verwendet hatte) in ihren Werken zitieren. Ein Komponist unserer Zeit, der ganz viel auf Werke früherer Komponisten zurückgreift, ist beispielsweise Dieter Schnebel.

Variationswerke: Die Reihe ist unüberschaubar, da so umfangreich. Ich möchte nur mal Regers Mozartvariationen und Brahms' Haydn-Variationen erwähnen. Und da die Passacaglia (mit der Du Dich momentan beschäftigst) auch eine Variationsform ist: Die Passacaglia für Violine und Viola über ein Thema von Händel (sie wird auch gern mit Violine und Violoncello gespielt) von Johan Halvorsen (1864 – 1935).

Selbstvervollkommnung des Komponisten: Wenn man sich mit den barocken Kompositionstechniken beschäftigt, ist es eine gute Übung, von einem Satz aus der Barockzeit die (bezifferte) Generalbaßstimme zu nehmen, die anderen Stimmen wegzulassen, und auf dieser Grundlage ein völlig neues Werk im Barockstil zu schreiben. Oder ein Fugenthema von Bach zu nehmen, darüber eine Fuge zu schreiben und danach im Vergleich zu schauen, wie Bach es gemacht hat. Mozart hat Fugen von Bach für andere Besetzungen umgeschrieben, um auf diese Weise Bachs kontrapunktische Kompositionstechniken genauer zu studieren. Und angehende Kapellmeister erhalten schon mal die Aufgabe, eine Klaviersonate von Beethoven für Sinfonieorchester (in der bei Beethoven üblichen Besetzung) umzuschreiben, um sich mit Beethovens Instrumentation auseinanderzusetzen.

Wenn man heutzutage ernsthafte Werke schreibt (also nicht nur zu Übungszwecken), so stellt man sich natürlich die Frage, in welchem Stil man sie komponieren möchte. Man kann als Komponist einen ganz eigenen avantgardistischen Ansatz wählen (ich erwähne nur mal Helmut Lachenmann), man kann natürlich stattdessen irgendwelche alten Stile kopieren (eine Kirchengemeinde ist möglicherweise dankbar, wenn der Organist das Orgelvorspiel, das er selbst komponiert hat, im Barockstil, und nicht im Stil von Ligeti oder Lachenmann verfaßt hat), oder irgendetwas dazwischen. Komponisten wie Bach, Beethoven, Schubert und Brahms (und viele andere) haben ihren ganz eigenen Stil entwickelt; es ist die Frage, ob man es als Komponist mit dem eigenen künstlerischen Gewissen vereinbaren kann, stattdessen schon seit Jahrhunderten vorhandene Stile einfach zu kopieren oder nur leicht abzuwandeln, wenn man dies nicht gerade zu Übungszwecken macht. Man kann natürlich auch mit Rücksicht auf das Publikum sehr konservativ komponieren (nicht zuletzt deshalb, weil sich das vielleicht besser verkaufen läßt); es fragt sich nur, ob in erster Linie das Publikum den Komponisten prägen sollte, oder nicht doch besser umgekehrt. Es ist natürlich bedauerlich, daß im 20. Jahrhundert eine Kluft zwischen innovativen Komponisten und dem Normalpublikum entstanden ist, die im 21. Jahrhundert nach wie vor weiter besteht. Gerade Innovationen werden vom breiten Publikum nicht immer angemessen honoriert, ja sogar oftmals enerisch abgelehnt.

Dies nur noch als ergänzende Gedanken. Ich wünsche Dir aber viel Freude und viel Erfolg mit Deiner Passacaglia.

Es grüßt Dich
Merkantil

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JA, Deine Vorbilder sind schon seit hunderten Jahren tot. Urheberrechte existieren mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht mehr.

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Das darfst du.

Richard Strauss hat in seinem Stück "Metamorphosen" eine Passage aus der 3. Symphonie von Beethoven eingebaut. Immerhin hat er "in memoriam" an die Stelle geschrieben.

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Kommentar von suitman1230
19.08.2016, 11:34

und das darf ich verkaufen

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